Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

10. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1925

Der Natürliche Wirkungskreis

Der Mensch ist, empirisch betrachtet, in erster Linie eine Naturerscheinung unter anderen. Er ist einerseits eingespannt in den Gesamtzusammenhang der Dinge und von ihm bedingt, andererseits wiederum, als besondere Erscheinung, ein Bedingendes. So übt er, in Aktion wie Reaktion, unter allen Umständen die ihm gemäße Wirkung aus. Insoweit unterscheidet er sich grundsätzlich überhaupt nicht von beliebigen Naturkörpern. Die Begriffe der Affinität, der Wirkungsweite, des Kraftfeldes, des Spannungsgrades erweisen sich als gleich gegenständlich im Gesamtbereiche der Natur. — In zweiter Linie ist der Mensch ein Organismus unter anderen. Dies besagt, daß er als Erscheinung dahin spezifiziert ist, daß sich sein Sosein nicht darin erschöpft, was er mit den sonstigen Naturfaktoren gemein hat, sondern daß diese ihrerseits jeweils das Ausdrucksmittel eines Besonderen, auf anderer Ebene Belegenen sind, welches Driesch Entelechie heißt. Dieses nun hat seinerseits seinen Seinsgrund im Metaphysischen, d. h. in dem, was in das Reich des Sinnbegriffes gehört. Von hier aus beurteilt nun stellt jeder ein wesentlich Einziges dar: er ist nur mehr er selbst und nicht ein Geschöpf unter anderen.

Vom Menschen in diesem letzten, wesenhaften Sinn habe ich schon oft gehandelt. Die meisten praktischen Probleme stellen sich indessen auf den beiden zuerst betrachteten Ebenen. Als metaphysisches Wesen kann er sich doch nie anders als gemäß den allgemeinen Naturgesetzen manifestieren. Von dem besonderen Aspekt dieses Verhältnisses, welchen die Überschrift anzeigt, will ich heute reden.

Als Naturerscheinung unter anderen löst jeder Mensch mit Notwendigkeit spezifische Wirkungen aus, im qualitativen wie quantitativen Verstande. Daß dem so ist, erweist die eine Erfahrung, daß seine wahre Wirklichkeit unter allen Umständen, trotz aller Absicht und Vorspiegelung, über die dauernde Wirkung entscheidet. Jeder ist tatsächlich, was er unwillkürlich ist; jeder kann nur, was er unwillkürlich kann; jeder wirkt unwillkürlich seiner faktischen Eigenart gemäß. Nur insofern dies so ist, spricht der Satz wahr, daß die Weltgeschichte das Weltgericht sei. Hierauf allein beruht die Beweiskraft des Erfolges, so weit sie reicht, sowie die Sinngemäßheit des Glaubens an das gerechte Urteil der Nachwelt. Diese ist durchaus nicht einsichtsvoller an sich als die jeweilige Mitwelt, aber insofern sich kurzlebige Kausalreihen, wie Mißgunst, persönliche Feindschaft, Konjunktur- und Inflationsgewinne im weitesten Verstand amortisiert und dauernde Wirkungen manifestiert haben, denen sich alsdann die Vorstellung aus Selbsterhaltungstrieb der Lebenden anpaßt, vermag die Nachwelt tatsächlich besser als die jeweilige Mitwelt von der Wirkung auf die Wirklichkeit zu schließen. Denn die tiefere Wirkung betrifft zunächst allemal das Unbewußte, nicht das Bewußtsein, als welches ihm Ungemäßes oder -genehmes instinkthaft abweist; nicht zwar das Unbewußte im Gegensatz zum Bewußten oder als mystische Wesenheit, sondern ganz nüchtern als die Gesamtheit der psychischen Wirklichkeit verstanden, von der allemal nur ein geringer Teil dem Menschen bewußt ist. Die Verzögerung der eigentlichen Wirkung und ihrer Erkenntnis wird weiter dadurch bedingt, daß der Mensch nicht als fertiges Wesen in die Erscheinung tritt, sondern aus einem Keim erwächst, und dies in Wechselwirkung mit seiner Umwelt, weswegen nicht nur sein Schicksal, sondern sogar sein Sosein von dieser mit abhängt1. Nichtsdestoweniger lebt die Entelechie, d. h. der Naturfaktor, welchen der Mensch als Organismus eigentlich darstellt, schlechthin aus eigenem Recht. Sein Wesen war allemal schon im Keime voll enthalten, weswegen Endschicksal und Endgestalt allein von dessen Charakter abhängen. Eben deshalb erlebt ein Organismus von vornherein, gemäß Uexküll, nicht die gesamte vorhandene Umwelt, sondern nur seine Merkwelt; eben insofern beschwört der Mensch recht eigentlich sein Schicksal, denn aus der Unzahl möglicher Zufälle wählt er die selbsttätig aus, welche für ihn bedeutsam werden können, weil sie ihm entsprechen. Nun, weil dem also ist, so ändert die Tatsache erforderlichen Wachstums (oder auf dem Gebiet sozialer Geltung erforderlichen Sieges) nichts am grundsätzlichen Tatbestand. Wer nicht erkannt, nicht anerkannt ist, wessen Auswirkung eigene Hemmungen behindern, oder überstarke Routine und Tradition in seinem Lebenskreis) der setzt sich freilich nicht durch: er tut es aber mit Naturnotwendigkeit, wo sein inneres Gesetz dies verlangt, sobald die genannten Hemmungen fortfallen. Dies ist ein unmittelbarer Beweis des Satzes, daß der Mensch letztlich aus eigenem Rechte lebt. Und Gleiches gilt von der Erfahrung, daß der sichtbare Mensch proportional der Gemäßheit seines Lebensrahmens wächst oder verkümmert, und daß er überall, wo das Leben gut organisiert ist, schicksalsmäßig zu der ihm entsprechenden Stellung auf- und abrückt.

Aus dem Ausgeführten, so kurz ich mich fassen mußte, geht wohl klar hervor, inwiefern der Mensch tatsächlich als Naturerscheinung beurteilt werden kann und muß; aus seinem Sosein ergibt sich zwangläufig spezifische Wirkung. Und dies ergibt weiter für jedermann das Bestehen eines natürlichen Wirkungskreises, welcher nach Weite sowohl als Spezifizität der jeweiligen Eigenart genau entspricht. Womit wir denn beim bestimmten Gegenstand dieser Betrachtung angelangt sind.

Es bedeutet nichts Zufälliges, ob ein Mensch in die Ferne oder nur in nächster Nähe wirkt, ob sein persönliches Gesetz Intimität verlangt oder Distanz, ob er einen Weltimpuls verkörpert oder nur Verwandtes fördert, ob er eine zeitlose Macht darstellt oder eine zeitlich begrenzte; es bedeutet ebensowenig Zufall, welchen qualitativen Charakter seine Wirkung zeigt. Hier handelt es sich um Notwendigkeiten genau der gleichen Art, wie bei den Unterschieden des Kraftfeldes von Atom und Stern, oder den verschiedenen Reaktionsarten von Säure und Salz. Über den absoluten Wert präjudizieren diese Unterschiede als solche freilich nichts. Wer nur auf wenige wirken kann, mag unter Umständen den letzten Dingen persönlich näherstehen als der Weltbeweger. Aber diese Erwägung präjudiziert ihrerseits nichts über die mögliche Bedeutsamkeit im irdischen Leben, und dies ist der Punkt, welcher allgemein verkannt wird; es wird verkannt, daß hier Naturgesetze walten. Die meisten finden ein Ärgernis daran, daß einige Menschen und Völker unaufhaltsam zu Großmächten heranwachsen, während andere, nicht minder wertvolle, solches Ziel nie erreichen: hier handelt es sich um Naturnotwendigkeiten. Deren Sinn nun gelingt es ohne weiteres zu durchschauen, sobald man nur die Frage richtig stellt. Ein Beispiel als Sinnbild für alle. Worauf beruht die Möglichkeit von Fernwirkung? In erster Linie offenbar auf der Übertragbarkeit eines geistigen Impulses in die Ferne. Diese wiederum beruht grundsätzlich auf viererlei: der Allgemeingültigkeit der Formulierungen, ihrer Gemeinverständlichkeit, der Zielsetzung auf das Allgemeinerforderliche hin und der Explosivkraft der ausgesandten Geistesgeschosse. Betrachten wir die ersten drei Punkte auf einmal. Nur der kann vernünftigerweise auf Wirkung ins Weite rechnen, welcher sich nicht im Nächsten im beliebigen Verstand erschöpft, sei es im Oberflächlichen, im partikularistisch-Persönlichen und -Nationalen oder im Zeitlich-Begrenzten. Aus diesem einen kurzen Satz erhellt, warum der Deutsche — mit der einen einzigen Ausnahme der Musik2 — nur in (aus der Art geschlagenen) Ausnahmefällen direkte Fernwirkungen ausüben kann: seiner ganzen Art nach auf Intimität und Nahewirkung eingestellt, deshalb das Allgemeingültige in Form eines so Besonderen ausdrückend, daß nur seltene Nicht-Deutsche überhaupt verstehen, was er meint, dabei unklar in der Linienführung und unfähig, Einzelheiten zu übergehen, muß er sich im Naheliegenden verfangen; weshalb sein Bestes in der Regel erst menschheitsbedeutsam wird, nachdem es in Formen wiedergeboren ward, die den Gesetzen möglicher Fernwirkung besser Rechnung tragen. Aus der gleichen Allgemeinbestimmung erhellt andererseits, warum der Brite als Politiker, der Franzose als geistiger Formulierer sofortige Weltwirkung ausüben muß: jener in dem, was er tut, dieser in dem, was er sagt, erfüllt vollkommen die Gesetze möglicher Übertragbarkeit auf jedermann. Grundsätzlich gleiche Verhältnisse entscheiden, mutatis mutandis, über die Weite des Wirkungskreises im Sinn der Zeit. Hier reicht dieser desto weiter, je allgemeingültiger im dreifachen Verstand von Tiefe, Klarheit und Exaktheit ein Geist sich ausdrückt. Denn je tiefer ein Problem erfaßt ist, desto unabhängiger erscheint die Gültigkeit seiner Fassung von aller empirischen Bestimmtheit; je klarer formuliert, desto allgemeiner wird es verstanden; und je exakter der Ausdruck, desto unmittelbarer offenbart es seinen letzten und deshalb zeitlos gültigen Sinn. Die interessanteste Bedingung möglicher Fernwirkung nun liegt im viertgenannten Moment beschlossen, in der Explosivkraft der ausgesandten Geistesgeschosse; sie beweist nämlich, daß Fernwirkung auf geistigem Gebiete analogen Gesetzen folgt wie auf dem der Artillerie. Daß nur solche Geister stark wirken, deren Person starke Spannungen in sich verkörpert, leuchtet ohne Erläuterung ein: nur wer Bewegung in sich trägt, kann solche übertragen oder einleiten; schon für sich selbst fühlen nur gespannte Naturen einen Antrieb zum Fortschreiten. Aber das gleiche gilt von scheinbar abstrakten Formeln. Diese enthalten genau so viel Spannung, als sie Gegensätze einerseits unausgeglichen in sich beschließen, andererseits in solcher Anordnung, daß die Energie, sobald ein Zündstoff einspringt, frei wird. Daher die Explosivkraft des Paradoxes. Das Paradoxon entspricht auf geistigem Gebiet in allen Hinsichten dem Sprengstoff auf physischem: indem es Gegensätze in sich verdichtet, ohne sie zu lösen, bewirkt es selbsttätige Lösung in dem, dessen Verstehen es entzündet; solche Lösung aber bedeutet, wo die verdichteten Gegensätze stark genug waren, richtige Sprengung. Daher die immer erneute Wirkung Lao Tses, Heraklits, Christi, etlicher Inder, neuerdings Nietzsches, völlig unabhängig von Ort und Zeit. Oberflächlichem Denken bleiben sie unzugänglich, denn ihre Worte enthalten kein Wissen, das sich erlernen ließe. Erst im jeweiligen Verstehen, und zwar von letzter Tiefe her, erweisen sie ihre Wahrheit, denn dann bewirken sie Wissen, und zwar das dem jeweiligen Menschen genau gemäße. Eben daher die Möglichkeit immer erneuter Ausdeutung; daher, objektiv betrachtet, ihre Unerschöpflichkeit. Nur Paradoxa als Geistesgeschosse tragen insofern unabsehbar weit im Raum und in der Zeit. Das nächstbeste vom Standpunkt möglicher Fernwirkung stellt die prägnante Formel als solche dar, die Formel also, welche alles sagt, was sie meint, doch nichts darüber hinaus: sie gibt die großen Umrisse dessen an, was zu erfassen ist, und zwingt dadurch den, welcher sie aufnimmt, auf die Resultante allein und nicht die Komponenten achtzugeben. Hierher rührt die zwingende Macht von Napoleons Armeebefehlen, auf Grund deren die Soldaten marschieren mußten; hierher die Tatsache, daß nur Meister der Prägnanz jemals in ihren eigenen Formulierungen fortgelebt haben. Verweilen ist Statik, nicht Dynamik; Ausführen hält auf, ermüdet, von dem ganz abgesehen, daß keine Ausführung anders als in Funktion von raumzeitlich Begrenztem denkbar ist. Hieraus erklärt sich denn, umgekehrt, daß Langstieligkeit und Umständlichkeit bei einem Geist nur insofern er auf Nächstliegendes Einfluß haben will, und zwar auf dieses allein, keinen Einwand gegen ihn bedingen; will er lebendig fortwirken, dann darf er nicht umständlich sein. Aus welcher Erwägung noch einmal verständlich wird, weshalb der Deutsche so schwer europäische Bedeutung — von Weltwirkung zu schweigen — erlangt: er ist wesentlich umständlich, nur ausnahmsweise gespannt und der Todfeind der Paradoxie. Er ist wesentlich unexplosiv, und da er überdies partikularistisch ist, so hat er, was immer er wolle, mit der einen Ausnahme der Musik, von der ich anderswo handelte, von Hause aus keinen natürlich-weiten Wirkungskreis.

Ich will es bei diesen konkreten Ausführungen bewenden lassen, denn hier ist es uns einzig um Grundsätzliches zu tun. Dieses aber müßten die wenigen ausgeführten Beispiele schon einleuchtend gemacht haben, weshalb jedes Wort mehr, gemäß dem oben Angeführten, nur schaden könnte. Gehen wir nunmehr weiter. jeder Mensch hat, als Naturerscheinung, einen natürlichen Wirkungskreis; er hat ihn genau so notwendig, kraft seiner Spezifizität, wie jeder Stern, und dies zwar unabhängig von seinem rein geistigen Wert, insofern man diesen in Funktion des Absoluten und nicht der möglichen irdischen Bedeutung definiert. Was ergibt sich hieraus als praktische Folgerung? Ich sehe keine andere als die, daß der allein die äußerste ihm erreichbare Wirkung ausüben kann, der seinen natürlichen Wirkungskreis exakt bestimmt, d. h. seine Grenzen richtig erkennt und als Naturtatsachen akzeptiert. Denn da er unter keinen Umständen für die Dauer mehr erreicht, als in ihm liegt, so helfen Einbildung und Absicht zu nichts.

Dieser unzweifelhaft allgemeingültige Satz bedingt nun aber keinen Abschluß unserer Untersuchung, im Gegenteil — es erweist sich auf einmal als Problem, was der Mehrzahl den selbstverständlichen Ausgangspunkt alles Nachdenkens über Menschenschicksal bedeutet: daß der natürliche Wirkungskreis sowohl seitens der Betreffenden selbst als der anderen in der Regel nicht erkannt wird. — Betrachtet man diesen Tatbestand von der Erkenntnis her, daß der Mensch als empirische Wirklichkeit ein Naturfaktor ist, in Analogie mit anderen Naturfaktoren, so wirkt er unmittelbar grotesk: wer ein Atom für eine Sonne hielte oder umgekehrt, erschiene lächerlich; Gleiches gälte für das Atom, welches durchaus die Attraktions- oder Leuchtkraft einer Sonne ausüben wollte und anderen darum grollte, daß sie es richtig einschätzten; dasselbe, mutatis mutandis, für die Sonne; das Gleiche von verschiedenartigen Körpern untereinander. Unter Menschen hingegen wird falsche Vorstellung grundsätzlich als berechtigt anerkannt, wenn nicht gefordert, und richtige entweder als besonderes Verdienst angerechnet oder aber verurteilt. So ist die menschliche Beziehung, im Gegensatz zu allen anderen in der Natur, typischerweise eine solche zwischen Unwirklichkeiten; so wird hier der natürliche Wirkungskreis nur ausnahmsweise erkannt und die natürliche Auswirkung — da Mißverstehen auf psychischem Gebiete Tatsachen schafft — behindert. Nur auf dem Gebiet des reinen Könnens wird dort, wo solches im Interesse der Entscheidenden liegt, über den zu gewährenden oder zu schaffenden Wirkungskreis in der Regel einsichtsgemäß entschieden. Auf dem des Seins urteilt kaum einer einsichtsgemäß. Nur ausnahmsweise stand je der rechte Mensch an der rechten Stelle. Kaum je wird ein Geist als das, was er wirklich ist, rechtzeitig erkannt. So offenbart sich der natürliche Wirkungskreis zumeist erst im Medium verspäteter Klage über Mißverstehen, dank dem Verkanntsein — o Ironie! — sogar als Grundkennzeichen des Großen und Echten gilt. Wie ist solcher Un-Sinn möglich? — Er ist möglich, weil der Mensch sich von allen Naturerscheinungen dadurch unterscheidet, daß ihm die Fähigkeit zum Irrtum innewohnt. Die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität ist bei ihm Urphänomen.

Aber eben insofern ist der Mensch allen anderen Geschöpfen überlegen. Weil die Vorstellung bei ihm nicht, wie beim Tier, ans Gegebene gebunden ist, deshalb allein vermag er zu erfinden. Ebendeshalb vermag er das Gegebene zu ändern, fortzuschreiten, aufzusteigen, höhere Wahrheiten zu entdecken. Wenn seine Vorstellung einerseits Nicht-Wirkliches spiegelt, so kann sie solches, ebendeshalb, in Wirkliches umsetzen. Es ist also ein ursprünglich Positives, was zum oben behandelten Un-Sinn führt. Also muß es möglich sein, diesen in höheren Sinn überzuführen. Es ist in der Tat möglich. Sobald nur erkannt ward, worin genau der Fehler besteht, ist diesem grundsätzlich bereits abgeholfen. Auf Grund der Einsichten allein, die wir im Vorhergehenden gewannen, kann es gelingen, den natürlichen Wirkungskreis, welchen jedes Naturwesen außer dem Menschen selbstverständlich auswirkt, den dieser aber von Hause aus nicht kennt und nicht besitzt, auch ihm als normale Errungenschaft zu sichern.

Über die Grenzen möglicher Selbsterkenntnis habe ich mich im Rahmen des Aufsatzes Grenzen der Menschenkenntnis (im 1. Heft der Zeitschrift für Menschenkunde, Verlag Niels Kampmann, Celle) bereits ausgesprochen. Hier liegt mir einzig ob, den ursprünglichen Gedankengang bis zu seinem logischen Ende zu durchmessen. Jeder Mensch muß, so fanden wir, seinen natürlichen Wirkungskreis erkennen und rückhaltlos dessen Grenzen akzeptieren, denn diese Grenzen gelten unter allen Umständen absolut. Nicht anders muß jeder zu jedem anderen stehen. Wäre das mit diesen Sätzen gesteckte Ziel allgemein erreicht, dann stellte die Menschheit einen vollkommenen Kosmos dar, denn dann wirkte jeder genau an der ihm zukommenden Stelle, jedem würde das selbstverständlich zugestanden, was er ist, und Höchstleistung wie Höchstgeltung, seinem wahren Wert entsprechend, wären jedem, gesichert. Es ist auch klar, daß ein Kosmos überhaupt nur so zustande kommen kann. Wie kommt es aber nun, daß seiner Begründung selbst im Fall vorhandener Einsicht in das Grundsätzliche des vorhin Ausgeführten, wie alle Erfahrung beweist, schier unüberwindliche psychologische Hindernisse entgegenstehen? Daß beinahe jeder sich für mehr oder ein anderes halten will, als er ist, daß Vorzüge anderer typischerweise beneidet, anstatt ausgenutzt werden? Warum wird, gemäß Goethe, vom bedeutenden Menschen grundsätzlich verlangt, daß er sich für einen Esel halte? Warum gilt Bescheidenheit so viel? Hier liegt ein weiterer Erkenntnisfehler vor. Erst wo auch dieser behoben ist, können die bisher gewonnenen Erkenntnisse fruchtbar werden.

Der Erkenntnisfehler liegt in dreierlei. Erstens darin, daß die Naturtatsache eines gegebenen Wirkungskreises in Funktion des Menschenwerts beurteilt wird; zweitens im Verkennen des Umstandes, daß es sich bei allen Unterschieden zwischen Menschen um solche der Art und nicht des Grades handelt; drittens im Nichteinsehen der Tatsache, daß die anderen zum Ich wesentlich hinzugehören. — Zum ersten. Wenn Jesus lehrt, daß die Ersten sich vor Gott als die Letzten erweisen könnten, so ist dies insofern wahr, als der natürliche Wirkungskreis an sich über den Wert, der sich vermittelst seiner ausdrückt, gar nichts präjudiziert; in Funktion des Absoluten als solchen beurteilt, besagen irdische Bedeutungsunterschiede nichts. Neutral, vom in Weltanschauung und Lebensgestaltung ausgeführten Gesichtspunkt ausgedrückt. Jeder Einzelne, als Partialaspekt des Menschheitskosmos, steht dessen Mittelpunkt von Hause aus gleich nahe; also hat niemand Ursache, sich einem nachweislich Größeren gegenüber minderwertig zu fühlen. Aber ebensowenig hat er vernünftigerweise Ursache, auf Grund seiner Erkenntnis oder Ahnung des absoluten Werts, Vorzüge im Reich des Relativen abzustreiten. Hier gilt wiederum das Christuswort:

Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist;

das heißt, in empirischem Zusammenhang ist der ganze Akzent auf die empirische Bedeutungsmöglichkeit zu legen. — Zum zweiten: Es gibt, richtig verstanden, überhaupt keine Unterschiede des Grades unter den Menschen, sondern allein der Art, weshalb sich die Frage des Mehr oder Weniger nur aus Irrtum stellt. Gewiß lassen sich Unterschiede im reinen Können quantitativ begreifen. Aber das Können erhält seinen Sinn allemal vom Sein. In dieser Hinsicht nun stellt jeder ein schlechthin Einziges dar, weshalb es ebenso sinnwidrig ist, einem anderen sein Anderssein zu neiden oder sich über dasselbe zu erheben, als wie wenn Kühe solches in bezug auf Pferde täten. Dies wird vollends deutlich aus der Erwägung des dritten der angeführten Erkenntnisfehler. Jeder Einzelne als solcher stellt, wie in Weltanschauung und Lebensgestaltung ausgeführt, eine Abstraktion aus dem Menschheitskosmos dar, der, als unauflösliche Einheit hinter allem Einzelnen als dessen Seinsgrund steht. Deshalb gehört der andere nicht allein notwendig zu jedem Ich — es besteht ein gegenseitiges Korrelations- und Ergänzungsverhältnis zwischen den Einzelnen, genau wie zwischen den Organen im Einzelleib. Deshalb gilt nicht allein der Satz: gerade weil ich so bin, muß der andere anders sein — deshalb entspricht jedem Plus in irgendeiner Hinsicht ein korrelatives Minus, so daß wenn Neid nicht überhaupt sinnlos wäre, jeder einzelne jeden anderen beneiden müßte und nicht nur den allein, welcher über ihm zu stehen scheint. Um auf den Sonderfall der Fernwirkung nochmals zurückzukommen: in der Nahschau ist der Kurzsichtige dem Weitsichtigen überlegen, der Mann der Intimität hat zum Nächsten naturnotwendig ein lebendigeres Verhältnis als der Weltbeweger. In Wahrheit lebt jeder unter allen Umständen für alle anderen; von der richtigen Einstellung innerhalb der Gesamtheit hängt es ab, ob er dieses zu gutem oder bösem Ende tut. Insofern ist die Einstellung, welche in anderen nur Werkzeuge sieht, viel sinngemäßer und insofern sittlicher als jede uninteressierte und deshalb in neunundneunzig von hundert Fällen gleichgültig-passive — denn tatsächlich ist jeder, als integrierender Bestandteil des Menschheitskosmos, vom Standpunkt jedes anderen ein Organ, welches zum allgemeinen Besten zu funktionieren hat. Hieraus erklärt sich, nebenbei bemerkt, warum Herrscher und sonstige Führer, die in den anderen von Berufs wegen Werkzeuge sehen müssen, auf das wahre Wesen der Menschen, welche sie brauchen, die meiste Rücksicht nehmen. Jetzt dürfte wohl endgültig einleuchten, inwiefern das Α und Ω aller richtigen Problemstellung in Gemeinschaftsfragen darin besteht, daß man bei sich und anderen von der Tatsache eines natürlichen Wirkungskreises und dessen richtiger Erfassung ausgeht. Denn sie allein kann die Hemmungen gerade des Neides beseitigen.

Zum Schluß noch einige Worte darüber, wie sich der Einzelne praktisch verhalten soll. Er hat zunächst zweierlei anzuerkennen: daß jede Enttäuschung seine alleinige Schuld ist, denn bei genügendem Urteil, das jeder von sich verlangen darf, hätte er sie vermieden. Und daß er seine unwillkürliche Wirkung als entscheidenden Wirklichkeitsbeweis zu akzeptieren hat. Gewiß ist der Einzelne an Verkennung und Mißverstehen und Widerständen nicht notwendig schuld, aber unter gewissen Bedingungen bedeuten diese hindernden Umstände eben notwendige Reaktionen auf seine Natur, zu deren Änderung nur Tieferverstehen der Sachlage führen kann. Er muß also seine Wirkung so objektiv-nüchtern studieren, wie ein Chemiker sein Präparat, im Guten wie im Schlimmen, und an dieser Erfahrung sich selbst, seine Möglichkeiten und Grenzen genau kennenlernen. Da des Menschen Wesen in ähnlichem Sinne ein Beharrendes ist, wie die algebraische Formel alle nur möglichen Zahleneinsätze vorwegnimmt, so läßt sich aus kleinsten Erfahrungen auf Größtes richtig schließen. Alle Werteverwirklichung geschieht unter allen Umständen durch dieses Empirische hindurch; deshalb ist bloßer Stümper, wer auf sein edles Wollen oder auf seine idealen Ziele als solche pochend, die Frage der Mittel zur Sinnesverwirklichung vernachlässigt. Wie der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist, so ist er’s auch mit Idealen. Man kann noch mehr sagen: wer Ideales will, muß besonders nüchtern beobachten und denken. Wer zum Tiefsten und Höchsten nicht mindestens so nüchtern steht, wie zu einem beliebigen Naturobjekt, der ist recht eigentlich ehrfurchtslos. Hier bedeutet alles Verweilen bei Vorspiegelungen Schwindlertum. Oder um es etwas anders und zugleich allgemeiner auszudrücken: man darf wohl mehr haben als gesunden Menschenverstand, doch keinesfalls weniger. Hat einer sich selbst nun auf die angegebene Weise richtig bestimmt, so daß er so fest an sich glauben kann wie an die äußere Natur, da er nunmehr seine Wirklichkeit kennt, dann soll er völlig unbeirrt durch das Urteil anderer seinen eigenen Weg gehen. Niemandem zuliebe, niemandem zuleide. Denn dann ist seine Vorstellung eins mit seiner Wirklichkeit, dann ist er ebenso wahrhaftig- und aufrichtig wie Tier und Stern. Dann muß er sich auch unabwendbar seinem natürlichen Wirkungskreis entsprechend durchsetzen. Denn nur Verstellung beschwört Widerstände. Dem Wahrhaftigen und Aufrichtigen muß es auf die Dauer glücken. Gewiß ist nicht jedem Erfolg im üblichen Sinn beschieden. Hat einer indes, den äußeren Möglichkeiten entsprechend, nur ganz getan, was seine Erkenntnis als seine Bestimmung anerkannte, dann hat er sein Schicksal erfüllt. Wille und Schicksal aber sind im tiefsten eins.

1Die Wechselbeziehung von Mensch und Umwelt habe ich im Aufsatz Das Schicksalsproblem in Philosophie als Kunst ausführlich behandelt.
2Vgl. über diesen besonderen Fall und auch einen bestimmten Aspekt des hier nur kurz behandelten Problems meine Studie Die begrenzte Zahl bedeutsamer Kulturformen in Philosophie als Kunst.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME