Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Worauf es ankommt

Innere Entscheidung

Allerdings wird sich die Menschheit ihrer Unzulänglichkeit neuerdings sehr bewußt. Zumal der Weltkrieg, der ihrem wahren Seelenzustand — einem dermaßen barbarischen, wie ihn die Geschichte des gesitteten Europas zu keiner früheren Epoche aufweist — die Maske abriß, hat die Mehrheit zum Nachdenken genötigt. Doch da die Wurzel des Übels unerfaßt bleibt, so werden, aus halber Erkenntnis heraus, Heilmittel in Anwendung gebracht, die nicht einmal als Palliative wirken können. Wir kommen ja nicht weiter, weil unsere Ideale keine Lebensmächte, sondern herausgestellte Programme sind. Nichtsdestoweniger wird von solchen alles Heil erhofft — wo das Leben dahinsiecht, wird an Vorstellungsprodukten herumkuriert. Wenn die äußeren Einrichtungen vollendet gut sind, so urteilen die Meisten, werde jenes auch vollkommen werden. Das Sollen leite vom einen zum andern über. —

Die Vorstellung, vermittelst intellektuell anerkannten Sollens zu innerer Erneuerung zu gelangen, illustriert mit wohl abschließender Deutlichkeit die Wesensfremdheit des modernen Menschen. Gewiß gibt es in der Seele, jenseits des empirischen Willens, ein Motivationsgebiet, dessen Impulse, da sie aufs schlechthin Werthafte hinzielen, einen scheinbar unpersönlichen Charakter tragen; was einen von dort aus drängt, heißt die philosophische Terminologie in Analogie mit dem im Menschenleben äußerlich Aufgezwungenen ein Sollen. Allein eine schlechtere Analogie ist selten denkbestimmend geworden. Die ethischen Gebote entstammen einer noch tieferen Wesensschicht, als die empirischen Wünsche, sind somit über- nicht unpersönlichen Charakters. Ihr ideeller Ort liegt noch tiefer in der persönlichen Innenwelt, als der des persönlich Bestimmten. Umgekehrt steht es mit dem äußerlich Gesollten, und dieses allein kommt bei Programmen als solchen in Frage. Was man so soll, nicht will, ist ein totes Vorstellungsprodukt, ohne unmittelbare Beziehung zum Lebensmittelpunkt.

Daß solches Sollen durch Pflichtgefühl, opferfreudigen Entschluß, Verzicht, die im übrigen, der reinen Form nach, sehr wohl der innerlichsten Wesensschicht entstammen mögen, zu lebendigem Wollen umzugestalten sei, das ist nicht wahr: keine lebendige Brücke führt vom Programm zur schöpferischen Willensentscheidung hinüber; kein Mensch erneuert sich auf diesem Weg, so sehr die Askese ihm sonst zugute kommen mag. Hier hielten wir denn die eigentlich psychologische Ursache dessen, daß kein moderner Mensch durch seine Weltanschauung innerlich geformt wirkt: bei keinem erscheint die geistige Möglichkeit aus der Vorstellungswelt in die lebendige Wirklichkeit hineingebildet, gleich wie ein Sinn sich in den angemessenen Sätzen, Worten und schließlich Buchstaben ausdrückt. Demgemäß führt auch kein noch so ernster Erneuerungswille zu neuen Lebensformen; das metaphysische und psychologische Mißverstehen schließt dies aus. Wer dies begriffen hat, der möchte bitter lachen darob, wie die Erneuerung allerseits betrieben wird. Nachdem ein Programm als intellektuell befriedigend anerkannt ward, werden Bünde und Vereine gegründet, um dasselbe von außen her in Wirklichkeit umzusetzen. Da ihm aber keine schon stattgehabte innere Entscheidung zugrunde liegt, so bleibt es machtlos, wird nichts besser oder auch nur anders durch dasselbe. Das Leben rollt weiter auf den Schienen der Zwangsläufigkeit, welche die letzte innere Entscheidung gelegt hatte, und diese liegt meist weit in der Rassenvergangenheit zurück. Das Sollen, wie es gemeiniglich verstanden wird, ist eben ein völlig Lebensfernes; um Wesentliches zu wirken, muß es nicht nur im Wollen, sondern im Wollenden wiedergeboren sein. Hält man am Glauben an die unmittelbare Macht des Sollens fest, so gelangt man unabweislich zum Postulat des Terrors; in dieser Hinsicht, wie in vielen andern, erweist sich der Bolschewismus als eines tieferen Geistes Kind, als aller liberale Reformismus. Jener behauptet nun, Vergewaltigung sei als Vorstufe notwendig; im Lauf der Zeit verwandele sich das Erzwungene von selbst, wenn erst entsprechende Gewohnheiten erwuchsen, in persönlich Gewolltes; auch das Christentum hätte jahrhundertelang keine andere Taktik befolgt. Äußerlich läßt sich auf diesem Wege gewiß viel erreichen; wo nur die Außenseite des Lebens in Frage steht, wie im Fall aller bloß soziologischen Gestaltungen, wird Gewalt bis zum jüngsten Tag als zweckdienliches Mittel anerkannt bleiben.

Daß solches aber ausschließlich für die Außenseite des Lebens gilt, beweist gerade die Geschichte des Christentums. Dem äußeren Gebaren nach sind wir gewiß alle Christen. Innerlich hingegen sieht die überwältigende Mehrheit der heutigen Abendländer ihren heidnischen Altvorderen erstaunlich ähnlich. Soweit es echte Christen gibt, geht deren Sein nicht auf die Zwangsmaßnahmen der Obrigkeiten und das Fürwahrhalten bestimmter Lehren zurück, sondern das geheimnisvoll nachwirkende Beispiel Jesu und seiner echten Nachfolger — von Johannes und Paulus bis zu den schlichten Gotteskindern, von deren Dasein die weite Welt nichts ahnt. Nur Sein wirkt eben unmittelbar auf Sein1. So lange keine noch so kleine Menschenzahl den Inhalt eines Programms in dem Verstand vertritt, daß dieses nur den äußerlichen Ausdruck eines seinsmäßig Vorhandenen bezeichnet, bleibt jenes, vom Sein aus beurteilt, machtlos. Ersteres kann nun bisher von keiner Reformanhängerschaft behauptet werden. Kein Sozialist, von dem ich wüßte, will wirklich das, was er vertritt; gelangt er zur Macht, so lebt und handelt er gar bald im Geiste eben der Weltanschauung, die er vorher bekämpfte und äußerlich auch weiterbekämpfen mag. Wären nur ein paar tausend Sozialisten durch ihre Weltanschauung innerlich gebildet, dann, aber erst dann, dürfte mit dem baldigen Anbruch der prophezeiten sozialistischen Weltära gerechnet werden.

1Diesen Gedanken führen der letzte Zyklus und die Studie über die Schule der Weisheit in diesem Buche näher aus.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Worauf es ankommt
© 1998- Schule des Rades
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