Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

10. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1925

Bücherschau · Paul Dahlke

Ist Richard Wilhelm der letzte Chinese, so ist Paul Dahlke vielleicht der letzte Buddhist. Jedenfalls wüßte ich keinen Menschen seit Buddhas Tagen, nicht allein in Europa, sondern auch im ganzen Osten, welcher Buddhas unmittelbare Lehre so ganz verstanden hätte. Und daran muß man doch wohl festhalten — mag Buddha mehr gemeint haben, als er gesagt hat, unter allen Umständen hat er dieses zunächst gemeint und alles von ihm Abhängige dazu getan, auf daß seine Lehre, welche die Welt erlösen sollte, nicht tiefsinniger verstanden würde, als sie vorgetragen ward. Daß jede auf ihrer Ebene wahre Lehre auch als Sinnbild von Tieferem gelesen werden kann, versteht sich von selbst: wo alles Leben einen Sinneszusammenhang darstellt und jeder solche weiteren angehört, ist eine Grenze nicht allein möglicher, sondern auch richtiger Tieferdeutung nicht abzusehen. Historisch nun kommt es in erster Linie darauf an, wo ein Geist für seine Person stehenblieb. Und als historisch Wirkender hat Buddha zweifelsohne genau in der Fassung aufgefaßt werden wollen, deren Übersetzung ins moderne Denken Paul Dahlkes Buddhismus bedeutet. Insofern stehe ich nicht an, dessen zwei Bücher Buddhismus als Moral und Religion und Buddhismus als Weltanschauung, vor allem aber das erst, genannte (München, Oskar Schloß Verlag), als die besten Bücher zu empfehlen, die es über den Buddhismus überhaupt gibt.

Über diesen selbst will ich mich hier nicht weiter auslassen. Alles Wesentliche, was ich über ihn zur Zeit zu sagen habe, enthält mein Schlußvortrag zur Tagung 1924, im Leuchter 1925 abgedruckt. Wohl aber will ich das Problem Dahlke in einigen seiner Aspekte schärfer belichten, als ich es dort zu tun vermochte. Zunächst: Warum gebe ich seinem Buddhismus vor allen anderen den Vorzug? Weil bei ihm allein, daß ich wüßte, Person und Sache, Sinn und Ausdruck sich durchaus decken. Dahlke ist daher nicht etwa ein Neu-Buddhist, über dessen Sonderlehre sich streiten ließe: er ist wirklich Buddhist, seine Lehre entspricht ihm absolut. Wogegen die landläufigen Buddhismen kaum überhaupt ein Recht haben, sich auf Buddha zu berufen. Dieser war der herbste, verstandesklarste, erbarmungslos-nüchternste, furchtloseste, sentimentalitätsfeindlichste, konsequenteste und rücksichtsloseste Geist, der je gelebt hat. Wer ihm insofern nicht wenigstens ähnlich zu werden strebt, hat keinesfalls ein Recht, sich einen Buddhisten zu heißen. Ebendeshalb, weil es so sehr schwierig ist, Buddhist zu sein, hat sich Buddhas Lehre in ihrer Reinheit nur an wenigen Orten halten können, und auch dort nur, weil sie nicht ganz verstanden wird — bezeichnenderweise sind Singhalesen, Birmaner und Siamesen typischerweise schlechte Denker. Im denkfähigen Indien hielt man den Buddhismus für die Dauer einfach nicht aus. Wenn er sich dort verwandelte, so entspricht dies einer gebieterischen seelischen Notwendigkeit. Dahlke nun verträgt Buddhas Lehre, und zwar von A bis Z. Wer diese bejaht, muß insofern gleiches mit Dahlke tun. Dies Kriterium entscheidet in psychologisch letzter Instanz.

Es entscheidet unter uns im Westen. Und aus dieser Erwägung heraus gewinnt die Sonderart von Dahlkes Persönlichkeit höchste Bedeutung. Wohl alle Teilnehmer unserer Tagung 1924 hatten sich unter einem Buddhisten einen ganz anderen Menschen vorgestellt, als ihn Dahlke darstellt. Dieser wirkt nicht als überlegen-toleranter Geist, sondern als fanatischer Sektierer; nicht als weitherzig, sondern als im äußersten Grade eng; nicht als jenseits von Wissenschaft und Glauben fußend, wie dies dem Buddhisten, gemäß Dahlkes eigener richtiger Lehre, ziemt, sondern als Urbild des Gläubigen. Und da es kein anderes Kriterium für die Wirklichkeit seelischen Seins gibt als eben die Wirkung, so wird dieser Eindruck, den wir wohl alle hatten, der richtige sein. Wie kann nun ein echter Buddhist so wirken? Die Antwort ist: Er muß es, insofern er Abendländer ist. Die gleiche Lehre, welche in Indien nur eine Königsseele erster Größe angemessen vertreten konnte, findet hier ihren bestmöglichen Vertreter an einem Sektierergeist. Mögen die Leser diesem Problem selbst weiter nachsinnen1. Ich für meine Person will ihnen nur durch den folgenden Gedankengang weiterhelfen. Dahlke verwirft, und zwar vollkommen, Karl Eugen Neumanns Buddha-Verdeutschung als falsch. Zweifelsohne hat nun jener seinen Meister wirklich besser als dieser verstanden, soweit Begriffe reichen. Trotzdem hat Neumann für Buddhas Wirkung im Westen mehr als Dahlke getan, erhalte ich alles aufrecht, was ich je über seine Verdolmetschung geschrieben habe. Wie ist dies möglich? Neumann, und er allein, hat Buddhas Persönlichkeit im Worte evoziert. Was nun wirkt, ist immer nur der große Mensch an sich. Diesem gegenüber bedeutet die bestimmte Lehre nur Ausdrucksmittel. Mag nun Dahlke vom Standpunkt dieser in jedem Falle recht haben, mag es notwendig werden, Karl Eugen Neumanns Text auf jeder Seite, ja in jedem Satz an der Hand von Dahlkes Übersetzung zu berichtigen — dem Westen wird Neumann der Erwecker Buddhas bleiben. Denn dem Westen wird dieser als Lehrer des Buddhismus niemals viel bedeuten. Er wird ihm dagegen immer mehr und mehr bedeuten als der überlegenste und freieste Mensch, der jemals war. So ergibt denn das Spannungsverhältnis zwischen den Menschen Buddha, Dahlke und Neumann ein Meditationssymbol von unvergleichlicher Fruchtbarkeit. Wer dieses nun vollständig durchmeditierte, wird auch wissen, was eine Lehre überhaupt bedeuten kann, insofern der Mensch, der jeweils hinter ihr steht, zuletzt entscheidet und gleicher Buchstabe nicht an jedem Orte gleichen Sinn zum Ausdruck zu bringen vermag.

1Das Gleiche gebe ich als Antwort auf Dahlkes zwei Artikel über und gegen mich im ersten Doppelheft 1925 seiner Brockensammlung, Neubuddhistischer Verlag, Berlin-Frohnau. Über das in meinem Schlußvortrag im Leuchter 1925 über den Buddhismus Ausgeführte hinaus habe ich nichts zu erwidern; dieses enthält meine Antwort auch auf Dahlkes spätere Einwände und erklärt zugleich, warum dieser, als echter Buddhist, sie nicht als Antwort anerkennen kann. Um so nachdrücklicher bitte ich jeden, dem es um unsere Probleme ernst ist, dieses Heft, das nicht einmal zwei Mark kostet, zu bestellen. Erstens handelt es sich bei der Frage Buddhismus oder Schule der Weisheit um das entscheidende Entweder-Oder der Weltanschauung der Zukunft. Zweitens ist Dahlke der ernsteste Gegner, den ich bisher gefunden habe, denn er ist vom Standpunkt der Echtheit eine Persönlichkeit allerersten Ranges, dessen Gegnerschaft mir folglich mehr wert ist, als alle gedankenlose Anhängerschaft. Vor allem aber hat keiner bisher von höherer Warte aus über die Schule der Weisheit geschrieben. Vieles kann Dahlke nicht verstehen, vieles muß er ablehnen. Aber was er verstanden hat, hat er tiefer und besser verstanden als irgendeiner bisher, und lehnt er ab, so weiß er doch genau, was er ablehnt. Seine Aufsätze haben mir eine der größten Freuden meines Lebens bereitet, und ich schätze mich meinerseits glücklich, durch Dahlkes Berufung nach Darmstadt und mein öffentliches Urteil über ihn seine allgemeine Anerkennung in so hohem Maße beschleunigt zu haben, wie dies tatsächlich geschehen ist.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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