Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Erziehung zur Weisheit

Wie soll nun der Philosoph seiner höchsten Aufgabe gerecht werden? Er muß sich dazu zum Weisen vollenden. Er muß sich vom Ideal der vollkommenen Wissenschaftlichkeit zu dem der Weisheit, das heißt des erkenntnisbedingten Lebens hinanwenden, sein Bewußtsein im Reich des Sinns zentrieren. Zu dem Ende muß er lernen, die geistigen Mächte, über die er verfügt, von der Bildfläche des bloß Vorgestellten auf das zentrale Leben zurück- und in dieses hineinzubeziehen1. Er muß, durch entsprechende Akzentverlegung, eine Umorganisation seines Geisteswesens einleiten, so daß ihm der wissende Mensch, nicht der Denker, Wisser und Versteher, zum Ideale wird. Anstatt darauf hinzuzielen, möglichst viel tiefsinnige Bücher zu schreiben, die ihn selbst unverwandelt lassen, muß er darauf bedacht werden, sämtliche Äußerungen seiner Natur zu unwillkürlichen Ausdrücken seines tiefsten Wissens zu gestalten. Er muß seinen Typus von Grund aus wandeln. Selbst der echte Philosoph galt im Westen bisher als exzentrische Erscheinung, und war es auch, denn, wirklichkeitsfremd, vertrat er nur zu oft entweder ein Wissen, welches zur Wirklichkeit in entfernter Beziehung steht, oder aber er stand außerhalb der Welt, diese rein betrachtend, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sein persönliches Leben zum Körper seiner Erkenntnis zu machen. Der Weise hingegen, als welcher sein ganzes Leben aus dem Geist des höchsten Wissens wiedergeboren hat, bezeichnet die höchste Erfüllung im Konzentrischen, welche diesseits der Heiligkeit vorstellbar ist. Deshalb stellen Weisentum und Weisheit nichts Abliegendes dar, sondern die eigentliche Krönung des Lebens. In meinem Reisetagebuche habe ich dargelegt, was es mit den Heiligen und Weisen — und dementsprechend, in der abstrakten Sphäre, mit den absoluten Werten — im Letzten für eine Bewandtnis hat: in ihnen er, klingen die Grundtöne des Lebens, auf die hin alle übrigen sich abstimmen sollen. Im Zusammenhange dieser Betrachtung muß man sagen: in ihnen erfährt dessen Ganzheit seine geistige Sublimierung. Deshalb bedeutet Weisentums nichts anderes, als die höchste Stufe des Vollmenschentums, die zu Fleisch gewordene Universalität. Deshalb kann es, als Ideal und Vorbild vorgestellt, einen jeden fördern. Deshalb ist Weisheit keine besondere, gar exzentrische Betätigung, sondern vielmehr jedermann zugänglich in der Idee.

Wenn die Erfahrung, wenn das bloße Alter mehr oder minder weise macht, und zwar unabhängig von der vorhandenen Begabung, so bedeutet dies doch, daß ein mögliches Bewußtwerden der ganzen erlebbaren Wirklichkeit und deren Sinns sowie die Durchdringung aller Äußerungen durch diesen auf der natürlichen Bahn des aufsteigenden Lebens liegt. Dieser normale Prozeß muß nur beschleunigt, er muß vertieft werden, von der Ebene der Erkenntnis, daß etwas notwendig und nötig ist, bis zu der tieferen des Verständnisses, warum dem also ist, dieses warum natürlich nicht empirisch-kausal, sondern bedeutungsmäßig verstanden. Also handelt es sich bei der Erziehung zur Weisheit keineswegs um eine Forderung für wenige Bevorzugte. Wohl wendet sich die dunkle Weisheit begabter Eigenbrödler, und solcher höchsten Könnens, nur an wenige, weil diese tatsächlich abseits liegt, nur aus bestimmter Perspektive verständlich scheint, nur einzelne Sonderbegabungen fördert. Aber die Weisheit eines Christus, eines Krishna, eines Buddha schließt niemanden aus. Sie geht jeden an und wirkt auf jeden, weil sie die Krone des normalen konzentrisch gelebten Lebens ist und daher auch dort überzeugt, wo die Organe fehlen, um ihren ganzen Sinn zu fassen. Sie wirkt unmittelbar als beglückende Verdeutlichung dessen, was jeder im Tiefsten seiner Seele als wirklich und richtig ahnt, als Offenbarung, von außen her, des eigenen innersten Wahrheitswissens. Sie steht zu jedem in prästabiliertem Verstehensverhältnis, wie der Grundton zu beliebiger Melodie, die sich auf ihn bezieht. Mag deshalb herausgestellte tiefste Erkenntnis nur für wenige bestimmt sein — lebendige spricht jeden an. Nicht zwar notwendig sein Bewußtsein, desto mehr sein Wesen, das unter allen Umständen vielmehr weiß, als der beste Verstand. Deshalb ist Erziehung zur Weisheit grundsätzlich für alle bestimmt, weil jeder, innerhalb der Grenzen seiner Begabung, der Einstellung fähig ist, die im Falle höchster den Weisen macht. Dieser allein darf freilich lehren. Aber alle können ihn, soweit es ihnen frommt, verstehen. Genau wie zu gläubigen Zeiten religiöse Wahrheit aller Leben formte, gleichviel, wie weit sie jeweilig eingesehen wurde, so kann und wird es in Zukunft mit der Sinnes-Erkenntnis sein.

Das Höhere wirkt ansteckend auf das Niedere und wandelt dieses, sich selbst entsprechend, um. Deshalb gilt vom Weisen, genau wie vom Religionsstifter, vom Pädagogen, daß sein Dasein, nicht sein Tun die Hauptsache ist; seine eigenste Sache, als Grundtons in der Lebenssymphonie, ist rein zu erklingen, als Grundton tonangebend zu sein. Indem der Weise durch sein Beispiel die Grundtöne des Lebens im Bewußtsein aller wacherhält, ermöglicht er es auch allen, sich auf diese hin richtig abzustimmen, die Dissonanzen immer erneut in harmonischen Einklang aufzulösen. Indem er ferner im gegebenen Augenblick die Tonart oder die Tiefenlage wechselt, beweist er die Initiative, die allen Fortschritt letztlich innerlich bedingt, und bewirkt die Beschleunigung des Gesamtlebens, deren dieses immer erneut bedarf, um nicht zu verknöchern oder zu verfallen. Das Leben an sich ist unaufhörliche Neuschöpfung. Diese wird dadurch ausgelöst, daß der Entwicklungsprozeß immer wieder beschleunigt wird, was seinerseits durch befruchtende Initiative geschieht. Hier gilt ein gleiches Schema von der physischen Zeugung, über den Geschichtsprozeß hinweg, bis zu den Höhen reinster Geistigkeit. Überall muß, damit kein todverheißender Stillstand einträte, der sonst in Wiederholung bestehende stete Neuschöpfungsvorgang in gewissen Abständen durch Mutation eine Wandlung oder Richtungsänderung erfahren. Tritt nicht durch solche Impulse immer wieder ein beschleunigendes Motiv ins Leben hinein, so erfolgt Verknöcherung, Entartung, schließliches Aussterben. So entwertet sich auf die Dauer jeder zu lang unverjüngte und unverwandelte Menschentyp. So wird jeder Kunststil auf die Dauer zum Cliché (S. 54). So erstarrt jede bestimmte Philosophie, früh oder spät, in öder Scholastik.

Der Mutationsprozeß nun, dessen Charakter im Falle der Artentwicklung in vollständiges Dunkel gehüllt erscheint, der im Fall des rechtzeitigen Geborenwerdens und Eingreifens großer Männer in die Geschichte rätselhaft bleibt, ist jedem wenn auch nicht verständlich, so doch geläufig im Fall der individuellen Initiative. Initiative ist das geistige Äquivalent der natürlichen Urschöpferkraft, soweit diese sich zur Neuschöpfung potenziert; jene bedeutet recht eigentlich bewußtes Schaffen aus dem Urquell der Natur heraus; das rechtzeitige Erfinden dessen, was gerade not tut, das rechtzeitige Erfassen und Erfüllen des Gebots der historischen Stunde hat genau den gleichen Sinn, wie das rechtzeitige Entstehen der neuen, den veränderten Verhältnissen einzig gemäßen physischen Lebensform. Wer immer Initiative beweist im Geist, bringt ein neues, beschleunigendes Motiv in die Geisteswelt hinein und bedeutet mehr, als der scharfsinnigste Fortsetzer überkommener Gedankenreihen. Solche beweist jeder schöpferische Geist. Die Macht des Weisen ist größer. Er und er allein bedeutet jene Stillstandsgebärde im Reich des geistig-seelischen Werdens (s. S. 90), die allein das Leben als solches erneut. Wer durch sein Dasein einen tieferen Grundton anschlägt, kann Fortschritt einleiten, nicht bloß Veränderung. Stellt sich, wie heute, die neue Aufgabe, das vorgeschrittene Wissen ins Gesamtleben hineinzubeziehen, aus tiefster Einsicht dieses neu zu beseelen, so ist ihr von Hause aus nur der gewachsen, welcher selbst nicht allein ganz Initiative des Geistes ist, sondern geistbestimmten Lebens; dessen Bewußtsein, im schöpferischen Urgrund verwurzelt, aus diesem genährt, unaufhaltsam Ursprüngliches hervorbringt, damit dauernd eine Lage bewahrend, die allem Nachmachen, Fortsetzen, Blind-Glauben, So-oder-anders-Meinen, Vorurteilen, und was der Eigenschaften mehr sind, die allem schulmäßigen Geistesleben anhaften, ursprünglich überlegen ist. Solches gilt naturgemäß von dem, der in der Welt des Sinnes seine Heimat hat. Solches gilt aber zugleich von ihm allein. Deshalb, noch einmal, tut der Weise als Typus unserer Zeit am meisten not. Wohl ist es diesem wesentlich nur um den Sinn zu tun, der sich ewig gleich bleibt durch alle Veränderung. Aber gerade weil er auf ihn allein bedacht ist, so nimmt zur gegebenen Stunde mit Unvermeidlichkeit auch der Erneuerungsimpuls von ihm den Ausgang, dessen es jeweilig bedarf, auf daß das Leben vor- und aufwärts schreite und nicht stehenbleibt. Denn gerade der gleiche Sinn erheischt zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Ausdruck.

1Vgl. hierzu, alles nähere betreffend, Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME