Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:III. Antikes und modernes Weisentum

Kritik des Intellekts

Aller Fortschritt beruht auf Klärung und Tieferverstehen. Deshalb erfolgte Untergang oder Rückschritt jedesmal, wo das Verstehen versagte. Es bedeutet eine völlige Verkennung des wahren Sachverhalts, in der Klärung Sterilisierung zu sehen, weil nur das Dunkle fruchtbar sei. Allerdings ist Verstand in der üblichen Wortbedeutung nie schöpferisch; allerdings erfolgt Geburt nur aus dunklem Mutterschoß heraus; allerdings ist das restlos Ausgesprochene insofern auch verredet1. Aber solches gilt auf jedem Seinsniveau, und der Weg von einem niederen zu einem höheren führt nur durch Klärung hindurch. Hier liegt der springende Punkt. Mögen gewisse Erlebnisse dank erfolgter Klärung unmöglich werden — dies gilt von allen, die auf seither aufgelösten Sinnbildern beruhen —, sie werden durch ein mögliches höheres Äquivalent ihrer abgelöst; der Ausgangspunkt des Schöpferischen verschiebt sich nach oben zu. Wer nicht weiter kommen will oder kann, hat freilich Ursache, die Klärung zu scheuen; aber ein solcher, sei es ein einzelner, ein Volk oder gar eine Kultur, kommt historisch nicht mehr in Betracht. Die Griechen wurden schließlich unschöpferisch, nicht weil sie zu klar waren, sondern weil das Endlichkeitsschicksal jeder Gestaltung es ihnen verbot, von der erreichten Klarheit her weiterzuschaffen. Die vollendete Eingefahrenheit der organischen Prozesse, die automatisch verlaufen, bedeutet auf ihrer Ebene nichts anderes, wie auf derjenigen des Geists vollkommene Klarheit. So kommt vom Standpunkt des Fortschritts tatsächlich alles auf Verstehen an.

Nun aber müssen wir einen weiteren Ton anschlagen in der Melodie: Nicht zu aller Zeit ist gleiches Verstehen möglich. Auf dem Gebiet geistigen Sinnes gilt das gleiche Gesetz der Organisation, wie auf der Ebene der Körper: die Funktion schafft ursprünglich das Organ, aber ohne dieses arbeitet sie nicht. Verstehen gelingt allein durch schon Verstandenes hindurch. Wo der Begriffskörper unausgebildet ist, dort vermag sich der Sinn ebensowenig als Beherrscher der Erscheinung zu behaupten, wie das physische Leben in einem unausgetragenen oder verbildeten Leib. Erahnt, intuiert werden mag er ohne entsprechende Organisation — an tiefen Intuitionen sind alle Zeiten gleich, oder könnten es doch sein —; aber diese bleiben machtlos und als Mächte unübertragbar, solange sie sich nicht die entsprechenden in dieser Welt lebensfähigen Körper schufen. Hieran eben scheiterte das antike Weisentum. Die kristallklare hellenische Philosophie schlug, gemäß dem Gesetz des historischen Kontrapunkts, in asiatischen Aberglauben um, weil sie zu viel gewollt hatte. Die Vernunft sollte alles vermögen. — Nun, hat diesem Irrtum und dessen schicksalsmäßigen Folgen nicht Kant für immer vorgebeugt? Er hat der Vernunft ihre Grenzen erstmalig abgesteckt, womit er dem Rationalen wie dem Irrationalen den ihm gebührenden ideellen Ort anwies. Deshalb droht seit Kant das Schicksal überhaupt nicht mehr, das die Antike begrub: da wir die Grenzen kennen, so übersehen wir die Lage, brauchen wir keinesfalls ins Urstadium zurückzusinken; wir können gar nicht mehr, so nahe dies vielen liege, als Gesamtkultur aus der errungenen Klarheit köpflings ins Dunkel des Alogon hinabstürzen. Kant freilich fand nur die Grundfragestellung. Sein Ausspruch: ich mußte das Wissen begrenzen, um dem Glauben Platz zu machen, den er als das schlechthin Irrationale auffaßte, deutet an, in welcher Richtung er nicht weit genug voranschritt: der Logos durchdringt alle Gebiete ohne Ausnahme.

Wenn exakte Wissenschaft und reine Vernunft vielleicht wirklich dort dauernd Halt machen müssen, wo Kant sie stehenbleiben hieß, so reicht das Prinzip des Logos über diese eben hinaus. Hinter jeder bestimmten Religion — um nur dies eine Beispiel anzuführen — steckt deren Sinn, der als solcher erfaßt und ausgebaut werden kann. Kant freilich konnte unmöglich mehr erkennen, als er erkannt hat. So tiefe Einsicht die in ihm lebenden Verstehensorgane zu vermitteln fähig waren, so tiefe haben sie ihm zugeführt; von allen Geistern der Geschichte hat Kant sein mögliches vielleicht am vollständigsten verwirklicht. Denn noch einmal: wenn es im Bereich des Eros dessen Wesen nach keinen Fortschritt gibt, so greift der Logos mehr oder weniger tief ins Leben ein, je mehr er sich verkörpert. Um auf unsere übliche Ausdrucksweise zurückzugreifen: immer tieferer Sinn, und dies potentiell bis zur Unendlichkeit, vermag sich der Erscheinung einzubilden, nur setzt dies sich proportional entwickelnde entsprechend reichere Ausdrucksmittel voraus. Wie alle Sinne innerlich zusammenhängen, wie jeder erfaßte Sondersinn seinerseits zum Organ der Erfassung oder zum Sinnbild eines noch tieferen wird, ebenso stellen deren korrespondierende Ausdrücke einen Organismus dar. Wo Organe und Funktionen fehlen, fehlt jede Äußerungs­möglichkeit; je mehr jene sich ausbilden und vervollkommnen, desto mehr Sinn kann sich in der Erscheinung manifestieren.

Dies ist die eigentliche Bedeutung des unbezweifelbaren Fortschritts der wissenschaftlichen Erkenntnis, die völlig unabhängig von der Verständnistiefe der sie nutzenden Geister besteht: bestimmte Einsichten, für ein Zeitalter verstiegenste Ziele werden zum allgemeinen Ausgangspunkt eines späteren, weil der vertraut gewordene objektivierte Ausdruck es auch dem Flachen ermöglicht, von der Tiefe seines Inhalts auszugehen, gleichwie der dümmste Junge ein Streichholz anzuzünden weiß, das zu erfinden Prometheus Kraft überstiegen hätte. Auf dieser Unabhängigkeit einer Wahrheit von ihrem Verstandenwerden, wenn sie nur objektiv verständlich ausgedrückt ist, beruht die Möglichkeit eines objektiven Fortschritts überhaupt. Notwendig ist solcher freilich nicht; werden die Träger einer geistigen Tradition ausgerottet oder bricht diese sonstwie ab, dann erfolgt automatisch Rückfall bis zum Naturzustand hinab. So ist es Ägyptern, Arabern, Hellenen ergangen, so kann es jedem Volk ergehen. Dieser Sachverhalt ist ebenso selbstverständlich wie der ihm analoge, daß der Fortbestand jedes physischen Organisationstypus ans Vorhandensein seiner Träger gebunden ist. Sind aber die notwendigen Voraussetzungen vorhanden, dann besteht, wie gesagt, objektiv ein höheres Verstehensniveau. Es besteht objektiv, trotzdem es sich jeden Augenblick aktualisieren muß, um innerhalb der Erscheinung wirklich zu werden, weil der vorhandene Erkenntnisausdruck und das Vorhandensein von Organen, welche ihn fassen können, dessen Realisierung jederzeit ermöglichen, welche Realisierung in einer mehr oder weniger großen Anzahl von Fällen auch immer geschieht. Auf die Zahl kommt es in geistigen Zusammenhängen nicht an; dies gilt sogar auf politischem Gebiet, wie denn zur Beschämung der Heutigen gerade Rousseau, der Erzvater des modernen Demokratismus, zwischen der volonté générale und der volonté de tous ganz richtig unterschied: jene könnte auch durch wenige ausgedrückt werden. Der ganze Mensch denkt mit einem Kopf, atmet mit zwei Lungen usf.

Ist der Ausdruck eines Sinns einmal in die Welt gesetzt, entspricht er den Verstehensmöglichkeiten, dann kann man sagen: die Erfassung dieses Sinnes stellt fortan eine historische Voraussetzung dar. Dabei hat jede Zeit (vgl. S. 105) ihre besonderen Möglichkeiten, die historisch wirksam nicht zu überschreiten sind. Man mag Zeitloses ahnen, seiner Zeit voraus sein — wirksam wird ein Geist immer erst dann, wenn seine Stunde gekommen ist. So erhält die Zeit gewaltige Bedeutung gerade aus dem Blickpunkt des zeitlosen Sinnes heraus. Wir verstehen jetzt, warum alle Heiligen und Weisen die Überzeugung vertraten, daß das allein der Mehrheit gesagt werden darf, dessen Stunde gekommen ist; der metaphysische Moment entscheidet in der Geistesgeschichte genau so über die mögliche Wirkung einer Tat, wie der psychologische in der Politik.

Der metaphysische Moment wird definiert durch das jeweilige Verhältnis von Verstehensorganen, objektiviertem Sinn und vorhandener Sehnsucht. Letztere ist ihrerseits eine Funktion des erstgenannten Faktors. In den beiden ersten Hinsichten ist unsere Zeit der griechischen so weit voraus, daß sich eben daraus die Sehnsucht ergibt, die der Erfüllung Gewähr bedeutet. Bis zu Kant zeigte ich bereits in großen Zügen, inwiefern wir objektiv dem Griechenfatum entwachsen sind. Uns droht kein Schicksal des Rückfalls ins Alogon, wie solches die Antike begrub, weil Kant die Menschheit für immer vor der Überschätzung und falschen Einschätzung der Vernunft bewahrt hat. Seither nun hat sich die Erkenntnis allseitig in positivem Sinn fortentwickelt. Bergson hat die Kritik des Intellekts bereits so weit geführt, daß sich aus dem Negativ ganz klar das Positiv ergab: die wesenhafte lebendige Wirklichkeit, welche alle Erscheinung trägt. Den Weg der Sinnesverwirklichung, den Hegel zuerst intuierte, aber nicht auf die richtigen Begriffe abzuziehen verstand, hat Husserls Logik wohl grundsätzlich abgesteckt. Analoge Verdienste kommen den Logistikern zu, soweit sie Leibniz’ Richtung weiterverfolgen. Innerhalb jedoch des also feststehenden erkenntniskritischen Rahmens hat die Naturwissenschaft so ungeheure Fortschritte gemacht, daß nicht bloß die Moira der äußeren Natur als endgültig überwunden gelten darf — Gleiches gilt grundsätzlich auch von der des Menschen. Hier gebührt der analytischen Psychologie ein Verdienst, welches die Nachwelt den größten aller Zeiten zuzählen wird. Wir wissen heute, daß die Natur des Menschen nach dem Kausalgesetz genau ebenso begriffen und gemeistert werden kann wie die der Elektrizität, nur freilich gemäß ihren eigenen Kategorien; die Seele ist weder ein Mechanismus noch auch ein physischer Körper. Dadurch erhalten Asketik und Yoga einen neuen Sinn, eröffnet deren Ausgestaltung neue Möglichkeiten.

Fassen wir nun alle diese Fortschritte zusammen — was bedeuten sie? — Es erscheint durch das Vorhandensein entsprechender Verstehensorgane eine neue Sinneserfassungsstufe objektiv erstiegen, die eine vollkommene Meisterung des Lebens aus dem Prinzip des Logos heraus grundsätzlich möglich macht. Dieser Sachverhalt braucht jetzt nur allgemein bewußt zu werden, um das gesamte Weltbild der westlichen Menschheit zu verändern. Das Prinzip des Logos verkörpert unsere Handhabe am kosmischen Schicksal. Göttliche Allwissenheit bedingte folgerichtig Allmacht, denn entsprechend tiefes Verstehen vermag jedes Geschehen zu lenken. Die luziferische Verheißung: Eritis sicut Deus wird freilich weder für irgendeinen einzelnen Menschen noch auch für das Menschengeschlecht als Ganzes je zur Wahrheit werden. Mag der Geist sich noch so sehr vertiefen, unmittelbare Herrschaft über die unermeßlichen Mächte des Kosmos wird er nie gewinnen. Wir sind und bleiben winzige Teile von diesem; die möglichen Zentren des kosmischen Sinneszusammenhangs, die dessen vollendete Meisterung bedingen, werden wir nie erreichen. Jeder Luzifer aller Zeiten wird letzten Endes abstürzen, weil eben die Endlichkeit zum Menschenwesen gehört und die Endlichkeit unüberschreitbare Grenzen setzt. Deshalb ist eine Überwindung des Schicksals nur innerhalb der Grenzen möglich, die eben den Menschen machen. Aber eine weitergehende ist Menschen auch unwünschbar und unvorstellbar. Wer sich selbst richtig versteht und im Weltzusammenhang richtig einstellt, der will gar nicht über einen bestimmten Punkt hinaus souverän bestimmen, da er die Lage als Mensch nicht weiter übersehen kann. Insofern wird Goethes Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Menschheit letztes Wort bleiben. Doch diese kann verstehende Ehrfurcht werden, und darauf kommt alles an. Verstehen ist allemal ein schöpferischer Akt; verstehend erobert man sich das, vor dem man Ehrfurcht spürt. Verstehend gewinnt man aktiv Teil an dem, was über einem steht. Verstehend erzeugt man es von sich aus neu. Hat Gott den Menschen erschaffen, so muß der Mensch wiederum verstehend Gott erschaffen: so allein gewinnt dieser auf Erden Macht. So wird die Welt durch tieferes Verstehen auf ein neues Koordinatensystem bezogen, dessen Zentralpunkt im freien Menscheninnern ruht.

1Vgl. hierzu Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:III. Antikes und modernes Weisentum
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME