Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

10. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1925

Bücherschau · Eine Vision der kommenden Weltordnung · III.

Das Endziel der schon begonnenen Entwicklung wird wohl ein noch Unübersichtlicheres und Undefinierbareres vorstellen, als dies vom Heiligen Römischen Reiche galt. Was kann nun das Weiterwerden bringen? Politische Ziele im heutigen Sinne kaum mehr. Wenn die Völker grundsätzlich so zueinander stehen werden, wie heute die Individuen eines Kulturvolkes, so hat Außenpolitik ausgespielt. Meiner Überzeugung nach wird die historische Aufgabe der nächstfolgenden Epoche die sein, innerhalb aller Völker eine molekulare Umlagerung einzuleiten, die in einer Neuordnung alles Lebens auf Grund des Qualitätsgedankens einmündet. Sobald eine Bewegung ihr Ziel erreicht hat, ist sie am Ende. (Siehe meine Betrachtungen hierüber hinsichtlich des Protestantismus im Leuchter 1924.) Dies gilt heute von allen, die auf die Idee der Gleichheit und der Bedeutung der Zahl zurückgehen. Überall ist, seitdem im Weltkrieg der demokratische Gedanke gesiegt hat, eine neue aristokratische Ordnung im Entstehen. Fascismus und Bolschewismus, beides extrem aristokratische Systeme, beweisen dadurch, daß jener von einem gewesenen Sozialisten geführt und dieser ein marxistisches Gewand trägt, besonders deutlich, daß es sich bei der Bildung der neuen Aristokratien um die geschichtslogische Folge der erschöpften demokratischen Bewegung handelt. In Amerika beginnt die molekulare Umlagerung, die von dieser zu jenen hinleitet, in der Verkörperung des eugenischen Gedankens einerseits, und andererseits des Glaubens an den Wert des Intelligenztest, dem zunächst alle Rekruten des Weltkrieges unterworfen wurden. Nachdem dieses Examen, das nach dem Maßstabe der Normalbegabung bestimmter Lebensalter, wenn ich mich recht erinnere, des sechsten, neunten, dreizehnten und sechzehnten Jahres verfuhr, erwiesen hat, daß die Überzahl der Amerikaner unter 13 Jahre alt ist, wird auch dort bald ursprünglicher Befähigung privilegierte Stellung zuerkannt werden. Bei allen heutigen Ansätzen zu einer neuen Aristokratie bewegt sich die Entwicklung noch im Geist des mechanistischen Könnens-Gedankens. Ihr Ziel wird zweifelsohne dieses sein, daß der Nachdruck vom Können ganz aufs Sein verlegt wird. Als bloße Könnenskultur geht ja die unsrige zugrunde.

(Vgl. das Kapitel Seins- und Könnenskultur meiner Schöpferischen Erkenntnis.) Das künftige Fachmanntum wird demgegenüber wieder charismatisch sein. Das heißt, man wird in jedem Falle wieder die Frage des wer, nicht des was voranstellen, nicht in der Sache, sondern in dem Menschen, der sie tut, das Entscheidende sehen. Und damit wird denn die erste Grundlage geschaffen sein zu einer möglichen Menschheitskultur. Kultur ist überhaupt nur als Seinskultur möglich. Die neue Seinskultur kann aber eine höhere werden als irgendeine frühere es war, weil sie, dank unserem vorgeschrittenen Können und Erkennen, viel tiefer im Sinn begründet werden kann.

Die großen Umrisse dessen, was ich hier schildere, entsprechen dem Ziel, welches die Schule der Weisheit zu Darmstadt in all ihrem Wirken und all ihren Schriften verfolgt. Dank meinen heutigen Erwägungen wird man vielleicht besser, als sonst geschieht, verstehen, warum ich mit so langen Zeiträumen selbstverständlich rechne und vor einem guten Jahrhundert überhaupt keine wesentliche Änderung erwarte: erst müssen die vorher geschilderten Stadien durchlaufen sein. Die letztgeschilderte Welt, das Endziel der mit dem Weltkrieg begonnenen Neuordnungstendenz, wird geistig-seelisch bestimmt sein. Zu dieser aber muß die wirtschaftsbestimmte Welt erst die Basis geschaffen haben, und so sehr bald wird auch diese nicht siegen. Meine heutige Vision möchte ich nun mit einer Konkretisierung des Bildes der neuentstehenden Welt nach einer besonderen Richtung hin beschließen. Das neue Fachmanntum wird auf Sein, nicht Können begründet sein. Damit wird nun dem Sinne nach eine Wiedergeburt des altindischen Kastengedankens in die Erscheinung treten. Niemand wird eine Betätigung zugestanden werden, zu der er nicht geboren ist. Und weiter: In der künftigen weiten Menschheitswelt wird eine Wiedergeburt des Kastengedankens wohl auch innerhalb der Völkergemeinschaft stattfinden. Daß die Kastenordnung auf völkischer Grundlage nicht sinnlos ist, erwies einmal Indien, erwies unser Mittelalter, beweist heute Nordamerika, wo die Sonderanlage jedes Volkes gerade wegen des freien Wettbewerbes in bestimmten Schichtungen zum Ausdruck kommt, die man nur deshalb nicht als bestimmend anerkennt, weil man sie nicht anerkennen will. Hat nun der Gedanke eines auf Sein basierten Fachmanntums in der Menschheitsvorstellung gesiegt — dann werden auch die Völker sich in den großen Zügen, begabungsmäßig schichten. Keines wird mehr seinen Hauptehrgeiz darein setzen, was ein anderes besser kann. Jedes wird vorwiegend das tun, wozu es am besten taugt. Und da ein Volk dann stellvertretend für alle sein Bestes leisten wird, so wird sich daraus erst auch die vollkommene nationale Erfüllung ergeben.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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