Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Anhang:Die Schule der Weisheit in Darmstadt

Die materielle Grundlage

Hiermit wäre das Wichtigste dessen wohl gesagt, was über die Schule der Weisheit noch gesagt werden mußte, insofern es im vorliegenden Buch und den besonderen Mitteilungen im Weg zur Vollendung noch keine Behandlung erfuhr. Mir bleibt noch übrig, das rein Äußerliche, welches sie betrifft, zu präzisieren und näher auszuführen. Zur Zeit wirken dauernd an der Schule nur Dr. Rousselle und ich, unterstützt von Georg Seelbach, dem Sekretär, der alle Eingänge, welche keines besonderen Bedenkens bedürfen, von sich aus erledigt. Andere Persönlichkeiten wurden bisher nur zu den Tagungen, als Vortragende, hinzugezogen. Aber dabei soll es nicht bleiben. Hauptziel der Schule der Weisheit ist ja, der Übertragungsmechanismus einer besonderen Einstellung zu sein, und sollte dieser zunächst an wenige Einzelmenschen gebunden erscheinen, so ist die Schule doch grade dazu da, damit dies baldigst anders werde. Es werden sich erstens, so hoffen wir, immer mehr Menschen innerlich so neu einstellen, wie hier gefordert wird, andrerseits immer mehr schon fertige erkennen, daß sie schon ebenso eingestellt sind, wovon sie früher nur kein deutliches Bewußtsein hatten. Von solchen sollen nun fortlaufend immer mehr zur schöpferischen Mitwirkung herangezogen werden.

Da die Schule der Weisheit keine Anstalt ist, sondern ein Lebenszentrum, und als solches zu keinem Dauerzustand materialisiert, so ist diese Mitwirkung nicht etwa so zu verstehen, daß immer mehr Lehrer festangestellt werden sollen, sondern darin: daß immer mehr Menschen die Möglichkeit geboten werden soll, sich zeitweilig ihres Rahmens als einer Tribüne zu bedienen. Dies geschah erstmalig im Fall Rabindranath Tagores. Es versteht sich von selbst, daß es nur im Falle solcher je geschehen kann, die eben als Weise zu wirken berufen sind. Ob sie im übrigen Professoren, Politiker, Künstler, Bankiers, Industrielle oder Soldaten sind, tut nichts zur Sache: genau wie zeitweiliges Heraustreten aus dem gewohnten Lebensrahmen die richtige Schülereinstellung schafft, so kann sie gegebenenfalls auch die des Lehrers schaffen; sintemalen Weisheit keine Fachfrage, sondern ausschließlich eine solche des Seins und der Einstellung ist, so kann jeder sie gegebenenfalls vertreten. Wir hoffen nun, wie gesagt, auf die Dauer in die Lage zu kommen, die Weisheit nicht nur während der Tagungen, sondern auch sonst möglichst polyphon sich auswirken zu lassen. Dies setzt aber zweierlei voraus: erstens, daß die geistige Einstellung dieses Buchs den Betreffenden selbstverständlicher Ausgangspunkt sei, so daß keinerlei Störung der Atmosphäre der Schule durch ihre persönliche zu befürchten wäre. Zweitens, daß wir über die entsprechenden reichen Mittel verfügten. Hier befinden wir uns noch ganz im Anfangsstadium.

Die materielle Grundlage für die Schule der Weisheit schafft die Gesellschaft für Freie Philosophie in Darmstadt, die zu dem Ende gegründet wurde, um durch ihre Beiträge jene zu erhalten. Sie hieße also richtiger Gesellschaft zur Erhaltung der Schule der Weisheit, ähnlich der, welche die philosophische Akademie zu Amersfort erhält, wenn sie nicht eben mehr wäre als ein bloß ökonomischer Verband: wer ihr beitritt, erwirbt damit das Recht auf Teilnahme an den Tagungen, auf Schülerschaft und freien Bezug des Wegs zur Vollendung. Aus dem gleichen Grunde werden die Beiträge für die geistig Verbundenen oder gewöhnlichen Mitglieder so niedrig als nur irgend möglich erhalten1: es sollen möglichst viele in der Lage bleiben, zur Schule der Weisheit in Beziehung zu treten. Aber auf Grund dieses Budgets könnte die Schule der Weisheit sogar ihren bisherigen geringfügigen Betrieb nicht aufrecht erhalten. Dies geht nur dank den Mitgliedern, welche ausdrücklich als Förderer der Sache beigetreten sind und dieser jährlich größere Summen zur Verfügung stellen. Soll das Geisteszentrum nun entsprechend dem vorhergehenden weiter ausgebaut werden, dann muß es richtige Stifter gewinnen. Ich hoffe mit Zuversicht, daß solche sich nunmehr, wo sich jeder von dem, was in Darmstadt gewollt wird, ein Bild machen kann, in genügender Anzahl finden werden. Vom Bau der erforderlichen Retraite ganz abgesehen: es bedarf in erster Linie eines Schülerfonds, um Unbemittelten, welche es wert sind, freien Aufenthalt in Darmstadt zu ermöglichen, dann eines Fonds zum Zweck der Heranziehung solcher, die zeitweilig als Lehrende in der Schule wirken könnten, wie es denn überhaupt im Sinn der Schule der Weisheit läge, jeder echten Qualität, so oder anders, zu entsprechender Wirksamkeit zu verhelfen. Endlich eines Fonds zur Beschaffung einer Bibliothek. Und auch von diesem außerordentlichen abgesehen: der normale Betrieb wird unvermeidlich vergrößert werden müssen.

Bisher führen die Darmstädter Herren vom Vorstande der Gesellschaft für Freie Philosophie ehrenamtlich die ganzen Geschäfte und nur zur Vorbereitung der Tagungen wird ein besonderer Geschäftsführer angenommen. Aber das kann nicht immer so bleiben, zumal auch ich bisher mehr Zeit auf rein Technisches aufwenden muß, als sich mit meinem eigentlichen Beruf verträgt. Aus allen diesen Gründen hoffen wir auf Stiftungen. Wir hoffen darauf desto mehr, als wir die ordentlichen Mitgliedsbeiträge der Gesellschaft für Freie Philosophie nach wie vor, wie schon bemerkt, möglichst niedrig halten wollen. Sind wir nun einmal so weit, aus dem Vollen zu schöpfen, dann besteht wohl kein Zweifel, daß die Schule der Weisheit noch ganz anders energisch wird wirken können als bisher. Schon ist sie mit allen Weltteilen in Verbindung. Schon ist eine besonders nahe mit dem Orient im Entstehen. Schon besuchen sie Mitglieder und Schüler aus aller Herren Ländern. Nicht gering ist die Zahl der schöpferischen deutschen Geister auf allen, zumal den praktischen Gebieten, die in lebendiger Verbindung mit dem Darmstädter Zentrum stehen und dessen Impuls auf ihren besonderen Tätigkeitsfeldern fruchtbar zu machen suchen. Für mich persönlich ist dieser allseitige Kontakt vielleicht das Wichtigste: dieser ermöglicht mir, den Sinn, den ich zu fassen vermag, nicht nur durch Werdende, sondern durch schon Fertige und Mächtige hindurch der historischen Erscheinung einzubilden. Aber auf mich kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist einzig die Fortleitung und Fruchtbarmachung eines überpersönlichen Impulses, dessen zufälliger Träger ich im Augenblicke bin, und der auf die Dauer zu einer Neu- und Tiefereinstellung aller führen kann. Zu diesem Ende habe ich die Schule der Weisheit gegründet. Zu diesem Ende soll sie wachsen und gedeihen.

1Alle Angaben das Materielle betreffend enthält der Prospekt, der von der Geschäftsstelle der Schule der Weisheit, Darmstadt, Paradeplatz 2, zu erfragen ist.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Anhang:Die Schule der Weisheit in Darmstadt
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