Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

7. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1924

Bücherschau · Dostojewskis Werk

Die Vorverhandlungen zur Besetzung des Vortrags Der russische Mensch auf unserer letzten Tagung durch den richtigen Mann gaben mir Veranlassung, mich mit dem Schrifttum der russischen Emigration bekannt zu machen. An erster Stelle las ich Mereschkowski wieder, weil dieser zuerst als Redner für uns in Aussicht genommen war. Dieser gehört nun zwar nicht dem jüngsten, dem jenseits-bolschewischen Russentypus an, trotz seiner furchtbaren Erlebnisse in Sowdepien, die er im Reich des Antichrist (München, Drei-Masken-Verlag) so ergreifend geschildert hat; er ist vielmehr, aus russischer Perspektive gesehen, der europäische Intellektuelle geblieben, der er von jeher war, weshalb der mystische Universalismus, in welchen er neuerdings einmündet (ich verweise auf sein Geheimnis der Drei, zunächst nur russisch im Vierteljahrbuch der Pariser Emigration Okno erschienen), nicht eigentlich russisches, sondern allgemein europäisches Gepräge trägt. Aber da Mereschkowski trotzdem Russe ist, so kann er eben wegen seines Westlertum Nicht-Russen besonders viel geben. So versäume kein Deutscher, welcher Rußland wirklich verstehen lernen will, Mereschkowskis Zar Peter und Alexei (deutsch bei Karl Voegel, Berlin; es ist, literarisch betrachtet, überdies M.’s bestes Werk) zu lesen, denn keinem anderen Buch der bisherigen Literatur tritt der schicksalhafte Gegensatz zwischen Rußland und Europa so plastisch zutage; erst wer dieses verstanden hat, wird zu Danilewskis Rußland und Europa (Verlag unbekannt), sowie den Schriften Kirejewskis (München, Drei-Masken-Verlag), Chomjakows und der anderen sogenannten Slavophilen inneren Zugang finden. Ferner lese jeder ja Mereschkowskis meisterhafte kritische Studie Tolstoi und Dostojewski, sobald diese wieder in deutscher Fassung vorliegt. Immerhin, sein Monumentalwerk bleibt der Leonardo da Vinci (deutsch bei R. Piper & Co.). Dessen europäischer Erfolg ist wohlverdient: hier behandelt Mereschkowski kein russisches Problem, hier sucht er an lebendiger Gestalt zu zeigen, wie der neue Mensch beschaffen sein Muß, nach dem ganz Europa sich sehnt. Und wer dazu noch in meditativer Stimmung des gleichen Verfassers Julianus Apostata (deutsch bei R. Piper, München) liest, der wird in der Visualisierung dessen was nottut tatsächlich ein gutes Stück weitergekommen sein (vgl. hierzu auch meine Bemerkung im 6. Heft dieser Mitteilungen). Trotzdem darf Mereschkowski auf der Linie des Universellen nur als entfernter Vorläufer gelten. Und zwar kann er nicht mehr als dies aus dem prinzipiellen Grunde, weil er Russe ist. Hier komme ich denn zum eigentlichen Angelpunkt des Problems dieses Absatzes. In seinem Buch Psychoanalyse und Yoga (Otto Reichl Verlag) hat Oscar A. H. Schmitz mit abschließender Klarheit gezeigt, weshalb der Russe als Protagonist der jetzt fälligen Erneuerung der Menschheit nicht in Frage kommt: soweit seine Möglichkeiten seien — zunächst ist er weniger als irgendein anderer Mensch dazu geschickt, sein Bewußtseinszentrum oberhalb der Pole, auf dem Niveau der Weltüberlegenheit, zu begründen; hier aber, und nirgends anders, liegt die nächste Menschheitsaufgabe. Inwiefern Dostojewski, der bisher größte Russe, die quasi-Messias-Stellung, die er zumal in Deutschland genießt, trotzdem verdient, erläutert vielleicht die kleine Notiz über ihn, die ich dem Verlag R. Piper & Co., bei dem die schönste deutsche Dostojewski-Ausgabe erschien, zu seinem Jubiläum zur Verfügung stellte: …

Gewiß, Dostojewskis Werk birgt viel Unvollkommenes, Vorläufiges, Unausgeglichenes. Aber dieses ist in seinem Falle nicht minder bedeutsam, wie das Vollendete. Nietzsche hat gesagt, man müsse noch etwas Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können: nun, Dostojewski ist, wo er sich als Chaos darstellt, das fruchtbare Chaos. Er stellt recht eigentlich das Chaos dar, aus dem der Kosmos der Zukunft geboren werden wird. Und dies nicht etwa so verstanden, daß das Heil von Rußland kommen müsse: der russische Zustand ist vielmehr für uns alle heute symbolisch. Unser aller Seele ist zersetzt oder aufgewühlt. In uns allen leben heute stärkere und extremere Spannungen als in irgendeinem früheren Menschheitszustand; wir alle müssen uns daher nach einer umfassenderen, größere Gegensätze in sich kontrapunktierenden Synthese sehnen, als diese in der Geschichte bisher verwirklicht war. Dostojewski nun ist der Gigant, in dem das neue Chaos zum erstenmal überhaupt Gestalt ward. In diesem Sinne kommt neben ihm überhaupt noch keiner in Betracht, denn kein anderer war reich und innerlich gegensätzlich genug, um das wirklich darzustellen, nicht bloß zu ersehnen, was der heutigen Menschheit als Ziel vorschwebt. Und Dostojewski ist das große Sinnbild gerade deshalb, weil er dieses Ziel nicht ganz, eigentlich nur momentweise, stellenweise, blitzartig, der Psychologie seines Idioten gemäß, erreicht hat; weil er recht eigentlich eine tragische Figur bedeutet, gleich Prometheus, gleich Herakles. Denn die tragische Gestalt ist die eigentliche Menschheitsgestalt. Kein Sehender und Strebender war je für sich am Ziel. Wo einer sich andern als Ziel darstellt, da tat er’s immer nur als Sinnbild, das nie beim Wort genommen werden darf. Es sei denn, daß einer, gleich Buddha, schon über die Möglichkeit der Tragödie hinausgewachsen sei… —

Immerhin, der größte Vorläufer bleibt vom Vollender und Erfüller spezifisch unterschieden. Und hier ist festzustellen, daß der Russe am heutigen Wendepunkte schon deshalb allein nicht der Erfüller werden kann, weil seine Psychologie Universalismus in unserem Sinn zunächst überhaupt nicht zuläßt. Der Russe kann unter dem Menschen, was immer er vorgebe, nur seinesgleichen verstehen, genau wie seinerzeit der Grieche; dies tritt gerade bei seinen größten Vertretern, Dostojewski und Tolstoi, am auffälligsten in Erscheinung. Die zutreffendste Bestimmung des russischen Wesens scheint mir nach wie vor die Formel der Wille des Tieres zu Gott zu sein; nur das rein Naturhafte und dann gleich das Göttliche, also einerseits das Untermenschliche, andererseits das übermenschliche, versteht der Russe ganz; eine Wesensart, die nicht der seinen entspricht, weil sie in kultureller Gestaltung ihr bestes Ausdrucksmittel hat, empfindet er an erster Stelle als unaufrichtig — wie denn Kultiviertheit im westlichen Verstande beim Russen zweifelsohne metaphysische Unaufrichtigkeit bedingt; auf westlich kann er sich sinngemäß nicht ausdrücken. Nun, da des entwickelten Menschen Normalausdruck nun einmal kulturgestaltet ist — weshalb es sich hier nicht, wie Johannes Müller gelegentlich meint, allein um Unwesen handelt — so kann kein echter Russe unser universalistisches Ideal übernehmen. Eben deshalb halten Russen von Mereschkowski weniger als wir, beurteilen sie ihn oft als unecht. Eben deshalb hinwiederum hilft uns der spezifisch russische Universalismus nicht weiter.

Dieser ist nämlich spezifisch frühchristlich, entspricht dem Geist der ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Demgemäß ist er absolut universell in der Liebe, nicht aber im Geist, nicht im logoshaften Verstehen. Hier zeigt er sich, im Gegenteil, von einer Engigkeit, die modernen Europäern kaum faßlich scheint. Damit komme ich denn zur eigentlichen Emigrationsliteratur. Mir liegt eine Reihe von Büchern vor, welche teils in Belgrad, teils in Berlin erschienen sind und sämtlich echt russischen Geist im besten Sinne atmen (ich führe alle Büchertitel in deutscher Übertragung auf einmal an: Unterwegs, von Sawitsky, Kartaschoff, Suwtschinsky, Fürst N. S. Trubetzkoi, Florowsky, Bizilli, Berlin und Moskau, Helikon-Verlag; Rußland und das Lateinertum, von den gleichen Verfassern, überdies Bernatzky und Iljin, Berlin, Eurasia-Verlag; Nikolai Arseniew Der Durst nach ursprünglichem Sein, Eufron, Verlag, Berlin; Die russische Armee im Exil von N. N. Lwoff und Dawatz, Belgrad 1922): sämtliche Verfasser, soweit man nach kurzen Aufsätzen urteilen darf, hat das Unglück religiös und seelisch tief gemacht, aber die Vertiefung hat hier zugleich eine Regression auf einen Zustand nach sich gezogen, welchen Europa überwunden hat und in der es sein Ideal nie mehr suchen kann noch wird. Nie mehr wird die Menschheit in einem bestimmten Dogma das Wesen anerkennen; nie mehr von antilogoshafter Liebe im frühchristlichen Verstand ihr Heil erlangen. Jene unvergleichliche Liebe, die als solche freilich der Russe am besten kennt, wird vielmehr unseren ganzen seither erworbenen Geisteskörper zu durchleuchten haben. Dies erkennt kein einziger der oben zitierten Verfasser an. Trubetzkoi sieht in den indischen Religionen unmittelbares Teufelswerk, Arseniew in bestimmten christlichen Formeln das letzte Menschheitswort… Hier müssen wir die Russen als unsere jüngeren Brüder gewähren lassen. Jede Kritik erübrigt sich, denn sie ist vom gereiften Geiste her zu selbstverständlich einfach. Um so unbedingter aber müssen wir zur menschlichen Tiefe aufschauen, in der die Russen in ihrem Unglück vor allem den heutigen Deutschen so hoch, hoch überlegen sind. Hier spricht seelische Echtheit; hier wirken auch die Catonen durchaus verehrungswert. Wer die Schöpferische Erkenntnis und Politik, Wirtschaft, Weisheit kennt, der weiß, daß ich Sinnloses unter allen Umständen verurteile; und nicht mehr als sinnlos, trotz alles bewiesenen Opfermuts, ist weitaus das meiste deutsche Catonentum. Allein das russische, wo religiös inspiriert und verankert, ist nicht sinnlos: hier erfüllt sich vielmehr, im standhaften Untergehen, eine bestimmte in ihrer Art vollberechtigte Lebensmodalität: die das Leiden suchende, bejahende, die irdische Niederlage dem Siege unbewußt vorziehende, die der Arzt zwar als masochistisch glatt verurteilen zu dürfen wähnt, die aber die unerläßliche Bedingung der einen unter den zwei möglichen Arten absoluter Größe darstellt: sie, keine andere eignete Jesus Christus1. So wäre es freilich sinnwidrig, wenn die russischen Weißen siegten; dies steht auch gar nicht in Frage. Aber ihre Niederlage, auf die gegebene Art erlebt, führt ihrerseits mit zu Rußlands Wiedergeburt. So mag die russische Diaspora allerdings noch eine große historische Aufgabe vor sich haben. Was Kartaschoff, Suwtschinsky, N. N. Lwoff zu sagen wissen, ist insofern nicht nur lesens- sondern vor allem nacherlebenswert. Im übrigen gebe man sich aber, die Bedeutung der Emigration, auch der besten betreffend, keinen Illusionen hin. In jedem Volke leben recht eigentlich verschiedene Nationen, d. h. Schichten von verschiedenem Nationalcharakter; je nachdem, welche von diesen bestimmt, erscheint das ganze Volk so oder anders. In Rußland hat der bolschewistische Umsturz eine Schicht zur bestimmenden gemacht, welche früher im Gesamtbild kaum hervortrat: eine Schicht der rein praktisch Orientierten, Energischen, Schnellen, Weltgewaltigen, dem Glauben und Träumen nicht Holden, eine Schicht, deren Dasein an die bolschewistische Theorie und Praxis überhaupt nicht gebunden ist, wohl aber, umgekehrt, dieser ihren eigentlichen Halt gibt. Da diese Schicht die weltgewaltigere ist, erscheint völlig ausgeschlossen, daß sie nicht am Ruder bliebe, zumal ihr aus der breiten Masse des Bauerntums ein ununterbrochener verjüngender Blutstrom zufließen wird. Der russische Bauer ist von Hause aus weder Idealist noch unpraktisch, er ist in erster Linie positiv und schlau, nur kulturell primitiv. Das Gegenteil gilt vom Charakter der heutigen Emigranten, d. h. der bisherigen Beherrscher Rußlands. Sie sind jetzt in bezug auf dessen Grundcharakter Fremde. Daher wird ihre Art in Zukunft im besten Fall nur als Sonderart Bedeutung haben, wie etwa Oxfords exquisite Scholastiker im modernen England.

1Näher ausgeführt habe ich die hier nur skizzierten Gedanken in meiner Einführung zum Buche Der russische Christ, München 1923, Drei-Masken-Verlag. Dieses enthält überdies in Auswahl einige der schönsten Darstellungen russischer Frömmigkeit aus den Schriften Dostojewskis, Tolstois, Turgenews u. a. — Das bedeutendste neuere Werk aus dem Geist des morgenländischen Christentums ist das des Priesters Pawel Florensky, das 1914 im Verlag des Ssergiewski Possad unter dem Titel Stolp i Utwerschdenie Istiny erschien. Es sollte bald auch in deutscher Sprache erscheinen. Vom byzantinischen Christentum überhaupt gibt das Buch Hugo Balls Byzantinisches Christentum, drei Heiligenleben (Joannes Klimax, Dionysius Areopagita, Symeon der Stylit) München 1923, Duncker & Humblot, dem deutschen Leser ein überaus lebendiges Bild.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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