Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

10. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1925

Bücherschau · Leopold Ziegler · Das Heilige Reich der Deutschen

Wovon hängt der relative Wert der bestimmten Leistung eines Autors ab? Unter der Voraussetzung gleichbleibenden Könnens vom Grad der Entsprechung zwischen Persönlichkeit und Thema, oder allgemeiner, zwischen Person und Sache. Ich wüßte keinen Fall in der Geschichte der Menschheitsliteratur, der diesen Satz nicht bestätigte.

Mir wurde seine Wahrheit neuerdings am Beispiel Leopold Zieglers wieder sehr bewußt. Diesem macht seine Natur vollendete Leistung grundsätzlich schwerer, als den meisten von vergleichbarer Begabung. Er ist umständlich im Sinn eines mittelalterlichen Handwerksmeisters, weitläufig, ohne innere Geschmeidigkeit. Ihm wird alles, so oder anders, überaus schwer. Bei seltenem Sprachgewissen findet er doch selten einen letztmöglichen Ausdruck. Und nun hat er doch etwas geschrieben, was zum vollkommensten der neueren Literatur gehört: dies ist das erste Buch seines zweibändigen Werks Das Heilige Reich der Deutschen (Otto Reichl Verlag). Es ist dies eine Vision des deutschen Schicksals, als vom deutschen Wesen bedingt, vom Urmythos bis zum jüngsten Zusammenbruch reichend zusammengeschaut, deren seelische Dichtigkeit auch dort überzeugend wirkt, wo die Tatsachen vielleicht vergewaltigt wurden; sie ist überdies im Ausdruck von einer Glutflüssigkeit, welche ich Ziegler niemals zugetraut hätte.

Woher diese Vollendung? Sie ist Folge der eingangs ausgesprochenen allgemeinen Wahrheit. Es ist höchst lehrreich, Zieglers verschiedene Bücher von ihr aus gemeinsam zu beleuchten. Das einzige von ihm, das im Sinn der bis ins letzte ausgedrückten Kongruenz von Mensch und Thema den Vergleich mit seiner letzten Schöpfung aushält, ist sein Frühwerk Der abendländische Rationalismus und der Eros, von dem der Verfasser heute nichts mehr wissen will, weil er inhaltlich über dasselbe hinausgewachsen ist, das aber aus dem angeführten Grunde sicher fortleben wird, wenn Ziegler seine Zeit überhaupt überlebt. (Es bedeutet, nebenbei bemerkt, ein reines Mißverständnis jedes Autors, wofern er Jugendwerke desavouiert: dadurch beweist er allein, daß er sich in seine früheren Zustände nicht mehr zurückversetzen kann.) Zieglers im gleichen Verstande unbefriedigendstes Werk ist der Ewige Buddho. Gegen dessen abstrakten Inhalt will ich nichts erinnern; es bringt Zieglers persönliche Weltanschauung schön zum Ausdruck. Aber daß er diese im Bilde Buddhas vortrug, war ein arger Mißgriff, denn ich wüßte kaum einen Geist, welcher Buddhas wahres Wesen zu verstehen von Natur so unberufen war, wie eben Leopold Ziegler. Es gibt kaum einen Punkt — man vergleiche das vorhin anläßlich Dahlkes Gesagte und meine Auseinandersetzung mit dem Buddhismus im Leuchter 1925 mit dem weiter über Zieglers Natur zu sagenden — in dem diese und diejenige des siegreich Vollendeten nicht schroffste Gegensätze darstellten; wie denn das, was Ziegler gotamidisch heißt, mit Buddha gar nichts zu tun hat. So muß denn das buddhistische Gewand von Zieglers Darstellung auf jeden, welcher Indien überhaupt und Buddha im besonderen versteht, verstimmend wirken; dies gilt zumal vom buddhoiden Stil des Buchs. Desto echter wirkt der Gestaltwandel der Götter; daher dessen unbestrittener Erfolg. Ob aber dieses Buch als selbständige Einheit fortleben wird, ist wiederum fraglich, denn es ist der vollkommene Ausdruck von Zieglers Ringen mit seinem Problem, nicht jedoch von dessen Lösung oder Bewältigung. Bewältigt hat der reife Ziegler bis heute tatsächlich nur das mythisch-historische Problem, welches das erste Buch sowie der Anfang des zweiten des Heiligen Reichs der Deutschen behandelt, und deshalb sehe ich in dieser Schrift seine erste zeitlos wertvolle Einzelleistung.

Aber freilich ist nicht bloß das zeitlos-Wertvolle von Bedeutung (vgl. Zeitliche, zeitlose, ewige Geister in Philosophie als Kunst). Und Ziegler selbst sieht ja, wie aus dem Nachwort seines letzten Buchs ersichtlich, in allen seinen Werken nur Teilausdrücke einer allgemeinen Auseinandersetzung mit der Welt. So stellt sich die Frage: welcher Art ist Zieglers Bedeutung überhaupt? Insofern er sich überhaupt auseinandersetzt, nicht löst, nicht klargesehene neue Wege weist, muß seine Bedeutung eine vorzüglich persönliche sein. Und damit erweist er sich zunächst als von spezifisch deutscher Bedeutung. Dem Deutschen eignet im allgemeinen mehr Pathos als Ethos; ihm ist das Erleben an Sich, nicht was dabei herauskommt, letztes Ziel. Dies gilt sogar von Goethe. Unter diesen Umständen ist die wertentscheidende Frage die nach dem Interesse und dem Kaliber der Persönlichkeit. Persönliches kann andere andererseits nur insoweit interessieren, als es repräsentativ ist. Und hier ist zuzugestehen, daß Ziegler im höchsten Grad repräsentativ ist. Er ist spezifisch (vom europäischen Standpunkt partikularistisch) deutsch, wie kaum ein zweiter Autor von Rang der letzten Jahrzehnte. Und dies zwar im Sinn eines spezifisch deutschen Lyrismus. Es ist alles Unsinn, was von Zieglers Religionsstiftertum geschrieben wird; soll Religion das bedeuten, was sie allen ursprünglich Religiösen bis heute bedeutet hat, dann ist Ziegler direkt irreligiös; er ist ein Geistesverwandter Jean-Marie Guyaus. Als Denker ist Ziegler nicht scharf genug, um als solcher stark zu wirken. So viel er vorbereitet, so viele Problemlösungen er ahnt — ich wüßte keinen Fall, wo er eine letzte Fassung (und auf gedanklichem Gebiete zählen ausschließlich solche) gefunden hätte. Ziegler ist eben ein anderes. Sein Sichauseinandersetzen mit den Problemen bedeutet ein Erleben und Erleiden des Geistigen in einem ähnlichen Sinn, wie das Erleben und Erleiden der Welt bei Rainer Maria Rilke. Er ist wesentlich Lyriker. Wird dieses nun als bedeutungsbestimmend zugestanden, dann entfallen alle Bedenken gegen Ziegler aus anderen Geistessphären; dann erscheint insbesondere auch klar, inwiefern er als Schriftsteller so starke Wirkungen auslösen kann. Ziegler läßt, indem er sein Erlebnis ausspricht, in verwandten Seelen Verwandtes anklingen. Verwandt nun sind ihm grundsätzlich alle nicht preußischen Deutschen, deren Seele mehr Farbe als Linie hat. Zieglers Wirkung als Redner in Darmstadt war jedesmal außerordentlich. Sie war aber, dem Vorhergesagten entsprechend, nicht aufklärend, nicht wegweisend, sondern rührend. Nach seinem ersten Vortrag verglich ich in meinem Schlußwort seine Stimme mit dem eines silbernen Horns in einem seraphischen Chor; wenn ich mich nicht sehr täusche, so ward der Vergleich allgemein als gegenständlich empfunden. Sein zweiter Vortrag im Rahmen der Tagung 1923, der den deutschen Menschen betraf, löste hauptsächlich deshalb allgemeine Ergriffenheit aus, weil Mensch, Wort und Ton zusammen ein unvergleichlich einleuchtendes, weil unbedingt echtes Bild dessen gaben, inwiefern die Gleichung Deutschland wesentlich nicht aufgeht. Damit ist denn gesagt, das Zieglers Hauptbedeutung in seiner echten Menschlichkeit liegt; einer Menschlichkeit spezifisch-lyrisch-deutscher Art. Und damit ist letztlich auch erklärt, warum die ersten Teile seines heiligen Reiches der Deutschen so außerordentlich bedeutend wirken: sie sind eine wunderbar persönliche Herausarbeitung der deutschen Seele aus dem Material des deutschen Mythos und der deutschen Geschichte zu künstlerischselbständiger Gestalt. Für diese Schöpfung ist Deutschland Ziegler Dank schuldig. Wenn ich mir zum Schluß einen persönlichen Rat erlauben darf, so ist es der: vielleicht rundet der Verfasser einmal die ersten Teile seines letzten Buchs auch äußerlich zu einer selbständigen Einheit zusammen. Sie sind nämlich ein selbständig Abgeschlossenes, und es stört das Bild, daß sie in ein anderes, innerlich unfertiges Ganzes auslaufen. Denn Zieglers noch so interessante Auseinandersetzungen im zweiten und dritten Buch mit Frobenius, Jung, Baudouin und anderen stellen mit dem ersten in keiner nur denkbaren Hinsicht eine Stil- und Lebenseinheit dar. Lebenseinheiten allein aber leben fort.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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