Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:II. Indische und chinesische Weisheit

Sinnverstehen

In China ist das Gute selbständig erwachsen, dank dem wundervoll praktischen Blick der tiefen Geister, die seine Geschichte bestimmt haben. Diese haben das chinesische Leben von vornherein in einer Sinnes-Tiefe verankert, welche kein Volk des Westens bisher gekannt hat. So spricht dort aus den Buchstaben alles Lebens, um auf unser bewährtes Bild zurückzugreifen, tieferer Sinn als in Europa bisher. Deshalb, nicht aus äußeren Gründen, befanden sich gerade die Unterschichten Chinas in einem Zustand höchster Kultur; deshalb ist bei seinen Gebildeten eine Tiefe des Sinnes-Verständnisses Regel, welche nur seltene Genies bei uns besitzen. Ganz China lebt normalerweise im vierten Sprachenstockwerk. Dort wird ohne weiteres verstanden (und entsprechend gehandelt), was Lao Tse lehrt:

Wer mit klarem Blicke alles durchdringt,
der mag wohl ohne Kenntnis bleiben.

Es kommt auf Sinnverstehen, nicht Fachkenntnisse an; die nötigen Fachleute sind überall zu mieten, wo es ihrer bedarf. Wer des Sinnverstehens fähig ist, wird jedes. mal intuitiv erkennen, welche Fachleute er und in welcher Richtung er sie verwenden soll. Nur er aber kann solchen das Ziel weisen. Die ganze chinesische Staatsweisheit geht von der Erkenntnis dessen aus, nicht allein, daß Führerschaft das wichtigste ist, sondern was sie bedeutet. Daß wir keine Führer haben, weil wir letzteres nicht wissen, habe ich an anderer Stelle gezeigt1. Wir erkennen Führer außer uns ebensowenig, wie das Führerische in uns. Über diesen Punkt hat ein moderner Chinese, Ku Hung-Ming, Beherzigenswertes gesagt (in Vox Clamantis, Leipzig 1921, S. 24):

Es gibt drei Stadien oder Grade der Anarchie. Ihr erster Grad ist es, wenn in einem Lande kein wirklich fähiger, guter König ist. Der zweite Grad ist es, wenn das Volk in einem Lande offen oder stillschweigend an die königliche Gewalt nicht glaubt. Der dritte und schlimmste Grad ist erreicht, wenn das Volk in einem Lande nicht nur an eine königliche Herrschergewalt nicht glaubt, sondern nicht einmal an Königlichkeit — in der Tat, wenn es unfähig wird, Königlichkeit oder menschlichen Wert im Mann überhaupt zu erkennen. Es scheint mir, daß Europa und Amerika sich diesem letzten und schlimmsten Stadium der Anarchie rasch nähern.

Auch aus diesem Ausspruch klingt das chinesische Grundmotiv heraus, daß auf persönliche Überlegenheit alles ankommt; von ihr aus gelingt alles, ohne sie nichts.

Das eine unbedingt zu Überwindende ist die Subalternität. Deshalb konnte schon Lao Tse wie selbstverständlich die Ergebnisse jüngster Moralkritik vorwegnehmen. Er lehrte:

Der große Sinn ward verlassen, so gab es Sittlichkeit und Pflicht.

Äußerer Bindung bedarf es, in der Tat, nur dort, wo der innere Halt fehlt. Wer den Sinn jeder Zeit vollkommen erfaßte und ihm gemäß lebte, für den stellten sich moralische Fragen nicht mehr, und doch genügte das Bild, das sein Leben darböte, den Ansprüchen höchster Sittlichkeit. Weshalb heißt es denn, das Moralische verstehe sich immer von selbst? Weil es noch halb der Naturordnung angehört, das heißt der Region der Grammatik, nicht des Sinnes. Die moralischen Gesetze grenzen mögliches ersprießliches Zusammenleben überhaupt ab; sie definieren das Minimum2. Deshalb ist ihr Befolgen erstens unerläßlich, zweitens selbstverständlich, drittens aber keine letzte Instanz mehr für jeden, welcher den Sinn erfaßte. So darf der große Dichter ausnahmsweise die Sprache vergewaltigen. Es kommt wirklich alles auf Höher-Bildung und Vertiefung des inneren Menschen an. Nur wenn und solange die Höchstwertigen bestimmen, erscheint der Gesamtzustand gehoben. Die Höchstwertigen sind allezeit die, welche den jeweilig höchsten Grad der Sinneserfassung und -verwirklichung darstellen. Dieser Grad erweist sich als äußerst verschieden, je nach den gerade lebenden Persönlichkeiten. Deshalb ist die Welt nicht besser, als sie ist. Deshalb hebt und senkt sich das Menschheitsniveau je nach den Einflüssen, welche die Völker bestimmen.

1Vgl. meinen Aufsatz Von der Selbstführerschaft im 2. Heft des Wegs zur Vollendung.
2Vgl. über Ethik im tieferen Sinn und soziale Moral das Kapitel Mensch und Menschheit meiner Unsterblichkeit, 3. Auflage Darmstadt 1920.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:II. Indische und chinesische Weisheit
© 1998- Schule des Rades
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