Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

8. - 9. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1924

Die ewige Bedeutung Kants · Zu seinem 200. Geburtstag

Zu Kants 200jährigem Geburtstage veranstalteten die Gesellschaft für Freie Philosophie, die Technische Hochschule und die Stadt Darmstadt am Gründonnerstagabend gemeinsam eine Gedächtnisfeier, die gewiß zu den stimmungsvollsten gehört, die in diesen Tagen abgehalten wurden. Denn sie war ein richtiges Orchesterwerk, nicht anders wie unsere Tagungen. Nach einigen einleitenden Worten des Rektors der Technischen Hochschule, Prof. Heidebroek, spielte das städtische Orchester unter der Leitung von Direktor Schmitt zuerst das Konzert in D-dur für Flöte, Violine und Klavier von Bach. Als zweiten Satz hielt der Verfasser die Festrede, welche Kant und Bach in Parallele setzte. Darauf folgte das Concerto grosso Nr. 1 in B-dur von Händel. Meine damalige Rede, die in den Zusammenklang mit Bach und Händel hineinimprovisiert und in der Form nur eben in diesem Zusammenklange möglich war, kann ich hier nicht wiedergeben. Doch fasse ich deren philosophische Grundgedanken in gedrängter Kürze ungefähr so zusammen, wie ich sie damals darstellte.

Nichts führt oft schneller zu wesenhafter Erkenntnis, als die Betrachtung einer Analogie. So wüßte ich keinen besseren Weg zum Verständnis der ewigen Bedeutung Kants, als die Erwägung der Frage, warum Johann Sebastian Bach — man verzeihe die paradoxale Formulierung — der ewigste Musiker aller Zeiten ist. Bach ist dies deshalb, weil seine Musik ganz und durchaus eine Musik der Grundtöne bedeutet. Es besteht ein intimer Zusammenhang zwischen der Tiefe der Gedanken und derjenigen der Töne1. Wie ein tiefer Gedanke tausend oberflächliche innerlich bedingt, so lassen sich zu einem gegebenen Baß in höheren Lagen schier unendlich viel Melodien ersinnen, während jede gegebene Diskantmelodie auf nur einen Baß zurückweist. Die moderne Musik liegt ganz im Diskant, läßt nur mittelbar Grundtöne ahnen: diejenige Bachs ist ganz Grundton und insofern aller anderen Fundament. Sie bringt jene Urbeziehungen zum Ausdruck, welche aller abendländischen Musik als deren Logos spermatikós zugrunde liegen; auf Kantisch gefaßt: das Dasein jener macht diese allererst möglich. Nun: wenn dem also ist, dann muß Bach allerdings unbedingt unsterblich sein, das heißt in einem qualitativ anderen Verstand als alle sonstigen Musiker. Er ist unsterblich, insofern das Werden und Vergehen die Beziehungen, die seine Musik verkörpert, überhaupt nicht tangiert. In jeder neuentstehenden Form lebt doch wiederum Bach als deren tiefste Seele, was sich weder von Beethoven noch gar von Wagner behaupten läßt. Und insofern ist Bachs Fortleben unabhängig sogar von der Geltung seiner eigenen Musik. Als Sondererscheinung gehört diese durchaus dem 18. Jahrhundert an; sie ist zeitbedingt wie nur irgendeine; ihre konkrete Stimmung ist unablösbar von der von Spätbarock und Rokoko. Allein ihr Unsterbliches klingt durch das Sterbliche so unmittelbar hindurch, daß kein Verstehender bei diesem überhaupt verweilt.
Nicht anders steht es mit Immanuel Kant. Dessen Unsterblichkeit ist gleichfalls qualitativ verschieden von der aller anderen Philosophen. Worin die Unsterblichkeit der Fürsten des Gedankens überhaupt besteht, geht aus den folgenden Erwägungen hervor, die ich an dieser Stelle nur skizzieren kann2. Die Bedeutung großer Geister beruht nie auf den tatsächlich-bestimmten Ereignissen, zu denen sie gelangten, mithin den Grenzen, welche sie steckten — solche werden allemal überschritten und überholt — sondern den Richtungen, welche sie wiesen. Nur die Geister leben lebendig fort, welche insofern in ihren Ergebnissen nicht erschöpft erscheinen, deren Wesentliches bestehen bleibt, auch wenn man alles Besondere an ihrem Lebenswerk verwirft; die, mit einem Wort, an ihren ursprünglichen Geistesleib nicht gebunden sind, sondern fortlaufende Wiederverkörperung vertragen. Wie ist Plato nicht verschieden verstanden worden! Wie viele Ausdeutungen und Umgestaltungen hat Christi frohe Botschaft nicht erlebt! Eben deshalb, weil dieses möglich war, ist beider Lehre unsterblich. Ihre Unsterblichkeit beruht nicht darauf, daß jede folgende Zeit, wie sie meist gewähnt hat, das Ursprüngliche besser verstanden hätte, sondern daß sie es tatsächlich neu verstand, auf eine Art, welche dem Schöpfer selbst aus historischen Gründen vielleicht unfaßbar geblieben wäre, und daß die Neufassung das ursprünglich Gemeinte nicht verfälscht. In der Sprache der Schule der Weisheit ausgedrückt: unsterblich sind einzig die, deren Lehre im Reich des reinen Sinnes ihren Ort hat und die deshalb vom Werden und Vergehen des Buchstabens — denn aller Buchstabe ist dem Gesetz von Geburt und Tod unterworfen — nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Man sieht: die Verhältnisse liegen auf dem Gebiet des erkennenden Geistes nicht anders wie auf dem der Musik. Folglich müssen auch hier gleichsam Geister der Grundtöne vorkommen können, die deshalb vom Werden und Vergehen überhaupt nicht betroffen werden. Deren hat es in der Tat einige gegeben. Auf religiösem und metaphysischem Gebiet sind dies vor allem Christus, Lao Tse, Buddha und einige namenlose Inder. Auf wissenschaftlich-philosophischem steht unter den unbedingt Unsterblichen Immanuel Kant allein. Von ihm gilt mutatis mutandis überall das gleiche wie von Bach.
Kants einzigartige Bedeutung ergibt sich völlig eindeutig aus dem folgenden kurzen Gedankengang3. Es gelingt auf keine Weise, seine Lehre aus deren Teilinhalten und Sonderfeststellungen abzuleiten, denn diese hat er zum überwiegenden Teil aus dem Wissensschatz der Menschheit übernommen. Umgekehrt folgt sie notwendig, aus einem Guß, aus Kants Fragestellung. Kant fragte: vorausgesetzt, daß es Erfahrung gibt, wie ist diese möglich? Vorausgesetzt, daß die Wissenschaft gültige Erkenntnisse vermittelt, wie ist dies ohne Vorurteil zu verstehen? Aus dem also geschaffenen neuen Gesichtswinkel erscheinen nun auch die sonst bekanntesten Tatsachen und Wahrheiten neu, denn sie werden in einen neuen Sinneszusammenhang hineinbezogen. Dieser Zusammenhang ist aber auf der Ebene des Buchstabens, also des Tatsächlichen, des Historischen, des Sterblichen, auf keine Weise festzustellen; dieser gegenüber stellt er ein a priori dar. Nun könnte es sein, daß Kant durch seine Fragestellung die Welt versubjektiviert hätte. Dies ist aber nicht der Fall, denn er hat seine Fragen durchaus richtig gestellt, d. h. sinngemäß sowohl auf das reale erkennende Subjekt und dessen Wollen als die reale zu erkennende Natur hin. So umreißt seine Philosophie die Ur-Einstellung des erkennenden Menschen im kosmischen Zusammenhang genau so zeitlos wahr, wie Bachs Musik die Ur-Beziehungen der musikalischen Seele zum Ausdruck bringt. — Nun, dank diesem einen Umstand hat Kant den entscheidenden Schritt in der Philosophiegeschichte getan, hinter den kein Denker seither, welcher zählt, zurückgegangen ist, möge er im besonderen noch so anderes lehren. Denn die Frage nach der Ureinstellung des erkennenden Menschen im Weltall hatte keiner vor Kant exakt, wenn überhaupt, gestellt.
Deshalb ist Kants Bedeutung auch völlig unabhängig davon, ob man sein besonderes System akzeptiert oder nicht. Sie beruht ganz und durchaus darauf, daß Kant allem nur möglichen Denken eine neue Einstellung gegeben hat, die Einstellung nämlich, von der aus Denken überhaupt aller erst ganz fruchtbar werden konnte. Vor Kant unternahm dieses nur zu häufig, was dem Denken als Richtung nicht liegt, oder es überschritt seine naturgesetzten Grenzen, oder aber es wagte sich, von Erwägungen aus anderen Gültigkeitssphären abgehalten, nicht weit genug voran. Seit Kant sind des Denkens Grenzen, damit aber auch seine unbegrenzten Möglichkeiten, wo es solche gibt, bewußt, geworden. Seit Kant ist das Denken grundsätzlich richtig eingestellt im Sinneszusammenhang des gesamten Geisteslebens. Damit ist aber dieser Sinneszusammenhang selbst, von einer Seite her, vollkommen richtig bestimmt. Dies bedeutet nun nichts Geringeres, als daß die Schranke, an welcher alle vorkantische Erkenntnis scheiterte (weshalb blinder Glaube letztendlich beantworten mußte, was den Wissensdrang am meisten beunruhigte), durch Kant grundsätzlich niedergerissen worden ist. Denn wenn wir einmal wissen, wo die Grenzen möglicher Anschauung, möglicher Logik liegen, was Wissenschaft überhaupt bedeutet, dann ist damit eine Erkenntnisinstanz jenseits ihrer erreicht und eine Philosophie der allgemeinen Sinneserfassung ermöglicht, welche das Irrationale wie das Rationale im Zusammenhang zu verstehen erlaubt. Hiermit wäre ich denn zu dem vom Standpunkte unserer Bestrebungen entscheidenden Punkte gelangt. Auch die Philosophie der Sinneserfassung geht, soweit sie theoretisch und kritisch ist, auf Kant zurück. Gemäß dem Obigen liegt darin, daß diese Zurückführung möglich ist, ihre beste Wahrheitsgewähr. Gewiß bleibt sie selbst nicht bei Kants zeitlich bedingten Endstationen stehen; wer im 20. Jahrhundert lebt, kann, ohne zu lügen, nicht im Stil des 18. Jahrhunderts komponieren. Aber gerade daß Philosophieren heute über Kant hinausführen kann, verdankt es diesem. Kant als erster hat die Frage nach dem Sinn aller Tatsachen als die eigentlich philosophische begriffen. So ist jeder, der vom Sinn aus weiterfragt, Kants Nachfahr. Und weil es bei Kant nur auf den Sinn ankommt, deshalb kann sich auch der, noch einmal, zu ihm bekennen, der seinen Buchstaben verwirft. Kants einzigartige Größe beruht ja gerade darauf, daß zeitbedingte Grenzen das Wesen seiner Lehre überhaupt nicht einschränken, daß seine Philosophie als solche bestehen bleibt, auch wenn sämtliche seiner Sonderlehren fallen müßten. Kant erscheint als Denker, wie kein zweiter, von seiner historischen Verkörperung unabhängig. Deshalb ist er wie kein zweiter unsterblich.
Hierin liegt denn Kants unvergleichliche Vorbildlichkeit. Voll Betrübnis, ja voller Beschämung gedenke ich der vielen, die sich in diesen Tagen der Zweijahrhundertfeier dadurch als würdig zu erweisen glauben, im Zusammenhang mit Kant ihre eigenen Bestrebungen zu erwähnen, daß sie zu seinem Buchstaben als einem Dogma schwören, oder die Mumie seines Geisteskörpers, erfreut ob deren Konserviertheit, einer gaffenden Menge als Schaustück vorführen. Nicht der Kantianer, auch nicht der Neu-Kantianer ist Kants echter Schüler, sondern einzig der, welcher von ihm lernte, wie man von allem Buchstaben fort zum Sinn gelangen kann. Wie man durch die Erkenntnis unverrückbarer Grenzen nicht gebunden, sondern, umgekehrt, zu grenzenlosem Fortschreiten befähigt wird. Und wie Durchdringung des Sinns der Notwendigkeit freimacht. Der Gedanke des kategorischen Imperativs, von würdigen Geistern richtig aufgenommen, hat einstmals Deutschlands Größe begründet. Seither hat Mißverstehen seiner Idee als identisch mit der rein äußerlichen Pflichtgefühls das gleiche Land vernichtet, denn Pflichtgefühl ohne gleich großes Verantwortungsbewußtsein vor sich selbst ist die schlimmste Form der Oberflächlichkeit. Mögen die letzten beiden Sätze die Deutschen zum Nachdenken darüber bewegen, wie allein ein Volk seiner größten Söhne würdig wird…
1Vgl. hierzu die Ausführungen im Rayküll-Abschnitt des Reisetagebuchs, welche die folgenden drei Sätze wörtlich wiederholen.
2Genau ausgeführt stehen sie in der Vorrede zur ersten Auflage meiner Unsterblichkeit.
3Vgl. hierzu auch Schöpferische Erkenntnis, S. 422 ff. und die Vorrede zur ersten Auflage vom Gefüge der Welt.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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