Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Morgenländisches und abendländisches Denken als Wege zum Sinn

Philosophie des Sinnes

Ist dieses Ziel praktisch erreichbar? — Es ist es deshalb, weil die Welt des Sinnes genau so organisch zusammenhängt, wie die des körperlichen Lebens. Jede Zelle hat ihren sinnvollen Ort im Organ, dieser sodann im Organismus, letzterer seinerseits in einem weiteren räumlich-zeitlichen Zusammenhang1. So weist jede sinnvolle Betätigung ihrerseits auf einen tieferen Sinn zurück. Bei dem, der seine persönliche Bestimmung ganz erfüllt, erscheint nicht allein das Einzelne, das er tut und leidet, einem höheren Ganzen, dem eines persönlichen Schicksals sinnvoll eingegliedert — dieses persönliche ist seinerseits Sinnbild und insofern Ausdrucksmittel eines tieferen Sinneszusammenhangs, eines völkischen, zeitlichen, historischen, menschheitlichen, zuletzt dessen vielleicht einer göttlichen Heilsordnung. Hier ist keine Grenze abzusehen. Von außen her und doch auf den Sinn hin betrachtet, wie dies der Orient tut, erscheint die Welt dergestalt als ein Geflecht von Sinnbildern, als wirklichkeitsfernster Mythos gerade in ihrem jüngsten Ausdruck exakt-wissenschaftlicher Beschriebenheit. Man wundere sich deshalb nicht, wenn tiefe Geister, so Rudolf Kassner und Spengler, die alte Idee einer universellen Physiognomik wiederaufnehmen. Vielleicht hat der ganze Weltprozeß soviel wie eine Innenseite? Das weiß ich nicht. Sicher gibt es diese Innenseite auf dem Gesamtgebiet des Lebens. Hier sind die Erscheinungen nicht bloß da, wie im Fall der toten Körper, hier bedeuten sie allemal etwas2. Und erst von der Bedeutung her wird das Faktische wirklich verstanden.

So gelangen wir zum Postulat einer neuen Philosophie, welche den Gegensatz von Ost und West in sich erlöste. Es ist die Philosophie des Sinnes. Diese unterscheidet sich von der bekannten nur durch ihren ideellen Ort. Sie geht von einer tieferen Schicht des Geisteswesens aus, als die bisherigen. Die Kantische verdeutlichte den Sinn der Erfahrung in bezug auf den erkennenden Menschen. Deren Fragestellung bedeutet nicht die letztmögliche. Was wir denken, leben, tun, ist seinerseits Sinnesausdruck, gehört tieferen Zusammenhängen an, welche bisher noch nicht exakt verstanden, aber zweifelsohne ebenso verstehbar sind, wie die oberflächlichen. Auch auf religiösem Gebiete wird der Mythos nicht immerdar das letzte Wort bleiben. In meinem Reisetagebuche habe ich praktisch schon gezeigt, wie es möglich ist, in tieferer Bewußtseinslage zentriert, durch die Erscheinung hindurch den Sinn der verschiedenen Religionen, Mentalitäten, Kulturen, Sprachen usw. unmittelbar zu verstehen, sodaß das letzte Wort der bisherigen Philosophie und Religion, die bestimmte philosophische, psychologische, religiöse Gestaltung, von vornherein als Ausdruck eines Tieferen erfaßt wird. Was dort einmalig in dichterischer Form geschah, muß jetzt zur typischen Praxis aller werden. Einen anderen Weg des Erkenntnisfortschritts gibt es nicht. Dieser Weg ist aber tatsächlich auch allen beschreitbar, deren Begabung genügt. Daß dies der Fall ist, dürfte das Bild von den vier Stockwerken der Sprache am besten deutlich machen. Die Worte eines Satzes bedeuten zunächst nur das, was sie als Scheidemünze gelten, was also objektiv, nach dem Wörterbuche, festzustellen ist. Sie bedeuten zweitens, was ein bestimmter Mensch mit ihnen sagt. Das, was er sagt, braucht aber nicht seine genaue Meinung wiederzugeben — sehr wenige sind des Ausdrucks so weit mächtig —; damit wäre bereits ein drittes Stockwerk möglichen Sinnes festgestellt.

Erst das vierte nun wäre das der wahren Einsicht: das, wo der Sinn, den der Betreffende meint, sich mit dem Sinn an sich des Zusammenhanges deckt. Die drei ersten Stockwerke steigt jeder Einsichtsfähige unbewußt viele Male täglich auf und nieder. Jetzt gilt es, gleiches bewußt zu tun; jetzt gilt es vor allem, das vierte Stockwerk zur geistigen Wohnstätte einzurichten. Da es sich auf den anderen aufbaut, da die vertraute Stiege unmittelbar zu diesem weiterführt, da es keiner neuen Art des Steigens bedarf, um höher hinaufzukommen, so ist das Ziel erreichbar. Es ist möglich, dahin zu gelangen, daß die Erfassung des letzten Sinns zu etwas ebenso unmittelbarem wird wie die Erfassung der sichtbaren Welt durch das Auge. Dieser letzte Sinn nun ist völlig frei von aller Buchstabenbestimmtheit; er gehört dem indischen Arupaplane an. Aber er erteilt der Gestaltung erst ihre eigentliche Bedeutung. Gelingt es nun, so tief in sich selber leben zu lernen, daß man in aller Erscheinung diesen Sinn erkennt, dann ist alle Natur sowohl wie aller Mythos durchschaut. Dann sind die Sinnbilder nicht mehr, wie im Fall der meisten überkommenen Mythen, Oberflächengestaltungen, sondern Sinnbilder in der vollen Bedeutung des Worts, denn der Nachdruck ruht auf dem Sinn. Dann ist eine Bewußtheitsstufe erreicht, auf welcher der erkennende Mensch den Beirrungen der Gestaltung organisch entwachsen wäre.

Hier wären wir denn beim Problem des Verstehens dessen, was einem nicht gleich ist, wieder angelangt. Ich wiederhole: gelöst hat diese skizzenhafte Betrachtung, vom Standpunkt verstandesmäßiger Beweisführung, noch keins, noch wollte sie es tun; sie sollte nur die Leitmotive des Buchs erstmalig im richtigen Rhythmus anschlagen. So schließe ich denn mit Ergebnissen, welche erst später ihre Richtigkeit vollkommen erweisen werden. Deren wichtigstes ist nun das Folgende: Die Erscheinungen sind nur die Buchstaben der Welt. Wie der Erfinder von einem unsichtbaren Plane ausgeht, der sich dann langsam materialisiert, genau so liegen Geistespotenzen und -prinzipien überall dem Leben zu Grunde. Von außen sind diese nicht zu fassen. Keine Buchstabenschrift als solche enthält ihren inneren Sinn. Doch wer zum Sinn für sich den Zutritt fand, entdeckt, daß gleichwie alle äußeren Erscheinungen irgendwie zusammenhängen, so auch ein Kontakt zwischen allen Geisteswelten besteht3. Deswegen müssen Menschen en rapport sein, um einander zu verstehen; deshalb genügt dieser innerliche Zusammenhang zur Verständigung, wo jede äußere Möglichkeit zu solcher fehlt. Sinneserfassung ist ein Urphänomen, ein a priori, unabhängig von den Vermittelungen, die sie benutzt. Grundsätzlich stellt sich also nicht die Frage, wie verstehe ich überhaupt, sondern wie tief verstehe ich die Welt? Jeder Sinneszusammenhang läßt sich auf tiefere zurückführen. So mag es fortgehen bis zur Unendlichkeit. Hieraus ergibt sich nun eine weitere Erkenntnis, welche ich hier, zum Schluß, nur andeuten kann. Das metaphysische Verstehen bedeutet dem empirischen gegenüber lediglich ein Tieferverstehen; die Welt religiösen Sinnes bezeichnet keine andere, sondern eine tiefere Geisteswelt. Somit träfe zu, was Otto Flake sagt:

die Welt ist ein konzentrisches Phänomen.

Nun fragt es sich: wie gelange ich dazu, tiefer zu verstehen? Da gibt es nur den einen Weg: die Bewußtseinslage zu verändern. Je tiefer man in sich selber eindringt, immer tiefere Sinneszusammenhänge, welche wiederum tiefere Lebenskräfte beseelen, seinem Bewußtsein einverleibend, desto weiter wird der Weltumfang, mit welchem man in geistige Berührung kommt. Wer bis zum innersten Grunde seiner selbst vordränge, der durchschaute zugleich die gesamte empirische Wirklichkeit. Der wäre hinaus über Morgenland und Abendland, über den Unterschied von Metaphysik und Empirie: ein Zusammenhang, in seinem Ich zentriert, umspannte, sinnvoll gegliedert, die ganze Welt. Wer diesen Zustand erreichte, der hätte das erzielt, was man göttliche Allwissenheit heißt.

1Vgl. hierzu die beiden letzten Kapitel meiner Unsterblichkeit 3. Auflage.
2Erst während der Korrektur dieses Buchs kam mir Ludwig Klages Grundlegung der Wissenschaft vom Ausdruck Ausdrucksbewegung und Gestaltungskraft (Leipzig 1921, W. Engelmann) in die Hand. Ich möchte die wirklich grundlegenden Ausführungen dieser Schrift als Ergänzung der meinen sehr warm empfehlen.
3Diesen Leibnizschen Grundgedanken hat neuerdings Paul Natorp wieder aufgenommen. Dessen Sozialidealismus (Berlin 1920, Julius Springer), der mir übrigens nichts Neues gegeben hat, ist insofern lesenswert.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Morgenländisches und abendländisches Denken als Wege zum Sinn
© 1998- Schule des Rades
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