Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:III. Das Ziel

Souveränität

Insofern hätte ich über ihr Ziel grundsätzlich nichts zu sagen. Praktisch kann ich es dennoch, weil jeder neu, erfaßte Sinn mit Notwendigkeit an einen entsprechenden neuen Ausdruck gebunden ist. Dies gilt auch von dem, welchen die Begriffskoordinaten der Einstellung und des Rhythmus bestimmen: so wenig dieser auf der Ebene der festen Gestaltungen festzulegen ist — er impliziert doch, als Ausdruck, bestimmte Richtungen möglicher Entwicklung und diese allein, deren ideelle und grundsätzliche Ziele sich durch allgemeine Begriffe fassen lassen. So darf als erstes praktisches Ziel der Schule der Weisheit gelten, auf allen nur möglichen Gebieten der Erkenntnis Bahn zu brechen, wie unbedingt schöpferisch wir Menschen sind. Gestern wurde Ihnen klar, daß die Vorstellung als solche in erster Linie kein Unwirkliches, sondern ein Wirkliches ist, und sich eben deshalb in andere Formen der Wirklichkeit umsetzt. Phantasie schafft recht eigentlich Realität. Unter diesen Umständen ist sogar das, was man so gern als künstlich oder willkürlich mißachtet, z. B. die Konvention, in erster Linie neue Wirklichkeit, oder doch die Voraussetzung solcher. Nichts könnte in der Tat mißverständlicher sein, als die Konvention an sich zu bekämpfen (so viele ihrer Sonderformen auszurotten seien), denn damit wird das meiste dessen bekämpft, was den Menschen zum Menschen macht. Dieser ist nämlich nicht von Natur aus Mensch, sondern kraft seines schöpferischen Geists. Ohne selbstgesetzte, von der Natur aus betrachtet willkürliche Schranken gäbe es keine Liebe übertierischer Art, kein Gemeinschaftsleben, keine Kunst. Liebe ist durchaus ein Kunstprodukt. Je nach den Grenzen, die sich der Mensch setzte, ist sie anders erschienen.

Die antike Liebe war ein anderes, als die der Troubadours, die moderne früheren Zeiten unbekannt. Deshalb kann sie auch ohne Schwierigkeit aus der Welt geschafft werden. Eben das betreibt die jüngste Schamlosigkeitskultur. Wie soll man einer Dame den Hof machen, die sich einem als erstes ohne Hüllen zeigt? Zu allererst mag der Fortfall jeder Distanz gewiß zu einer Wiedergeburt der Zustände von Sodom führen: auf die Dauer mit Unvermeidlichkeit zu deren Gegenbild. Kein Tier ist lasterhaft, nur wenige Arten sind lüstern. Wo die Selbsttätigkeit der Phantasie in Fortfall kommt, wird das reine Naturwollen Gesetz. Der Sündenfall wird rückgängig gemacht, die Unschuld siegt. Aus Herren und Damen werden Männchen und Weibchen, die sich bis auf kurze Perioden interesselos aneinander vorbeibewegen. — Daß kein Staatsgebilde hält, daß alle Gesellschaftsmoral sich auflöst, sobald gewisse Vorurteile fallen, haben wir alle erlebt. Was, vom Verstand her betrachtet, Vorurteil ist, ist andererseits Bedingung höherer Wirklichkeit. — Jede Kunst setzt zu ihrem Dasein bestimmte konventionelle Hemmungen des Schöpfungstriebs voraus: die Flächendarstellung, den Reim, die Fugenform. Aber gleiches gilt von schlechthin allen Gebieten, welche der Geist bedingt. Kant hat gezeigt, welch’ verstricktes Netzwerk von Begriffsbeziehungen dazu erforderlich ist, damit das, was wir wissenschaftliche Menschen Erkenntnis nennen, zustande komme; diese ist an Axiome, Prinzipien, Postulate unbedingt gebunden, welche alle nur vom Menschen her bestehen. Dieses letzte Beispiel führt uns nun zum Satz zurück, daß die Konvention in erster Linie kein willkürlich, Unwirkliches, sondern neue Wirklichkeit, oder doch die Voraussetzung solcher, bedeutet. Das Subjektive der Erkenntnisformen macht gerade objektive Erkenntnis möglich.

So entsteht aus jeder freien Geisteskonstruktion recht eigentlich eine neue Etage der Wirklichkeit, und es ist nicht abzusehen, bis wohin dieser Prozeß zu führen sei. Die höhere Mathematik legt die Unendlichkeit als imaginäre Grenze nahe. Gibt es nichts Höheres als die Liebe, die wir bisher kennen? Seltene Mystiker wußten schon von solchen zu künden. Keine edlere Gemeinschaft, als alle bisher verwirklichte? An Utopisten, welche solche vorwegnahmen, hat es nie gefehlt. Aber Utopie im sozialen Leben bedeutet offenbar nichts anderes, als eine höhere Art Gleichung in der Mathematik, eine durchgeistigtere Form der Schönheit in der Kunst. Ihre Verwirklichung ist wesentlich möglich, nicht unmöglich, wie immer es mit der Praxis bestellt sei; die einzige Forderung, der nicht entgegengeschaffen werden kann, besteht darin, daß eine Konstruktion den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit nicht widerspreche. Die Natur verkörpert für uns Menschen keine Grenze nach oben zu. Sie stellt in ihrem Dasein nur eine bestimmte Stufe möglicher Wirklichkeit dar, bei welcher Halt zu machen, über welche hinauszusteigen oder zu welcher zurückzukehren Sache des freien Willens ist.

Der Menschengeist ist also unbedingt schöpferisch; er ist es genau im gleichen Sinn, wie es derjenige Gottes war, als Er die Welt erschuf. Dies gilt auch insofern, als die reichere Schöpfung tiefere Sinneserfassung voraussetzt, mit welcher Feststellung wir von einer anderen Seite her zu der früheren Erkenntnis der Korrelation von Reichtum und Tiefe zurückgelangen (S. 191). Höhere Formen der Mannigfaltigkeit erfand die Mathematik von dem Tage an, wo sie den Sinn der bekannten ganz verstanden hatte. So war es auf allen Gebieten von jeher. Nur ist es der Menschheit noch nie ganz zum Bewußtsein gekommen, und zwar gerade in den beiden wichtigsten Hinsichten nicht: daß mit jeder Vorstellung und Erfindung unbedingt Neues, Niedagewesenes in die Welt gesetzt, deren Inventar somit absolut bereichert wird, und daß diese Bereicherung auf freier Schöpfung beruht. Im allgemeinen ist sie bei der halben Einsicht stehen geblieben, daß die Vorstellung Abbilder der Wirklichkeit schafft, daß der Geist diese a posteriori deuten kann und im übrigen auf einem eng beschränkten Gebiete, dem der eigentlichen Erfindung, im vollen Wortsinn schöpferisch ist. Wohl haben William James und Henri Bergson das Verständnis für den wahren Sachverhalt vorbereitet, aber dessen Bedeutung bezeichnet noch nirgends, daß ich wüßte, eine selbstverständliche Voraussetzung, außer bei einer gewissen Klasse von Amerikanern und einzelnen Geschäftsleuten größten Stils innerhalb aller Nationen, die zwar nicht denken, dafür aber instinktmäßig aus der richtigen Einsicht heraus handeln, dementsprechend sie sonst unerhörte Erfolge erzielen. Sie muß aber zur verstandenen und daraufhin selbstverständlichen Voraussetzung werden, denn dann erst wird die Souveränität des Menschen sich frei entfalten, dann erst seine wahre Geschichte beginnen können (S. 341).

Dieses zu bewirken, darf als erstes und vornehmstes Ziel der Schule der Weisheit gelten. Eben dieses erreicht sie praktisch in jedem Fall, wo es ihr einen Einzelnen von der Erkenntnis her so zu vertiefen und umzuzentrieren gelingt, daß er fortan als schlechthin souveräne Persönlichkeit weiterwirkt; eben dies erreicht sie im großen durch das Beispiel der Vielheit gleichsinniger Erfolge, durch die hindurch der einheitliche Ursinn am besten einleuchtet. Dieses eine Ziel, daß sie sich setzt, würde schon genügen, um die Schule der Weisheit als historische Notwendigkeit zu erweisen, denn es ist kaum zu glauben, bis zu welchem Grade die Einsicht in das schöpferische Menschenwesen den meisten fehlt. Nur die allerwenigsten begreifen bisher, daß Sinneserfassung Sinngebung ist, daß Sinngebung mehr wie Deutung ist, vielmehr recht eigentlich Schöpfung im göttlichen Verstand, daß der Eigen-Sinn der Gegebenheiten keine letzte Instanz darstellt, sondern seinerseits zum Ausdrucksmittel beliebigen Sinnes werden kann. Und solange diese Einsicht fehlt, kann sich die Wahrheit auch nicht manifestieren. Neuer Sinn realisiert sich nur durch freien Willen hindurch; wo dieser nicht einsetzt, weil entsprechendes Verständnis, entsprechender Glaube fehlen, dort realisiert sich auch nichts. Kein Wunder daher, daß die gesamte Geschichte, mit Ausnahme seltener, als Zauberer wirkender Persönlichkeiten, gegen die hier behauptete Wahrheit spricht1. Sie wird sich aber als Grundwahrheit erweisen, sobald sie verstanden und selbstverständlich geworden ist. Denn der Logos gibt dann dem Eros eine neue Richtung (S. 266), wodurch auf einmal wirklich wird, was früher niemals wirklich war.

1Dies führt zumal Theodor Lessings Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen (München, C. H. Beck) sehr eindrucksvoll aus.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:III. Das Ziel
© 1998- Schule des Rades
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