Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:I. Die Symbolik der Geschichte

Kreuzzugsstimmung

Es besteht, im allgemeinen, ein großer Unterschied zwischen der Art, wie Zeitgenossen und Nachgeborene die Geschichte beurteilen. Diese weisen allemal Geisteszusammenhänge auf, welchen das Faktische angehört, was doch voraussetzt, daß solche Zusammenhänge ein Wirkliches sind. Während die Zeitgenossen meist nur bedeutungslose Tatsachen sehen und, sofern sie politisch wirken, die Überzeugung haben, nur diese als solche kämen in Betracht; sie allein zu berücksichtigen, sei eben der Weg der einzig bewährten Realpolitik. Der Praktiker im Kleinen wird, in seiner Auffassung, auch selten widerlegt. Der lebt von der Hand in den Mund, und denkt er weiter, als sein unmittelbares Handeln verlangt, so fährt er meist nicht besser, sondern schlechter, weil eben seine besondere Tätigkeit keines weiteren Horizonts, keines höheren Standpunkts bedarf. Kurzsichtigkeit ist überhaupt kein reiner Nachteil: die Nähe ergründet das kurzsichtige Auge besser als das weitsichtige. Doch zu sehr außergewöhnlichen, großen Zeiten erweist es sich, daß die geistigen Zusammenhänge, welche der Historiker sonst erst nachträglich konstruiert, so tief ins konkrete Werden eingreifen, daß kein Tatsächliches ohne deren Erfassung verstanden und gemeistert werden kann. Das großartigste Beispiel aller Zeiten hierfür bietet die Epoche, die zu erleben wir das ungeheure Glück haben. Es ist völlig ausgeschlossen, den Weltkrieg und die aus ihm hervorgehende Weltrevolution aus den nachweisbaren Tatsachen als solchen heraus zu verstehen. Dagegen haben unglaublich viel einzelne, ja ganze Völker, trotz aller Tatsachen, von Anfang an und durch alle Wechselfälle hindurch vorausgewußt, was kommen mußte. Deutschland mußte geschlagen werden, so fühlten die meisten Erdbewohner. Warum? Daß sich die halbe Welt gegen Mitteleuropa verband, daß die zu allen Zeiten in solchen Fällen übliche Lügenkampagne in diesem einen so beispiellosen Erfolg hatte, daß zumal die wahnwitzige Unwahrheit von Deutschlands Alleinschuld am Krieg so allgemeinen Glauben fand, daß sie zur Grundlage eines ernstgemeinten Friedensschlusses werden konnte — diese Feststellungen erklären nichts.

Warum traten diese Tatsachen ein? Sie traten deshalb ein, und zwar mit schicksalhafter Notwendigkeit, weil Deutschland, einerseits auf Grund seines wirklichen Zustands, dank einer langen Reihe eigener Fehler und Ungeschicklichkeiten, andererseits dank äußerst geschickt geformten und verbreiteten Entstellungen und Verleumdungen seitens anderer, für den weitaus größten Teil der Menschheit das Sinnbild dessen geworden war, was sie bei sich und anderen nicht mehr haben wollte. Die Ententeidelogie — mit großartigem psychologischem Tiefblick formuliert — konzentrierte auf sich tatsächlich die Sehnsucht der meisten Massen, auch innerhalb Deutschlands: deshalb ließen sich so viele Völker, ungeachtet der zu bringenden Opfer, zum Bündnis gegen dieses zusammenschweißen, deshalb herrschte auf dem halben Erdball Kreuzzugsstimmung. Jedes Volk kämpfte letztendlich für sein Ideal; die Niederlage Deutschlands erschien allen als der beste Weg zu dessen Verwirklichung. Deutschland als Tatsache kam dabei kaum in Betracht; seine Rechtfertigungen wurden aus den gleichen Motiven a limine abgelehnt, aus denen der köhlergläubige Christ, dem es einzig um sein Seelenheil zu tun ist, die Ergebnisse der Bibelkritik ablehnt; die meisten glaubten einfach, auch wenn sie einem Lande angehörten, das nicht das mindeste Interesse am Zusammenbruch Mitteleuropas haben konnte: wenn Deutschland nicht fällt, dann bleibt unser Ideal unverwirklicht. An dieser allgemeinen Stimmung ändert die ebenfalls unleugbare Tatsache nichts, daß jede einzelne der Ententeregierungen und sämtliche Drahtzieher drüben realste Ziele verfolgten.

Deutschland war Sinnbild für etwas, was mit seinem Tatbestand an sich nichts zu tun hatte. — Aber ebendeshalb, weil es sich beim Krieg gegen Deutschland um eine symbolische Handlung handelte, rücken die imponderablen Mächte, welche letztlich die Geschichte bestimmen, seit 1918 unaufhaltsam — dieses Mal zum verständnislosen Staunen Frankreichs — aus dem Lager der Entente ab; denn seither wird einer stetig wachsenden Zahl von einzelnen und Völkern klar, daß es dieser, als politischer Kombination, mit ihren Idealen niemals ernst war, daß sich der Tatbestand mit dem Sinnbild nicht deckte, und daß ihr Idealismus von schlauen Geschäftsleuten aufs zynischste ausgenutzt worden war. Dank der übergroßen Enttäuschung gingen die Imponderabilien zuerst ins allerradikalste, ins russische Lager über, denn der Pendel schlägt desto stärker aus, eine je heftigere Erschütterung ihm zuteil ward. Daß es in Rußland entsetzlich hergeht, daß das Moskauer Programm weniger als irgendein anderes bisher proklamiertes das Völkerleben tatsächlich auf eine idealere Grundlage stellt, ändert nichts daran — nicht mehr, als irgendwelche Tatsachen vor Versailles den Glauben an die Entente erschüttert haben —, daß das Idealbedürfnis der Menschheit seither seinen Brennpunkt in Moskau fand. Dort liegt er noch heute1, denn jetzt bedeutet Moskau das Sinnbild für die Freiheit und Selbstbestimmung der Völker, die Emanzipierung der Armen, den Sturz der Plutokratie und des Ausbeutertums; wo es anders scheint, hängt dies mit der Ermüdung der Massen zusammen, die allen Idealismus verloren haben, oder ihrer Befriedigtheit dank momentan gestillter Gier.

Deshalb ist mit Sicherheit vorauszusagen, daß der Bolschewismus durch die Entente nie besiegt werden wird und schon gar nicht durch die gegenrevolutionären Weißen. Aus seinem Symbolträgertum schöpft er so ungeheure Kraft, daß er allen Tatsachen zum Trotz der materiellen Übermacht widersteht und weiter widerstehen wird, bis daß Moskau aus einem der vielen möglichen Gründe aufhört, Symbolträger zu sein und die Fackel einem anderen weiterreicht, dessen Tatsächliches dem Sinnbild besser gemäß wäre, oder bis Vernunft die Leidenschaft ablöst auf unserem Kontinent, oder dieser schließlich, übermüdet, der unausbleiblichen zeitweiligen Reaktion verfällt. Diese Skizze zeigt Ihnen wahrheitsgetreu die tiefsten und eigentlichen Faktoren des Weltkriegsschicksals. Aus ihnen ergeben sich die besonderen Tatsachen, nicht umgekehrt. Erst mußte das Ententeideal siegen, darauf das von Moskau. Zum nächsten Sinnbild ist, wie ich anderweitig ausgeführt habe2, Deutschland berufen. So absolut der traditionell, preußische Geist, mitsamt den sogenannten Ideen von 1914, jeder Werbekraft entbehrt, weil er keinerlei Verankerung mehr im Weltgeist hat, so sehr kann solche dem neuen Deutschland werden. Hoffentlich bringt dieses recht bald die moralische Kraft auf, seine Mission zu übernehmen. Doch wie dem auch werde: schon das bis heute Geschehene sollte den Stumpfsten einsehen lehren, daß die Geschichte ein geistiger Zusammenhang ist, und deshalb, gleich allem Geistigen, aus sich selbst allein, nicht aus den jeweiligen Tatsachen zu verstehen.

Die Geschichte stellt in der Tat, wie alle großen Historiker und Geschichtsphilosophen dies vorausgesetzt haben, einen geistigen Zusammenhang dar, und nur insoweit ist sie Geschichte. Der Naturprozeß als solcher hat jenseits seiner Tatsächlichkeit keinen Sinn. In der Geschichte jedoch strebt Geistiges seiner wachsenden Verwirklichung zu3. Deshalb postuliert jeder auf diesem Gebiet einen möglichen Fortschritt, zweifelt keiner ernstlich daran, daß das Geschehen einen Sinn haben muß. Weil es sich aber in der Geschichte um einen geistigen Zusammenhang handelt, sind alle Tatsachen notwendig zugleich Symbole, denn das Verhältnis einer Tatsache zu ihrem geistigen Sinn trägt, wie wir wissen, immer und überall symbolischen Charakter (vgl. S. 19 ff.). Auch das Bedeutende, d. h. das geistig Wirkliche an einer historischen Erscheinung, genau wie im Fall des Bedeutenden eines Gedankens, eines Gesichts, besteht darin, daß ihre materielle Tatsächlichkeit einen Sinn verkörpert. Daher ihr wesentlich Schicksalhaftes. Schicksal unterscheidet sich von der bloßen Begebenheit eben da, durch, daß man in jenem das Walten von Sinnvollem ahnt4. Gewiß keines Vernunftgemäßen — beinahe jedes Schicksal ist, im Gegenteil, ausdrücklich unvernünftig —, aber eben eines Geschehens, welches geistige Gründe und Hintergründe hat, die dadurch nicht ungeistiger werden, daß man sie schwer durchschaut. Je bedeutender nun eine historische Erscheinung erscheint, desto mehr ist sie Sinnbild, desto mehr wird sie auch rein als solche beurteilt. Schon der Beamte, der Abgeordnete, vertritt etwas, welches mehr ist als er selbst, nur tut er es äußerlich; es besteht kein notwendiger Zusammenhang zwischen seiner Person und dem, wofür sie steht. In jedem Hochgestellten entsteht diese Verknüpfung auf die Dauer in höherem oder geringerem Grad, welcher Umstand den metaphysischen Rechtstitel erblicher Herrenstellung darstellt. Der repräsentative Mann wird auf die Dauer auch persönlich größer als der nichtrepräsentative. Im großen Mann nun fallen persönlicher und historischer Sinn tatsächlich zusammen. Hier hat jede Tatsache selbstverständlich weiteste Sinneszusammenhänge zum Hintergrund; was solch ein Großer denkt, sagt, tut, ist ipso facto Sinnbild, wird selbstverständlich so beurteilt. Bei den Größten geht dies so weit, daß von ihrem Leben und Wirken überhaupt nur Mythen und Legenden überliefert sind. Dies liegt daran, daß der sinnbildliche Charakter ihres persönlichen Lebens so in die Augen sprang, daß dessen Tatsachen so augenscheinlich nicht letzte Instanzen waren, daß schon die Zeitgenossen unwillkürlich nur Mythen erlebten, nur Mythen im Gedächtnis haften blieben. Denn der Mythos, im Gegensatz zur Chronik, ist primärer Sinnesausdruck.

1Diesen Vortrag hielt ich am 23. Mai 1921. Ich wiederhole hier nochmals, was schon in der Vorrede gesagt wurde, daß ich bei der Ausarbeitung der Zyklen die historischen und politischen Hinweise grundsätzlich so gelassen habe, wie ich sie seinerzeit gab, damit die praktische Voraussicht, welche Sinneserfassung ermöglicht, desto klarer zutage trete. Wer sich für meine Stellung zum Weltkrieg im besonderen interessiert, der lese in der richtigen Reihenfolge meine Aufsätze On the meaning of the War (Hibbert Journal, Oxford, April 1915), den ich im November 1914 schrieb, A philosopher’s view of the War und Peace, or War Everlasting? im Atlantic Monthly (Boston) vom Februar 1916 (geschrieben August 1915) und April (geschrieben Januar) 1920, und vergleiche sie mit der im Juli 1918 verfaßten Broschüre Europas Zukunft, Zürich 1918, und mit den jetzt in Politik, Wirtschaft, Weisheit (Darmstadt 1922) gesammelt vorliegenden politischen Aufsätzen, die ich in Deutschland schrieb: er wird finden, daß ich meine Grundauffassung, trotz der wechselnden Verhältnisse, nie habe zu ändern brauchen. Freilich muß er dabei berücksichtigen, daß ich, als ich als russischer Staatsbürger in einer englischen Zeitschrift schrieb, aus taktischen Gründen manches anders fassen mußte. Um die englische öffentliche Meinung zu beeinflussen, mußte ich mich bis zu einem gewissen Grade auf ihren Boden stellen. Ähnlich steht es mit den in Amerika erschienenen Aufsätzen.
2Vgl. die in Politik, Wirtschaft, Weisheit gesammelten Aufsätze Darmstadt 1922.
3Vgl. hierzu meine Rede Vom Interesse der Geschichte in Philosophie als Kunst.
4Vgl. hierzu mein Schicksalsproblem in Philosophie als Kunst.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:I. Die Symbolik der Geschichte
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