Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit

Überwindung des Schicksals

Und doch ist sie zu lösen. Sie ist zu lösen eben aus tieferem Sinnverstehen heraus, und gerade an dem hat es den Führern der bisherigen Geschichte meist gefehlt. Als wir die Weisheit des Ostens betrachteten, da fanden wir, daß Seinskultur nur von innen her zu begründen ist und Böses dadurch allein zu überwinden, daß man ein stärkeres Gutes, unabhängig vom Kampf, zum Wachstum bringt. Wir sahen ferner, daß die tiefsten Kräfte, obschon durch weltlich Schwache vertreten, auf die Dauer deshalb siegen (vgl. S. 231), weil sie auf ihrem Wirkungsplane konkurrenzlos sind. Jede tiefere Sinneserfassung schafft faktische Überlegenheit über alles, was der Oberfläche näher liegt. Auf diese Weise beherrscht Geist überhaupt die Natur; so ist auch politischer Fortschritt allein durch vertiefte Sinneserfassung zu erzielen. Will man dem Leben die Richtung weisen, dann muß man in dem Verstande über ihm stehen, daß man nicht bloß, als Opportunist, mit den jeweiligen Tatsachen rechnet, sich nicht lediglich den jeweilig vorhandenen Kräften anpaßt, auch nicht bloß äußere Ziele verfolgt, sondern den Sinn vorweg nimmt. Wer immer dies an wirksamer Stelle vermag, wandelt Schicksalsbestimmtheit in Schicksalsbestimmung um; der lenkt die Kräfte, die ihn sonst ihrerseits lenken würden. Wer z. B. den Sinn des sozialistischen Gedankens als den einer neuen, zeitgemäßen, das Ökonomische und Juristische einbeziehenden Form des ewigen Solidaritätsgedankens erfaßt hat, der ist ipso facto über alle Parteien und Programme hinaus und kann das Ziel innerlich unabhängig von diesen verfolgen. Mehr noch: der überwindet praktisch deren Dialektik dadurch, daß er dem tiefer erfaßten Sinn eine entsprechend neue Verkörperung schafft, die ebendeshalb den Beschränkungen der alten nicht unterworfen ist.

In diesem Verstande hat Bismarck das 48er Wollen verwirklicht. Auf dem damaligen Wege war die deutsche Einheit nicht zu erschaffen, weil alle realen Mächte dem entgegenstanden. Eben diese realen Mächte hat Bismarck später in den Dienst der gleichen Idee gestellt und ihr dadurch zur seinerzeit einzig möglichen Verkörperung verholfen. Daß Bismarck persönlich feindlich zum 48er Gedanken stand, ist hierbei völlig gleichgültig. Ebenso kann es geschehen, daß der Weg, den Hugo Stinnes beschritten hat, zu einer Lösung der sozialen Frage führt1; dies ist jedenfalls wahrscheinlicher, als daß sie von der Sozialdemokratie gelöst würde. So wird schließlich die friedliche Vereinigung Europas nicht durch Idealistenbeschluß, sondern die Zusammenlegung ökonomischer Interessen aus weitblickendem Egoismus heraus erfolgen. Genau der Sinn, auf dessen Vertretung der Ideolog ein Monopol zu haben wähnt, liegt eben unbewußt gerade den Bestrebungen der Bismarck und Stinnes zugrunde. Durch diese wirkt er lebendig hindurch, während er, von Ideologen vertreten, in abstrakten Theoremen eingekapselt liegt und sich desto weniger auswirken kann, je lauter er bekannt wird, weil er eben nicht von überlegener Basis aus wirkt, sondern in einer Gestaltung unter anderen verkörpert, welche die Übermacht gegen sich hat. Werden Sinn an sich erfaßt, gleichviel, ob dies bewußt geschieht oder instinktiv, der ist über alle Meinungen und festen Gestaltungen ipso facto erhaben, der mag mit allen Parteien zusammenarbeiten, beliebige Programme vertreten. Er allein nur kann offenbar Richtung weisen, denn er wirkt unabhängig sogar vom Schicksal der Gestalt, die er persönlich vertrat, in die Zukunft hinaus. Auf diesem Können beruhte die Größe Cäsars und Bismarcks. Cäsar war scheinbar ein reiner Opportunist; er begann als Catilinarier, schob sich zuerst auf höchst moderne Weise durch die Fährnisse der damaligen Gärungszeit hindurch und tat dann, als er zum arbiter res publicae hinaufrückte, immer nur schrittweise das gerade Mögliche. Aber er tat dies jedesmal in solcher Richtung, auf einen solchen Sinnesmittelpunkt bezogen, daß das jeweilig Kleine zum Sinnbild und Keim zugleich des Größten wurde. So errichtete er persönlich kein Königtum, aber das Imperium erwies sich so unbedingt als seines Willens Kind, daß sich die späteren Herrscher Cäsaren nannten und Cäsarismus und Imperialismus noch heute eine unmittelbar auf den großen Römer zurückgehende Willensrichtung bezeichnen. Auch auf politischem Gebiete kommt es weniger darauf an, was man tut — dies hängt von den äußeren Umständen ab —, als in welchem Geiste man es tut; der Sinn entscheidet letztlich.

Extension und Masse ergeben sich, wo der Sinn sie erfordert, bei dessen entsprechender Erfassung ganz von selbst. So denkt kein großer Unternehmer an das Geld: dies fällt ihm in den Schoß, wenn er nur richtig disponiert. — Und nun Bismarck. Der eiserne Kanzler wird in Deutschlands Geschichte sehr Ähnliches bedeuten, wie Cäsar in der römischen. Äußerlich betrachtet, ein ideenfeindlicher Realist, nur das Nächstliegende zu tun bedacht, als Person in vielen Hinsichten einer vergehenden Epoche angehörig, schuf er sein Werk doch aus so tiefer Sinneserfassung heraus, daß alle Zukunft Deutschlands, wie immer sie sich im einzelnen gestalte, von ihm ausgehen, auf ihn zurückweisen wird. Deutschland kann nur einheitlich in der Vielheit sein, unaggressiv, sozial ausgebaut, kontinental, nicht maritim zentriert, ostwärts, nicht westwärts vorgebeugt, gleichviel, wie die Verhältnisse liegen. So hat es Bismarck erstmalig zusammengefaßt und hingestellt. Er tat es vermittelst der damals vorhandenen Kräfte. Von denen sind viele tot. Aber durch die morgen lebendigen wird sich, sobald Deutschland sich selbst wiederfindet, Bismarcks Geist aufs Neue manifestieren2. Ja, dieser wird schließlich wahrscheinlich zum Spiritus rector ganz Europas werden, denn Deutschlands Föderationsstaat bedeutet wohl das Urbild der künftigen Vereinigten Staaten von Europa. Ist Ihnen jetzt ganz klar, warum der große Staatsmann nicht allein niemals Realpolitiker im oberflächlichen Verstand, sondern vor allem nie Ideolog ist? Der letztere erfaßt den Sinn oft richtig, aber er verkörpert ihn sich in einem starren System oder Programm. Dieses strebt er dann von außen her zu verwirklichen. Solches gelingt aber nie, außer zeitweilig durch Terror, und auch dann nie zu gutem Ende, weil eben das Starre, von außen her Wirkende, an sich schon ein Äußerliches ist, eine Erscheinung unter anderen, auf der Ebene möglichen Kampfs belegen. Daher die Tragödie aller unpolitischen Idealisten: Kropotkin, vielleicht die edelste Seele des 19. Jahrhunderts, ist zum geistigen Vater des Bolschewismus, des schauerlichsten Zerstörungssystemes aller Zeiten geworden, der Name Gustav Landauers, dieses hochgesinnten Menschlichkeitsapostels, bleibt in der Geschichte mit den Münchener Schreckenstagen verknüpft.

Die Ideale müssen von innen, nicht von außen her wirken; auf die Veränderung der Erscheinung als solcher kommt es dabei am allerwenigsten an. In diesem Zusammenhang kenne ich kein lehrreicheres Buch als H. G. Wells Neuen Macchiavelli: den mögen alle die lesen, die, Sozialisten im Herzen, nunmehr, angesichts des erwiesenen Versagens der Sozialdemokratie vom idealen Standpunkt aus, an der Zukunft verzweifeln. Der Held dieses Romans beginnt als extremer Radikaler, erkennt aber allmählich, im Verlauf seiner politischen Tätigkeit, daß der Sozialismus eine allgemeine Gesinnung, kein mögliches Parteiprogramm bedeutet; jeder parteimäßige Sozialist sei ein Exzentriker. So geht der Romanheld später, gerade um sein gleichgebliebenes Ideal verwirklichen zu können, zur konservativen Partei über. Der Sinn an sich liegt eben immer jenseits des Buchstabens; kein Buchstabe, auch der ihm äußerlich ähnlichstsehende, hat je ein Vorrecht in bezug auf ihn. Wie Lao Tse sagt:

Der Sinn faßt alles Bestehende in sich, aber durch
sein Wirken geht er nicht etwa im Bestehenden auf.

Wie der Sinn einer Religion jenseits des Dogmas, der einer Philosophie jenseits ihres Systems liegt und dieser Sinn allein lebendig bleibt, durch seine absterbenden Verkörperungen hindurch, genau so ist auch der Sinn idealen politischen Wollens von allen Verkörperungen grundsätzlich unabhängig. Deshalb wundert es den Tiefen nicht, wenn während des Weltkrieges in allen Lagern ein gleicher und gleichsinnig gerichteter Idealismus glühte, deshalb sieht er nur ein Streben durch alles Wechselspiel dieser Zeit hindurch sich manifestieren, ob nun die Entente, Moskau oder Deutschland im Vordertreffen steht, ob der jeweilige Zeitsinn dem Radikalismus oder dem Konservatismus hold sei, ob an der Oberfläche ab- oder aufgebaut wird. Deshalb vermag der Tiefe von innen her das Geschehen in seinem Sinn zu lenken, gleichviel, welche Kräfte gerade vorherrschen, denn wenn er nur deren Eigen-Sinn kennt und sie entsprechend handhabt, wenn ihm nur der schöpferische Sinn der ganzen Dialektik bewußt ist, dann gibt es nichts, wem er nicht überlegen werden könnte.

Praktisch kam es allerdings noch niemals vor, außer vielleicht im Fall der sagenhaften ersten Beherrscher Chinas, daß einer in diesem gotthaften Sinne souverän regiert hätte; dieses setzte eine Machtfülle von oben einerseits, und andererseits ein konzentrisch verstehendes Zusammenarbeiten von unten her voraus, die zu erzielen noch niemals gelang. Deshalb wird sich der zu höchster Machtfülle Aufgestiegene typischerweise zunächst seiner enggesteckten Grenzen bewußt, gibt gar mancher, der als Beamter die durchgreifendsten Reformpläne hegte, dies selben als Minister auf, sich am Beispiel der salomonischen Skepsis tröstend … Jenes gotthaft souveräne Regieren setzt vor allem eine Tiefe bewußten Sinnverstehens voraus, die es bisher nie gab. Auch die größten Herrscher, von denen wir wissen, waren bewußt hauptsächlich Realpolitiker im psychologischen Verstand. So hat Konstantin der Große allerdings das Römische Reich, das sonst zerfallen wäre, dadurch gerettet, daß er dessen äußere Organisation auf den tieferen Sinn des Christentums zurückbezog, aber bewußt leitete diesen zynischsten aller Machiavellisten dabei nur die Erkenntnis, daß das römische Reich eines geistigen Kitts bedürfe und ein solcher in Gestalt der christlichen Religion, die er persönlich vielleicht kaum kannte, zur Hand lag3. Aber grundsätzlich ist es möglich, daß ein Herrscher von so überlegener Warte aus regierte.

Mehr noch: es wird eben jetzt auch praktisch möglich, ganz objektiv, grundsätzlich unabhängig von der Personenfrage, dank unserer neuerstiegenen höheren Sinneserfassungsstufe. Wir können ja Schicksal schaffen; dies hängt nur vom Grad der fleischgewordenen Einsicht ab. Verkörperte sich die Einsichtsstufe, die wir hier vertreten, so tief im lebendigen Menschenwollen, daß die Impulse, welche die Menschheit sonst blind von außen her treiben, als freie persönliche Initiative in die Erscheinung träten, dann könnte die Sinngebung des Sinnlosen restlos vollzogen werden. Dann würde zum klar erkannten Leitstern, was die Menschen von innen her vorwärts drängt, und alle Abhängigkeit von Äußerlichem entfiele. Denn grundsätzlich handelt es sich um Gleiches, ob man nun äußerlich oder innerlich bestimmt erscheint. Unter meinen Schülern war einer, welcher in kosmischen Gefühlen schwelgte; diese waren von einem höheren und zwar realen Zusammenhang stimmungsmäßig bedingt, an dessen Peripherie er selbst sich fühlte. Den lehrte ich, den Kosmos in sich zu zentrieren; ich lehrte ihn: Sie können ebensowohl Mittelpunkt als Umkreis sein. So lange Sie letzteres sind, hängen Sie vom Kosmischen ab. Anderenfalls drückt dieser sich durch Ihr persönliches Denken und Wollen aus. Die Umzentrierung gelang; ein anderer Mensch entstand. — Die gleiche Umzentrierung kann auf die Dauer auch im Großen, im politischen Leben glücken. Denn grundsätzlich ist es heute jedem möglich, von wegen des objektiv bestehenden höheren Einsichtsmöglichkeitsniveaus, den Sinn jenseits des Buchstabens zu erfassen. Deshalb fordert der ganze Zeitgeist eben das, was ich predige: die Überwindung des Schicksals.

1Vgl. den Vortrag Wirtschaft und Weisheit in Politik, Wirtschaft, Weisheit.
2Vgl. über Bismarck und die Zukunft auch Politik, Wirtschaft, Weisheit SS. 26, 69, 85, 89, 101, 117, 157.
3Diesen Gedanken hat meines Wissens zuerst Wells in seiner Outline of history ausgesprochen. (Deutsche Übersetzung, Berlin 1922.)
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit
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