Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:III. Weltüberlegenheit

Sinneszentrum

Fügen wir unsere Betrachtungen zum Schluß dem historisch-politischen Zusammenhang wieder ein, der diesen Zyklus trägt. Weltüberlegenheit, wie wir sie hier schilderten, kann heute, im Gegensatz zur ganzen bisherigen Geschichte, dauernd wirksam werden, weil sie fortan in ihrem Sinn verstanden werden kann. Der Logos ist das Prinzip der Übertragbarkeit. Größte Geister und Menschen gab es zu aller Zeit, aber sie haben nicht annähernd so stark gewirkt, wie dies grundsätzlich denkbar gewesen wäre, weil die Möglichkeit fehlte, den Impuls, den sie verkörperten, auf das bestimmende Bewußtsein zu übertragen. Daß sie heute besteht, beweist schon die Inventur der öffentlichen Meinung. Die Zeit der blindgeglaubten Dogmen, der anerkannten Gewalt ist grundsätzlich vorbei. Schon sind persönliches Verstehen und Freiwilligkeit des Tuns die einzigen Mittel, welche Realpolitik zu dauerndem Erfolge führt. Den korrespondierenden höheren Idealen gemäß muß schon heute, wenigstens in Worten, überall regiert werden, so wenig der wirkliche Zustand der Mehrheit jenen gewachsen sei, denn deren Nichtachtung und Bekämpfung führt nachweislich Katastrophen herbei. Allein der neue, tiefere Sinn, auf den das Leben fortan bezogen werden muß, wenn es neu aufblühen soll, erscheint noch nirgends positiv und klar erfaßt. Noch sind seine Verkörperer nicht zu Sinnbildern des wahren Strebens aller geworden, und dazu muß es kommen, bevor der mögliche Fortschritt zu einem wirklichen werden kann; dieser beruht niemals darauf, daß alle auf einmal weiterkommen, sondern daß alle sich auf tiefere Grundtöne abstimmen, als bisher (vgl. S. 145).

Eine Zeit ist immer erst dann zu einem Fortschritt reif, wenn frühere Irrtümer sich in concreto amortisiert haben, so daß ein neuer seelischer Zustand erschaffen erscheint; daher zuerst die Ablösung erkannter Fehler durch entgegengesetzte, daher ganz spät erst die Konsolidierung des objektiv Sinngemäßen. Die früheste Verkörperung des richtig erfaßten Verhältnisses von Sinn und Ausdruck ist wohl die indische Dharma-Lehre (vgl. S. 214); die größte bisher verwirklichte innere Freiheit haben wahrscheinlich die taoistischen Weisen Chinas erreicht1. Nun, auf unserem besonderen abendländischen Weg sind wir alle heute so weit gelangt, wie die tiefsinnigsten Inder und Chinesen. Bei uns handelt es sich um eine historische, keine Einzel-Errungenschaft. Erst brach bei uns die mittelalterliche Kastenordnung, die Herrschaft des Dogmas. Darauf folgte die Herrschaft der individualistischen Weltanschauung und Moral. Auch sie ist erledigt. Zur Zeit lebt die Gesamtheit im Zeitalter des Relativismus — die Erkenntnis ist (ob auch unbewußtes) Gemeingut geworden, daß keine Gestaltung als solche einen absoluten Wert verkörpert. Allein der Relativismus stellt keine mögliche letzte Instanz dar, er ist als solcher oberflächlich, was in seinen Früchten nur allzu deutlich zutage tritt.

Es gibt freilich ein Absolutes, und wenn die Dogmen, welche es dem Bewußtsein ehemals versinnbildlichten, verstorben sind, so bedeutet dies nur den Tod von sterblichen Leibern. Deren Lebensprinzip, zur Zeit entleibt, ist der sie hervorbringende und tragende Sinn. Er bedeutet das Absolute, soweit wir’s fassen können. Die nächste historische Aufgabe ist da offenbar, in diesem unmittelbar Wurzel zu fassen, auf seiner Ebene Charakter zu bilden. Bisher kannte man Charakter nur auf der Ebene der Erscheinung; solcher ist immer einseitig, beschränkt und starr. Umgekehrt ist der Relativist typischerweise charakterlos. Aber nichts hindert grundsätzlich, bei allem Relativismus in bezug auf die Erscheinung, dennoch Charakter zu haben; dies gelingt eben bei unmittelbarer Verwurzelung im Sinn. Hier lag das Geheimnis jener ganz großen Herrscher, von welchen wir früher handelten: diese lebten praktisch jenseits von Name und Form. Hierauf beruht die Unsterblichkeit, das unaufhörliche Fortwirken der ganz großen Geister. Die seltenen Großen sind nun allemal die Vorläufer einer möglichen Gesamtheitsstufe; eben hierauf beruht ihre Bedeutsamkeit. Was zuerst Prometheus allein vermochte, leistet heute der geringste Streichholzfabrikant; was den Hellenen Mysterium war an der Natur, begreift heute der mittelmäßigste Realschüler; in manchen Lehrbüchern des Okkultismus wird als Eigenschaft des Meisters gepriesen, was innerhalb der vorgeschrittensten Völker jedem Gebildeten selbstverständlich eignet.

Die allgemeine Kulturstufe mißt sich daran, was an Erkenntnis selbstverständlich ist (Erkenntnis hier natürlich im Sinne fleischgewordener, lebendiger, nicht abstrakter verstanden; man erinnere sich meiner Betrachtungen auf S. 126 über die Bedeutung alter Kultur). Diese Selbstverständlichkeit beruht ihrerseits auf einer bestimmten allgemeinen Ausbildung der Verstehensorgane. Der heutige allgemeine Ausbildungsgrad bei den vorgeschrittensten Völkern ist nun eben der, daß der Weltüberlegene fortan bestimmen kann.

Was dies bedeutet, ist unermeßlich. Der heute mögliche Fortschritt ist viel, viel größer, als irgendeiner, von dem die bisherige Geschichte weiß. Er ist viel größer als der, welchen der Einfluß Christi bisher bewirkte. Dieser hat bis heute nicht viel bewirken können, weil er unverstanden blieb, und nur Verstandenes als solches übertragbar ist. So entsprang seiner Lehre nur eine Filiation beschränkter Kirchen, deren Bande zu sprengen zur wichtigsten ersten Aufgabe eben des Christus-Impulses in unserem Zeitalter ward. Nietzsche war in vielen Hinsichten ein echterer Christus-Jünger als irgendein Papst. Wie Jesus, so erging es allen Sinnverstehern. Buddha ward zum Kirchengott; auf Lao Tse beruft sich autoritativ ein höchst bedenkliches System der Magie; und um aufs Politische zurückzugreifen: die Überlegenheit Bismarcks hat, buchstäblich verstanden, zu einer Sorte Realpolitik geführt, welche Deutschland zugrunde richten mußte. Ähnliche Irrtümer brauchen nie wieder vorzukommen. So beginnt die wahre Christus- wie die wahre Buddha-Epoche erst jetzt. So beginnt erst jetzt überhaupt, wie ich gestern zeigte, die wahre Menschheitsgeschichte. Und sie hat begonnen. Die meisten mögen dies nicht merken. Aber auch das Himmelreich kommt nicht mit großen Gebärden. Große Erneuerungen bedeuten, äußerlich betrachtet, niemals ein Aufheben, sondern ein Erfüllen. Was soll denn äußerlich anders werden? Wenn jetzt die Ära der wahren Freiheit anhebt, so hat dies nichts mit der Verwirklichung irgendeines Beglückungsprogramms zu tun. Äußere Freiheit ist eine Utopie oder eine Heuchelei; frei ist immer nur, unter allen Umständen, der, welcher innerlich über der Gebundenheit der Natur steht. Als solche ist diese ebenso notwendig, wie die Gebundenheit der Sprache, der Poesie, der musikalischen Harmonie. Wohl mag eine beschränktere Art der Gebundenheit einer besseren Platz machen, gleichwie das Ochsengefährt als Verkehrsmittel der Eisenbahn und dem Aeroplan: die Natur im weitesten Sinn soll und wird zu einem immer gehorsameren Ausdrucksmittel werden.

So ist die Zeit schon heute abzusehen, in der alle Erkenntnis, welche wissenschaftliche Forschung vermitteln kann, ins Gebiet der selbstverständlichen Voraussetzungen gehört, so daß die Frage sich gar nicht mehr stellen wird, unrichtige Daten und unzulängliche Theorien zu vertreten, oder äußere Vorkehrungen anders zu treffen, als entsprechend dem Maßstab absoluter Sinn, und Zweckgemäßheit. Sind wir aber einmal so weit, dann wird über wissenschaftliche Fragen in ihrer Gesamtheit, deren sogenannte okkulte Zweige inbegriffen, ebensowenig mehr gestritten werden, wie heute über das Problem des Einmaleins. Daß die Wissenschaft bis vor kurzem beinahe das Prestige der Weisheit genoß, beweist, wie rein grammatikalisch das heute sterbende Zeitalter war: nur auf die Sonder-Sinne der Sprachen war es bedacht; ihm blieb vollständig verborgen, daß die wichtigste und eigentliche Aufgabe die ist, vermittelst ihrer etwas zu sagen. Daher der Materialismus und Mechanismus jener Zeit, daher der Tiefstand von Metaphysik und Religion. Ist nun wissenschaftliche Wahrheit auf allen Gebieten selbstverständlich geworden, dann wird man einzig darüber nachdenken, welchen Sinn man vermittelst des vollbeherrschten Ausdrucks verwirklichen soll. Dann wird auch die Frage äußerer Neuerung jedes grundsätzliche Interesse verloren haben, denn kein möglicher metaphysisch gespeister Idealismus erschiene mehr mit ihr verknüpft, und allgemein würde anerkannt, daß, wie das Alphabet der Natur als solches hinzunehmen ist, so auch die Mehrzahl der an der Erfahrung bewährten grundsätzlichen Lebensformen, während alle Neuerung ohne Ausnahme, die sich aus tieferer Sinneserfassung ergibt, nach ebenso streng sachlichen Gesichtspunkten realisiert werden muß, wie die Verbesserung an einer technischen Erfindung. Die Gesetze der Grammatik sind unter allen Umständen zu befolgen, gleichviel was man sagt. Aber fortan kann eben Besseres gesagt werden, als je vorher: hier liegt der springende Punkt.

Die wahre Menschheitsgeschichte hat bereits begonnen, weil dies schon heute möglich ist. Das grammatikalische Zeitalter war als Vorstufe freilich notwendig; dank seinen Errungenschaften wird vollkommene Sinnesverwirklichung allererst möglich. Fortan ist sie’s aber, deshalb können grammatikalische Fragen wesentliches Interesse nicht mehr beanspruchen. Denken Sie nun an die Gesamtheit unserer Gedankengänge über das Verhältnis von Sein und Können, Oberfläche und Tiefe, Sinn und Ausdruck zurück und schauen Sie dieselben zusammen: nun, Herrschaft der Weltüberlegenheit würde nicht weniger bedeuten, als daß die Gesamtheit des Lebens auf ein tieferes Sinneszentrum bezogen erschiene. Dies aber würde eine unerhörte Vitalisierung nach sich ziehen. Wir sahen seinerzeit (vgl. S. 184), daß alles Leben ein Beleben ist, und die Belebung desto größer, je tiefer das Sinneszentrum, auf das es sich bewußt bezieht. Unsere Zeit wirkt leblos und mechanisch, ihre Lebenslust schlägt leicht in Todessehnsucht um, weil sie sich sinnlos fühlt; umgekehrt eignet religiösen Epochen die größte Vitalität, weil solche der Urquell selbst des Lebens speist — man kann sein Leben auf nichts Tieferes als Gott zurückbeziehen: bei dem, was heute möglich wird, handelt es sich um ein Niedagewesenes: unser Dasein kann auf ein gleich tiefes Sinneszentrum zurückbezogen werden, wie im Fall der größten aller religiösen Menschheits­epochen, nur dieses Mal durch den bewußt­ver­stehenden Geist hindurch. Damit nun erfolgte der erste entscheidende Schritt über Christus hinaus. Dieser bezog das Menschenwesen und -leben auf einen tieferen Grundton, als er im Westen je vorher erklang. Aber dies geschah praktisch nur mit einem Teile jenes, woraus sich die Scheidung zwischen Natürlichem und Übernatürlichem, Weltlichem und Geistlichem, Glauben und Wissen, Geist und Seele ergab, eine Scheidung, die sich in der Differenzierung verschärfen und verhärten mußte und eine kompensatorische Veroberflächlichung dessen in ihm bedingte, was an der Vertiefung keinen Teil hatte. Vor allem blieb die schöpferische Urkraft, so wie Christus sie faßte, und dies zwar trotz seiner Lehre, daß das Himmelreich inwendig in uns ist, denn diese ist historisch noch nicht wirksam geworden, außerhalb des Selbstbewußtseins zentriert, dessen Stellung zu Gott eben dadurch zu einer exzentrischen wurde. Daß es zeitweilig dazu kam, war gut: dadurch allein entstand jenes konkrete Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit, das den eigentlichen Seinsgrund der westlichen Fortschrittsfähigkeit bedeutet

Aus der Konzentrizität der typischen östlichen Einstellung, auf Grund welcher sich der Mensch dem All ein für allemal harmonisch eingegliedert fühlt, mußte jener zunächst einmal herausgerissen werden, denn nur so wurde ein Übersteigen der Naturbedingtheit im Großen möglich; auch dieser Sündenfall mußte sein. Aber die Exzentrizität des Bewußtseins, die während der letzten zwei Jahrhunderte geherrscht hat, kann nur, als spannende Dissonanz vor dem Akkord verstanden, als sinnvoll gelten. Der neue höhere Einklang ist das Ziel. Würde dieser nun erreicht, dann zentrierte sich die schöpferische Urkraft, die bisher außen waltete, nur hingegebenem Unbewußten zugänglich, im Bewußtsein selbst. Der bewußte Geist würde, vom toten und tötenden Werkzeug, zum unmittelbaren Ausdruck jener. Nichts bliebe mehr ausgeschlossen von der Teilhabe an ihr, kein Sondersinn stände mehr exzentrisch, keine Einzelbetätigung wirkte sich in falscher Richtung aus. Religion wäre nicht mehr ein Gebiet für sich, Philosophie keine Disziplin neben anderen, Politik keine selbständige Technik: ein lebendiger geistiger Leib umschlösse alles, sinnvoll gegliedert von der Tiefe bis zur äußersten Haut. Der bewußte Geist aber, mit dem kosmogonischen Eros einsgeworden, herrschte souverän, durch Äußerliches nie mehr beengt, nie mehr beirrt. Es würde Normalzustand, was vormals den des Magiers allein charakterisierte. Das Weltalphabet brächte Sinneszusammenhänge zum Ausdruck, die auf Erden früher niemals bestimmen konnten. Kaum eins der Probleme, das uns heute beunruhigt, stellte sich dann mehr. Dafür würde der Weg zu neuen, vormals nie geahnten, frei. Denn wie der Weltraum nach außen zu keine verstellbaren Grenzen hat, so gibt es nach innen zu keine denkbare möglicher Sinnes-Tiefe.

1Die von Richard Wilhelm übersetzten, bei Eugen Diederichs erschienenen Hauptwerke der chinesischen Weisheit dürften in keiner Bibliothek fehlen. Die beste Einführung in diese Literatur stellt Richard Wilhelms bei Otto Reichl in Darmstadt erschienener Band Chinesische Lebensweisheit dar.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:III. Weltüberlegenheit
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