Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Neuverknüpfung von Seele und Geist

Hier nun ist der Deutsche besonders übel dran, wegen der eigentümlichen Irrealität seines Geistes. Bei keinem Menschen steht das Denken von Hause aus dem Leben so fremd gegenüber; bei ihm trifft wirklich zu, was Schopenhauer allgemein als wahr behauptete: daß der Intellekt Parasit sei auf dem Willen. Mehr als jedem anderen Menschen fehlt ihm der unwillkürliche, selbstverständliche lebendige Zusammenhang von Denken und Sein, was ihn bald unpraktisch, bald blind-geschäftig, bald zum Ideologen, bald zum skrupellosen Geschäftsmann, was ihm die Darstellung irgendeiner Lebensganzheit äußerst schwer macht und, im besonderen, einer echten Seelenkultur bei ihm desto größere Hindernisse in den Weg legt, als die deutsche Seele von Hause aus undifferenziert und schwerfällig ist. Aber gerade aus diesen Gründen ist die Sehnsucht nach der neuen Synthese, die allen not tut, in Deutschland besonders groß. Nirgends wird das Unzulängliche des heutigen Menschheitverstandes deutlicher und schmerzlicher empfunden als gerade hier; die deutsche Literatur, das deutsche Gottsuchen, die deutsche nicht schulmäßige Philosophie, die deutsche Jugendbewegung in all ihren Schattierungen sind ein einziger Sehnsuchtsschrei in diesem Sinn. Deshalb ist die heutige Wende gerade für Deutschland so aussichtsreich. Da alles Große aus der Sehnsucht heraus geboren wird, weil nur der Suchende findet, nur der Nicht-Habende gewinnt, weil eben nur der, welcher nicht von vornherein am Ziel ist, überhaupt Probleme kennt, so besteht hohe Wahrscheinlichkeit, daß die neue Synthese auf deutschem Boden zuerst gelingen wird. Noch immer bisher sind die seltenen Großen, auf die alle Neuerung zurückgeht — denn der Originalitätsmangel der Menschen ist unermeßlich groß — dort aufgetaucht, wo sie als stärkste Gegensätze wirkten. So war Jesus Jude. Noch immer bisher haben die idealfernsten Völker die größte Anwartschaft auf Auserwähltheit gehabt. Es ist tief symptomatisch, daß das deutsche Volk heute wieder einmal das bestgehaßte ist. Warum wirkt es diabolisch, trotz seiner Biederkeit und Gutmütigkeit? Weil es am meisten vom Baum der Erkenntnis gegessen und insofern wirklich mehr als alle anderen seine Unschuld verloren hat. Aber die Unschuld ist kein Höchstes: das Höchste ist, durch Wissen über Gut und Böse hinauszugelangen. Dieser Umstand verstärkt nun Deutschlands Zukunftsaussicht. Nicht allein, daß er die erste Geburt des Neuen auf deutschem Boden noch wahrscheinlicher macht: in Deutschland geboren, käme der erforderlichen neuen Synthese von Seele und Geist, welche überall nottut, die größte Bedeutung zu, weil er in diesem Fall allein von vornherein so bewußt in die Erscheinung träte, daß ihr Beispiel unmittelbar bewußtheitfördernd wirken müßte. Aus diesem Grunde ist es persönliche Aufgabe jedes Deutschen, sein tiefstes Wollen unmittelbar auf das höchste Ziel zu richten. Nichts muß innerhalb der Menschheit geschehen, es sei denn, es werde bewußt erstrebt. Die historische Notwendigkeit bezieht sich immer nur darauf, daß Bestimmtes zu gegebener Zeit vor allem gewollt werden soll und dann seitens irgend Eines auch meistens mehr oder weniger rechtzeitig gewollt wird. So gilt es heute vor allen Dingen in Deutschland, aus dem Dämmerlicht des Uneingestandenen, des Verdrängten ins Licht der vollen Bewußtheit hinanzustreben, sich am eigenen Bild vollkommen einzugestehen, was am Zustande aller verfehlt ist, dieses Unzulängliche mit Geist und Seele nachzuerleben. So gilt es vor allem in Deutschland, aus jener Irrealität, die für den selbständig gewordenen Geist überall, aber für den deutschen besonders verhängnisvoll charakteristisch war, zu vollem Wirklichkeitsbewußtsein zu gelangen, bei keiner Vorstellung als solcher mehr stehenzubleiben, sondern zu fordern, daß jedes Wort zu Fleisch, jede Erkenntnis zu Leben werde, seinen ganzen Willen diesem Ziele dienstbar machend. So gilt es hier vor allem, sich so zu wandeln, daß das Leben nicht der herausgestellten abstrakten Erkenntnis dienstbar bleibt, sondern innerlich, organisch erkenntnisbedingt wird1: und die Wiederverknüpfung von Geist und Seele wird beginnen. Sie wird nur bei wenigen zunächst beginnen, aber auf diese wenigen gerade kommt es an.

Es gilt für den modernen Abendländer, auf höherer Bewußtseinsstufe wieder ganz zu werden, wie dies der mittelalterliche Mensch in hohem Grade war, wie dies vom Morgenländer noch heute vielfach gilt. Im Einzelfall bedeutet dies unter anderem: es gilt aufs neue ins Gleichgewicht zu kommen. Es gilt einzusehen, daß, wo der Intellekt bestimmt, die Psyche nicht stillstehen darf, daß der mannesartige Geist die weiblich geartete Seele zu sich herauferziehen muß, daß aber sie — diese Einsicht geht dieser Zeit am meisten ab — das eigentlich Lebendige und insofern Ausschlaggebende am Menschen ist. Warum schwärmten die hochgebildeten Slawophilen in Rußland für den Mushik? Weil in diesem das normalerweise vorlag, was sonst niemand in Rußland, außer im Falle von Ausnahmemenschen, zur Darstellung brachte: eine vollendete Synthese von Seele und Geist. Es sollte aber höhere Lebenseinheitsformen geben können als die des rohen Bauern, und daß es diese in Rußland nicht gab, hat das historische Schicksal der dortigen Oberschicht besiegelt. Ebenso sollte das moderne Westeuropa, dem vergangene Schönheit nichts mehr sagt, zu Höherem aufschauen können als zur simplistischen Tugend des Amerikanertums. Allein auch dem für gebildet geltenden Durchschnittseuropäer von heute, dessen Typus sich immer mehr nach dem Mann auf der Straße orientiert, fehlt bei großer Intellektualität und bedeutenden Kenntnissen in der Regel jede Bildung. Daher seine Irreligiosität, seine Immoralität, sein Vonsichweisen aller gehaltschaffenden oder -erhaltenden Formen. Bis dieses nicht anders wird, kann die westliche Menschheit aus dem Chaos unmöglich hinausgelangen. Sie muß innerlich neu geformt werden. Solches ist aber heute nur mehr möglich vom Intellekte her, durch Bereicherung und Vertiefung der Einsicht. Kein noch so hohes Beispiel ursprünglicher seelischer Schönheit oder spiritueller Durchdringung kann die Wendung herbeiführen, sofern das höhere Sein nicht von gleichwertigem Verstehen und Wissen begleitet wird. Daher wird das Heil dieses Mal von keinem neuen Glauben kommen, so groß die Sehnsucht gerade nach diesem sei. Die Neuverknüpfung von Seele und Geist muß von diesem ausgehen, auf der Höhe höchster Geistigkeit, damit Entscheidendes, prinzipiell Bedeutsames geschähe, damit nicht bloß zufällig einmal ein Beispiel vollkommenen Seins die Welt beglückt, sondern allen der Weg zur Vollendung neu ermöglicht würde. Hieraus ergibt sich das Folgende: die wichtigste Aufgabe kommt heute nicht der Religion zu, sondern der Philosophie.

1Über diesen für die Zeitlage wichtigsten methodischen Unterschied lese man alles Nähere betreffend, das ich hier nicht wiederholen kann, meine Studie Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst nach.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
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