Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Göttliche Gesundheit

Aber liegen die Dinge wirklich so, daß die Lösung eines geistig-seelischen Problems, und sei dieses noch so fundamental, eine Wendung im Gesamtleben herbeiführen kann? Die Massen, die heute entscheiden, bekunden wenig Sinn für geistige Problematik überhaupt. Sehr viele Einzelne haben die Bewußtseinsstufe, die hier vorausgesetzt wird, noch gar nicht erstiegen. Kommt es daher nicht viel mehr, dem Geist dieser Epoche entsprechend, auf soziale Reformen und unmittelbare Massenveredelung an? — Es ist freilich wahr, daß auf geschwinde Beeinflussung der Niederung von der Höhe her heute weniger als jemals früher zu rechnen ist. Aber eine schnelle und zugleich nachhaltige Beeinflussung findet niemals statt; auf solche muß von vornherein verzichtet werden; sie gelingt auch den reinen Volksbeglückern nicht. Bei der Überwindung einer so gewaltigen Krisis, wie der heutigen, handelt es sich um einen jahrhundertelangen Prozeß. Und da kommt es, unter Geführten wie unter Führern, niemals auf die Zurückgebliebenen, sondern auf die Vordersten an: zu aller Zeit waren es einzelne, ob Individuen oder Typen, auf deren Beispiel und Einfluß die Richtung, in welcher die Menschheit sich jeweilig fortbewegte, zurückgegangen ist. Jene Beispiele und Einflüsse sind, zur Zeit, da sie unmittelbar wirksam waren, oft kaum gemerkt worden. Aber ihre Wirkungskraft steigerte, ihr Wirkungsfeld verbreiterte sich, sofern sie stark waren an sich, im Laufe der Zeit. Nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden, nachdem ihr Historisches längst verflüchtigt, nachdem alles Faktische im Symbolischen aufgegangen war, erwiesen sie sich manchmal als schier allmächtig. Deshalb kommt es auf die Dauer nur auf die an, die ihrer Zeit voraus waren. Es liegt keinerlei Anmaßung in dem Glauben, daß die Lösung eines bestimmten, nur wenigen zunächst faßlichen geistig-seelischen Problems durch einen kleinen Kreis die wichtigste Zeitaufgabe bedeutet, daß von einer neuen Typisierung der Anlagen, einem neuen Anstaltstypus gar das Heil kommen kann. Es irren vielmehr die Vielen, die da glauben, daß das Ziel der Menschheitsvergeistigung in den Tiefen und nicht auf der Höhe zu fassen ist, wie notwendig und nützlich deren Bestrebungen im übrigen seien. Alle Entscheidung erfolgt auf der Höhe. Sie kann nur auf ihr erfolgen. Dem Nachweis dieses Sachverhaltes widme ich den letzten Abschnitt dieser Schrift.

Gleichwie der Schnittpunkt der Schenkel den Winkel bestimmt, dessen Größe keine Rundfahrt innerhalb dieser zu erkennen gestattet, und zwar desto weniger, je weiter man sich von jenem entfernt; wie jede Philosophie in ihrer ursprünglichen Fragestellung eindeutig enthalten ist, in vollendeter Ausgestaltung jedoch zu den verschiedensten Mißdeutungen Anlaß gibt: so ist das klare Erfassen des Urproblems einer Zeit der einzig mögliche Weg zu seiner endgültigen Lösung. Mit der Klarheit hat es nämlich eine eigentümliche Bewandtnis: sie bedeutet nicht allein den Höhepunkt des intellektuell Befriedigenden, sondern organische Krisenlösung. Probleme würden den Menschen nicht beunruhigen, ganze Zeitalter nicht unentwegt um die Wahrheit ringen, wenn es sich bei der Dialektik, die sich für die Vorstellung im Reich der Abstraktionen abspielt, nicht um die gegenseitige Auseinandersetzung wirklicher, d. h. lebendiger geistiger Mächte handelte. Darum handelt es sich in Wahrheit. Deshalb bedeutet richtige Problem-Stellung und -erfassung recht eigentlich gute Strategie, Problemlösung Kampfesentscheidung, und die gewonnene volle Klarheit den erreichten Dauerfriedenszustand. Diesseits der Klarheit ist Entscheidung deshalb faktisch ausgeschlossen. Solange die Grundfrage einer Zeit nicht vollkommen deutlich erfaßt ist und den strategischen Ausgangspunkt bildet, bleiben alle Heilversuche, desto mehr, je mehr sie aufs Ganze gehen, letztlich ziellose Massenbewegungen; solange jene als solche nicht gelöst ist, ist an Sieg nicht zu denken, desto weniger, je größer die im Spiel befindlichen Kräfte sind. Nur Massenmord im ungeheuersten Maßstabe kann erfolgen, und an der Grenze gegenseitige Vernichtung. Daher das letztlich Unbefriedigende aller Lehren, welche, richtig an sich, doch ihren Wesensgrund nicht anzugeben wissen: sie vermögen die Krisis nicht zu lösen. Sie haben ihren Ort in der Sphäre der Wirkungen, wo alles Schöpferische aus derjenigen der Ursache stammt. Bei dieser nun handelt es sich um die Sphäre höchster Geistigkeit, jener Sphäre, die dem griechischen λόγος σπεϱματιϰὸς entspricht. Von ihr, der Region ewiger Klarheit, kommt alle Entscheidung.

Von ihr allein kommt sie auch in dem Fall, wo, äußerlich betrachtet, Massenbewegungen siegen. Christentum und Buddhismus haben Welten erobern können, weil Gautama und Jesus nicht an die Masse dachten, sondern, nach bitterem Kampfe selbst zur Klarheit gelangt, in ihren Lehren letzte Entscheidungen verkörperten. Diese sind dann in einer immer wachsenden Anzahl von Seelen angeklungen, von innen heraus, einer dem Bewußtsein meist unzugänglichen, nur den wenigsten geistig erfaßbaren Tiefe her, und auf die Dauer hat dann eine Verwandlung aller stattgefunden, die überhaupt in der Einflußsphäre der neuen Lehre lebten. So ist alle Entscheidung von jeher aus der Höhe gefallen, und kommt daher. Wohl zieht das Unklare, das Vorläufige, zumal in Übergangszeiten wie der heutigen, weite Kreise an, weil es deren Zustande am besten entspricht. Eben deshalb wird es auch leichter verstanden, als das Klare, aber es bewirkt nichts Wesentliches; oder wenn es doch etwas bewirkt, so liegt dies am prinzipiell Geklärten, das sich in der Unklarheit verbirgt. Solches gilt in vielen Hinsichten vom Sozialismus. So wird auch die lauterste Wahrheit immer mißverstanden, und wirkt doch fort, weil deren innere Leuchtkraft so groß ist, daß sie die dichtesten Hüllen, noch so gedämpft, durchdringt. Aber Entscheidendes bewirkt allein das Klare, klar erfaßt.

Bei allen mir bekannten Heilversuchen am Zustand dieser Zeit handelt es sich um das Auswirken einer Idee, welche als solche nicht erfaßt ist. Letzteres bedeutet aber die Hauptsache: ehe dieses nicht geschehen, fehlt die Gewähr, daß eine gegebene Bewegung, zunächst förderlich, in der richtigen Richtung verbleibt. Bisher sind alle, früh oder spät, nach rechts oder links zu abgebogen, anstatt gerade fortzuschreiten. Von allen, und seien sie noch so berechtigt und zielsicher, gilt, daß sie Entscheidendes zu erreichen nicht vermögen. Dies vermag keine, welche ihr Wollen unmittelbar einer Tiefen, oder Mittellage anpaßt, denn auf der Ebene der Auswirkungen einer Idee entscheidet sich nichts. Dies geschieht immer nur in deren eigenem Reich. Alle überhaupt, die heute Positives anstreben, wollen wohl Gleiches; im letzten Grund kenne ich unter diesen nur Gesinnungsgenossen, wie verschieden die besonderen Anschauungen und Ziele immer seien. So habe ich mich mit Sozialisten und Individualisten, mit Suchern neuer Religion und Verteidigern alter, mit Theosophen und deren Gegnern vom New Thought, mit Gläubigen fester Ordnung oder der Anarchie, von der Basis des Sinns her, unmittelbar verständigen können. Desto entschiedener aber stelle ich das Problem, mit dem diese Arbeit sich befaßt, als wichtigstes hin, weil dieses (um das erste Beispiel wieder aufzunehmen) im Schnittpunkt des Winkels liegt, während alle anderen weiter unten, im weiten Raum, ihren schwankenden Ort haben. Alle positiven Bestrebungen dieser Zeit setzen, in der Tat, das, was ich befürworte, in der Idee voraus.

Heute, wo die gesteigerte Intellektualität alle überkommene Seelenorganisation zersetzt hat, ist das Urproblem die Neuverknüpfung von Seele und Geist. Dank dem besonderen Zustand der heutigen Menschheit liegt dieses tiefer als das der religiösen Verinnerlichung, der völkischen Erneuerung, nicht zu reden von der sozialen Reform. Alle diese Probleme werden dann erst ins richtige Licht rücken, wenn jenes erfaßt ist. Die Wendung kann heute nur von der Philosophie her kommen. Daher tut deren Bedeutungssteigerung vor allem not. Daß Philosophie, zumal in dem hohen, hier vertretenen Verstand, nur für sehr wenige eine unmittelbare Angelegenheit sein kann, tut nichts zur Sache. Auf die wenigen gerade kommt es an. Die Menschheit ist nicht anders organisiert als der einzelne Mensch: wie es bei diesem eine bestimmte Wesensschicht ist, in der die Entscheidungen fallen, so sind es bei jener Einzelne, höchstens Gruppen. Diese brauchen auch nicht unmittelbar ins Weite zu wirken. Sie müssen überhaupt zu Wirkungszentren werden. Im Grunde ist das Wesentliche ja stets ein äußerst Einfaches. Gelingt es nur, das Licht auf die richtige Höhe zu stellen, so wird eine immer wachsende Anzahl von Spiegeln dasselbe auffangen und fortreflektieren.

Was dieser Zeit vor allem not tut, ist in der Tat ein sehr Einfaches, im Grunde Selbstverständliches: es ist Gesundheit. Das heißt das Zusammen­gestimmt­sein aller Wesensteile des Menschen, bei deren Vollentwicklung, zu harmonischer Einheit. Das Tier ist kaum je krank, oder erholt sich doch leicht, weil sich die Natur in ihm von selbst reguliert. Gleiches gilt noch vom Menschen als physischem Wesen, soweit die Seele wenig mitbestimmt. Prinzipiell aber hat der Aufschluß der psychischen Sphäre das natürliche Gleichgewicht bei ihm zerstört, denn er hat ihn irrtumsfähig gemacht; die Gefahr seiner Dauererkrankung wächst desto mehr an, je mehr Geist und Seele sich entfalten. Immer mehr liegen alle Entscheidungen beim persönlichen Bewußtsein, und dieses muß vollendet entwickelt sein, um die Sicherheit der Natur zu erreichen. So wird Gesundheit, zunächst das Selbstverständliche, zuletzt zum schier unerreichbaren Ideal. Mit den verschiedenen Teilen seines Wesens gehört der Mensch verschiedenen Seinsordnungen an; der natürlichen, der sittlichen, der spirituellen. Dies tut er ursprünglich, ob er’s weiß oder nicht. Aber da das persönliche Bewußtsein bei ihm entscheidet, so mag er den Tatbestand verkennen, und tut er dies, so bleiben schlimme Folgen nicht aus. Jedes Mißverstehen muß er bitter büßen. Ferner sind die verschiedenen Teile seines Wesens andauernd in nicht paralleler, nicht notwendig zusammenhängender Veränderung begriffen. So stellt das Gesundheitsproblem sich immer erneut. Nun muß er, inmitten des Fortschreitens, andauernd zurücksuchen, zurückfinden zu dem, was dem naiven Naturwesen gegeben war. Dieses ist der letzte Sinn alles Naturforschens, alles Weisheitsstrebens, alles Gottsuchens. Freilich bedeutet Gesundheit auf jeder Entwicklungsstufe ein Höheres. Im Vergleich zum tierischen Gleichgewichtszustand ist der noch so krankhafte des strebenden Menschen vorzuziehen. Aber formell bleibt Gesundheit auch für diesen das Ideal. Sie muß jeder auf seiner Stufe anstreben. Ein göttlicher Gesundheitszustand — göttlich insofern, als das Göttliche im vollentwickelten Gesamtmenschen harmonisch in die Erscheinung träte — ist unser aller Ziel. Je mehr die Psyche sich entfaltet, desto mehr bestimmt deren Zustand den des ganzen Menschen. Je höher das Geistige sich entwickelt, desto ausschließlicher liegt bei ihm alle letzte Entscheidung. Heute sind wir so weit, daß nur Verstehen des Sinns dem Abendländer die Gesundheit wiedergeben kann. Daher, noch einmal, die ausschlaggebende Bedeutung der Philosophie.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME