Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

Neuentstehende Welt

Einführung · VII. Etappe

An dieser Stelle nun, aus dem öffentlichen Leben geschwunden und zurückgezogen, kam Hermann Keyserling zu seinem wesentlichen Durchbruch, der letzten ihm zugänglichen Klarheit in seinem Buch vom Ursprung; die Wurzel des göttlichen und des irdischen Lebens ist letztlich die gleiche. Ob man sie nun, wie er, in seiner Jugend, als Sinn, oder indisch als Brahman, chinesisch als Tao, mit Meister Eckhart als das dunkle Wollen der Schöpfung bezeichnet, sie wird jedem zugänglich, der der Illusion des Ichbildes, der falschen Individualität entsagt. Das Urproblem des Menschen ist das Zwischenreich, sein Leben ist weder geistig noch körperlich, sondern in einer Welt der Künstlichkeit, mit der er sich identifiziert, bis er sie ganz durchschaut hat und seine beiden Wurzeln, die himmlische und die irdische, anerkennt. Der Geist ist mit dem Es werde Licht, der Geburt der losgelösten Einbildungskraft, als Fremder in die Welt eingetreten. Der Zwiespalt der Seele ist keine Krankheit, sondern die Vorbedingung. Bei der jüdischen Überlieferung heißt es, Ruach müsse sich mit dem Nephesh vereinen, bevor ihm Neschama zugänglich werde — die in Gott gründende Seele muß ihren Körper, die Erde erfahren, zur Hölle niederfahren, bis sie ihre geistige Inspiration erleben kann. Und bei den Sufis heißt es; wie jede Zelle des Körpers die Möglichkeit hätte, alle Organe zu verwirklichen und sich darauf beschränken muß, nur Auge, Haut, oder Leberzelle zu sein, so ist es die Aufgabe des Menschen, Teil des Grossen Menschen, der Gattung, der Spezies zu werden — dies war der ursprüngliche Sinn des Begriffes Spezialist noch bei Thomas von Aquin.

Heute hingegen ist es der Fachmann, derjenige, welcher sich auf sein vergangenes Wissen beschränkt und daher die Hölle auf Erden — die Routine die ewige Wiederholung — als Ideal aus Angst erstrebt. Alle esoterischen Wege als Innenbau der Religionen verlangten ein Durchstoßen des Zwischenreiches, alle sind eines Sinnes darinnen, daß letztlich der Mensch im Vertrauen zum Ursprung auch jenes zu sich selbst gewinnt; die Vereinigung von Atman und Brahman, von Tao und Te, vom Seelenfünklein Eckharts und der Gottheit jenseits aller Person, als dem Donnernden Nichts, aus dem alles Etwas entspringt.

So führte letztlich das abschließende Werk zurück zum geologisch-evolutiven Ausgangspunkt. Das tiefste Wesen des Menschen ist Freude, und wer zu seinem Ursprung durchstößt — wobei Hermann Keyserling oft die Gleichnisse des Zen zur Veranschaulichung heranzog — der erreicht eine Freude als Wesensgrund, die nicht mehr ein Gegenteil in der Trauer hat, sondern sich als Teil der Urliebe erlebt. Urhunger und Urangst, die beiden Pole des Lebens, geschildert in den Südamerikanische Meditationen, werden überwunden als Stirb und Werde in der ewigen Geborgenheit des Nichts, welches gleichzeitig das höchste Etwas ist und von dem alle Mystiker gleichlauten berichten.

Der Durchbruch zum Ursprung bedeutete keinen Rückzug in das Unsagbare, sondern nur das Siegel seines Werkes: der Intellekt, der den Menschen aus der Geborgenheit des Paradieses, der Naturharmonie gerissen hat, er selbst wird, verwandelt, den Menschen zu seiner eigenen Bestimmung führen, die als Reich des Geistes, als klassenlose Gesellschaft der Zukunft dem Menschen jene Stellung im Kosmos gibt, auf die seine Anlage geeicht ist: der Mensch als Freund und Mitarbeiter Gottes.

Die sieben Stufen seines Werkes, die Schule der Weisheit, der Weg zur Vollendung, sie folgten unbewußt den sieben Initiationsstufen des Yoga und der Mystik, vom Empfinden über Denken und Fühlen bis zur willensmäßigen Aktualisierung in den neun Tagungen der Schule der Weisheit. Der Weg wurde vollendet in der neuen Bestimmung der körperlichen Erde, der Überwindung der nationalen Kulturen und Ideologien; in der seelischen Vertiefung, und fand seinen Abschluß geistig im Durchbruch zur Transzendenz. Damit wurde sein Leben sinnbildlich für alle jene, die ihre ganze Natur, ihr ganzes Dasein auf der Ebene des Lebens als Kunst zu vollenden suchen.

Einen Monat vor der geplanten Wiedereröffnung der Schule der Weisheit in Innsbruck — von der er nun hoffte, daß er sie ohne Kompromisse verwirklichen könnte — starb er. Immer wieder hatte er betont, der Tod zur rechten Stunde sei der Unsterblichkeit Gewähr. Und er werde gewiß zu seiner Zeit sterben. Wie können wir nun seinen Tod und sein Werk im Sinne der Zeit begreifen und damit das Erbe seines Wirkens bestimmen?

Weisheit ist nicht Wissen: er faßte den Unterschied zwischen beiden Einstellungen durch das Korrelationsgesetz von Sinn und Ausdruck; nur jene Worte, jene Werke leben weiter, in welchen ein Sinn sich vollendet verkörpert, welcher Sinn aus dem lebendigen Ursprung stammt, dem Menschen unmittelbar zufällt. Philosophie als Kunst wird dann erreichbar, wenn der Mensch die Nahtstelle zwischen spontanem Einfall und Sinnesverwirklichung erreicht, ja auf ihr lebt. Ein solcher Ansatz war in der Nachkriegszeit unzeitgemäß: heute, ist er durch das Human Potential Movement verständlich geworden. Dieses Leben als Kunst ist die höhere Oktave der kindlichen Selbstvergessenheit, wo sich traumhafter Geist im Spiel äußert: durch Kenntnis des Weltalphabets und der Weltgrammatik — also einer Vertiefung der Sprache, bis sie dem Reichtum der menschlichen Anlage gerecht wird — kann der einzelne in Stand gesetzt werden, jenes Bewußtsein zu erreichen, was in früheren Zeiten nur Ausnahme blieb: dies wäre der Sinn des neuen ökumenischen und planetarischen Bewußtseins, der geistigen Demokratie, in der jeder seinen Mythos, sein eigenes Weltgedicht verkörpert.

Sokrates bestimmte Weisheit als Nichtwissen, als dichterische Tätigkeit, deren Voraussetzung das Wissen der Wirkweisen bildet. Weisheit wird jedem Menschen im Alter zuteil: ist aber in jenen Augenblicken zugänglich, wo sich der Mensch der ganzen Welt im Sinne der Allbedingtheit, also innerlich leer zuwendet. Dies war nun die ursprüngliche Begabung Hermann Keyserlings; er reagierte ganzheitlich wie ein Tier auf jegliche Situationen. In seinen Büchern versuchte er sich über die Art seiner Wesensart klarzuwerden, etwa im Sinne des berühmten Ausspruchs von Gauss:

Ich weiß zwar schon das Ergebnis, habe
aber keine Ahnung, wie ich hinfinden werde.

Diese Situation als höhere Ebene des Instinktes verwirklichte er dann, wenn er ohne vorgegebenes Programm auf eine Situation antwortete, im Sinne Martin Bubers, jede Lage sei eine Frage Gottes, in deren Beantwortung der Mensch den Sinn seines Lebens schaffe; er sei somit nicht Vater, sondern Kind seiner Taten.

Für mich ist diese Fähigkeit der Spontaneität des Antwortens das wesentliche Erbe meines Vaters — das, was für jeden Menschen heute wichtig wird, da wir uns von der politischen Demokratie unaufhaltsam einer geistigen nähern, wo der strebende und wachsende Mensch Ziel der Gesellschaft wird. Diese Einstellung kommt in zwei Aspekten seines Werkes heraus: in den Essays, in welchen er auf Tagesfragen antwortete, und in seiner Bücherschau, wo er Werke anderer nicht aus objektiv-wissenschaftlicher Sicht, sondern danach beurteilte, wie sie ihn in seiner persönlichen Entwicklung im Positiven oder Negativen angeregt haben.

Beide Aspekte waren in seinem Mitteilungsblatt, Der Weg zur Vollendung, herausgegeben, welches aber seit 1930 nur mehr für Mitglieder der Gesellschaft für Freie Philosophie erschien, sie sind also zur Hälfte unveröffentlicht. Um seine Darstellung im Zeitgeist zu veranschaulichen, haben wir die fotomechanische Wiedergabe gewählt. Die Einführung ist die Erweiterung eines Vortrages, die ich zur Feier seines 100. Geburtstages im Symposion der Stadt Darmstadt, am 19. Juli 1980 gehalten habe.

Wien, Weihnachten 1980Arnold Keyserling
Eine vollständige Bibliographie von und über Graf Hermann Keyserling findet sich bei Annemarie Buisson-Maas, Hermann Keyserling et l’Inde, Librairie Honore Champion, 7 Quai MaIaquais, Paris 1978
Arnold Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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