Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Geistesverwurzelung

Gehen wir jetzt zur neuen Praxis über. Es ist vornehmste Aufgabe dieser Zeit, so sagten wir, den Weisen als Typus zu ermöglichen, heranzuerziehen und ihm die notwendige Resonanz und Wirkungsmöglichkeit zu bieten. Die Weisheit soll im selben Sinn zum unmittelbaren Lebens- und Vermittlungsziel werden, wie dies von jeher, seitens der Kirche, für den Glauben und die Tugend gilt, und in der modernen Welt hauptsächlich für die Wissenschaft. Der Weise muß für das allgemeine Bewußtsein zur selbständigen Autorität werden. Auf ihn hin ist deshalb ein neuer Anstaltstypus zu begründen. Auf daß sie hinausgelangten über den heutigen chaotischen Zustand, müssen die Werdenden unmittelbar dazu erzogen werden, nicht Fragmente, sondern Menschen zu werden, keine Denkmaschinen, sondern lebendig Wissende, keine Nachplapperer und Verewiger fremder Gedanken; der Bildung zur Weisheit Ziel soll sein, daß jene keine Befolger überkommener Routine würden, sondern voll verantwortliche, durchaus ursprüngliche Wesen, welche nur das bekennen, was sie aufrichtig meinen, nur das meinen, was ihnen wirklich entspricht, und die nicht rasten, bis daß das Wort, das sie als ihre Wahrheit erkannt haben, in ihnen zu Fleisch geworden ist.

Dies gelänge allein in einer Schule, in welcher Verstehen des Sinns und die Neufassung aller Erscheinung aus ihm heraus vom Lehrer zum Schüler vermittelt würden; die genau auf der Ebene zu stehen käme, welche sich immer wieder, im Lauf dieser Abhandlung, als Bewußtseinsebene des vorgeschrittensten modernen Menschen herausstellte: der, auf welcher Verstehen und Sein zusammenhängen und unmittelbares Beeinflussen dieses durch jenes möglich ist. Sie liegt mitten inne zwischen den Daseinsflächen der Kirche und der Universität, prinzipiell aber jener näher als dieser, weil die Schule der Weisheit in erster Linie das Sein beeinflussen soll. Nicht aber — dies ist ihr Niedagewesenes — durch gläubige Hinnahme des Richtigen, sondern durch persönliches Verstehen. Heute handelt es sich darum, die Vollendung, die früher Glaube allein gewirkt, aus dem Geist vollkommen bewußten Wissens heraus erreichbar zu machen, an die Stelle des gläubigen Nachschaffens überall, auf dem Gebiete der Ethik ebenso sehr wie dem der Theorie, die schöpferische Initiative zu setzen. So würde die Schule der Weisheit wesentlich eine Schule der Bewußtheit darstellen, aus dem Geist äußerster Wahrhaftigkeit und stärkster Willensanspannung heraus. Als solche nun richtig geleitet, könnte sie nicht umhin, das erwünschte Ziel zu erreichen.

In der Tat: würden die Werdenden ständig dazu angehalten, nicht allein selbst zu denken, sondern sich bei jedem Gedanken zu fragen, ob er ihnen tatsächlich entspricht, sich bei keiner Instanz vor dem letzterreichten Bewußtheitsgrade zu bescheiden, von jedem noch so bewährten Satze zu verlangen, daß er ihnen seinen Sinn vollkommen klar enthülle, wodurch sie zu vollkommener Aufrichtigkeit erzogen würden, zur Wahrhaftigkeit gegen sich selbst im äußersten Verstand, dann würden alle Hirngespinste wie im Wind zerreißen, und alle Vorstellung Ausdruck oder Spiegel von Wirklichem werden. Würde ihnen ferner stetig der Weg dahin gewiesen, aus dem Geist des Wissens heraus das Leben zu formen, nur das zu tun, was ihrem tiefsten Wissen entspricht, in sich selbst keinerlei Vorläufiges gelten zu lassen, dann müßte unbedingt eine Neuformung ihres ganzen Wesens stattfinden, eine Synthesis entstehen von Wille, Seele und Geist, die sie hinausführt über die Zersplitterung und Zersetztheit des jetzigen Zustandes zur Ganzheit freien, vollbewußten Menschentums, und zwar eines Menschentums von tieferer Geistesverwurzelung, als es je bisher als Typus geherrscht hat.

Jetzt ist wohl deutlich, daß es sich bei solcher Schule um ein völlig Neues handeln würde, und daß es eben dieses Neue ist, das diese Zeit vor allem verlangt. Manche, im Bewußtsein, daß schöpferisch-persönliche Einwirkung wichtiger ist als Wissensvermittlung, und ethische Beeinflussung der Jugend notwendiger als ihre Anleitung zum Forschen, wollen die Universität daraufhin pädagogisieren: den Hauptnachdruck bei der künftigen Dozentenwahl auf die Lehrbefähigung legen; aber hiermit würde nur die Stätte freien Forschens zur Mittelschule zurück herabgedrückt, der Geistesfortschritt würde Einbuße erleiden und das bestdenkbare Ergebnis des neuen Bildungsprozesses würde die Formung von biederen Durchschnittsmenschen sein auf einmal anerkannter Erkenntnisbasis. Mehr würde jedenfalls nicht erreicht, als die Erziehung durch die Kirche bewirkt, oder, im Höchstfall, die konfuzianische Lehrmethodik. Freilich bedarf es dessen: je weiter die Demokratisierung fortschreitet, je breiter die Basis der Bildungspyramide wird, desto mehr bedarf es solcher Anstalten, welche der Masse die beste Bildungsmöglichkeit bieten und dafür sorgen, daß das allgemeine Niveau, trotz der allgemeinen Nivellierung nach unten zu, die Demokratisierung mit Unvermeidlichkeit bedingt, unter einen gewissen Horizont doch nicht herabsinke. Aber worauf es heute vor allem ankommt, ist die Fortleitung der Impulse, die von den Gipfeln kommen, in die Bahnen des allgemeinen Menschheitsfortschritts, und da kann es sich offenbar nicht um die Pflege einer bestimmten Gestaltung handeln, sondern um eine Pflege des Schöpferischen als solchen, jenes tiefsten und wesentlichsten im Menschen, aus dem alle bestimmte Schöpfung immer erneut hervorgeht; um eine Heranbildung dessen im Menschen, und von dem her, was seinem Wesen nach unobjektivierbar ist und daher in keinerlei auf Gegenständliches bezüglichen Lehrplan paßt.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
© 1998- Schule des Rades
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