Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Bewußtseinseinheit

Die Schule der Weisheit muß also ein Drittes werden neben Kirche (das Wort im weitesten konfessionellen Sinn verstanden) und Universität. Zu jener stände sie in dem Verhältnis, daß sie gleich ihr den ganzen Menschen zu bilden, seine Seele zu spiritualisieren trachtete, überdies aber eine Synthesis anstrebte zwischen Seelenleben und selbständig-vollbewußtem Geist, so daß nicht Glaube die letzte Instanz bezeichnete, auch nicht abstraktes Wissen, sondern Glaube, Wissen und Leben zu eins würden in lebendiger höherer Bewußtseinseinheit. Zu dieser stände sie im Verhältnis einer Krönung. Einer Krönung, insofern sie zur Aufgabe hätte, das in der Hochschule gewonnene Wissen einer Lebenssynthese einzuverleiben, die sich die äußerste abstrakte Erkenntnis organisch einzugliedern vermöchte und den bloß Könnenden dergestalt zum Seienden umschüfe. Viele meinen — sofern sie sich die Frage überhaupt gestellt —, daß solche Weisheitsschule überflüssig sei: es genüge, wenn die Meister frei, durch Bücher oder Gelegenheitsvorträge wirkten; oder auch, sie sei unverwirklichbar; es sei unmöglich, die anregenden lebensspendenden Kräfte, die von jenen ausstrahlen, in geregelter Form der Gesamtheit dienstbar zu machen. Allein sie irren.

Die Erschaffung eines äußeren Wirkungsrahmens für den Weisen ist erforderlich erstens, damit der typischen Neigung jedes, aber besonders des deutschen Geistesmenschen, im Ideellen zu verschweben, vorgebeugt werde. Nie und nimmer darf der Geist, sofern Weisheit sein Ziel ist, den Zusammenhang mit der Wirklichkeit verlieren, und dieser Gefahr wird am ehesten dadurch gesteuert, daß er von vornherein eine bestimmte Aufgabe in ihr erhält, oder veranlaßt wird, sich von vornherein einem Typus einzubilden, der eine bestimmte Rolle in ihr spielt. Weisheit bedeutet Erfüllung im Konzentrischen, die geistige Sublimierung des Vollmenschentums. Also ist ihr Reich ganz und gar von dieser Welt. Der Geistesmensch nun bescheidet sich allzuleicht bei einem selbstgenügsamen Denk- und Vorstellungsleben, und wird er zur Synthesis von Geistes- Seelen- und Willensleben nicht gezwungen, was im Fall der Mehrheit nur von außen her geschehen kann, so wird aus ihm schwerer ein Weiser, als aus einer naturhaft-normalen verheirateten Frau. Was liegt in deutschen Büchern nicht an Geist verstreut! Dieser bleibt aber meist wirkungs- und bedeutungslos, weil er in eigener Sphäre rein für sich lebt und gewöhnlich sogar nicht mehr bedeuten will, als daß er ist. Wie lebensfremd ist typischerweise der Gelehrte! So günstig dies unter Umständen für die Spezialforschung sei — wo es sich um Wirklichkeitserfassung handelt, gleichviel in welchem Sinn, macht es den Menschen blind und unzulänglich. Man gedenke der vielen Hirngespinste, die Philosophen ausgeheckt, der Unfähigkeit der meisten Historiker, die Geschichte im Werden zu verstehen, der verhängnisvollen, geradezu verbrecherischen Rolle, die Intellektuelle und Professoren während des Weltkrieges gespielt: auf deren Irrealität hauptsächlich ist es zurückzuführen, daß der Krieg allerseits im Geist des Wahns geführt worden ist und der entsetzlichste Unsinn zuletzt gesiegt hat.

Es muß von vornherein eine Typisierung vorgesehen werden, deren Höchstausdruck Weisen- und nicht Gelehrtentum wäre, die ihre Vergegenständlichung in einer Anstalt fände, die ihrer Ur-Einstellung nach auf Seins-, nicht auf Könnenskultur abzielte. Auf die Einstellung, in der Tat, kommt alles an1. Aus jedem Menschen kann grundsätzlich alles werden; diese Wahrheit kündet das Sprichwort Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Wozu er wird, hängt davon ab, wie er sich einstellt. Insofern sind alle Seinsgestaltungen Willensprodukte. Deshalb kann die Hochschule das, was die Heimstatt für die Weisheit bewirkte, nie erzielen. Bei dieser handelte es sich um den Körper einer bestimmten geistig-seelischen Einstellung, um den ideellen Mittelpunkt, von dem aus diese sich auswirken könnte. Die Frage, was im besonderen in ihr geschähe, ist sekundär, denn grundsätzlich kann alles im Geist der Weisheit geschehen und dieser zuführen. —

Die zweite Erwägung, welche die Erschaffung eines äußeren Wirkungsrahmens für den Weisen unbedingt geboten erscheinen läßt, betrifft die Notwendigkeit, ihm eine Plattform zu erbauen, welche ihn weithin sichtbar machte, die Absicht seines Wirkens von vornherein Spezifizierte und ihm einen gleichsam offiziellen Charakter verliehe. Nur das schon Anerkannte bemerkt der Durchschnittsmensch, und nur das seinem Wesen nach Erkannte und willig Entgegengenommene vermag voll zu wirken. Keine Religion hätte einen bildenden Einfluß auf Massen ausgeübt, wenn sie das, was sie wollte, in einem autoritätsbedachten Priestertyp nicht aus sich herausgestellt hätte; im gleichen Sinn merkt jeder Gelehrte, noch so ungern, früh oder spät, daß er sich, um vollen Einfluß auszuüben, einem angesehenen Lehrkörper eingliedern muß. Den Weisen als Typus nun kennt das abendländische Bewußtsein überhaupt noch nicht, und ehe dieser Typus nicht herausgearbeitet und anerkannt, ehe seine Aufgabe nicht spezifiziert und ein äußerer Lebensrahmen nicht geschaffen ist, der ihm die Möglichkeit, seiner Sendung gemäß zu wirken, sicherte, wird der Weise — und sei er in noch so vielfacher Gestalt schon da — seinen notwendigen Einfluß nicht ausüben können. Wer im Philosophen unwillkürlich den Gelehrten und Professor sieht, wird nur in diesem Sinne von ihm lernen; man kann von anderen immer nur das empfangen, was man ihnen innerlich zugesteht. Deshalb muß es dem allgemeinen Bewußtsein deutlich gemacht werden, daß der Philosoph ein grundsätzlich anderes ist als der Gelehrte und Forscher. — Aber nicht minder irren die, welche wähnen, es sei unmöglich, die anregenden Kräfte, welche von Meistern stammen, in gleichsam kanalisierter Form der Gesamtheit dienstbar zu machen. Freilich sind Initiative im Geist und Leben aus dem schöpferischen Urgrund heraus noch weniger lehrbar, als jene Tugend, welche Sokrates für lehrbar hielt. Wenn schon Klosterschulen typischerweise nie Heilige, sondern bloß routinierte Mönche herangebildet haben, so ist es völlig ausgeschlossen, einen abstrakten Lehrplan zu ersinnen, der das Subjektivste, Intimste im Menschen, den lebendigen Mittelpunkt von Seele, Wille und Geist als solchen zu wecken und auszubilden wüßte. Aber es handelt sich bei dem, was not tut, auch um keinerlei Anstalt im überkommenen Sinn: es handelt sich um ein völlig Neues, der heutigen, nie dagewesenen Bewußtheitsstufe allein Gemäßes.

Die Schule der Weisheit soll kein Können, sondern ein Sein vermitteln, folglich wird sie ganz auf die lebendige Persönlichkeit einzustellen sein. Diese wird vor allem dazusein haben; ob dauernd, ob nur zeitweilig, wird die jeweilige Betätigungsmöglichkeit ergeben. Sie hat den Grundton anzuschlagen für die Seinsgestaltung, deren jeweiliger Charakter jedesmal von der Sonderart des Schülers abhängen wird, jenen stetig im Bewußtsein lebendig zu erhalten, das jeweilige Einzelne auf ihn immer wieder zurückzubeziehen, von ihm aus die entsprechenden Gestaltungen anzuregen. Deshalb wird die Erhaltung einer lebendigen Tradition in der Schule der Weisheit die Hauptsache sein, nicht das Gegenständliche der Lehre. Wenn es schon im Fall der Universitäten nie die Schule als solche, sondern der immer erneut mit dieser verknüpfte große Lehrer war, welcher den Fortschritt des Geisteslebens bedingt hat, so wird die Anstalt in jenem nur gleichsam die Schnur sein, auf die sich Perle an Perle reiht. Wer selbst im Reich des Sinns sein Bewußtseinszentrum hat, der vermag jenes durch persönlichen Einfluß auch anderen zu erschließen. Wie das Kind im allgemeinen den Sinn des Worts erfaßt, bevor es dieses begreift (vgl. S. 4), wie der normale Weg aller Erziehung von innen nach außen geht, so wirkt auch der metaphysische Sinn, falls überhaupt im Bewußtsein gespiegelt, primär und unmittelbar. Was dem Verstand, weil unobjektivierbar, subjektiv in der Bedeutung von unwirklich erscheint, erwiese sich dergestalt als objektive Macht. So würde der westländische Vergegenständlichungstrieb sein Höchstes in dem Augenblicke leisten, wo es ihm gelänge, der Persönlichkeit die äußerste Wirkungsmöglichkeit zu sichern. Indem er sich insofern selber aufhöbe, erfüllte er zugleich seine letzte und vornehmste Bestimmung. Von seienden Wesen sind wir zu bloß könnenden geworden; in unserem heutigen Zustand dient das Ganze dem Teil, der Zweck dem Mittel, die Seele dem Werkzeug. Jetzt gilt es, von äußerster Differenziertheitsbasis aus die Integrierung zur Einheit zu vollziehen. Von der Sachlichkeit führt der Weg wieder zur Persönlichkeit. Diesen aber vermag nur Persönlichkeit zu weisen.

1Diesen Gedanken führt der Vortrag Was wir wollen genau aus.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME