Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:III. Antikes und modernes Weisentum

Absterben des Alten

Sie wissen — nicht ich allein habe es ausgesprochen und nachgewiesen —, daß unsere historische Lage in wichtigsten Hinsichten derjenigen der Spätantike gleicht (S. 137). Nur stellen sich uns die Probleme des Sokrates und des Plotin mit einem Mal, im analogischen Rahmen von Urchristentum und Völkerwanderung. Die alten Glaubens- und Seelenmächte sind zersetzt, neue, andersgeartete im Entstehen und unterwegs zum Sieg. Die vorgeschrittenste Kultur trägt alexandrinische Züge, die ikonoklastischen Geister Jung-Rußlands und Jung-Deutschlands beseelt barbarische Kraft. Das Vertrauen in die Wissenschaft ist erschüttert, die alogischen Urmächte brechen wieder hervor. Auf dem ganzen Erdball werden die alten Lebensformen eingeschmolzen. Inmitten des also Verfließenden ragt, gleich seinerzeit Julianus Apostata, unter Völkern das französische, unter Einzelgeistern Stefan George empor. Zugleich aber überwiegt bei allen im Gleichgewicht gebliebenen und dabei vorwärtsblickenden Geistern immer mehr und immer bewußter die ursprünglich sokratische Tendenz, welche sich heute vorzüglich an Goethe orientiert. Die auf den ersten Blick erstaunliche gleichzeitige Wiedergeburt von Problemen, die sich zuletzt auf den Zeitraum eines Jahrtausends verteilt hatten, welche wir heute erleben, bedeutet ein Beispiel mehr jenes stetigen Anwachsens der Schicht der Wirklichkeit, die uns als Erinnerung am leichtesten faßbar ist, aus welchem Anwachsen sich notwendig das Simultanwerden von immer mehr ursprünglich Sukzessivem ergibt1.

Aber neben der Analogie zwischen unserem Zustand und dem der Spätantike bestehen natürlich unüberbrückbare Unterschiede, und einer von diesen ist so entscheidend, daß er unserem ganzen Zeitalter die Signatur verleiht: Was damals Schicksal war, ist heute nicht Schicksal mehr. Damals versagte das Wissen wirklich; heute brauchte es dies nicht zu tun. Damals lag wirklich ein schicksalsmäßiges allseitiges Absterben des Alten vor, und das Neue kam von außen, im Spenglerschen Sinn; heute haben alle Barbaren an der alten Kultur schon so viel teil, daß keine Ablösung zu erfolgen brauchte. Damals mußte das Alogische aus psychologischen Gründen über das Logische zeitweilig siegen; heute könnte, unmittelbar anschließend an die überwundene Einseitigkeit, ein reicheres und vollkommeneres Gleichgewichtsverhältnis als je vorher zwischen den verschiedenen Schichten des geistig-seelischen Menschenwesens erschaffen werden. Die Primitivierung, welche wir durchleben, brauchte nicht mehr als ein kurzes, überdies lokalisiertes Durchgangsstadium zu sein. Es ist eben heute das möglich und historisch fällig, was die antike Weisheit vergebens anstrebte: das Leben vom Geist her neu zu formen. Heute ist die Menschheit so weit, das Problem zu lösen, das Prometheus-Sokrates als erster stellte, und dessen Unlösbarkeit für die antike Weisheit deren Tragödie bedeutet. Aber erst heute ist sie’s: so langsam schreitet die Geschichte fort.

1Über das Dasein einer objektiv existierenden Erinnerungswelt lese man die wohl erschöpfenden Analysen in Bergsons Materie und Gedächtnis (deutsch bei Diederichs in Jena) nach.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:III. Antikes und modernes Weisentum
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