Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

10. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1925

Der wahre Sinn der Lüge

Es ist nicht ohne weiteres klar, warum Lügen verwerflich sein soll; und wirklich verbieten die mosaischen zehn Gebote, der allgemeinen Meinung zuwider, nicht die Lüge an sich, sondern nur das falsch Zeugnis reden wider seinen Nächsten. Tatsächlich bedingt die Notwendigkeit des Irrealisierens der menschlichen Beziehung, die ich am Schluß des Aufsatzes Heilkunst und Tiefenschau behandelte, zwangsläufig Unwahrhaftigkeit, und man sage, was man wolle: schon das Verschweigen dessen, was man denkt, unterliegt deren Begriff. Wobei weiter die Erfahrungstatsache zu berücksichtigen ist, daß nur (wenigstens unbewußt) verschlagene Menschen Fanatiker des die Wahrheit-Sagens sind: sintemalen die entsprechende Forderung im normalen Verkehr nicht zu erfüllen ist, so beweist sie bei dem, welcher sie aufstellt, allemal, daß er sein Gewissen aus Mangel an Mut, eine Schuld auf sich zu nehmen, im rein Formellen rückversichert. Hier wurzelt die Psychologie des Puritaners, als welcher immer ein unbewußter Heuchler ist, und die des Engländers überhaupt, sofern er dem Cant huldigt. Nun beweisen die Notwendigkeiten eines herkömmlichen Verkehrs gewiß nicht ihre ideale Berechtigung, zumal zwischen individueller Ethik und sozialer Moral überhaupt, wie ich’s im Kapitel Mensch und Menschheit der Unsterblichkeit dartat, und Albert Schweitzer neuerdings in seinem Buch Kultur und Ethik besonders klar formuliert hat, ein unlösbarer Widerstreit besteht. Überdies bewegt sich der ethische Fortschritt zweifelsohne einem allgemeinen Zustand zu, wo die bleibende Notwendigkeit der Irrealisierung keine solche der Unwahrhaftigkeit mehr implizierte. Trotzdem bleibt letztlich unklar, warum man nicht lügen soll. Desto unklarer, als jeder dieses Soll instinkthaft anerkennt.

Dessen Sinn ist von einer Ethik her, die von unbegründbaren Forderungen oder unverstandenen Tatsachen ausgeht, auf keine Weise zu fassen. Er ist es dagegen ohne weiteres aus dem Geist des Korrelations­gesetzes von Sinn und Ausdruck. Sinnesverwirklichung ist die Grundforderung alles Lebens, wo sie nicht schon erfüllt ist, weil Sinn nur im Ausdruck hienieden wirklich wird. Diese kann weiter nur dort als vollendet gelten, wo die Obertöne des Sinnes in bezug auf den Grundton in bestmöglichen harmonischem Verhältnis stehen. Daher das letzte Versagen aller östlichen Weisheit in der Lebensgestaltung, ihr Unterliegen gegenüber unserer viel oberflächlicheren Zivilisation: insofern sie unexakt ist, verkennt sie den Eigensinn der Sinnesverwirklichungsmittel. Daher umgekehrt unsere Erdgewaltigkeit: des letzten Sinnes noch so unbewußt, haben wir, wie keine Kultur vor uns, Sinn und Ausdruck in der Sphäre jener zur Kongruenz gebracht. Das genannte Korrelations­gesetz bedingt nun im konkret-psychologischen Zusammenhang, welchen wir hier behandeln, die Tatsache, daß erst im Sagen die Meinung selbst wirklich wird; daß also Nicht-Sagen oder Nicht-Eingestehen Verwirklichung verhindert und Falsch-Sagen den Sinn selbst verändert. Frauen kennen den Unterschied zwischen Ausgesprochenem und Unausgesprochenem sehr wohl. Eine gestandene Liebe, und sei vorher noch soviel erraten, schafft eine völlig neue psychologische Situation. Gleiches gilt aber auf jedem Gebiete möglicher Aussprache. Erst der gefundene vollendete Ausdruck macht eine Wahrheit ganz bewußt, und ist sie dies geworden, dann ist die Grundlage möglichen Weiterdenkens verändert; daher die Bedeutung großer Geister. Die erwähnten Tatsachen sind nun in diesem Zusammenhang, über die abstrakte Notwendigkeit der Korrelation von Sinn und Ausdruck hinaus, konkret dahin näher zu bestimmen, daß der äußere Ausdruck einen integrierenden Bestandteil des fraglichen Sinneszusammenhanges darstellt. Wie konnte von Naturforschern behauptet werden, wir seien traurig, weil wir weinen? Wie konnte ein Darwin die Ausdrucksbewegungen für ein Primäres halten? Nur deshalb, weil der Ausdruck so sehr zum Gefühle selbst gehört, daß das nicht ausgedrückte Gefühl nicht dasselbe ist wie das ausgedrückte, weshalb denn freilich eine Erziehung von innen nach außen, wie die des Soldatendrills, die durch Bewegungen gleichsam Gesinnung schafft, gelingen, und verdrängtes oder zurückentwickeltes Gefühlsleben durch systematisches Ausdrücken ins Bewußtsein zurückgehoben und höher gebildet werden kann. Nun, wenn dem also ist, dann wird auch der Sinn der Verurteilung der Lüge klar. Jeder Religions- und Weisheitslehrer verlangte von seinen Schülern unbedingte Wahrhaftigkeit; in bezug auf andere duldete mancher unter ihnen Kompromisse, in bezug auf sich selber keiner. Dies mußte also sein, weil inneres Fortschreiten dort allein rein technisch möglich erscheint, wo kein Widerstreit zwischen Sinn und Erscheinung einerseits die Einwirkung des vorgestellten Ideals auf das tiefste Selbst, andererseits das Sich-Auswirken dieses hindert. Wer da lügt, verzerrt oder verbiegt damit seine eigene Gestalt. Aus eben diesem Grunde wird Verschlagenheit immer, wahre Offenheit hingegen, wo aggressive Hintergründe fehlen, kaum jemals übelgenommen. Eben deshalb darf der innerlich Vollendete anderen alles sagen, ohne anzustoßen — aber auch er allein. So betrifft denn die Wahrhaftigkeitsforderung zutiefst nichts anderes als metaphysisches Selbstinteresse. Denn Unwahrhaftigkeit macht Sinnesverwirklichung unmöglich.

Hieraus folgt, daß man um seiner selbst willen nicht lügen soll. Das Problem der Lüge anderen gegenüber liegt auf anderer Ebene. Gewiß ist vollkommene Wahrhaftigkeit auch in der Gemeinschaft das Ideal. Aber so lange und so oft eine Gemeinschaft nicht aus vollkommen-Wahrhaftigen besteht, verlangt eine Forderung, die zwischen verschiedenen Lebewesen eine höhere als die der Wahrhaftigkeit darstellt, Kompromisse: die Forderung der Ehrfurcht. Man darf niemandem schaden. Die Wahrheit, die einer nicht vertrüge, darf man ihm nicht sagen. Hier bietet das Verhältnis zu Kindern das Urbeispiel. Und hieraus folgt weiter, daß nur der von Herzen Höfliche, der wesentlich Taktvolle, das innere Recht hat, anderen gegenüber ganz wahrhaftig zu sein. Woraus sich denn erklärt, warum die größten unter den ganz Wahrhaftigen die höflichsten aller Menschen waren: so allen voran der Buddha.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME