Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:I. Seins- und Könnenskultur

Schnittpunkt des Winkels

Die praktische Zeitaufgabe bezieht sich sonach auf die wenigen, nicht auf die vielen. Nur auf die Führer kommt es für die nächste Zukunft an, auf die Masse nicht früher, als bis diese innerlich bereit scheint, den rechten zu folgen. Diese Bereitschaft dürfte aber noch lange auf sich warten lassen, weil nicht allein die Alten und die Reifen im Umsatzkampfe wandlungsunfähig geworden sind, sondern leider auch die allermeisten Jungen. Deshalb kommt praktisch zunächst nur eins als Aufgabe in Betracht: die Vorbilder der neuen Seinskultur heranzuzüchten. Damit wären wir denn ganz von selbst bei der besonderen Aufgabe angelangt, welche sich die Schule der Weisheit gestellt hat.

In Worauf es ankommt wurde gezeigt, daß die eigentliche Kulturaufgabe aller Wendezeiten darin besteht, das Erforderliche unter dem vielen Möglichen, in Gestalt einer Stillstandsgebärde gleichsam inmitten des Werdensflusses in Form des Lebens wirklich werden zu lassen; in Was uns nottut des genaueren begründet, inwiefern Entscheidendes nur auf der Höhe geschieht. Es gibt nichts Wichtigeres deshalb, als den Schnittpunkt des Winkels, welcher die Aufgabe einschließt, genau zu bestimmen. Diesen bestimmten wir im Verlauf unserer Untersuchungen von den verschiedensten Seiten her. Dementsprechend gelangten wir zu den verschiedensten, aber den gleichen Grundzusammenhang betreffenden Formeln, daß Geist und Seeleneuverknüpft, Sinn und Ausdruck zur Kongruenz gebracht, daß das Können auf das Sein zurückbezogen werden muß. Inwiefern dies praktisch überhaupt zu bewerkstelligen ist, haben die heutigen Betrachtungen gelehrt. Es kann das Sein vertieft, das Können auf dieses zurückbezogen, das Sinnlose sinnvoll gemacht werden. Es ist möglich von der Erkenntnis her, aber auch nur von ihr. Folglich ist die Aufgabe eine solche der Erziehung. Erziehung verlangt ihrerseits entsprechende Anstalten. Da es sich bei der erforderlichen Erziehung um eine solche zu erkenntnisbedingtem Leben handelt, deren Höchstausdruck Weisentum ist, so ist damit allein schon die Notwendigkeit der neuen Gründung, welche dieser Vortrag eröffnet, erwiesen. Auf diese selbst kann ich heute nicht mehr eingehen. Aber wenn Sie selbst nun die Einsichten, welche Sie heute gewannen, in den Rahmen, den Was uns nottut und Worauf es ankommt absteckten, hineinbeziehen, so werden Sie die wichtigsten Ausblicke in eine bessere Zukunft, die unsere Gründung öffnet, selbst entdecken.

Der ganze heutige Vortrag war nichts anderes, als eine implizite Einführung in das Streben der Schule der Weisheit. In dieser wird eben der Geist, die Willens- und Tatrichtung zu konkret-erzieherischem Ausdruck kommen, die in unseren heutigen Gedankengängen einen philosophisch-abstrakten fand. Für heute will ich Ihnen nur noch die folgenden Leitsätze zur Orientierung mit auf den Weg geben. Der ideelle Ort der Schule der Weisheit liegt genau im Schnittpunkt des Winkels, welcher das Problem dieser Zeit einschließt. Geistig soll sie in das vierte Stockwerk der Geistessprache (S. 31) einführen, den Sinn unabhängig vom Buchstaben oder durch diesen hindurch zu fassen lehren; ethisch die Selbsteroberung durch bewußt gelenkten Willen einleiten, deren es bedarf, um das Verstandene dem Leben einzubilden. Menschenbildung vom Geist her im umfassendsten Verstand ist ihr letztes Ziel. Ihr Weg wird aber offenbar, dem Sinn des heute Vorgetragenen gemäß, mehr in ethischer Erziehung als in intellektueller Schulung bestehen — dies sage ich vorläufig, um einem ersten möglichen Mißverständnis vorzubeugen, obgleich es nicht ganz richtig ist, denn der bekannte Begriff umschließt einen neuen Inhalt. Wir sahen, daß beim wesentlichen Fortschreiten alles auf den freien Entschluß des Einzelnen ankommt; ob einer den Bedeutungsakzent in seiner Seele so oder anders setzt — der also freigewählte Ort bestimmt über Tiefe oder Oberflächlichkeit. Wir sahen weiter, daß persönliches Verstehen allein das sonst Äußerliche ins Innere hineinbezieht, das alles Leben ein Be-leben ist und folglich ein schöpferisches Tun. Wir sahen endlich, daß Sinneserfassung überall Sinngebung ist, daß also die Welt genau nur so viel Sinn hat, wie wir selbst in sie hineinlegen. Folglich, kommt bei dem Ziele, welches wir hier verfolgen, auf persönliche Initiative alles an. Damit ist der Schule der Weisheit nicht nur grundsätzlich, sondern auch schon praktisch ein anderer ideeller Ort gesichert, als alle sonst vorhandenen Anstalten ihn einnehmen. Unsere Schüler werden nicht nur grundsätzlich, sondern auch praktisch anderes lernen, als sie irgendwo anders lernen könnten.

Nun aber taucht ein Einwand aus anderer Richtung auf — schon auf Was uns not tut hin habe ich ihn oft gehört, lange bevor die Darmstädter Gründung überhaupt gesichert war: steht die praktische Aufgabe, welche die Schule der Weisheit günstigsten Falles lösen wird, in irgendeinem Verhältnis zur Größe der Probleme, welche der Lösung harren, deren ganze überwältigende Größe Ihnen vielleicht heute besonders bewußt geworden ist? Darauf antworte ich: sie steht genau im gleichen Verhältnis dazu, wie alles Einzelwollen zum Weltenschicksal steht. Was immer dieses sei — keiner vermag doch mehr als sein Leben zu leben, seine Bestimmung zu erfüllen. Das Große als solches läßt sich freilich schauen — was der Einzelne tut, erscheint unter allen Umständen, auf der Ebene der Tatsachen betrachtet, klein. Nur vermag solch kleines Tun gegebenenfalls einen Sinn zum Ausdruck zu bringen, der einer tieferen Wesensschicht angehört als alle sonst wirksamen. In dem Fall kann Kleines Riesengroßes bewirken. Nämlich als Sinnbild. Um dazusein, muß Sinn einen Körper tragen. Der Schnittpunkt des Winkels, der das Problem dieser Zeit einschließt, muß eine konkretere Fassung finden, als der abstrakte Erkenntnisausdruck ihn bietet, um vom verstehenden Bewußtsein der Mehrzahl aufgenommen zu werden. Deshalb besteht auf der Ebene des Sinnes kein so großes Mißverhältnis zwischen dem Zeitproblem und der Aufgabe der Schule der Weisheit, als die Tatsachen vortäuschen. Doch auch auf deren Ebene liegen die Dinge anders, als die Zweifler meinen. Vorhin sagte ich: zunächst käme es nur auf Bildung von Zellen des Neuen an, deren Nachkommenschaft erst geschichtsbestimmend werden kann. Nun, die Schule der Weisheit soll zu einer Keimzelle werden1.

1Genau umreißt den Aufgabenkreis der Schule der Weisheit erst der letzte Zyklus. Ihren praktischen Plan legt der Aufsatz entsprechenden Titels im Anhang dar.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:I. Seins- und Könnenskultur
© 1998- Schule des Rades
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