Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Worauf es ankommt

Vertiefung

Aus der Tatsache, daß die Natur dem Geist nicht letzte Instanz ist, gewinnt die Erscheinung sonach eine Bedeutung, die sie nicht hätte, wenn ihm kein Jenseits ihrer faßbar wäre. Eben weil alles anders sein könnte, bedeutet das Gegebene so viel. Man sollte meinen, daß seit Entdeckung des vom Möglichkeitsbegriff umschriebenen Seinsgebiets die von uns Menschen abhängende Wirklichkeit einen fortschreitend tieferen Hintergrund gewonnen hätte: immer mehr Verantwortung hätte sie zum Ausdruck bringen müssen. Tatsächlich gilt dies nur in äußerlichstem Verstand. Dies liegt daran, daß Leibniz selbst seine Erkenntnis nur auf den Gebieten der Ideenverknüpfung — der Mathematik und Logik — ausgebaut hat, nach ihm aber das einseitig wissenschaftliche Zeitalter anhub, das für lebendige Wirklichkeit wenig Verständnis besaß. Das Mögliche ist, tief verstanden, das unmittelbare Äußerungsgebiet der Freiheit; hieraus folgt, daß wir grundsätzlich die gleiche Macht haben, wie der Schöpfergott: nach unserem Bilde, dem unseres Ideales, Menschen zu schaffen, dem Schicksal bewußt die Wege vorzuzeichnen. Dies hätte des geistig Erwachten eine Sorge werden müssen, denn da Natur unweigerlich vollendet, was Geist begann, und die Menschenwelt von morgen fortlaufend den Charakter annimmt, den das lebendige Sein von heute begründete, so hätte alles Fortschrittsstreben fortan auf bewußte Seinsgestaltung gelenkt werden sollen.

Schon wo Bewußtsein nicht mitbestimmt, wo dunkler Drang und Zufall walten, beweist Erfahrung, daß die äußeren Umstände im Großen überall die Innenwelt spiegeln und die Natur-Routine nur gerinnen läßt, was freies Leben erstmalig begann; muß bestehendes Fatum hingenommen werden, so hätte es als solches kaum je zu entstehen gebraucht. Wir sind ja nicht bloß der räumlich-äußeren Natur überlegen: auch die Seele, als Inbegriff der psychischen Kräfte, gehört zu jener, ihre Gesetze sind durchaus gleichen Sinns wie die der Außenwelt1. Ist unser Geist dieser grundsätzlich Herr, dann steht nichts dem im Weg, auch die Seele dergestalt zu bilden, daß schließlich alles Fatum, das keine kosmischen Gründe hat, vom Geist die Richtung erhielte, wodurch die Menschenwelt auf die Dauer zur objektiv und absolut, nicht nur jeweilig bestmöglichen würde. Diese Einsicht hätte bestimmend werden sollen. Statt dessen wurde der Möglichkeitsbegriff vom aufgeklärten Europäer bloß abstrakt verstanden, auf Abstraktionen allein hin ausgebaut. Hieraus folgte denn, was bei der unbedingten Folgsamkeit der Natur nicht ausbleiben konnte: die apriorischen Wissenschaften nahmen einen ungeheuren Aufschwung, eine mathematische Möglichkeit nach der anderen wurde ausgebaut; durch die Übung jener geschult, setzte die wissenschaftliche Phantasie bald Erfindung über Erfindung in die Welt; immer bessere äußere Einrichtungen kamen auf. Allein das Leben selbst wurde kein Ausdruck tieferen Verständnisses, es wurde fortschreitend farben- und gestaltenärmer. So mußte es kommen, eben weil wir letztlich frei sind. Wie wir uns einstellen, so entwickeln wir uns. Senden wir all unsere Kräfte in die Vorstellungswelt hinaus, zentrieren wir unser Bewußtsein ganz in ihr, so wird zwar alles nur Mögliche sich realisieren, was in und von ihr aus realisierbar ist, allein wir selbst werden von den noch so reichen, aus der Erkenntnis herausgestellten Möglichkeiten nicht ergriffen, und das Schicksal geht unabhängig von unserem Wollen seinen Lauf2.

Schlimmer noch: nicht nur werden wir nicht mehr und anders dank dem, was wir erkennen — die eigentliche Selbstgestaltung, zuletzt die Erhaltung des früher Gestalteten hört auf, da alle Lebenskräfte sich nun in der Vorstellungswelt erschöpfen. So erklärt sich die seit den Tagen der Aufklärung unaufhaltsam fortschreitende Verdürftigung des persönlichen Lebens, die sich in einem immer mechanischeren Charakter der Völkerschicksale spiegelt. Des Mittelalters Tiefe, seine Farbenpracht, der tiefe Sinn seiner Geschichte beruhte darauf, daß jede damals erfaßte geistige Möglichkeit leibhaftige Verkörperer fand. Von einem wesentlichen Fortschritt, der seither erfolgt wäre, ließe sich dann nur reden, wenn die durch die Befreiung des Geists ermöglichte tiefere Erkenntnis sich ihrerseits in Leben eingebildet hätte. Dann wären gleich vollausgeschlagene Wissende erstanden, wie es früher Gläubige gab, eine gleich reiche Menschenfauna hätte die überlebte abgelöst, und jene hätte eine höhere Seinsstufe zum Ausdruck gebracht insofern, als alles äußere Geschehen in höherem Grad vom Geist bestimmt erschienen wäre.

Dies ist nicht geschehen, im Gegenteil: die Menschen sind fortschreitend unwesentlicher und ohnmächtiger geworden. Ihr immer gelehrtenhafter werdender Geist verhielt sich zur Welt nur mehr wie zu einem fertiggeschriebenen Buch, das es nur zu beurteilen galt, bemerkte an jeder Erscheinung immer mehr nur ihre Möglichkeit unter anderen; immer mehr schwand ihr Verständnis für die einzigartige Bedeutung des Einzigen, des Wirklichen als solchen, als eines durch freien Entschluß Erschaffenen. So schwand auch die Fähigkeit, lebendige Wirklichkeit in die Welt zu setzen, diese von innen heraus, anstatt von außen her, zu gestalten. So wurde das, was vormals Leben und Glaube war, immer mehr zu Theorie und Programm. Nur mehr von früheren Epochen geprägte Seinstypen begriffen bald die Bedeutung einzigartiger Seinsgestaltung; nur sie verkörperten noch bewußt ein Schicksal. Da aber ihre Seinsart auf der Linie der Geistesentwicklung überholt war, so konnten sie nicht mehr als Beispiele dienen, nicht mehr Schrittmacher sein; auf das Gesamtschicksal hatten sie keinen Einfluß. Heute hat der Gedanke seine unmittelbare Macht auf das Leben nahezu verloren. Bestimmter Glaube oder Glaubenswechsel bedeutet in bezug auf dieses ebensowenig, wie er einstmals viel bedeutet hat, von Überzeugung und Überzeugungswechsel nicht zu reden. Innere Entscheidungen kommen kaum mehr vor, weil solche dem veräußerlichten Geist physiologisch unerreichbar sind. So hat der Gedankengang, der von der Entdeckung eines Jenseits der Wirklichkeit ausging, zum genauen Gegenpol dessen geführt, wohin er, richtig geleitet, hätte führen können und sollen: zur Verflachung, anstatt zur Vertiefung des Menschenwesens, zugleich zur Mechanisierung des Schicksals.

1Vgl. hierzu, an der Hand des Registers, unter Seele und Ich, mein Reisetagebuch. Nähere Ausführung findet die gleiche Erkenntnis in den Zyklen der Schule der Weisheit.
2Genau ausgeführt habe ich diesen Gedanken in meiner Studie Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst. Das volle Verständnis dieses Buches setzt deren Kenntnis überhaupt voraus.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Worauf es ankommt
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME