Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit

Morgenrot der Geschichte

Hier wären wir im Mittelpunkt des Problems vom Zusammenhang zwischen Politik und Weisheit schon angelangt. Damit, daß die Meinungen der Völker und Klassen nur selten Kritik vertragen, ist wenig gesagt. Wer aus der Undurchführbarkeit des sozialdemokratischen Programms z. B. die Wesenlosigkeit des sozialistischen Gedankens ableitet, ist gar kurzsichtig: wenn sich Millionen, trotz aller Gegenbeweise, für eine Idee begeistern, so hat deren letzter, meist freilich unerfaßter und unverstandener Sinn seine Wurzeln im Tiefsten des Geisteswesens; das Falsche oder Verfehlte liegt an seiner Verkörperung. Dies dürfte jedem klar werden, wenn er sich auf die Wirkung, welche die Ideen großer Utopisten im empfänglichsten Stadium seiner Jugend auf ihn ausübten, zurückbesinnt. Die Jugend ist immer idealistisch und meist radikal, weil in ihrem Zustand das Tiefste als Ahnung unmittelbar bestimmt, die Kenntnis der Gesetze der Wirklichkeit jedoch gering und der psychische Körper, der die Beziehung zu dieser regelt, unausgebildet ist. Aus eben dem Grunde stammen alle genialen Intuitionen aus der Jugendzeit. Aber jenes Tiefste ist zunächst unerfaßter, unverstandener Sinn; es ist reine Triebkraft, die nach dem Ausdruck ringt. Da der Jugendliche den ihm eigentlich gemäßen nicht finden kann, sintemalen er noch gar nicht weiß, wo er hinaussoll und -will, sich aber unbedingt ausdrücken muß, weil er den Sinn in sich walten spürt und solcher nur in der Äußerung wirklich wird, so bekennt er sich zunächst zu einem ihm von außen Entgegengebrachten, im guten Glauben, eben das meine er. Solches ihm scheinbar gemäße findet jeder außer sich zu jeder Zeit aus dem sehr einfachen Grund, daß er im Fremden eben seine eigene Meinung sieht und die Gedanken eines anderen nur als Ausdrucksmittel annimmt für den von ihm selbst nur geahnten, noch nicht persönlich ausdrückbaren Sinn.

Indem der Jüngling sich nun aber entwickelt und sein geistiger Organismus sich differenziert, wird ihm irgendeinmal bewußt, daß der übernommene Ausdruck mit seiner eigenen Meinung nicht zusammenfällt. Nun verwirft er diesen; er übernimmt weitere neue, verwirft diese wieder, bis daß er endlich einen findet, der seinem Zustand genau entspricht, oder einen selbsteigenen schafft. In diesem und keinem anderen Verstande war Nietzsche zeitweilig Schopenhauerianer und Wagnerianer. Oberflächliche Beurteiler wähnen nun, der also zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes Vertretende habe fortschreitend seine Ansicht geändert. So sehr dies bei Oberflächlichen zutreffe, von wesentlichen Menschen gilt es nie: diese haben sich vielmehr von der Ansicht der Einsicht zu entwickelt, von der Diskrepanz zwischen Sinn und Ausdruck zu deren jeweilig höchsterreichbarer Kongruenz; gemeint haben sie zu aller Zeit Identisches, nur finden sie erst spät, wenn je, die Worte dafür. Je größer die innere Fortschritts- d. h. Vertiefungsmöglichkeit, desto schwerer finden sie einen, den sie als endgültig anerkennen können, da jeder erkannte Sinn auf tiefere zurückweist, welche zunächst wieder nur als Ahnungen ins Bewußtsein treten, und das Leben dauernde Bewegtheit ist. Aber was an Tiefe wirklich erfaßt wird, das wird durch den entsprechenden Ausdruck erfaßt. Der objektivierte Ausdruck ist auch die einzig mögliche Basis jedes weiteren Fortschritts, denn nur er, nicht etwa die Ahnung eines besseren, schafft einen neuen Ausgangspunkt, bei welchem Bewußtsein unmittelbar ansetzen kann. Deshalb müssen beginnende Schriftsteller ihr jeweilig Bestes nicht allein niederschreiben, sondern womöglich auch drucken, trotzdem sie fühlen, daß sie die Erstlingsleistungen wahrscheinlich später desavouieren werden, denn nur so schaffen sie sich die Etappen zu höherer Vollendung. Deshalb riet Luther Gewaltnaturen geradezu, tüchtig zu sündigen; deshalb lehrt die Inderweisheit, daß jedes Karma ausgewirkt werden muß, und die analytische Psychologie, daß verdrängte Vorstellungen dem Fortschritt von allem am hinderlichsten sind. Eben deshalb gelten Mut und Wahrhaftigkeit letztlich als wichtigste Tugenden.

Nur durch den Ausdruck wird ein gegebener Sinn zum Ausgangspunkt für die Erfassung und Verwirklichung tieferer. Weil er aber Realisierung im Ausdruck gibt, deshalb, und deshalb allein gibt es andererseits einen nachweisbaren Erkenntnisfortschritt. Schon die ältesten Weisen waren sich des Tiefsten wohl bewußt; nur drückten sie sich aus vermittelst unvollkommener Theorie. Nicht in dem Verstande sind wir heute über Plato hinaus, daß wir in der Sinneserfassung weiter wären als er, sondern daß wir die gleichen Einsichten besser zu fassen wissen1. Beim Fortschritt handelt es sich eben um keinen Wechsel von falschen zu richtigen Ansichten, sondern um eine wachsende Kongruenz zwischen Sinn und Ausdruck. Diese ist unbedingt erforderlich, weil der Untergrund der Welt dermaßen geistig ist, daß der geringste Fehler im Ausdruck die Äußerung von Un-Sinn zur Folge hat, während umgekehrt jede richtige Fassung neuen Sinneszusammenhängen zur empirischen Wirksamkeit verhilft, welche früher nicht eingreifen konnten. Der Jugendliche mag das Tiefste ahnen: nur der Reife, oft erst der Greis vermag es zu fassen. Deshalb rührt aller greifbare Fortschritt doch von reifen Menschen her. — So liegen die Dinge nicht allein auf rein geistigem, sondern auch auf politischem Gebiet. Von jeher haben tiefe Geister gewußt, wie die Menschengemeinschaft beschaffen sein sollte, d. h. wohin der tiefste Wille der Einzelnen und Völker zielt. Deshalb gelten die Grundgebote der mythischen Herrscher der Vorzeit für ewig wahr.

Aber die Verwirklichung des Sinns in der Erscheinung setzt die Wahl und Beherrschung der richtigen Ausdrucksmittel voraus, und diese ist in dem Fall, daß diese in konkreten Menschen bestehen, so ungeheuer viel schwerer, als in dem der Gedanken, daß man sich darüber wahrlich nicht zu wundern braucht, daß die Menschheit seit dem Morgenrot der Geschichte nur geringe Fortschritte gemacht hat. Welches sind denn die Ausdrucksmittel des politischen Sinns, entsprechend dem, was im Fall des theoretischen die exakten Anschauungen, Begriffe und Denkwege sind? Es sind die Triebe, Leidenschaften, Willensentschlüsse, die Meinungen, Denkweisen und Gewohnheiten der Menschen. Die müssen sinngemäß werden, damit der politische Sinn sich verwirklichen kann. Da sich nun aber die Natur des Menschen, zur Verzweiflung der Idealisten, gar nicht ändert, so treten deren Urtriebe dem Fortschritt mit immer alter Kraft in den Weg. Oder vielmehr: diese wachsen ihrerseits an Kraft, je weiter der Mensch sonst kommt, auf Grund des Gesetzes der Kompensierung, das auf dem Gebiet des flüssigen und bewegten Seelenlebens dem der Korrelation innerhalb des physischen Organismus genau entspricht. Einseitige Entwicklung zersprengt nur deshalb die organische Einheit nicht, weil sie automatisch durch entsprechende Rückbildung anderer Teile ausgeglichen wird. So wirkt die heutige Menschheit urtümlich-barbarischer als irgend eine seit langer Zeit, weil sie die bisher intellektualisierteste ist: kompensatorisch zur Differenzierung des Verstandeslebens hat sich das übrige primitiviert2. Aber auch abgesehen davon wachsen die Dämonen zusammen mit den Geistern des Lichts. Sintemalen der Organismus eine Einheit ist, in welcher Höchstes und Tiefstes sich gegenseitig bedingen und halten, kommt jedes Wachstum seiner Ganzheit zugute. Die Qualität dieser mag sich dabei sublimieren — das Plutonische bleibt doch plutonisch, und steigert sich insofern im Läuterungsprozeß. Deshalb lehrte Franz von Assisi seine Jünger wachsende Versuchungen als Gnadebeweise beurteilen. Eben deshalb stellt der christliche Mythos sehr mit Recht das Weltende nicht als friedlichen Übergang in höhere Sphären, sondern als Todeskampf zwischen Christ und Antichrist dar.

Die Ur-Hemmungen verlieren desto weniger im Lauf der Entwickelung an Macht, als der Menschheitsfortschritt immer mehr vom Charakter der Massen, nicht dem bevorzugter Einzelner abhängt, weshalb Blindheit, Trägheit und Dummheit an Bedeutung nicht abnehmen, sondern zunehmen müssen, je mehr die Welt sich demokratisiert. Keinesfalls wird hier notwendig oder automatisch irgend etwas besser. Falsche Meinungen, Gesinnungen und Theorien, die stupide Schaukelbewegung zwischen Aktion und Reaktion werden noch so manches Jahrtausend, fürchte ich, das eigentlich Normale bleiben. Was sie eigentlich will, ist der Mehrheit immer nur dunkel, wenn überhaupt, bewußt. Zwar orientiert auch diese sich immer wieder an erlauchten Geistern, welche ihr eigenes Wollen — das ist ja deren Aufgabe — verdeutlichen, aber diese mißversteht sie dann, die Mißverständnisse häufen sich, entwickeln sich weiter, zeugen fort, und in deren Endgestaltungen wird zuletzt das Wesen des Sinns erblickt. So entstehen Kirchen, Konfessionen, politische Parteien; aus eben dem Grunde pendelt die Menschheit seit Kain zwischen Radikalismus und Konservatismus geistlos hin und her. Nach jedem radikalen Vorstoß erhellt wieder einmal, daß es so nicht geht, und dann wird das Gleiche — hier liegt der springende Punkt — eine Weile auf dem entgegengesetzten Wege zu erreichen versucht. Von höherer Warte aus betrachtet, welche Einblick in tiefere Sinnesschichten erlaubt, wollen ehrliche und verantwortungsbewußte Radikale und Konservative gleicher Zeit letztendlich niemals Verschiedenes, sondern Gleiches. Nur können sie das nicht einsehen, weil sie nur zu einseitiger Fassung der Probleme befähigt sind.

Gedenken Sie der Tatsache, daß das deutschnationale Programm von 1921 dem Sozialistischen von 1913 notgedrungen, wegen des seither veränderten allgemeinen Zustands, ähnlicher sieht, als dem damaligen der gleichen Partei; gedenken Sie der anerkannten Wahrheit, daß der leitende Staatsmann über den Parteien stehen und dennoch positive Ziele verfolgen soll, welche im Volkswillen begründet liegen, so wird Ihnen das Gesagte nicht mehr paradox klingen. — Ist es nach allen diesen Erwägungen verwunderlich, daß die ältesten Gesetzbücher der Menschheit, die von Manu, Moses und Solon, noch heute erfunden werden könnten, so wenig selbstverständlich wird ihr Inhalt noch heute befolgt? Sinn und Ausdruck auf geistigem Gebiet zur Kongruenz zu bringen hält nicht schwer. Jedoch auf dem des Lebens? — Solche Aufgabe stellt so große Anforderungen an alle Fähigkeiten, zumal an die Geduld, daß sie schier übermenschlich scheint.

1Vgl. hierüber meine Mitteilung an den III. Internationalen Philosophenkongreß (Bologna 1911) Die metaphysische Wirklichkeit und meine im Logos 1910 und 1911 veröffentlichten Abhandlungen Zur Psychologie der Systeme und Das Wesen der Intuition und ihre Rolle in der Philosophie. Ferner die Vorrede zur ersten Auflage meiner Unsterblichkeit.
2Näheres hierüber enthält das oft erwähnte Buch C. G. Jungs Psychologische Typen.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit
© 1998- Schule des Rades
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