Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

7. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1924

Bücherschau · Heinrich Nienkamp · Wohlstand für alle

Wie wäre es, wenn alle Steuern aufgehoben würden? — In seinem jüngsten Buche beweist Heinrich Nienkamp, der Verfasser der Fürsten ohne Krone, daß dies in der Tat der Weg des Sieges über Versailles und zu effektivem Wohlstand für alle sei (s. Wohlstand für alle, Frey-Verlag, Berlin, Charlottenburg, Berliner Str. 23). Wie ich von Nienkamps neuen Ideen zuerst durch eine Flugschrift Die Volksgenossenschaft, Thesen zur Reform der Wirtschaft, welche der gleiche Verlag jedem Interessenten kostenlos übermittelt, Kenntnis gewann, war ich sofort bestochen: jedem Urteilsfähigen ist heute wohl klar, daß weitere Steuererhöhung Deutschlands Wohlstand nicht wiederherstellen wird. Da der Staat nur mehr Konkursverwalter ist, wird der Neuaufbau von einer anderen Zusammenfassung des Volkes her zu geschehen haben, wie ich dies schon 1921 in meinem Vortrag über Wirtschaft und Weisheit grundsätzlich bewies, deren Leitgedanken die Fürsten des deutschen Wirtschaftslebens neuerdings auch zu verwirklichen beginnen. Nun zeigt Nienkamp weiter, daß durch Gründung gleichsam eines riesigen Majorats, das dem Volksganzen gehörte, vom Staate grundsätzlich unabhängig wäre und vom lebenden Einzelnen viel geringere Opfer verlangte, als die heutige ordentliche Besteuerung, in wenigen Jahrzehnten ein ökonomischer Körper von solcher Macht erwüchse, daß er die meisten Steuern endgültig abzukaufen vermöchte und Volksreichtum und Privatreichtum reibungslos nebeneinander weiter beständen. — Da ich mir über praktische Wirtschaftsfragen persönlich kein unberatenes Urteil anmaße, so verschickte ich die Flugschrift zunächst an eine Reihe führender Staatsmänner und Wirtschaftler. Deren Urteil erwies sich als bis auf nur eine Ausnahme ablehnend. Eine zweifellos stichhaltige Begründung seiner Ablehnung gab einer unter jenen dahin, daß die Idee zwar gut sei, zu ihrer Verwirklichung jedoch ein nicht vorhandenes Maß kollektiver Klugheit voraussetze; überdies gehe es mit den besten neuen Institutionen leider immer so, wie mit neuen Hotels: je einwandfreier diese eingerichtet, desto sicherer nisteten sich zuerst die schlimmsten Schieber in ihnen ein. Es besteht auch in meinen Augen kein Zweifel, daß Nienkamps Plan nur durch einen aufgeklärten Despoten zu verwirklichen wäre, welcher letztinstanzlich alle Personenfragen entschiede; auf parlamentarischem Wege ist nur gewohntes Vernünftiges durchzuführen. — Weniger befriedigten mich die Ablehnungsbegründungen fast aller anderer. Die einen hakten bei Kleinigkeiten ein, verwarfen um dieser willen den ganzen Plan; die anderen erledigten meine Anfrage mit dem allgemeinen Urteil, beim vorliegenden Projekte handle es sich um eine Utopie. Demgegenüber habe ich folgendes zu erinnern: um eines schlecht gesetzten i-Punktes willen verwirft man keinen ganzen Satz; ist also nur einiges (oder auch vieles) Einzelne an Nienkamps Plan verfehlt, so bestände produktive Kritik einzig darin, den Mißständen abzuhelfen, also nicht gegen alles auf einmal, sondern eben nur das Einzelne anzukämpfen. Was indessen das Utopische jenes betrifft, so ist Nienkamp seiner Anlage nach allerdings in beträchtlichem Maße Utopist, weshalb auf seine Ideen bis zu einem gewissen Grade zutrifft, was Jaspers in seiner Psychologie der Weltanschauungen so meisterhaft als Wesen der Utopie charakterisiert: bei solcher handele es sich immerdar um Totes. Leben sei Gegensatzführung, eine unabänderliche Synthesis von Rationalem und Irrationalem, Harmonischem und Disharmonischem, Autorität und Chaos, Sinnvollem und für sich Sinnwidrigem; deshalb sei eine restlos vernünftige Lösung von Lebensfragen eben deshalb nicht allein praktisch unmöglich, sondern als Absicht theoretisch falsch. Gewiß; aber andererseits geht aller Fortschritt auf Erden letztendlich auf Utopien zurück! Wenn diese nur einer Seite des Möglichen und Wirklichen Rechnung tragen, so belichten sie diese andererseits so hell, daß eben dadurch mehr Vernünftiges verwirklicht wird, als ohne sie je gelänge. Deshalb erachte ich es für vollkommen belanglos, daß Nienkamps Plan als Ganzes wahrscheinlich utopisch ist; diesen Fehler teilt er mit allen, welche je den Anstoß zu einer noch so geringen Weltverbesserung gaben. Die Hauptsache ist, daß Nienkamps Ideen grundsätzlich richtig gedacht und wie keine anderen mir bekannten geeignet scheinen, zu bewirken, daß die erforderliche praktische Reorganisation des Staats- und Wirtschaftslebens von der richtigen Fragestellung aus in Angriff genommen werde. Hier komme ich denn auf das Paradoxon des Anfangs zurück, daß Nienkamps Wohlstand für alle sozusagen durch Abschaffung der Steuern erzielen will. In der Paradoxie dieses Gedankens liegt seine beste Wahrheitsgewähr; ich gestehe, daß sie es war, die mich zuerst geneigt machte, Nienkamps Ideen mit Aufmerksamkeit zu studieren. Gemäß dem Gesetz des historischen Kontrapunkts erfolgt nämlich die Vollendung einer geschichtlichen Entwicklungsrichtung immerdar in entgegengesetzter Stimmenführung als ihr Anfang. Der übertriebene deutsche Etatismus muß, so oder anders, in kompensatorischen zeitweiligen Bedeutungsverlust des Staates ausklingen, der Sozialismus in Höchstwertung des Privaten und Persönlichen, die Quantitätsherrschaft in ein Zeitalter neubestimmender Qualität — und folgerichtig die Übersteuerung dieser Zeit in eine Ordnung, welche die Steuern in nie dagewesenem Maße einschränkt. Italien schreitet hier in geradezu großartiger Weise in der Entwicklung voran. Mussolini hat erstens die Erbschaftssteuer abgeschafft, zweitens den obligatorischen Schulbesuch im Sinne der Einheitsschule (das erforderliche Bildungsniveau wird nunmehr durch obligatorische Staatsexamina für alle gesichert), drittens die Organisationen der Sozialdemokratie in beträchtlichem Maße den seinen untergeordnet. Dies waren in der Tat die kontrapunktisch notwendigen Schritte über den Sozialismus hinaus, der durch sie nicht etwa aufgehoben, sondern erfüllt wird: denn der Weltprozeß schreitet unabänderlich in Form von Polarisierung fort.

Deshalb meditiere man Nienkamps Ideen wohl; deren mögliche Undurchführbarkeit ändert nicht das geringste an ihrem richtunggebenden Wert. Gerade auf sozialökonomischem Gebiete sollte man endlich lernen, Ideen an erster Stelle nicht als tote Programme, sondern als lebendige Impulse in sich aufzunehmen… wird der Deutsche dies lernen? Oft verzweifle ich daran. Keines Menschen Anlagen erscheinen heute unglücklicher polarisiert als gerade seine. Der Geistige soll unpraktisch sein, der Praktiker aller Ideen bar. Tritt hierzu noch die epimetheische Anlage, nur fertige Tatsachen als Wirklichkeiten anzuerkennen, so ergibt sich ein Horoskop, das, bis daß es von innen her überwunden ward, ein Volk unvermeidlich von Katastrophe zu Katastrophe stürzen muß… Freilich hat weniger ursprüngliche Natur als ein allzu beengendes Schicksal (sofern man hier reinlich scheiden darf) den deutschen Charakter dergestalt verbildet. Wie trostlos dieser, vom Standpunkt möglicher Entwicklung zu freiem Menschentum im großen und ganzen seit guten 400 Jahren war, darüber machen sich die wenigsten einen Begriff. Den allzu zahlreichen Nichtwissenden empfehle ich deshalb an dieser Stelle das Buch des Deutsch-Amerikaners Kuno Francke Die Kulturwerte der deutschen Literatur von der Reformation bis zur Aufklärung (Berlin 1923, Weidmannsche Buchhandlung). Nicht daß es irgendwie sachlich Unbekanntes brächte: es wirkt ergreifend durch die Tiefe der seelischen Erfassung des deutschen Unglücks.

Den Höhepunkt dieses, aus historischer Perspektive betrachtet, hat Deutschland wohl noch vor sich, denn noch hat sich Versailles überhaupt nicht richtig ausgewirkt. Immerhin ist nicht unmöglich, daß das noch größere Unglück Rußlands, als sichtbares Beispiel, dieses Land vor nicht wiedergutzumachendem sozialökonomischem Umsturz definitiv bewahrt hat. Unwillkürlich hilft ja jedes Volk jedem andern, auch wo das eine Vernichtung des anderen will… Insofern wüßte ich keine zeitgemäßere Lektüre anzuempfehlen, als Karl Nötzels Monumentalwerk Die soziale Bewegung in Rußland, ein Einführungsversuch auf Grund der russischen Gesellschaftslehre (Berlin und Leipzig 1923, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart). Es bedeutet gewiß die bestbegründete Verurteilung des Bolschewismus1); es weist mit vorbildlicher Klarheit die Entgeistigung und Entseelung auf, zu welcher ein folgerichtiger Marxismus notwendig hinführt. Schon vor diesem Werke hat sich Noetzel zumal durch seine Bücher Die Grundlagen des geistigen Rußlands (Leipzig, Haessel) und Der russische und der deutsche Geist (Berlin, Furche-Verlag), welche den das Russische zumeist so völlig mißverstehenden Deutschen den Sinn des drüben Geschehenden in deutschem Denkdialekte klarmachten, im wahrsten Sinn des Worts verdient gemacht. Die Soziale Bewegung nun bedeutet möglicherweise eine Rettungstat.

1Die negative Seite der russischen Revolution überhaupt beleuchtet sehr eindrucksvoll der zu lebendiger Schilderung selten befähigte Iwan Naschiwin in seinen romanhaften Aufzeichnungen Das rote Lachen (Drei-Masken-Verlag).
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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