Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

8. - 9. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1924

Bücherschau · Paul Ernst

Den Vortrag Geschichte als Tragödie unserer diesjährigen Tagung wollte ich ursprünglich nicht selbst halten, sondern Paul Ernst übertragen. Leider sagte dieser ab. Ich möchte an dieser Stelle nun aber doch erklären, warum ich an ihn gedacht hatte.

Der Verlag Georg Müller hatte die Freundlichkeit gehabt, unserer Bibliothek alle bisher erschienenen Bände von Paul Ernsts Gesammelten Werken zu stiften. Durch die Titel angezogen, las ich von diesen zunächst zwei: den Zusammenbruch des deutschen Idealismus und den Zusammenbruch des Marxismus. Und was ich nachher empfand, war nicht mehr und nicht weniger als — Ehrerbietung; Ehrerbietung vor dem Menschentum Paul Ernsts. Es spricht ein so echter, edler, reiner Geist aus allem, was er hier sagt, ein von den Zeitwirren in seiner Unbefangenheit so völlig unbeirrter, daß dieser eine Umstand alles kompensiert, was sich gegen seine Behauptungen etwa sachlich einwenden ließe. Im übrigen aber stellt dieser Geist in einer Hinsicht zum mindesten eine höchst bedeutsame Synthese dar: in ihm vermählt sich seltener Sinn für das Tragische, somit das Menschliche in seiner kosmischen Bedingtheit, mit Scharfblick für das historisch Bedeutsame an Vergangenheit und Gegenwart. Kein Wunder daher, daß ich für die Besetzung besagten Tagungsvortrags sofort nach der Lektüre der beiden Bücher an Paul Ernst dachte.

Das Hauptmotiv seiner Absage war dies, daß er sich mit seinen mehr als sechzig Jahren durch nichts von seiner eigentlichen Aufgabe abbringen lassen möge; und diese sieht er in seinem Dichtertum. Paul Ernst hat bekanntlich viele Dramen, Romane und Novellen geschrieben, und arbeitet zur Zeit an einem großen Epos. Wie ich daraufhin nun einige seiner Dichtungen las, da war ich nicht wenig erstaunt. Mögen diese mehr oder weniger bedeutend sein — mir persönlich liegt Dichtung als Ausdrucksmittel nicht genug, als daß ich hier über Nuancen sicher zu urteilen vermöchte — unter allen Umständen sind sie weniger bedeutend als die obengenannten zwei Bände. Und gerade diese beurteilt der Verfasser selbst als unwesentlich! Hier sieht man wieder einmal, wie falsch die Meinung ist, daß der Schöpfer über den relativen Wert seiner Werke notwendig am besten Bescheid weiß. Er weiß in der Tat am besten, welches Werk oder welche Schaffensart ihm am meisten bedeutet: hieraus aber folgt nicht das mindeste für die Bedeutsamkeit in bezug auf andere, welche einzig davon abhängt, inwiefern das Persönliche repräsentativ ist, sei es im Sinn des Aussprechens, Bewußtmachens oder Allgemeine-Weges-Weisens, was grundsätzlich Funktion des Übertragbarkeitswerts eines gegebenen Ausdrucks ist (siehe hierüber meinen Aufsatz Die begrenzte Zahl bedeutsamer Kulturformen in Philosophie als Kunst). Was dem betreffenden Schöpfer an seinem Schaffen am meisten sagt, ist, im Gegensatz zum Menschheitsbedeutsamen, sehr häufig gerade das, was niemand anders angeht. Goethe z. B. liebte am meisten seine Malerei, Gogol das völlig Unverdauliche, was er nach seiner Bekehrung schrieb. Einen extremen Fall dieser Art bezeichnet Groddeck in seinem Seelensucher (Wien, Internationaler Psychoanalytischer Verlag). Diesen Roman, der kaum weniger unappetitlich und im ganzen noch herausfordernder ist als das im letzten Heft dieser Mitteilungen besprochene Buch vom Es, überdies, bei allem Scharfsinn, Geist und Witz, bei aller Prägnanz mancher Aussprüche ohne eigentliche Künstlergabe geschrieben, hält der Verfasser für seine Höchstleistung. Wie ich seither Groddeck nun persönlich kennenlernte, und zwar nicht allein als außergewöhnlichen Arzt, dessen Sanatorium in Baden-Baden, Werderstr. 14, ich jedem warm empfehle, für den eine kombiniert analytisch-physiologische Behandlung in Frage kommt, dem Groddecks persönliche Art kongenial ist, und dem gewöhnliche Ärzte nicht helfen können, sondern als großangelegten Menschen und überlegenen Geist, dessen Ironie höchste Unbefangenheit bedeutet, da begriff ich auf einmal, was seine bisherigen Bücher bedeuten: es sind Symptome. Sie sind die vorläufige Gleichung zwischen einem überaus sensitiven Geist, dessen Wahrheitsbewußtsein unter dem Prestige der Arztstellung einerseits, der Engigkeit der Fachkreise und der Niedrigkeit des üblichen Patientenmilieus andererseits leidet, und der ihm unkongenialen Welt. —

Nun, psychologisch liegen die Dinge bei Paul Ernst sehr ähnlich. Ich will, noch einmal, über den Eigenwert seiner Dichtungen kein Urteil fällen. Aber daß er diese soviel höher einschätzt als das, was er unzweifelhaft besser kann, ist nur als Symptom zu würdigen. Mir war schon vorher aufgefallen, wie leidenschaftlich Ernst den Verstand bekämpft, das Gefühl über alles stellt und den Dichter als höchsten Menschen feiert; es hatte mich desto seltsamer angemutet, als er dabei behauptet, seit der Renaissance sei die Dichtung verdorben, heute könne kein Dichter Resonanz finden und anderes mehr, was sich gefahrlos anfechten läßt. Nachdem ich nun Ernsts Dichtungen gelesen, sah ich klar: aus irgendeiner persönlich-privaten Vorliebe schätzt Ernst den gefühlsmäßigen Ausdruck absolut am höchsten. Und damit tut er sowohl seiner besten Begabung Gewalt an als der Wirklichkeit Unrecht. Von Hause aus sind alle Ausdrucks, mittel des Sinnes gleichwertig; ob Farben, Töne, Begriffe, Bilder, Gefühlsstimmungen benutzt werden — in allen Fällen hängt der Wert einzig davon ab, wie tiefer Sinn sich manifestiert, und ob er es angemessen tut. Da Sinn ein rein Geistiges ist, so steht der geistigste Ausdruck obenan. Eben deshalb galten Religionsstifter und Weise allen Zeiten mehr als Dichter, wird zumal Gott nicht im Bilde des Dichters, sondern des Herrscher-Weisen vorgestellt (vgl. hierzu das Kapitel Weltüberlegenheit der Schöpferischen Erkenntnis). Wenn der vom Standpunkt des Geistes uneigentlichere Ausdruck des Dichters unter Umständen mehr bedeuten kann als der des Philosophen, so liegt dies daran, daß jener vieldeutiger ist und jede Begriffssprache notwendig arm; ebendeshalb haben sich die größten Philosophen entweder kontrapunktisch-aphoristisch (Lao Tse, Heraklit) oder halbdichterisch (Plato, Goethe) ausgedrückt. Aber daß der Dichter allein der Erlebende sein sollte (und freilich ist nur Erlebtes, nicht Erklügeltes von Wert), dieses Urteil bedeutet ein reines Vorurteil: jeder echte und tiefe Mensch ist wesentlich Erlebender.

Der Dichter als Veranlagung ist nur ein Begabungstypus unter anderen; wenn Erfindungsgabe das wichtigste wäre, dann stände vielleicht Karl May über Goethe; wenn Sprachbegabung, D’Annunzio über Dante. Man lerne doch endlich zwischen Sinn und Ausdrucksmitteln sinngemäß unterscheiden. Wie viele Dichter habe ich nicht dadurch bereits enttäuscht, daß ich ihnen erklären mußte, die Tatsache, daß ihre Gestalten ihnen erschienen, daß alles von selbst in ihnen werde, präjudiziere über den Wert nicht das mindeste, weil dies eben der normale Weg der Entstehung jedes Dichtwerks sei, ob dieses im übrigen Großes oder Kitsch bedeute. Überall hängt der Wert einzig vom Sinn ab, der sich in beliebiger Materie manifestiert. So hat denn Paul Ernst durchaus keinen objektiv stichhaltigen Grund, krampfhaft nur Dichter sein zu wollen. Er ist gewiß auch Dichter, aber indem er auf ihn allen Nachdruck legt, verzerrt er sein eigenes Bild. Ernsts wahre Bedeutung beruht meinem Empfinden nach auf zweierlei: seinem reinen Menschentum und seinem klaren philosophischen Geist. Demnach wäre die ihm angemessenste Form wohl das Journal intime in der Art Henri-Frédéric Amiels. Ich hoffe von Herzen, daß er den Rest seines Lebens zu einem solchen verwenden möge. — Indessen aber seien die zuerst genannten beiden Bände warm empfohlen. Sehr vieles daran halte ich für falsch. Ernst hat nichts Staatsmännisches an sich; er urteilt auch zu oft, wie so viele der besten Deutschen, aus dem allezeit verzerrenden Gesichtswinkel des Abgeschiedenen. Aber niemand hat so überzeugend wie er darüber geschrieben, inwiefern der deutsche Idealismus zusammenbrechen mußte, und das, was sich heute noch so nennt, erbärmliche Feigheit ist; inwiefern Pflicht nur Subalternen Höchstes bedeuten und Glück nur dem Geringen ein Ideal sein darf; endlich hat niemand die Gefahren der Proletarisierung jemals schärfer bestimmt.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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