Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Die Aufgabe der Philosophie

Der Philosophie? Der wirklichkeitsfremdesten aller Wissenschaften? dem für das Leben überflüssigsten Ausdrucksgebiet des Abstraktionsvermögens? — Sofern sie nicht mehr, nichts Besseres als dieses ist, wohnt ihr freilich keine Heilkraft inne. Aber Philosophie ist weder trockene Wissenschaft noch geistiger Sport: ihrem Inbegriff nach ist sie Erfüllung der Wissenschaft in der Synthesis der Weisheit.

Daß Philosophie jemals zu einer wissenschaftlichen Disziplin unter anderen hat werden können, ist vielleicht das krasseste Beispiel jener Fragmentarisierung und Entseelung, welche der intellektuale Fortschritt überall am Leben bewirkt hat. Gewiß sind Erkenntniskritik, Gegenstandstheorie, Phänomenologie und Logik wichtige Wissenszweige, und daß sich das, was vormals einheitlich Philosophie hieß, in diese zerteilt hat, bedeutet ein unbedingtes Weiterkommen in der Einzelerkenntnis. Aber daß darüber der Sinn für die lebendige Synthesis verlorengegangen ist, so sehr, daß man sich dahin verstiegen hat, in der Philosophie die Wissenschaft der Wissenschaften zu sehen und im Philosophen einen Enzyklopädisten — dies war ein reines Übel. Wahrscheinlich war es unvermeidlich. Die frühesten Synthesen der Philosophie hielten der Kritik nicht stand, die Ausdrücke antiker Weisheit schienen besserer Begründung oder der Vervollständigung fähig — also lag es nahe, den Wert der Synthese überhaupt in Frage zu stellen, um so mehr, als solche, je weiter die Wissenschaft fortschritt, desto ausschließlicher in der Form abstrakter Systeme vorstellbar erschienen; oder aber die Synthese wurde nur an der Grenze des Möglichen für berechtigt anerkannt, in dem Sinn etwa, wie Gott für Hegel wesentlich Resultat war. Tatsächlich ist aber die Synthese die zeitlos-ewig gegenwärtige Forderung, die implizite Voraussetzung zugleich jedweder Analyse, und deren Produkte stellen immer nur ein Vorläufiges dar, vom Standpunkt ihrer Entstehung her betrachtet, an sich aber Teilausdrücke und Organe, genau wie die Teile eines lebendigen Tiers. Wir mögen noch so weit in der Wissenschaft gelangen: Endziel kann diese niemals sein; sie wird immerdar ein Organ des Lebens bleiben müssen, und beansprucht sie mehr, so wächst sie sich zum Krebsschaden aus. Wir mögen noch so viel Disziplinen unterscheiden und voneinander reinlich abzugrenzen lernen: mehr kann dies nimmer bedeuten, als daß der Organismus des Geisteslebens kompliziert und vervollkommnet wird, genau im gleichen Sinne wie das Tier, je höher organisiert, aus desto mehr voneinander unabhängigen und gleichsam frei zusammenarbeitenden Organsystemen besteht.

Dieses immer gegenwärtige allem zur Voraussetzung dienende einheitliche Leben nun bedeutet, auf dem Gebiet des Erkennens, die Philosophie. Man könnte sagen: auch diese ist immer da, nur tritt sie als solche nicht immer in die Erscheinung; jede Wissenschaft setzt, in der Idee, eine sie ermöglichende Philosophie voraus. Aber während die Unbewußtheit des Lebens als solchen auf der Ebene des automatisch sich abrollenden physischen Daseins keine Nachteile bedingt, wenn Gleiches noch für ungebrochenes Seelenleben gilt und für alle die Vorgänge, welche aus sicherem Instinkte hervorgehen, so erweist es sich auf der Ebene des bewußten Geistes, die immer mehr zur Bewußtseinslage des ganzen Menschen wird, daß Unbewußtheit des Urzusammenhangs oder dessen Mißverstehen das Leben geradezu gefährden kann. Für die Chemie, für die Sprengstoffkunde als solche bleibt es sich freilich gleich welchem philosophischen Bekenntnis der Zeitgeist anhängt; für den Menschen, die Menschheit nicht. Denn ein Irrtum im spezifischen Gewicht, der bei der allgemeinen Gewichtsverteilung einem bestimmten Geistesausdruck zugeteilt wird, ein Versehen bei der Akzentverlegung, ein Mißverstehen des eigentlichen Sinns kann da zur Folge haben, daß der Urzusammenhang sich lockert, zerfällt oder der Gesundheit verlustig geht, was nicht nur im Sinn der akuten oder chronischen Erkrankung, sondern des Vitalitätsverlustes und des zuletzt unvermeidlichen natürlichen Todes geschehen kann. Je mehr der Mensch sich zur Bewußtheit entwickelt, desto irrtumsfähiger wird er, und desto verhängnisvoller werden seine Mißverständnisse. Es ist ein Zustand nicht allein denkbar, sondern wahrscheinlich, wo bewußtes Verstehen des lebendigen Zusammenhangs uns mittelbare Voraussetzung seines Bestehens sein wird, wo alle Selbstregulierung der Natur in einer bestimmten Sphäre aufgehört haben und das glückliche Funktionieren des, ganzen Menschen vom bewußten Willen abhängen wird. Dann werden Irrtümer unmittelbar tödlich wirken. Es ist nicht wahr, so oft es behauptet wird, daß der Fortschritt im Automatischwerden des zuerst bewußt Getanen besteht: nicht er selbst, sondern seine Grundlage besteht darin.

Wie der Automatismus der organischen Funktionen Geistesfreiheit ermöglicht, wie der Künstler seine Technik im Schlaf beherrschen muß, wenn er sich völlig unbehindert ausdrücken soll, so ruht der Nachdruck überall nicht auf dem Unbewußtwerden, sondern umgekehrt der Bedeutungs-Steigerung des Bewußtseins, welches sich, über neu entstehende Automatismen hinaus, auf immer höherer Ebene erhebt. Was dort nun geschieht, wird immer mehr entscheiden, je mehr der Lebensapparat sich kompliziert. Deshalb kann es wörtlich wahr werden, daß geistige Irrtümer unmittelbar den Tod nach sich zögen. So weit sind wir freilich noch nicht, aber wir sind nicht mehr gar so weit davon entfernt. Die Zersetztheit des abendländischen Lebens rührt eben daher, daß der Zusammenhang des Lebens falsch beurteilt wird und jede Einzelseele entweder mehr oder weniger krebskrank ist oder doch an gelinderen Organveränderungen und funktionellen Störungen leidet. Dies hat in der Summe einen allgemeinen Vitalitätsverlust zur Folge. Hier kann offenbar nur Eines helfen: das Wiedererwecken, das Steigern, Vertiefen und Verdeutlichen des lebendigen Urzusammenhangs. Eben das aber ist die eigenste Aufgabe der Philosophie.

Die Philosophie muß von der Sonderwissenschaft, vom geistigen Sport aufs neue zur Weisheit werden. Was sie einstmals war, was sie im Differenzierungsprozeß der Erkenntnis zu sein zeitweilig aufgehört hatte, das muß sie, in erhöhter Integrierung, wieder werden. Wenn das naturhafte Leben vollendet in die Erscheinung tritt, in glücklichstem Gesamt­gleich­gewichts­zustand; wenn die Höherentwicklung Disharmonie zur ersten Folge hat, so geschieht die Höchstentwicklung im Zeichen des Vollendungsideals. So erfüllt sich auch die Philosophie, die als wie selbstverständliches Weisen-Wissen begann, welche später in viele Forschungszweige zerfallen war, im Ideal der vollendeten Weisheit. In dieser werden Praxis und Theorie zu eins, verschmelzen Erkennen und Sein zu schöpferischer Wirkungseinheit. Auf dem Wissen aber ruht der Akzent. Das erkennende Subjekt wurzelt tiefer als das tätige im Wesen; bei jenem liegt, sobald es erwacht, alle letzte Entscheidung. Deshalb lehren die Inder mit Recht, daß alle Erlösung in Erkenntnis besteht. Deshalb widerstreitet es der eigensten Natur der Dinge, wenn bei hochentwickelter Bewußtheit das Heil trotzdem von Vollendungsstufen niedrigeren Bewußtheitsgrades erwartet wird. Was Hegel um ein Jahrhundert zu früh als wahr verkündete, ist heute der Fall. Heute sind wir tatsächlich so weit, daß der Philosoph, nicht der Religionslehrer, auch nicht der praktische Ethiker, die für das Leben wichtigste Aufgabe hat: es gilt Geist und Seele in lebendigen Einklang zu bringen, aber nicht von dieser her, wie jede Kirche, auch jede bisherige Schule dies erstrebt, sondern von jenem aus.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
© 1998- Schule des Rades
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