Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:I. Die Symbolik der Geschichte

Betätigungsart

Der Zyklus, den dieser Vortrag eröffnet, soll am besonderen Thema des Historisch-Politischen erweisen, daß es kein Gebiet gibt, das nicht im Zusammenhang mit dem Tiefsten in uns steht, und folglich keins, das nicht aufs Tiefste bezogen und von diesem her sinngemäß beleuchtet und behandelt werden kann. Meine Schüler wissen, daß es mir grundsätzlich gleich gilt, was einer tut, daß ich jedesmal abrate, einen einmal ergriffenen, der äußeren Anlage gemäßen Beruf aus Geistesgründen aufzugeben1: Handwerk, Handel, Industrie sind keine schlechteren Äußerungsmittel des Geists als Wissenschaft und Philosophie. Gewiß läßt sich in der Sprache der Schwerindustrie nicht Gleiches sagen wie in der Sprache der Metaphysik, wohl aber gleich Tiefes, weshalb die bloße Fragestellung, nach welcher die Betätigungsart zu ändern sei, damit das Wesen sich manifestieren könne, falls jene nur anlagegemäß erwählt wurde, grundsätzliches Mißverstehen beweist. Überall kommt es einzig auf die Kongruierung von Wesen und Erscheinung, Sein und Können, Sinn und Ausdruck an. Dies ist nicht etwa eine Ansicht von mir, über welche man streiten mag, es ist eine Einsicht, die sich erweisen läßt. Was ich nun im Fall eines individuell-persönlichen Problems schon oft getan habe, eben das gilt es einmal in bezug auf ein sachlich-allgemeines zu leisten.

Es gilt dies desto mehr, als von den vielen hundert Mitgliedern der Gesellschaft für Freie Philosophie nur wenige Schüler werden können und so von den Tagungen heimzubringen den berechtigten Wunsch haben, was immer sich, vom Impuls der Schule der Weisheit, in den Körper allgemeiner Problematik hineingießen läßt. Ist dies viel, ist dies wenig? Dies hängt von den Zuhörern ab. Ein Impuls wirkt schöpferisch genau nur insoweit, wie er als solcher aufgenommen wird. Sie wollen doch alle verstehen, vom Verstehen zu besserem Leben, besserer Tat gelangen. So hören Sie mir denn bitte in solcher Weise zu, wie dies vom Schüler in seiner Individualbehandlung verlangt wird: rein aufnehmend, jeden Diskussionsgedanken fortscheuchend, von aller Stellungnahme absehend, bei keinem Stofflich-Sachlichen verweilend2. Stellen Sie sich dergestalt ein, dann, und dann allein, werden Sie von der folgenden, scheinbar rein sachlichen Erörterung beinahe Gleiches haben, als wenn ich auf die persönliche Problematik jedes einzelnen von Ihnen einginge. — Wenden wir uns nunmehr der Symbolik der Geschichte zu.

1Eine andere Seite des gleichen Problems behandelt meine Studie Vom Beruf im 2. Heft des Wegs zur Vollendung.
2Vgl. hierzu den Aufsatz Von der einzig förderlichen Art des Aufnehmens im 2. Heft des Wegs zur Vollendung.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:I. Die Symbolik der Geschichte
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