Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit

Machiavellismus

Der Staatsmann, genau wie der Philosoph hat also an erster Stelle unmittelbare Sinneserfassung, vom Sinn aus zu leben und zu herrschen zu lernen. Dieser Sinn liegt tiefer als das, was ich Ihnen gestern als geistigen Untergrund der Geschichte schilderte, in dessen lebendigem Quell. Von diesem werde ich morgen eingehender handeln. Das heutige Thema, das den Zusammenhang von Politik und Weisheit als unmittelbar praktisches Problem behandelt, verlangt zu seiner Lösung noch die Antwort auf eine Frage, die zwar implizite bereits beantwortet ist, jedoch nicht klar genug, um Mißverständnisse auszuschließen. Die Frage lautet: wie wird sich ein vollkommen sinnverstehender Staatsmann zur Realpolitik im üblichen Verstand verhalten? — Nun, er wird sich von allen Realpolitikern als positivster erweisen. Niemand wird weniger Ideolog sein, als gerade er. Nur erhält das bewährte Tun in seinem Fall einen neuen Sinn. Während die Tatsachen (im weitesten Verstand) den üblichen Politikern letzte Instanzen sind, bedeuten sie ihm nur Buchstaben, vermittelst derer er den Sinn souverän-bewußt verwirklicht.

Denn kein Sinn ist anders als mit den angemessenen Ausdrucksmitteln zu verwirklichen. Im Lun-Yü (XIII, 3) findet sich folgende Stelle:

Tsě Lu sprach: Der Fürst von Wei wartet Eurer, um Euch die Regierungsgeschäfte zu übertragen. Woran werdet Ihr vor allem Eure Hand legen? Der Weise (Konfuzius) erwiderte: Was notwendig ist, das ist die Richtigstellung der Bezeichnungen. Tsě Lu sprach: Ist das wirklich so? Ihr weicht aus. Warum eine solche Richtigstellung? Der Weise antwortete: Wie ungebildet du dich zeigst, You! Was der Edle nicht weiß, darüber geht er gleichsam hinweg. Sind die Bezeichnungen nicht richtig, dann passen sich die Worte nicht an die Bedeutung der Dinge; passen sich die Worte nicht an, so gedeihen die Geschäfte des Staates nicht; gedeihen die Geschäfte nicht, so stehen die Riten und die Musik nicht in Ehren; stehen die Riten und die Musik nicht in Ehren, so sind die Strafen des Gesetzes nicht zutreffend: sind die Strafen des Gesetzes nicht zutreffend, so weiß das Volk nicht, wo es Hand und Fuß stützen soll. Darum wählt der Edle seine Bezeichnungen so, daß sie ohne Zweifel in der Rede angewendet werden können, und formt seine Reden so, daß sie ohne Zweifel in Handlungen umgesetzt werden können. Für den Edlen ist in seiner Rede nichts von Unwichtigkeit.

In den vorkonfuzianischen Aufzeichnungen Kuan Chungs liest man:

Mit Bezug auf die Bezeichnungen der Menschen gilt dreierlei: Ordnung (Regierung), Anstandsgefühl und Dienstverhältnis. Mit Bezug auf die Bezeichnungen der Dinge gilt zweierlei: Richtigstellung und Prüfung. Diese fünf Momente begründen die Regierung des Reichs. Sind die Bezeichnungen richtig, so herrscht Ordnung, sind sie abweichend, so herrscht Verwirrung; sind keine Bezeichnungen vorhanden, so herrscht der Tod. Darum legten die früheren Herrscher den Wert auf die Bezeichnungen.

Und im Ch’un ts’in fan lu, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., heißt es:

Der Schlüssel zur Regierung des Weltreichs liegt in der Prüfung bei Unterscheidung der Größenverhältnisse, der Schlüssel zur Unterscheidung der Größenverhältnisse liegt in der genauen Beachtung der Bezeichnungen und Benennungen. Die Bezeichnungen sind die Hauptpunkte des großen Gesetzes. Man fixiert den Sinn dieser Hauptpunkte, damit man die ihnen innewohnende materielle Bedeutung beobachten kann; dann kann das richtige und das falsche bestimmt werden, und das, was der Ordnung widerstrebt, wie das, was ihr entspricht, tritt deutlich hervor. So durchdringt wohl die Wirkung das Universum. Rechte Wahl der Bezeichnungen und Benennungen ergibt das Universum1.

Die älteste chinesische Weisheit hat, wie man sieht, die wahre Bedeutung des Ausdrucks für das Staatsleben bereits erfaßt. Sie hat jene gerade dort erfaßt, wo der vorgeschrittene Moderne sie in der Regel ganz verkennt. Vorhin schrieb ich: der Untergrund der Welt ist dermaßen geistig, daß der geringste Fehler im Ausdruck die Äußerung von Un-Sinn zur Folge hat, während umgekehrt jede richtige Fassung neuen Sinneszusammenhängen zur empirischen Wirksamkeit verhilft, welche früher nicht eingreifen konnten. Dies berücksichtigt der Moderne bewußt nur auf dem Gebiet der exakten Wissenschaft. Diese ist nur insofern mehr als bloße Grammatik (vgl. S. 27), als der genaue Begriff vom Tatsächlichen nach innen zu den Kontakt mit tieferen Geistesschichten herstellt, weshalb der Tatsachenforscher gelegentlich Gleiches erreicht, wie der unmittelbar den Sinn realisierende. Nur weil dem so ist, gibt es einen objektiven Erkenntnisfortschritt, unabhängig von den jeweilig lebenden tiefen Geistern (vgl. S. 265). Aber der Moderne handelt eben nur auf dem Gebiet der Wissenschaft der fraglichen Wahrheit gemäß, und sie gilt schlechthin allgemein. Auf dem Gebiet der Politik, welchem der wissenschaftliche Geist sich charakteristischerweise am wenigsten gewachsen erweist, gilt dies im allerhöchsten Maß; hier bedeutet Realpolitik eben das, was auf dem der Wissenschaft die exakte Fassung der Tatbestände bedeutet.

Die chinesische Weisheit nun hat die Bedeutung des Ausdrucks im konkreten Leben an der Wurzel erfaßt, wie denn die ganze chinesische Wahrheit dem vierten Sprachenstockwerk angehört; deshalb bedeuten ihr bei der Sinnesverwirklichung die Grundsätze alles und können es tun. Aber das Verhältnis zwischen Sinn und Ausdruck ist genau das gleiche im Fall der besonderen Taktik. Wie der Gedanke nur in richtiger Begriffsfassung wirklich wird, so die politische Idee nur im Körper der vorhandenen Kräfte — deshalb postuliert Sinnverstehen im besonderen Ausdruck äußerste Realpolitik. Mit den Wirklichkeiten des Lebens ist unbedingt zu rechnen; nie, unter keinen Umständen, darf von ihnen abgesehen werden, und handle es sich um noch so blinde und törichte Kräfte. Aber die besonderen Notwendigkeiten der Taktik weisen ihrerseits auf Grundsätze zurück, welche richtige Bezeichnungen im Sinn der Chinesen sind, deren Nicht-Berücksichtigung sich jedesmal rächt, und von diesen will ich einige — in willkürlicher Auswahl — anführen, um zu zeigen, wie alles, was überhaupt den Ausdruck betrifft, seine besondere Grammatik und Syntax hat, ohne deren Kenntnis und Befolgung kein Sinn sich wunschgemäß verwirklichen läßt. Diese Grundsätze stellen den Zusammenhang zwischen der metaphysischen und der empirischen Seite der Sinnesverwirklichung her. Wer je in Erziehung nicht gepfuscht, sondern erfolgreich gearbeitet hat, der weiß, daß man einen Menschen nur insoweit vorwärts bringt, als man seine Natur, wie sie ist, als Ausgangspunkt anerkennt, ohne über sie abzuurteilen; sonst schafft man seinem möglichen Einfluß unüberwindliche Widerstände. (Dies gilt natürlich besonders von der Selbsterziehung — wer gegen sich selbst nicht dergestalt generös zu sein weiß, dessen Fall ist hoffnungslos.)

Nun, in der Politik liegen die Dinge genau ebenso. Hier sind zunächst alle psychischen Mächte, die Ansichten, Gewohnheiten, Glaubenssätze, gleichviel, was sie wert seien, unbedingt als Realitäten gelten zu lassen; diesem Grundsatz gegenüber kommt Vernunfturteil überhaupt nicht in Betracht. Und die vornehmste unter diesen als Realitäten zu behandelnden Mächten ist der Wille eines Volks. In der Befolgung des Grundsatzes, mit dem Willen der Völker als endgültiger Wirklichkeit zu rechnen, liegt die Grundursache des Erfolgs von Englands Expansionspolitik, in seiner Nichtbefolgung die von Deutschlands entsprechendem Versagen. Als die Deutschen ins Baltikum einrückten, da brachten sie objektiv nur Gutes — allein den Willen der Esten und Letten berücksichtigten sie in ihren Maßnahmen nicht; so fanden sie sich einer geschlossenen Oppositionsfront gegenüber, und was immer sie Gutes taten, löste doch niemals Dankgefühle aus. Die Engländer erkannten zunächst grundsätzlich die estnisch-lettischen Wünsche als berechtigt an. Mochten sie sich nachher einen noch so hohen Preis an Gut und Blut dafür zahlen lassen — er wurde gern und dankbar bezahlt, weil eben der Wille des Volkes grundsätzlich berücksichtigt war. Der Grundsatz, daß die psychischen Tatsachen unbedingt als reale Mächte zu behandeln sind, hat natürlich sein negatives Gegenstück: keinesfalls darf mit nicht vorhandenen Realitäten gerechnet werden. Und wieder hat hier gerade Deutschland während des Weltkriegs auf vorbildliche Weise versagt, so daß man sich deshalb allein über dessen Ausgang nicht zu wundern braucht. Die Vorstellungen Wilhelms II., welche leider sehr stark bestimmten, entsprachen überhaupt keiner modernen Wirklichkeit. Die Weltanschauungen und Voraussetzungen der deutschen Heerführer gehörten toter Vergangenheit an. Das, was Deutschland Sympathie erwecken sollte, seine Tüchtigkeit, Organisation usf., erweckte das Gegenteil. Hier hat schon Mencius, der offenbar ähnliche Fälle erlebt hat, das Zutreffende gesagt:

Wer durch seine Tüchtigkeit zur Anerkennung bewegen will, dem wird es nicht gelingen. Wer aber durch dieselbe Gutes zukommen läßt, dem wird die Welt Anerkennung zollen. Wen die Welt nicht im innersten Herzen anerkennt, dem wird es nie gelingen, König der Welt zu werden …

In diesen Hinsichten haben die Deutschen während des Krieges, gerade, wo sie Realpolitiker sein wollten, sämtliche Fehler der Ideologen begangen. Seither aber wird lustig weitergefehlt. Sind Parteien ein übel, so folgt daraus doch nicht, daß sie zu bekämpfen seien; dadurch stärkt man sie ja bloß (vgl. S. 226), schafft günstigstenfalls eine Partei der Parteilosen. Parteien gehören in Deutschland zu den Glaubensfragen, und solche darf man niemals diskutieren. Ein kluger Italiener äußerte zu mir einmal, über den deutschen Ideologismus baß verwundert, das folgende witzige Wort:

Ich verstehe die konservativen Politiker der revolutionierten Länder nicht. Erst stelle man fest, welches die Ideologien sind, an welche die Masse unbedingt glaubt: dann schlage man sie als Programm an allen Wänden an. Nachher kann man doch tun, was man will.

Er hatte recht: nachher, nicht vorher kann man tun, was man will. Die psychischen Mächte müssen wie Naturvorgänge behandelt werden. Als solche kann man diese nicht ändern, aber sobald man sie versteht, gelingt es, sie beliebig zu lenken. Hier gibt es nun einige weitere praktische Grundsätze, deren Wert sich noch nie verleugnet hat, weil eben auch sie zur Grammatik und Syntax des möglichen Ausdrucks eines politischen Sinns gehören. Der erste und vornehmste dieser ist der der Konsequenz. Eine einmal als richtig erkannte Handlungslinie muß unter allen Umständen festgehalten werden. Warum? Weil das Stete dem Unsteten auf die Dauer immer überlegen ist; deshalb siegt sogar folgerichtige Dummheit nicht selten über sprunghaften Geist. Handelt es sich nun um folgerichtigen Geist, der das Sinngemäße erfaßt hat, dann ist der Sieg gewiß, weil alle Zufälle sich bereitwillig dem geltenden Sinneszusammenhang eingliedern. Konsequenz bleibt aber die Hauptsache. Deutschland wurde nicht zum geringsten Teil deshalb geschlagen, weil es keine festen Kriegsziele hatte. Umgekehrt war Englands festes Kriegsziel (das im übrigen, wenn ich recht berichtet bin, erst Northcliffe, als er die Propaganda übernahm, mit der Begründung oktroyierte, daß sich ohne festes Ziel überhaupt nichts wollen läßt) die Hauptursache seines letztendlichen Erfolges. — Der zweite Grundsatz, den ich hier anführen will, ist der der unüberschreitbaren Grenzen. Wie jeder Gedanke, nur auf bestimmte Distanz betrachtet, wahr ist — kommt man ihm zu nahe, so verschwimmt er wie ein impressionistisches Bild, tritt man zu weit zurück, so entschwindet dem Auge sein Kern —, so ist jedes Ziel nur innerhalb bestimmter Grenzen erreichbar oder festzuhalten. Hier lag Bismarcks größte Kunst. Durch Selbstbescheidung gewann er das geschlagene Österreich zum Freund, festigte er seine Reichsschöpfung trotz deren äußerst exponierter Stellung, und hätten ihn die Militärs nicht überstimmt — wer weiß? vielleicht wäre auch die elsaß-lothringische Frage nicht offen geblieben, sie, die den Weltkrieg mehr als alles andere in den Seelen der Franzosen vorbereitet hat. In der Selbstbescheidung lag auch von jeher die Hauptkunst Englands.

Immer hat dieses rechtzeitig erkannt, wann es nicht allein nachgeben, sondern mit aller Energie dafür eintreten mußte, was es vorher bekämpfte. Dadurch, daß es den psychologischen Moment noch in keinem großen Fall versäumt hat, sind ihm unbezweifelbare Niederlagen auf die Dauer zum Vorteil umgeschlagen. So wird es gewiß auch mit Indien werden. Ein hoher Beamter dort sagte mir vor nun 10 Jahren: Freilich werden wir Indien nicht dauernd halten können. Schon jetzt gelingt dies nur dadurch, daß wir uns, das Tempo verlangsamend zwar, doch an die Spitze der Reformbewegung stellen. Aber irgendeinmal wird diese uns hinausjagen. Nun, dann wird es eben Aufgabe unserer Staatskunst werden:

to make it a better business to leave than to stay.

In der Tat, bevor ein über alles ersehntes Ziel mit Sicherheit erreichbar scheint, bezahlt man es gerne hoch. — Der dritte Hauptgrundsatz, den ich hier anführen möchte, ist der der Wirkung. Theoretische Richtigkeit bedeutet gar nichts in der Politik; es gilt ein als richtig Erkanntes vermittelst der gerade vorhandenen Kräfte, und seien es die blindesten Massenstimmungen, zu verwirklichen. Hier liegt die ewige Wahrheit des Machiavellismus. Machiavelli zuerst wurde klar bewußt, daß es in der Politik einzig auf Resultanten ankommt, weshalb die Komponenten, je nach dem Charakter der Zeit, verschieden gewählt werden müssen. Weil dieser, seitdem das Erwachen der rein auf sich selbst gestellten Individualität den moralischen Kosmos des Mittelalters vernichtet hatte, zu einem völlig hemmungslosen geworden war, dem die Selbstsucht erstes und letztes Gesetz zugleich bedeutete, deshalb verherrlichte der kluge Florentiner die Technik eines Cesare Borgia. Hätte er sein Buch vom Fürsten geschrieben, als die mittelalterlichen Ehrbegriffe noch galten, so hätte er aus den gleichen Gesichtspunkten heraus eine ganz andere Staatsmoral vertreten, wie Machiavelli denn persönlich alles eher als ein Vertreter von praktischem Machiavellismus war.

Heute nun könnte erst recht nichts törichter sein, als den Buchstaben des Principe zu befolgen, und zwar gerade aus Treue zu dessen Geist. Das Bewußtsein der Massen ist schon so weit erwacht, daß es nicht gut tut, Ideale zu bloß taktischen Mitteln zu mißbrauchen, wie dies noch Friedrich der Große unbekümmert tun durfte. Der gleiche Gesichtspunkt, der zu Machiavellis Zeiten Verbrechen und Lüge empfehlenswert erscheinen ließ, empfiehlt fortan immer konsequenteres Festhalten an den Idealen der Wahrhaftigkeit und der Gerechtigkeit. Dies wird sich im Fall der Entente, insbesondere der schauerlichen Schuldlüge, der Grundlage des Justizmordes von Versailles, sehr bald erweisen. Die Stimmen der Wahrheit sind heute auf lange nicht mehr zu unterdrücken; der Endsieg ist ihnen gewiß. Lord Northcliffes grandioser Erfolg ist vielleicht schon der historisch letzte seiner Art — schon eine nahe Zukunft wird sein Beispiel als abschreckend beurteilen. Der Grundsatz der Wirkung — die Seele des Machiavellismus — muß richtunggebend bleiben; aber der Sinn des Gewollten und der Zeitgeist wollen verstanden sein, sonst vergreift sich gerade der Machiavellist am verhängnisvollsten in seinen Mitteln. Gewisse Handlungen führen zu gewisser Zeit nicht oder nicht mehr zu dauerndem Erfolg. Eine Politik, die auf die Grundforderungen des sozialistischen Gewissens keine Rücksicht nimmt, wird fortan nie mehr Gutes einbringen. Der unqualifizierte Mensch, rein dem Eros, nicht dem Logos nach gewürdigt — man lese die grundlegenden Ausführungen Leonie von Ungern-Sternbergs über diesen Punkt2 — will seine Rechte, und soweit diese dem Sinn der Dinge gemäß gedacht sind, wird er sie sich erobern. Die absolute Achtung der Persönlichkeit anderer Menschen und Völker — daher die Selbstbestimmungsforderung — ist heute so allgemeines Postulat, daß dieses zweifelsohne seine historische Verwirklichung finden wird. Deshalb muß es als mindestens unpraktisch gelten, seine Politik auf den Gegenpol dieser Begriffe einzustellen. Die Sowjetregierung besitzt trotz allem, was sie faktisch tut, die größte werbende Macht dieser Zeit, weil sie in ihren Worten unentwegt und durch alles hindurch für jene Forderungen eintritt.

Zum Wesen des heutigen Zeitgeistes gehört ferner, daß heute mit bleibendem Erfolge nicht mehr erobert, assimiliert, versklavt werden kann. Vor allem verlangt Machiavellismus heute Einstellung auf die Zukunft und nicht die Vergangenheit, denn in einer Zeit so beschleunigten Neuwerdens, wie wir sie durchleben, trägt die Vergangenheit kein lebendiges Ideal. In diesem Licht erscheint Frankreichs heutige Lage besonders tragisch-hoffnungslos. Frankreich pocht andauernd auf sein Recht. Bis 1918 bezog dessen Begriff sich auf lebendige Gegenwart, deshalb verfügte er über große moralische Macht. Seither hat er sich aber zur Forderung zurückentwickelt, einen verjährten Zustand zu erhalten oder wiederherzustellen, er bezieht sich demnach auf totes Recht. Deshalb wird Frankreichs droit fortschreitend weniger verstanden und gewürdigt, denn die Geschichte erkennt nur Lebendiges an. Auch diesen Fall hat die chinesische Weisheit richtig vorausgesehen und verstanden. Im Lü shi ch’un ts’in (3. Jahrhundert v. Chr.) heißt es:

Sind die Bezeichnungen richtig, so herrscht Ordnung, sind die Bezeichnungen zerstört, so herrscht Verwirrung. Wer die Zerstörung der Bezeichnungen verursacht, der verdirbt die Sprache. Dann steht das Zulässige für das Nichtzulässige, das Zutreffende für das Nichtzutreffende, das Richtige für das Nichtrichtige, das Falsche für das Nichtfalsche. Wo Verwirrung herrscht, da sind die Bezeichnungen der Gesetze nicht zutreffend. Wenn die Herren der Menschen niedriger Art sind, trotzdem aber anscheinend das Erhabene anwenden, auf das Gute hören und das Zulässige tun, so besteht das Unheil darin, daß das, was sie erhaben nennen, dem Niedrigen entspricht, was ihnen als gut gilt, dem Verworfenen entspricht, und was sie zulässig nennen, dem der Ordnung Widerstreitenden entspricht. So haben die Bezeichnungen der Gesetze eine verschiedene Geltung und die in Laute gekleideten Objekte verschiedene Bedeutung. Das Erhabene wird zum Niedrigen, das Gute zum Verworfenen und das Zulässige zu dem der Ordnung Widerstrebenden. So wußte der unklare Fürst von Tsi zwar den Ausdruck shi zu gebrauchen, aber er wußte nicht, was er bedeutete (O. Frankes Übersetzung).

Es gibt also wohl Grundsätze für alle nur mögliche Politik; aber andererseits gibt es niemals Regeln. Regeln gelten nur dort, wo die Situationen dauernd die gleichen bleiben, denn nur dann lassen sich Probleme in abstracto, ein für alle Male, lösen. Auf dem Gebiet des individualisierten Lebens liegt dieser Fall nie vor. Dort gibt es immer nur einmalig-einzige Lagen, so ähnlich sich manche sehen, weshalb sie wohl nach den gleichen Grundsätzen, nie jedoch gemäß ein für allemaligen Rezepten behandelt werden dürfen. Weil dem so ist — ebendeshalb ist jeder auch nur leidliche Taktiker dem größten Gelehrtengeist politisch überlegen. Der Gelehrte denkt typischerweise an die Norm, und gerade deren Gesichtspunkt hilft zum Handeln nicht; er denkt typischerweise an die Idee an sich, und gerade deshalb ist er unfähig, sie zu verwirklichen. Ist sie einmal herausgestellt, so wirkt sie nicht mehr als schöpferische Macht. Welches ist nun das praktische Bindeglied zwischen schöpferischer Idee und Wirklichkeit? Ein solches muß es doch geben, da die Erscheinung nur vom Sinn her gemeistert werden kann. Dieses Bindeglied ist der Takt. Takt ist das im Rahmen der gegebenen Bewußtseinslage Wesentlichste, Tiefste, was ein Mensch besitzen kann, viel tiefer als alle abstrakte Vernunft. Denn Takt bedeutet die lebendige Fühlungsmöglichkeit zwischen dem Sinn und den jeweilig vorhandenen Ausdrucksmitteln, in Rücksicht seiner Verwirklichung; Takt bedeutet die Gabe, das Ewige zur gerade gegebenen einzigen Situation in notwendige Beziehung zu setzen. Deshalb ist Takt das Eine, was jeder Regierende besitzen muß. Alles andere mag ihm fehlen, wenn er nur über Takt verfügt. Denn ein taktloses Wort mag alles sachliche Recht zunichte machen3.

1Vgl. O. Franke Über die chinesische Lehre von den Bezeichnungen (erschien im T’sung-pao, Serie Il. Vol. VII. Nr. 3, Leiden 1906). Nachdem ich 1920 in Hamburg über Sinn und Ausdruck in Kunst und Leben gesprochen hatte, schickte mir Professor Franke diese Arbeit mit der Bemerkung, unter den Autoren, die sie behandelt, befänden sich die wohl frühesten Vorläufer meiner Sinnes-Philosophie. Diese haben, in der Tat, das gleiche gemeint wie ich, sich nur natürlich einer frühen, grammatikalisch-ritualistischen Kulturstufe entsprechend ausgedrückt.
2Vgl. deren Broschüre Der Sinn des Sozialismus, Otto Reichl Verlag.
3Das bisher Bedeutendste, was über das Problem des Takts (vom empirischen, nicht metaphysischen Standpunkt) geschrieben wurde, enthält der zweite Band von Spenglers Untergang des Abendlands, mit dem ich leider erst während der zweiten Korrektur dieses Kapitels bekannt wurde. Dieser Band ist zur Ergänzung des vorliegenden Zyklus unbedingt zu lesen. — Eine genaue Präzisierung meines Standpunkts gegenüber dem von Spengler bringt das 5. Heft des Wegs zur Vollendung.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:II. Politik und Weisheit
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