Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

11. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1926

Bücherschau · Emil Ludwig, Henry Clews jun · Mumbo Jumbo

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich dieses oder jenes Memoirenwerk aus der Weltkriegszeit gelesen hätte. Darauf antwortete ich ein für allemal, daß ich so schlechte Literatur zu lesen ablehne. Erstens aus geistigen Gründen. Memoiren haben nur Wert, soweit sie zeitlich-Privates ins zeitlos-Interessante und -Bedeutsame übertragen. Deshalb verlangt diese Literaturgattung von allen die größte geistige und künstlerische Gewissenhaftigkeit. Von den Memoiren letzter Zeit nun könnte, mit der meines Wissens einzigen Ausnahme der Paléologues, das gleiche gelten, was einem englischen Staatsmann nachgesagt wird: er hätte zwei Wochen Urlaub genommen, um die Muße zu finden, zwei dicke Bände Denkwürdigkeiten herunterzudiktieren. Dann aber hat meine Ablehnung moralische Gründe. Irgendwie handelt es sich bei allen um Journalismus im schlechten Sinn. Die Bücher der verantwortlichen Staatsmänner sind so offenbar von einseitigem Rechtfertigungsstreben diktiert, daß nur Psychoanalytiker dereinst aus dem Gesagten das objektiv Wahre richtig herauslesen werden; wozu das Weitere tritt, daß sie zumeist, ob bewußt oder unbewußt, gleichviel, andere Persönlichkeiten anzuschwärzen trachten. Sofern diese noch leben, sind sie alle irgendwie mit dem Schandmal der Enthüllung gestempelt. Und dieser Vorwurf trifft in noch größerer Schärfe die weniger repräsentativen Schreiber. Wie soll man das Vorgehen eines gewesenen Kabinettschefs oder Privatsekretärs qualifizieren, der sogleich nach seinem Abschied alles, was er je konfidentiell gehört, der Öffentlichkeit vorlegt? — Die Denkwürdigkeiten dieser Zeit sind fast alle, soweit ich von ihnen weiß, von zwei häßlichen Geistern beseelt: dem der Indiskretion und des allzu vorurteilsfreien Geschäftssinns1. Solche Bücher sind viel schlechter als Kriminalromane (die ich persönlich besonders gern lese, da sie die einzige Art leichter Lektüre sind, die mein Gehirn erholt: die Spielregel verlangt, beim Lesen nicht vorauszudenken, und die vorgegebene Spannung der Erzählung entspannt die Selbsttätigkeit des Geists in ähnlichem Sinn, wie auf einer Erholungsfahrt die Geschwindigkeit des Automobils; ich wollte, meine Freunde sendeten mir lieber gute Kriminalromane als schlechte metaphysische Werke!). Finden jene Leser, so beruht dies fast ganz darauf, daß sie den Bedürfnissen niederer Instinkte entsprechen. Das Einzige, was über die Sachlage tröstet, ist die andererseits so bedauerliche Tatsache, daß Schlechtes, das man Menschen nachsagt, diesen kaum mehr schadet. So ist D’Annunzio des gemeinen Diebstahls an Henry Thodes Eigentum moralisch überführt; sogar die Manuskripte und Briefe gibt er nicht heraus, indes die arme Witwe Thodes hungert. Und alle Welt reicht jenem weiter bewundernd, wenn nicht verehrend die Hand, und sein Vaterland feiert ihn als Nationalhelden…

Der Geist der Vornehmheit scheint wirklich ausgestorben. Davon hat neuerdings ein Mann einen weiteren Beweis geliefert, der es wahrhaftig, vom Materiellen abgesehen, welche Seite ich nicht beurteilen kann, nicht nötig hatte: Emil Ludwig). Der hat wirklich Talent2. Er ist der geniale Journalist als Historiker, und ich wüßte nicht, warum man dem Vergangenheitsbetrachter die Anerkennung versagen sollte, die man dem Gegenwartsschilderer heute selbstverständlich zollt. Zwar: großen Geistern gegenüber ist die journalistische Einstellung immer mißlich. Goethe ist Emil Ludwig gar nicht gerecht geworden, weil dessen rein sinnbildliches Leben im Stil feuilletonistischer Betrachtung besonders schwer darzustellen war. Bismarck hat er so geschildert, wie dies einem Briand gemäß gewesen wäre, und er war eben ein wesentlich anderes. Dagegen gibt Ludwig von Napoleon ein ungeheuer lebendiges und im ganzen wohl zutreffendes Bild: hier war eben der große Mann dem Cabotin verbunden, und Ludwigs Baisseur-tum, — er muß als Journalist baisseur sein, denn nur so ist das Große auf die Fläche des Feuilletons zu projizieren — verzerrt Napoleons Bild nicht wirklich; was allerdings weniger für Ludwig, als gegen den Korsen spricht. Dieser war vielleicht die größte Begabung der Geschichte, aber kein entsprechend großer Mensch; sonst wäre er auch nicht so gescheitert, wie er’s tat. Doch wie dem auch sei, soviel muß Emil Ludwig zugestanden werden: er ist ein großer retrospektiver Journalist. Nicht so groß wie Ferrero, der eben nicht nur Journalist ist, aber diesem andererseits wohl an psychologischem Verständnis überlegen. Nun aber schreibt er den Wilhelm II. Nicht daß er diesen einseitig herausarbeitet, ist ihm vorzuwerfen: das muß jeder Dichter tun, und Ludwig ist in beträchtlichem Grade Dichter. Unwillkürlich schildert ein solcher sich selbst durch seine Gestalten hindurch, beleuchtet er sie von seiner persönlichen Weltanschauung her. Ich glaube auch nicht, daß sein Bild vom letzten Kaiser wissenschaftlich falsch ist. Ich möchte ferner annehmen, daß der Verfasser Deutschland nützen und helfen wollte, indem er dem wilhelminischen Zeitalter den letzten Nimbus nahm. Aber daß er dies jetzt schon tat und so, wo Wilhelm II. lebt, und mit ihm ein großer Teil derer, die in seinem Sturz das Sinnbild des Endes von Deutschlands ganzer Größe sehen, das war eine unvornehme Handlung. Werden sich auch hier wieder Leute finden, die gegenüber diesem scharfen Urteil Kompromisse suchen und mir erwidern man müsse doch verstehen… es sei andererseits zu bedenken? — Ich bin schwerlich viel dümmer als die, welchen solche Entschuldigungen einfallen. Und ihnen sage ich hier: wenn ihr nicht selbstverständlich über Ludwigs Wilhelm II. ebenso urteilt wie ich, so kann ich euch nicht als gleichberechtigt anerkennen. Es gibt Vorurteile, die man haben muß, wenn man als Gentleman gelten will.

Wir leben in der Tat in einer selten gemeingesinnten Zeit. Und es ist kein gutes Zeichen, weil Symptom ihrer voraussichtlich noch langen Dauer, daß es an echten Satiren auf sie in Europa, soweit ich sehe, noch gänzlich fehlt. Aus allem, was sich Satire nennt, spricht in Wahrheit Freude an der Sache. Nur unter Amerikanern gibt es schon einen Geist, der vollendeten Abstand gewann, allerdings gegenüber einem Zustand, dessen Ursprünge weiter zurückliegen als die der neu-europäischen Gemeinheit. Dies ist Henry Clews jun. in seinem Buche Mumbo Jumbo (London 1923, Grant Richards Limited). Dieses Buch wird als eine der klassischen Satiren auf unser Zeitalter fortleben. Mit wunderbarer Plastik sind darin die jüdische Herzogin, der amerikanische Geistessnob, der Kunstkritiker, der durch Verbindung beliebiger Bilder mit berühmten Künstlernamen ein Vermögen macht, inmitten jenes internationalen Milieus geschildert, das seit etwa 20 Jahren in vielen Kreisen Westeuropas als die eigentlich gute Gesellschaft galt. Wie viele Typen glaubte ich recht eigentlich nach der Natur gezeichnet wiederzuerkennen! Die Fabel der dramatischen Erzählung ist kurz die, daß zwei New Yorker Bilderhändler einen armen Wahnsinnigen, der kindische Bilder malt, als Genie auf den Schild heben, wodurch sie ungeheures Geld machen — bis daß er aus der ihm zugeteilten Rolle fällt. Dann aber gewinnen sie noch mehr an ihm, indem sie erklären, jetzt sei er wahnsinnig geworden und könne nie wieder malen, worauf die vorhandenen Bilder sprunghaft im Preise stiegen… Das Buch strotzt von treffenden Einzelsatiren und Sarkasmen. Ganz wundervoll wirkt insonderheit die Tatsache, daß alle Geldköniginnen und Schieber sich zum Sozialismus bekennen.

1Gleiches gilt auch von allzuvielen Denkwürdigkeiten unpolitischer Geister; geht deren Enthüllen nicht gegen andere, so desto mehr gegen sich selbst. Das erste bei aller Offenheit vornehme Memoirenwerk aus moderner Zeit, das mir zu Gesicht gekommen, ist das von Oscar A. H. Schmitz (bisher zwei Bände, Die Geister des Hauses und Dämon Welt, bei Georg Müller in München erschienen). Der hat seine Arbeit, so leicht sie ihm von der Hand ging, doch im alten Sinne ernst genommen; und er redet von seinen Zeitgenossen mit wohltuender Ehrfurcht auch dort, wo er sie verurteilt. Vor allem aber ist dieses Werk wegen des Eindrucks unaufhaltsamen Strebens und Mehr- und Besserwerden-Wollens, den es vom Autor gibt, empfehlenswert.
2Seine Werke sind sämtlich im Berliner Verlag Ernst Rowohlt erschienen.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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