Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit

Entscheidungen

Hegel hatte Recht, so schlossen wir gestern, mit seiner Lehre, daß sich die Welt im Menschen selber denkt. Wir wissen aber auch, von der Gesamtheit der bisherigen Beobachtungen her, inwiefern er Unrecht hatte. Unrecht hatte er in seiner Auffassung, daß Fortschritt notwendig stattfindet. Die Welt der Geschichte, als der des bewußten Lebens, gehört ganz und gar dem Reich der Freiheit an. Deshalb braucht nichts, was über die Mechanik des Karma hinausführt, zu bestimmter Zeit zu geschehen, kann jedes Schicksal verdorben werden. Nach Goethe gleicht der Weg des Fortschritts einer Spirale: den Kreislauf der Natur aufzuheben, vermag kein Geist, er kann jenen jedoch stetig auf eine etwas höhere Ebene hinauf heben. Dies gelingt durch Zurückbeziehung desselben auf andere Bedeutungszentren. Wenn der Weise über dem Schicksal steht, so hängt dies damit zusammen, daß die Zufälle, welchen er, wie jeder andere, ausgesetzt ist, in seinem Fall so anderes bedeuten, wie deren Eigen-Sinn entspricht, daß sie eben dadurch machtlos werden. Im gleichen grundsätzlichen Verstande sprachen auch die Astrologen dem Menschen Freiheit zu. Wohl mag es sein, daß die Begebenheiten der Zukunft wie der Vergangenheit in der Zeit genau so präexistieren, wie die Landschaft, welche der Reisende im Zug nur in Form einer Bilderfolge erlebt, weshalb dieser, wenn er nichts anderes kennte, zum Glauben alle Ursache hätte, daß auch sie in einer Zeitfolge besteht; wohl mag es dem, gemäß sein, daß die Begebenheiten des Lebens im Lauf desselben nicht eigentlich entstehen, sondern daß wir in Wahrheit in dieselben hineinreisen1. Aber je nach unserer Stufe bestimmen andere Bedeutungszusammenhänge von innen her, weshalb kein Schicksal buchstäblich unentrinnbar ist; das bißchen Freiheit, über das wir verfügen, genügt zum Treffen solcher Entscheidungen, daß kein Planet uns ganz beherrscht.

Auch das Horoskop betrifft nicht eigentlich den Sinn, sondern die Sprache (vgl. S. 70), weshalb es kein Wunder ist, daß dasjenige mancher Größter ein ausgesprochen ungünstiges war, da gerade empirische Schwierigkeit ihre tiefsten Geisteskräfte, die keinen Sternen gehorchen, zur Wirksamkeit berief. Unsere äußere Schicksalsgebundenheit ist grundsätzlich die gleiche und faktisch geringer, als die durch Anlage, angeborene Stellung und den allgemeinen physiologischen Prozeß, welche niemandes Freiheitsbewußtsein beeinträchtigen. Aber die das Schicksal bessernden Entscheidungen müssen wir eben selbst treffen; kein Schöpferimpuls verwandelt die Natur, der nicht aus persönlicher Initiative hervorginge. Und die nötigen Entscheidungen sind tatsächlich gar selten bisher getroffen worden; noch ist auch unter Menschen die Trägheit oberstes Gesetz. Theodor Lessing hat in seinem Buch über die Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen (München 1920, C. H. Beck), das ich allen Gläubigen des automatischen Fortschritts empfehle, gezeigt, wie der Un-Sinn fast immer bisher gesiegt hat; die nachträglichen Deutungen auf einen erzielten Fortschritt hin, meist von gerade Erfolgreichen in der öffentlichen Meinung festgelegt, bedeuteten fast immer Verfälschungen. Umsomehr ist unsere Aufgabe, den wahren Sinn zu erfassen und von seiner Erkenntnis her mit aller Kraft an seiner Verwirklichung zu arbeiten. Wir dürfen nicht länger vergeblich geistige Wesen sein. Bei unserem heutigen Bewußtheits-Zustand ist Blindheit unmittelbar Sünde, ist es nur gerecht, wenn Mißverstehen sich so grausam rächt, als handele es sich um schlimmste Verbrechen. Die Geschichte erkennt die Normen der Bürgermoral nicht an; wer nicht versteht, und sei er sonst der gesinnungstüchtigste Mann, darf nie mehr führen. Insofern ist das Weltkriegsschicksal, tief erfaßt, das grandios gerechteste, das es je seit biblischen Tagen gab2. Aber grundsätzlich brauchte es auch nicht mehr vorzukommen, daß der Unsinn siegte. Auch jene scheinbar völlig blinden Kräfte, die unaufhaltsame Massenbewegungen schaffen, haben einen tiefen geistig-seelischen Hintergrund; auch sie sind, vom Sinn her betrachtet, in ihrem Walten niemals ganz im Unrecht. Anstatt sich über sie zu entrüsten oder ihnen feige zu folgen, sollte man versuchen, diesen Sinn in seiner Tiefe zu erfassen und die blinden Kräfte eben dadurch zu meistern. Unmöglich ist dies nie. Deshalb hat einer Betrachtung über die Symbolik der Geschichte an dieser Stätte eine solche über Politik und Weisheit notwendig zu folgen. Da kein Fortschritt von selbst stattfindet, da nur Initiative vom Sinne verstehen her ihn einleiten kann, so gilt es jetzt, den allgemeinen Weg möglicher Sinnesverwirklichung, an der Hand unseres besonderen Themas, grundsätzlich zu bestimmen.

1Dies ist die Auffassung Sir Oliver Lodge’s. Inwieweit ein Vorauswissen der Zukunft ausnahmsweise unzweifelhaft statthat, darüber lese man Charles Richet’s Traité de Métapsychique, Paris 1922, nach.
2Vgl. hierzu die Einleitung und den Aufsatz Deutsche Dämmerung in Politik, Wirtschaft, Weisheit.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit
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