Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:I. Seins- und Könnenskultur

Verantwortung verinnerlicht

Hiermit wäre die theoretische Grundlegung dessen, worauf die heutige Betrachtung hinzielt, fertigskizziert. Mehr ist im Rahmen eines kurzen Vortrags nicht zu erreichen, wo dieser eine besondere Art, das Lebensproblem zu sehen, zum erstenmal als solche veranschaulichen soll. Nunmehr können wir uns, ohne weitere Seitenblicke, noch kurz dem Problem der unmittelbar praktischen Verwirklichung des als notwendig Erkannten zuwenden. Die nächste Frage ist, ob und wie sich tieferes Sein heranbilden läßt. Daß es heranzubilden sein muß, ergaben bereits die Betrachtungen von S. 180. Hier kann ich mich mit dem Wie auch nicht weiter befassen; nur soviel will ich sagen, wie zur Vollendung einer Skizze erforderlich erscheint. — Sein, im Gegensatz zum Können, bedeutet Beseeltheit des äußeren Lebensausdrucks vom Wesenszentrum her oder Zurückgeführtheit aller Phänomene auf dieses; dies besagt, daß im Fall des Seienden alle Äußerungen persönlich durchdrungen sind, daß also die Persönlichkeit überall hindurchspricht und letztlich verantwortet. Solche Durchdringung ist nun tatsächlich, wo sie nicht vorliegt, zu bewirken.

Dies kann dank dem gelingen, daß der Mensch als geistig-seelisches Wesen ein Sinneszusammenhang ist, innerhalb dessen sein Bewußtsein sich frei bewegt. Es steht ihm frei, den Nachdruck dorthin zu verlegen, wohin er nur will; je nachdem, welcher Ort auf diese Weise betont wird, zentriert sich der psychische Organismus tatsächlich um, hat dieser tatsächlich einen anderen Mittelpunkt. Deshalb ist es, wenn theoretische Einsicht erweist, daß es von der Zentrierung des Bewußtseins abhängt, ob der Mensch seinen Mittelpunkt in seinem Wesen oder an der Oberfläche hat, grundsätzlich auch praktisch möglich, die erforderliche Umzentrierung einzuleiten. Deshalb kann es grundsätzlich jedem gelingen, seinen Ausdruck, aus dem zuerst nur Können sprach, zum Seinsausdruck zu erheben: dazu braucht er nur den Akzent in sich dauernd aufs Sein zu legen, nur dauernd von sich zu verlangen, daß nichts von ihm ausgehe, was ihm nicht durchaus entspricht. Gewiß ist die Aufgabe schwierig. Ihre Lösung geht nicht allein sehr langsam vor sich, sie bedarf einer besonderen Erziehungstechnik, über die ich mich heute nicht näher verbreiten kann, ganz abgesehen davon, daß sie noch in den Kinderschuhen steckt. Aber ihr Grundsätzliches leuchtet ohne weiteres ein, und nur darauf kommt es für heute an.

Es ist völlig gewiß, daß der Mensch sich selbst verändern kann, daß Oberflächlichkeit z. B. niemals Schicksal ist, womit die Realisierbarkeit dessen, was die bisherigen Betrachtungen uns als Forderung hinterließen, bereits erwiesen ist: auf so Geringfügiges kommt es bei der Lösung der größten Probleme an. Die technische Seite der Frage kann ich, noch einmal, heute nicht behandeln, doch will ich ein Beispiel, und zwar ein ausgesucht banales Beispiel für die Wahrheit, die ich hier kurz als Behauptung aufstelle, aber in meiner Studie Erscheinungswelt und Geistesmacht genauer begründet habe, anführen, weil dieses ihre Gültigkeit besonders einleuchtend erweist. Ich behaupte: es brauchte niemand Ansichten zu haben; daß jemand sich solche gestattet, beweist jedesmal Mangel an Verantwortungsgefühl. Nur Einsichten darf sich der Mensch erlauben. Deshalb soll er mit seinem Urteil aussetzen, bis daß er weiß. — Daß es sich hier wirklich um eine praktische Alternative handelt, beweist eindeutig die bewährte Wirkung der Verantwortung. Keiner bleibt dort bei Ansichten stehen, wo er im Fall von Versagen schwerster Folgen gewärtig sein muß; in solchen kritischen Fällen urteilt jeder nur einsichtsgemäß.

Nun beweist aber die gleiche Erfahrung weiter, daß solch einsichtsgemäß verantwortungsvolles Handeln jeden innerlich wachsen läßt; Verantwortung verinnerlicht. Hiermit wäre erwiesen, daß entsprechende Erziehung den Könner zum Seienden umbilden kann. Daß Schicksalsschläge und Leiden Gleiches bewirken, ist allbekannt. Nun ist doch klar, daß, was äußere Umstände auslösen, auch durch freie Initiative geschehen können muß. Grundsätzlich bedeutet es nur einen Umweg, wenn die Seele äußeren Zwangs oder gar äußerer Katastrophen bedarf, um zu sich selbst zu kommen; die Wandlung bewirkt sie auch hier schließlich selbst, da nichts Äußerliches zum Subjekte Zugang hat. Hier nun beweist vieltausendjährige Erfahrung wiederum, daß Einsicht oder Verstehen, wo sie stark genug vitalisiert sind und lange genug das Bewußtsein beschäftigen, unweigerlich eine ihnen entsprechende Wirklichkeit schaffen. Hier liegt der Seinsgrund aller höheren Erziehung, aller Asketik, aller Exerzitien, aller Yoga. Selbstverständlich gelingt Wirklichkeitsschöpfung auch aus geistigem Mutterschoße nicht von heute auf morgen. Auch hier handelt es sich um einen organischen Wachstumsvorgang, eine lebendige Einbeziehung des Äußerlichen ins Innere, und solche braucht Zeit. Aber grundsätzlich möglich ist sie immer. Folglich muß Seinskultur grundsätzlich ebenso züchtbar sein wie Könnenskultur, nur freilich auf anderen Wegen; folglich ist Überlegenheit grundsätzlich kein Natur-, sondern ein Kulturprodukt. Zwar tritt sie im Fall ihrer größten Verkörperer meist als jenes in die Erscheinung, weil sie sich hier an supreme Begabung gebunden offenbart, als welche ein höchstes Niveau auch unabhängig von aller Tradition erreicht. Aber solches gilt immer nur von den Genies. Die Kulturhöhe einer Zeit und eines Volks besteht unabhängig von diesen, wo sie überhaupt besteht, weil begnadete Geister gar zu selten sind. Sie bemißt sich am Niveau des Typus, der ihre Erscheinung bestimmt. Beharrliche Typen sind aber immer Züchtungsergebnisse.

Dies wäre denn das entscheidend Wichtige, welches die praktische Lösbarkeit unserer Aufgabe endgültig erweist: (Überlegenheit ist grundsätzlich ein Kulturprodukt. Weil dem so ist, nur deshalb können Herrenvölker, Herrenkasten bestehen. Solche erhalten sich in hohem Grade unabhängig von der individuellen Talentiertheit ihrer Glieder. Dies liegt daran, daß ein Überindividuelles in ihnen fortlebt, dessen Vorzüge durch persönliche Unzulänglichkeit nicht aufgehoben werden, daß ihr Wesentliches ein Typisches ist. Sie sind eben Züchtungsergebnisse, und alle Züchtung beruht auf Kulturwollen. Die Arten und Gattungen der Natur sind gewiß unwillkürlich, nicht anders wie die Sprachen, aber andererseits kam keine Veredelung je ungewollt zustande. Auch physische Typen sind überall, wo sie dem normalen Naturbestand gegenüber ein Mehr darstellen, geist-geboren — mag auch der Geist jeweilig unbewußt, durch instinktmäßig richtige Gattenwahl, gewirkt haben. Doch die physische Vererbung bedingt nur zu einem geringen Teil, was sich als jeweiliger historischer Typus durch die Jahrhunderte fortsetzt: geistige und seelische Vater- und Mutterschaft bedeutet hier viel mehr als physische, weil die physische Vererbung nur bestimmte Grundeigenschaften fortpflanzt und es sich bei historischen Typen um überaus komplexe Gebilde handelt. Daß sich diese als solche nicht vererben, beweist jede Verpflanzung einer gleichen Rasse auf fremden Boden, in ein neues Milieu, sowie die Wirkung jedes Umsturzes, welcher die psychische Atmosphäre verändert. Insofern beruht sogar die Überlegenheit des Adels mehr noch auf Stellung und Tradition als auf dem Blut, so wichtig dieses sei — deshalb allein hat Bastardierung ihm nie viel angehabt, solange seine Aufgabe seinen Typus als Ideal lebendig erhielt.

Die Erziehung auf traditionellem Hintergrund schafft eben den Geistestypus, der unter allen Umständen das Ausschlaggebende ist, und zu dem der physische nur die günstige Grundlage liefert. So war der Civis Romanus ein geistgeborener Typus, gleiches gilt vom englischen Gentleman. Man kann sagen: je geistiger ein Typus, desto weniger bedeutet das Blut. Der hellenische lebt noch heute fort, obschon die Blutsbasis sich seit dem Altertum vollständig verändert hat. In Frankreich wird aus dem gleichen Grund viel weniger nach der Abstammung gefragt als irgendwo sonst im modernen Europa. (Daß die so ausgesprochenen Berufstypen des Geistlichen, Richters, Professors, Advokaten, Heerführers, Kellners usw. Geistesprodukte sind, liegt vollends auf der Hand.) Am eindrucksvollsten erweist sich die Geistbedingtheit der Überlegenheit in China: dort ist sie nachweislich das Produkt eines bestimmten Erziehungssystems, wovon die nächste Betrachtung ausführlicher handeln wird. Nun, was von chinesischer Vergangenheit gilt, gilt auch von unserer Zukunft. Wenn wir vorhin erkannten, daß das Fiasko der mechanisierten Welt darauf beruht, daß die Sache den Menschen beherrschte; wenn wir weiter erkannten, daß nur das Erstehen anderer tieferer Menschen Rettung bringen kann; wenn es sich jetzt herausstellte, daß Kulturtypen unter allen Umständen Kulturprodukte, d. h. züchtbar sind, dann dürfen wir nunmehr sagen: die erforderliche Seinskultur, die entsprechenden Persönlichkeiten zutage träte, ist grundsätzlich zu begründen. Sie ist desto sicherer zu begründen, weil die entsprechende Typisierung dieses Mal, wie schon in Was uns nottut gezeigt wurde, durchaus von der Erkenntnis her geschehen muß, denn deren Prozeß hat der Mensch in ganz anderem Grade in der Hand als den der alogischen Mächte.

Gedenken wir von hier aus nun der Gedankengänge von Worauf es ankommt. Das jeweilige Sosein der historischen Welt, so erkannten wir dort, ist letztlich menschenbedingt. Dies gilt aber nicht bloß in dem äußerlichen Verstand, daß ihre Erscheinung mehr oder weniger erfreulich ist — sie gilt vor allem in dem tieferen, daß die Welt, je nachdem, wie die Menschen sich schöpferisch zu ihr stellten, mehr oder weniger, so oder anders gearteten Sinn verkörpert. Insofern schuf jede neue Kultur die Welt buchstäblich um; die besondere Seele, die jene dieser jeweilig gab, ließ das Weltalphabet jedesmal Besonderes aussprechen. Nun kann dieses Besondere, abgesehen von seiner Eigenart, oberflächlicheren oder tieferen Sinn verkörpern. Gedenken wir von hier aus des Korrelations­verhältnisses von Reichtum und Tiefe, so können wir weiter sagen: wird jetzt die Welt aus tieferem Verstehen heraus aufs neue erschaffen, als je vorher geschah, dann ist nicht allein eine unsere vorgeschrittene Könnenskultur zu beseelen fähige Seinskultur überhaupt zu begründen, sondern eine schlechthin höhere Kultur, als solche je vorher die Erde geziert hat.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:I. Seins- und Könnenskultur
© 1998- Schule des Rades
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