Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

10. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1925

Bücherschau · Albert Schweitzer · Kultur und Ethik

Zieglers wahre Bedeutung liegt im Menschen, sagte ich: ich möchte nicht, daß dieser Umstand zu seinen Ungunsten ausgedeutet würde. Die Dinge liegen heute vielmehr so, daß der bedeutende Mensch allein Menschheitsbedeutung haben kann. Die Epoche des Primats der Sache liegt hinter uns, schon aus dem einen historisch entscheidenden Grund, daß der lebendige Mensch nicht allein tatsächlich in Gefahr war, durch die von ihm heraus, gestellten Sachlichkeiten getötet zu werden, sondern sich auch dieses Umstandes unaufhaltsam bewußt zu werden beginnt. Und nicht erst seit dem experimentum crucis des Weltkrieges. Woher rührte denn H. S. Chamberlains ungeheurer Erfolg schon vor der Jahrhundertwende im damals bewußt noch rein sachlich eingestellten Deutschland? Eben daher, daß das Unbewußte der Mehrzahl es schon damals jauchzend bejahte, daß ein bedeutender Mensch das Recht seiner Subjektivität voranstellte, als das des eigentlich weil lebendig Wirklichen. Heute nun sind wir soweit, daß überhaupt nur noch einzelne lebendige Menschen historisch zählen, denn die Zeitaufgabe besteht eben in der Wiedergeburt alles nur Sachlichen im Organismus der Persönlichkeit. Deshalb bedeutet in der angelsächsischen Sphäre H. G. Wells, trotz seines geringen Rangs als Schriftsteller und Geist, unermeßlich viel mehr, als alle ihre Gelehrten. Deshalb ist George Bernard Shaw, und nicht zwar der Dichter, sondern der überlegen gütige prophetische Mensch in ihm, der den Dichter und Denker nur als Werkzeug nutzt, wohl die im Guten repräsentativste Gestalt seiner ganzen Zeit. Deshalb ragt Stefan George tatsächlich turmhoch über alle sonst lebenden Dichter empor. Insofern sehe ich in Berdjajews soeben bei Reichl erschienenem Sinn der Geschichte die bedeutsamste Geschichtsphilosophie seit Hegel. Und zwar bedeutet diese Bedeutsamkeit des Menschlichen nicht, so oft es gesagt werde, eine Wiedergeburt des Geistes der Romantik, welcher ein Geist des Träumens ist, sondern die Besinnung auf die elementare Tatsache, daß das einzige mögliche Bezugszentrum für alle Werturteile im Urgrunde des Menschen liegt, einem Subjektiven vom Standpunkt des Objekts gesehen, das aber deshalb kein Imaginäres ist, sondern, im Gegenteil, das einzige ganz Wirkliche. Insofern wird das Jahrhundert vorherrschender Sachlichkeit gewiß als das der Unwirklichkeit in der Geschichte fortleben. Wo Vitales in Frage steht, entscheidet eben rein methodisch einzig das Wer, und nicht das Was. Das Wer allein übt lebendige Wirkung aus. Das Wer allein steht hier auch für sachlich-richtige Problemstellung Gewähr.

Diese Wahrheit bestätigt sich heute schon auf allen Gebieten. Aber ich kenne kein eindrucksvolleres Beispiel dessen, als die Wirkung Albert Schweitzers. Dieser ist schon lange berühmt als einer der größten lebenden Orgelspieler, als der Verfasser der besten Bach — Biographie, einer ausgezeichneten Geschichte der Leben-Jesu-Forschung und als ein Mensch solcher Selbstlosigkeit und Güte, daß er augenblicklich das Herz jedes, der ihn persönlich kennenlernt, gewinnt. Aus reiner Menschenliebe wurde er, neben all seinen sonstigen Berufen, zum Arzt, und verbringt wieder und wieder Jahre einsam im tropischen Afrika, um wenigstens alles Seinige dazu zu tun, damit gegenüber der Ausbeutung der Schwarzen durch die Weißen auch etwas reine Hingabe an diese für uns beim jüngsten Gerichte anzuführen wäre… Mir ist noch keiner begegnet, dessen Ethos ich auf den ersten Blick so unbedingt verehren mußte… Und nun ist Schweitzer auch zum Ethiker geworden. Philosophische Vorträge hielt er schon lange und oft an den verschiedensten Universitäten des Auslands. Deren Inhalt liegt nunmehr dem deutschen Publikum in zwei schmächtigen Büchern vor, welche zusammen eine Kulturphilosophie ausmachen: den beiden Bänden Verfall und Wiederaufbau der Kultur und Kultur und Ethik (München, C. H. Beck).

Deren Lektüre fiel mir anfangs nicht ganz leicht, weil Schweitzer so gar nicht Schriftsteller ist. Er fesselt auch nicht durch Schärfe und Prägnanz der gedanklichen Bestimmung, weshalb besonders seine erbarmungslos scharfe Kritik größerer Geister, als er einer ist, zunächst gegen ihn einnimmt. Aber sehr bald gelangte ich dazu, ihm seine Naivität in dieser Hinsicht zu verzeihen. Schweitzer hat nämlich, wo er das ethische Problem behandelt, in seiner intendierten Fragestellung so unbedingt Recht, wie kein anderer Philosoph vielleicht vor ihm. Er urteilt mit der Sicherheit des vollkommen echten Menschen, welcher dabei klug genug ist, um den Sinn seiner Echtheit zu verstehen. Deshalb bedeuten auch seine unglücklichen Formulierungen, wo solche vorliegen, letztlich gar nichts; z. B. sein Bekenntnis zum Rationalismus, wo er in Wahrheit Sinneserfassung und -verwirklichung im neuen Sinn der Schule der Weisheit meint. Schweitzer weiß einfach, wie wohl kein zweiter Lebender, was Ethik bedeutet, denn er ist ein ethisches Genie. Wer ihm nun dieses sein vom sachlichen Standpunkt nur Subjektive, der Wahrheit entsprechend, von vornherein zugesteht und in entsprechender Einstellung die beiden Bändchen liest, dem können sie zum Erlebnis werden.

Eins der tiefsten ethischen Worte des 18. Jahrhunderts lautete: la vertu, c’est un enthousiasme; ich glaube, es stammt vom Abbé Galiani. Schwerlich kennt es Schweitzer. Aber er hätte es zum Motto seines ethischen Denkens und Schaffens wählen können. Der Enthusiast allein kann radikaler Ethiker sein. Und nur dieser kann andererseits das ethische Problem an seiner Wurzel packen. So hat denn Schweitzer, wie selbstverständlich, erkannt, daß der Mißerfolg alles bisherigen ethischen Denkens, an welchem zu zweifeln kaum möglich erscheint, an erster Stelle auf dem Irrtum beruht, daß man aus einer Welterklärung eine Ethik ableiten könne. Die Größe der europäischen Philosophie ist, daß sie die optimistisch-ethische Weltanschauung gewollt hat, ihre Schwäche, daß sie sie immer wieder zu begründen vermeinte, statt sich über die Schwierigkeiten der Begründung klar zu werden. Die zweite Grundeinsicht, welche Schweitzer wie selbstverständlich ausspricht, ist die in die Unlösbarkeit des Konflikts zwischen individueller und kollektiver Ethik. Schweitzers dritte Grundeinsicht nun trägt positiven Charakter: aus der Tatsache eines positiven jenseits der unlösbaren Konflikte in uns, sofern wir leben, ergibt sich, sofern wir tief und scharf genug denken, die Denknotwendigkeit einer Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, und zwar vor allem Leben. In letzterem berührt Schweitzer sich mit Buddha, wie kein zweiter Europäer. Er berührt sich mit ihm (viel mehr, als mit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts) auch darin, daß er im Denken allein den Weg auch zur ethischen Einsicht sieht. Aber sein Denken führt ihn zu dem ethischen Optimismus, der in der Tat als einzig Mögliches erscheint (siehe meinen Schlußvortrag zur Tagung 1924 im Leuchter dieses Jahres), sobald man Sinnerfüllung als eigentlichen Sinn des Lebens erkannt hat. Womit denn gesagt ist, daß Schweitzers Bestrebungen auf einer Linie mit den meinen liegen, obgleich er mich in seinem Buche ebenso erledigen zu müssen meint, wie alle anderen Denker.

Hier will ich nicht mehr von Schweitzers Gedanken mitteilen. Diese Bücher sind jedem, auch dem einfachsten Menschen unmittelbar verständlich, denn sie sind mit dem Herzen durch das Mittel des gesunden Menschenverstandes geschrieben, sie sind nicht umfangreich, entsprechend wohlfeil; deshalb sollte sie jeder lesen. Er gestehe dem Autor nur zu, daß es sich bei ihm um einen wahrhaft Wissenden handelt — und alles weitere wird sich von selbst durch Einleuchten ergeben. Gewiß bedeuten Schweitzers Formulierungen kein letztes Wort — dazu ist er nicht denkbegabt genug. Aber als der wahrscheinlich größte Erleber und Leber des Ethischen in unserer Zeit ist er Vorbild und Vorläufer zugleich. Denn, wie ich’s zu Anfang dieses Abschnitts sagte: nur lebendige Menschen könne heute die Probleme des Lebens wieder lebendig machen. Nur sie zählen überhaupt. So sei denn der Mensch Schweitzer allen zur Meditation empfohlen. Diese Meditation wird jeden fördern, der sich nur der einen elementaren Wahrheit dabei bewußt bleibt, daß als Sonderwesen jeder einzig ist. Schweitzers buddhistische Lebensliebe, seine besondere Humanität, sein Verneinen der Produktivität der Spannung, sein Ablehnen des Tragischen als bloßen Übels ist nur seinem Typus, nicht jedem Menschen gemäß. Aber jede Einseitigkeit wird, wenn sie tief genug wurzelt, zum Sinnbild der Allseitigkeit, und dies ist bei Albert Schweitzer in wunderbarem Grade der Fall.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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