Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:II. Indische und chinesische Weisheit

Wahrheit und Ernsthaftigkeit

Es gibt also ein Weiterkommen; es gibt Wege, nicht allein das Können, sondern auch das Sein höher auszubilden, dieses zum Ausdrucksmittel tieferen Sinns zu wandeln. Dem Osten sind solche seit Urzeiten bekannt. Und solche Wege gibt es nicht allein für das Individuum, sondern auch für die Gemeinschaft. Hier nun bietet nicht Indien, sondern China das bisher unerreichte Vorbild. Wie der moderne Westen die bisher höchste Könnenskultur erschaffen hat, so Alt-China die bisher höchste allgemeine Seins-Kultur. Deren Geist bestimmt ja noch heute. Noch immer ergreift er jeden Verstehensfähigen, welcher länger in China weilte. Wer dort urteilend von den freilich sehr unbefriedigend gewordenen äußeren Tatsachen ausgeht, wirkt oberflächlich. Allerdings treten alle Nachteile der Routine im Reich der Mitte besonders kraß zutage, allerdings hat die konservative Grundanlage des Volks zu einer Erstarrung ohnegleichen geführt, die sich jetzt ihrerseits besonders radikal zersetzt — dennoch wirkt das chinesische Leben noch heute tiefer, als irgendein anderes, hat es noch heute einen lebendigen Hintergrund, der dem unsrigen fehlt. Woher diese Vorzugsstellung? — Sie ergibt sich aus der einen Erkenntnis, die dem gesamten chinesischen Gemeinschaftsleben zugrunde liegt, daß, wer die äußeren Zustände bessern will, am Innern des Menschen ansetzen muß.

Während der moderne Westen das Leben von außen her bessern zu können wähnt, erkannte China bis zu seiner Revolution als undiskutierbare Wahrheit an, daß die Menschenwelt innerlich bedingt ist, daß schlechthin alle historische Erscheinung vom Sein abhängt. Vollkommene Menschen könnten vermittels der schlechtesten Einrichtungen das Leben schön gestalten, unvollkommene vermittels der besten nicht. Alle Ideale müßten zunächst innerlich verwirklicht werden. Ist es nicht also? Gerade heute führt sich alle bloß abstrakte Ideologie ad absurdum (S. 97). Soll die Welt kommunistisch werden, so müssen die Menschen zuvor zu Engeln geworden sein — andernfalls verschlimmert, wie bittere Erfahrung beweist, die äußere Annäherung an das Ideal die Wirklichkeit, anstatt sie zu verbessern; soll die Welt friedlich werden, so müssen ihre Bewohner zunächst innerlich über den Krieg hinaus gelangt sein — erfolgt Abrüstung aus Feigheit oder Mitleid, so führt sie auch zu deren Vorherrschaft, davon zu schweigen, daß sie die Raublust der gewaffnet Verbliebenen steigert. Wer den Angriff verdammt, muß gleichzeitig die Flucht verdammen, denn diese stählt naturnotwendig dem Feind den Mut, so daß auf anderer Seite in erhöhtem Maße fortwächst, was auf der einen verleugnet wurde. Erst wer für den Frieden zu sterben bereit ist, hat ein Recht, sich als Pazifist besser vorzukommen wie als Militarist.

Wie die Menschen sind, so erscheint die Welt. Bloße Theorien ändern nichts an ihr, aber jede Erlebniswirklichkeit schafft auf die Dauer entsprechende äußere. So werden keine Beweise und Erwägungen die psychischen Haßgebilde aus der Welt schaffen, welche der Kriegswahn gebar: bei diesen handelt es sich um nicht minder reale Mächte, wie bei beliebigen sichtbaren Lebewesen; sie werden einmal aussterben, und ihr Aussterben kann auch beschleunigt werden; solange sie leben, werden sie weiterwirken. Wie die Menschen sind, so erscheint die Welt, zwar nicht sofort, desto sicherer aber für die Dauer; die von heute spiegelt in der Regel den Charakter der vorgestern Lebendigen getreulich wider (S. 92). Dank der eigentümlich hierarchischen Anlage der Chinesen und ihrer besonderen Naturphilosophie findet diese tiefe Einsicht im Reich der Mitte für unsere Begriffe oft grotesken Ausdruck. Wenn der Herrscher seine Person in Ordnung gebracht habe, so heißt es dort, dann werde es auch rechtzeitig regnen. Aber auf das uns mehr oder minder Befriedigende des Ausdrucks kommt es nicht an, wenn er Chinesen die Realisierung des Sinns ermöglicht; dies aber hat er getan.

Die Grundeinsicht, daß das Sein die Erscheinung bedingt, nicht umgekehrt, ist der Unterbau des grandiosen Konfuzianischen Systems, das seit über zweitausend Jahren die bisher größte Menschenzahl zum bisher harmonischsten Zusammenleben vereinigt hat; sie ist die Seele der äußerlich beanstandbaren Lehre, daß das Moralische die Grundkraft der Welt ist. Denn Moralität wird in China nicht äußerlich als Pflichterfüllung, sondern als Ausdruck vollkommen sinngemäßen Seins verstanden. Sie wird insofern tiefer verstanden, als irgendwo sonst. Das tiefere Verstehen aber hat — entsprechend unserer früheren Erkenntnis, daß Sinn und Ausdruck Korrelate sind — eine bessere Wirklichkeit geschaffen, als wir sie kennen. Während Moralismus und Pflichtkult in Europa mechanisierend gewirkt haben, hat ihr chinesisches Äquivalent, im Gegenteil, allen Regierungsapparat in unerhörtem Grade überflüssig gemacht. Konfuzius lehrte ohne Heer kann ein Reich bestehen, ohne genügende Nahrung kann ein Reich bestehen: ohne Vertrauen nicht. Er hat damit tiefer geblickt als unsere Staatsphilosophen, und eben deshalb Dauerhafteres begründet. Denn Vertrauen ist tatsächlich das einzige unbedingt reale Band, welches die Menschen, direkt wie indirekt, zusammenhält. Gerade unsere Zeit macht dies besonders deutlich, weil ihr Zersetzungsprozeß die Wurzeln bloßlegt. Überall, wo die Führer das Vertrauen verloren haben, sind sie erledigt, gleichviel, welche Maschinerie sie scheinbar trug oder trägt; umgekehrt verfügt Lenin, auf Grund einer Staatsauffassung erwählt, die überhaupt keine echte Herrschermacht anerkennt, de facto über größere Gewalt, als je ein Zar sie besaß. Vertrauen bedeutet im Gemeinschaftsleben das Gleiche, wie die Schwere in der toten Körperwelt: es ist die conditio sine qua non seines Bestehens. So beruhen auch die Wechselkurse, ja die Goldwährung selbst letztlich allein auf ihm1. —

Weil China dieses weiß, von dieser Grunderkenntnis aus seit Jahrtausenden sein äußeres Leben gestaltet hat, deshalb bedarf es viel geringerer Maschinerie als wir; von England gilt Gleiches in bezug auf das kontinentale Europa und aus den gleichen Gründen. Eben deshalb erweist sich grundsätzlich nichtmechanische Beurteilung des Menschen in China als praktisch zweckmäßig. Im modernen Westen fragt niemand nach dem inneren Wert; es entscheiden Reichtum, Zahl, Können, Parteizugehörigkeit, Weltanschauung, Klasse, je nachdem. Demgegenüber lehrte Konfuzius:

Der Edle ist kein Gerät. Und weiter: Der vornehme Mensch kann dadurch, daß er ein Leben von schlichter Wahrheit und Ernsthaftigkeit führt, der Welt Frieden bringen.

Es kommt viel weniger auf das Tun eines Menschen an, als auf sein bloßes Dasein; dessen Wert jedoch messe sich am Wert des Seins. Denn das Sein wirke als solches unmittelbar, wie jede Kraft auf ihrer Ebene; es wirke sich von selbst und selbstverständlich aus, ohne daß man etwas dazu tut. So habe der Kaiser Shun nur dagesessen, das Antlitz gen Süden gewandt, und es herrschte vollkommene Harmonie. Man mißverstehe hier den chinesischen Weisen nicht: nicht darauf ruht das Schwergewicht des letzten Satzes, daß Shun nichts tat, sondern daß sein Dasein mehr bedeutete, als all’ sein Tun; sein höheres Sein war es, das nicht nur seinem eigenen Tun, sondern auch dem seiner Untertanen Sinn und Richtung gab. Insofern stellt Shun das Ideal auch des größten Könners dar: nur das Können, das durchaus vom Sein beseelt ist, wirkt produktiv. Deshalb entscheidet auch auf technischen Gebieten letztlich die Persönlichkeit des Leiters als solche; je nach deren Qualität erscheint der Betrieb so oder anders beseelt. Ihr bloßer Einfluß ist eben die wichtigste treibende Kraft. Gleichsinnig darf die chinesische Lehre vom Nicht-Handeln nicht mißverstanden werden: gerade sie spitzt die Theorie der Suprematie des Seins auf Produktive zu. Konfuzius lehrte:

Um die Welt zu gewinnen, muß man frei sein von Geschäftigkeit.

Man denke an die ungeheure und dabei gute Arbeit, die vom politischen Deutschland der letzten Jahrzehnte ohne jeden Erfolg geleistet worden ist, und sofort wird klar, wie es der Weise meint: aller Erfolg hängt von sinngemäßer Zielsetzung ab2. Diese aber entscheidet sich in der stillen Tiefe einer Wesensschicht, innerhalb welcher sich die Frage besonderen Tuns nicht stellt. Wenn der letztentscheidende Mensch das Problem im Schnittpunkt des Winkels (S. 163) erfaßt hat, dann allein funktioniert das Technische mit Erfolg und Sinn. So predigt die chinesische Weisheit, richtig verstanden, nichts anderes, als das Leben von einer tieferen Bewußtseinslage her, als sie der Westen typischerweise innehat; ihre Staatslehren sind vom vierten Stockwerk der Sprache her erlassen. Dementsprechend anders müssen sie lauten, dementsprechend anderes bedeuten die Erscheinungen, welche sie äußerlich bewirken. So bedeutet die chinesische Friedfertigkeit ein völlig anderes, als unser Pazifismus. Ihr wahrer Sinn läßt sich am besten aus den Koordinaten zweier Aussprüche verstehen, von denen der erste von Konfuzius, der zweite von Lao Tse stammt. Jener lehrte: Irrlehren angreifen schadet nur; dieser bekannte den Grundsatz: wirken, ohne zu streiten. Nun, hier handelt es sich um nichts anderes, als die philosophischer und staatsmännischer zugleich gefaßte Lehre Christi, daß man dem Bösen nicht widerstehen soll. Warum nicht? Weil man es durch Widerstand stärkt. Dies ist gewiß nicht auf empirischer Ebene wahr; hier gibt es nur einen Weg, das Böse zu überwinden, nämlich dasselbe zu bekämpfen. Aber wirklich zu überwinden ist es auf dieser Ebene nicht.

Wenn der Haß dem Haß antwortet,
fragte Buddha,
wann soll der Haß enden?

Und das Böse wird nicht allein dadurch gefördert, daß es in der Übertragung weiterlebt, das Gewaltprinzip an sich3 ist böse, woran weder seine Notwendigkeit in der Weltökonomie, noch die Tatsache, daß es dem Höchsten, Besten dienstbar gemacht werden kann, das mindeste ändern. Insofern kann man sagen, daß auf der Ebene des Streits das Schlechte notwendig stärker ist, als das Gute; dies wäre der wahre Sinn der mittelalterlichen Lehre, daß der Teufel der Fürst sei dieser Welt. Hieraus ergibt sich weiter, daß, wer sich überhaupt auf Streit einläßt, das Böse dadurch stärkt; das Gewaltprinzip an sich wird gefördert, gleichviel in wessen Diensten es steht. Der Sieger im Krieg wird militaristisch, der Geschlagene lechzt nach Revanche. Die schlechten angewandten Mittel wirken weiter auf den Anwender zurück. Nicht genug dessen: der Angegriffene findet sich, bis daß er vernichtet ist, durch den Angriff in seiner Kraft gesteigert. Erst strafft er sich in der Abwehr zusammen, dann erwachsen ihm Freunde und Anhänger eben dadurch, deren Gesinnung wird im Kampfe weiter gefestigt, die Massen nehmen Partei, und da es immer vielerlei mögliche Meinung gibt, so ist ein Anhang jedem Mutigen gewiß, mit dem sich die Öffentlichkeit überhaupt befaßt. Deswegen buchen im öffentlichen Leben Stehende jeden Angriff als Aktivum. Wenn dem nun also ist, und es ist so, dann vergrößert Streit unter allen Umständen die Summe des Übels, gleichviel wer siegt. Dann ist Überwindung eines Üblen durch Kampf an sich überhaupt nicht zu erreichen. Nur auf andere Weise gelingt es. Zu deren Erkenntnis nun führt wiederum am schnellsten das Durchdenken praktischer Erfahrungen, von denen hier vornehmlich zwei in Betracht kommen: die erste ist die, daß die einzig bewährte Art, Angriffe zu erledigen, darin besteht, dieselben zu ignorieren; die zweite, daß das, was im Krieg oder Streit den Endsieg bringt (brutal-materielle Überwältigung bedeutet nie einen solchen), ein anderes ist, als die Gewalt an sich: die moralische oder geistige Macht, die sie benutzt.

Nun, unter diesen Umständen bedeutet es gewiß das einzig richtige, wo es nur irgend angeht, vom Streiten abzusehen, und jenes andere dafür als solches zu pflegen. Eben dies meint Lao Tse mit seinem Grundsatz des Wirkens, ohne zu streiten. Beim konkreten Guten wie beim konkreten Bösen handelt es sich um reale lebendige Mächte, welche als solche behandelt werden müssen. Was gesät, was gepflegt, was vitalisiert wird, wächst: dies gilt zunächst vom Bösen in seiner Ausübung. Ebenso aber gilt es vom Guten; dieses muß ohne Auseinandersetzung mit dem ihm Feindlichen gepflegt werden. Nur dadurch kann es siegen, daß es selbständig zu solcher Macht heranwächst (während gleichzeitig das Böse durch Unterernährung an Kraft so viel verliert), daß das natürliche Übergewicht auf die Seite des Guten kommt; so allein wird, gemäß Jesu gleichsinniger Lehre, das Böse zuletzt durch Gutes überwunden. Aus dieser Überlegung widerrieten alle Heilige ihren Jüngern, sich vorzeitig Versuchungen auszusetzen, werden Kinder vor üblen Einflüssen bewahrt. Ich wiederhole: sind einmal starke böse Mächte am Werk, dann müssen sie im Kampf nach Möglichkeit geschwächt werden. Auf einmal betretener Ebene des Streits bedeutet Nachgiebigkeit nur Schwäche. Aber zu besiegen ist das Böse auf dieser Ebene nicht. Deshalb muß Streit vermieden werden, wo dies nur irgend angeht. Von allen Staaten sind die vor Angriffen grundsätzlich am sichersten, bei denen, bei unbezweifelbarem Willen zur Selbstbehauptung, Angriffsabsicht ausgeschlossen scheint, weil sie nicht mehr rüsten, als die Verteidigung unbedingt verlangt. Rüstungsvergrößerung wirkt immer als Angriffsabsicht, gleichviel, was der Betreffende meine, und wird auf die Dauer auch zu solcher, weil der hervorgerufene Eindruck zurückwirkt, welches irgend einmal zwangsläufig zur Überzeugung führt, daß die beste Verteidigung eben der Angriff sei4. Deshalb führt schon rein-praktische Erwägung, weit genug verfolgt, zur Überzeugung Jesu, daß auf die Dauer den Friedfertigen das Erdreich gehört. Aber dessen eigentlicher Grund liegt tiefer.

Nur der ist einer Einstellung, welche Angriffsabsicht ausschließt, dauernd fähig, welcher innerlich über das Streiten hinaus ist. Von wem dieses gilt, der allein ist es auch äußerlich; der ist es dann aber äußerlich nicht in dem Sinn allein, daß er selbst nicht mehr angreift, sondern auch nicht mehr angegriffen wird: sein Dharma ist vom kriegerischen zum brahmanischen geworden. (Daß er von seinen Antipoden verfolgt und dann auch leicht vernichtet wird, hängt mit anderem: dem notwendigen tragischen Gegensatz zwischen Licht und Finsternis und dem natürlichen Übergewicht des Bösen auf Erden zusammen, und ändert nichts an der hier ausgeführten Wahrheit. Jenes tritt nämlich erst ein, wenn der Friedfertige über den Menschenzustand so hoch hinausgewachsen ist, daß sein Dasein eine neue feindliche Spannung schafft.) Nun wirkt er von anderer, tieferer Geistesschicht aus ins Leben ein, und dementsprechend andere Kräfte gehen von ihm aus. Wenn Jesus die linke Backe hinhielt, so gab er nicht etwa feige nach, sondern er führte eine Kraft ins Feld, welche der seiner Gegner überlegen war5. Im gleichen Verstand fühlt jeder, daß, wenn Quäker, diese geistlich vorgeschrittensten unter den Westländern, den Kriegsdienst ablehnen, dies nicht aus Feigheit geschieht: bei diesen hat das Gute das Böse bereits überwunden, was ihre wunderbar segensreiche Wirkung allein schon beweist. — Wird nun das Gute dauernd bei allen Menschen gepflegt, unter möglichster Nichtbeachtung des Bösen, dann wird böswilliger Streit, wegen des Kräfteverhältnisses in der Seele, zuletzt zur Unmöglichkeit. Wie Ehrenhändel desto seltener vorkommen, je besser die Menschen sich selbstverständlich benehmen, wie keine Beleidigung dort unter normalen Umständen stattfinden könnte, wo der Beleidigende ipso facto ehrlos wurde, so könnte Krieg bei genügender innerer Bildung nahezu ganz verschwinden. Aber freilich nur unter dieser einen Bedingung.

Diese nun ist (oder war) bei den Chinesen, unter allen Völkern, der Erfüllung am nächsten. Dies ist der Sinn von deren Friedfertigkeit. Die Chinesen sind (oder waren) innerlich weiter als wir. So ist ethischer Fortschritt überhaupt nur auf die Weise realisierbar, daß das Gute selbständig, ohne Auseinandersetzung mit dem Bösen, wächst. Dies gilt von Völkern wie von Einzelnen. Gewiß erprobt und stählt und entfaltet es sich ganz erst später im Kampf, aber zunächst muß es erwachsen; hier liegt der springende Punkt. Wächst das Gute nun aber also stetig heran, dann ist der Endsieg ihm auch gewiß: hier hätten wir eine tiefere Fassung der gestrigen Erkenntnis gefunden, daß im politischen Leben zwischen Umsatz und Reingewinn zu scheiden ist und die Werkmeister der Zukunft sich auf den heutigen Tageskampf nicht einlassen dürfen. Hier hielten wir das Gegenstück zur Wahrheit, daß der Teufel diese Welt als rechtmäßiger Fürst beherrscht, zugleich den Sinn aller Mythen, die für den jüngsten Tag den Endsieg des Guten verheißen. Ist auf der Ebene des Streits das Schlechte notwendig stärker als das Gute, so gilt das Umgekehrte auf der des Seins. Auf dieser gibt es keinen möglichen Streit, man ist entweder, oder man ist nicht. Das Sein an sich ist ein schlechterdings Positives, Absolutes, in sich Gegründetes. Im Falle guten Seins potenziert sich eben dies Verhältnis, weil auch das Gute ein Unbedingtes, zwecklos Ausströmendes, allem Zwiespalt von Hause aus Überlegenes bedeutet. Unter diesen Umständen muß aber gutes Sein Bösem notwendig überlegen sein, weil das Böse nur vom Streite lebt und auf der Ebene des Seins deshalb nicht selbständig existieren kann. Ihm eignet insofern niemals absolutes Sein. Deshalb steht das Gute, wo kraftvoll vorhanden, letztendlich konkurrenzlos da.

Auf der Ebene des Tageskampfes kann sich dieser Umstand, gemäß dem Vorhergehenden, nicht äußern, dort muß, im Gegenteil, das Böse siegen. Jenseits ihrer tritt aber die stärkere Macht des Guten auch historisch zutage, insofern das Böse immer tieferem Sinne dienen muß. So hat sich Christus mächtiger erwiesen als das römische Reich. So sind es fortlaufend höhere Ideale, für die das an sich Böse zu kämpfen gezwungen wird, oder könnten es doch sein. Es sind tatsächlich die Weltschwachen, die auf die Dauer die stärkste Macht verkörpern, vorausgesetzt, daß eine andere, metaphysische Kraft hinter der Schwäche steht. Dies ist der Sinn der seltsam klingenden Lehre Lao Tses, daß die Schwachen stärker seien als die Starken, die Weichen fester als die Harten, die Flüssigen widerstandsfähiger als die Festen. Das Positive muß seinerseits erwachsen, dies aber ist, noch einmal, dann allein möglich, wenn es sich als solches auf Streit nicht einläßt, d. h. sich selbst nicht zur Diskussion stellt, wie immer es sich sonst betätige. Hierher rührt, um schnell ein Streiflicht auf geistige Verhältnisse zu werfen, die Abneigung aller schöpferischen Geister gegen die Diskussion.

1Vgl. hierzu meine Schrift Politik, Wirtschaft, Weisheit. Darmstadt 1922.
2Vgl. hierzu meinen Aufsatz Arbeit im zweiten Heft des Wegs zur Vollendung.
3Vgl. hierzu den Abschnitt Im Yellowstone Park meines Reisetagebuchs.
4In seinem ersten, 1914 geschriebenen Kriegsbuch Common sense about the War hat Bertrand Russell diese Wahrheit in umgekehrter Fassung ebenso tiefsinnig wie witzig auf die Spitze getrieben. Er behauptet dort, das Gescheiteste für England im Fall einer deutschen Invasion wäre, gar nichts dagegen zu unternehmen, sondern einfach zu tun, als sei nichts vorgefallen: dann würden die Deutschen sich in kürzester Frist als die Dummen erweisen. Er hatte vollständig recht unter der Voraussetzung, daß alle Einwohner der britischen Inseln übermenschlich überlegen wären. Das sind sie leider nicht.
5Diese Frage behandelt Giovanni Papini sehr gut in seiner höchst interessanten, rein dichterisch gestalteten Storia di Gesù, Florenz 1921.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:II. Indische und chinesische Weisheit
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