Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:I. Was wir wollen

Wollen, Weg und Ziel

Als vor noch nicht einem Jahr die Gründungsversammlung der Gesellschaft für Freie Philosophie in den Räumen der Schule der Weisheit zu Darmstadt stattfand, da setzte ich in den allgemeinsten Zügen auseinander, welches der Sinn, die besondere Einstellung und das Ziel des neuerschaffenen geistigen Mittelpunktes sind. Aber jene Ausführungen betrafen mehr die Möglichkeit als die Tatsache. Die erprobende Erfahrung stand noch vollständig aus; wenn das, was werden sollte, mein Denken und Handeln noch so zielsicher von innen her lenkte, so war ich mir über dessen Eigenart als Teils des Erschaffenen in manchen Hinsichten noch gar nicht klar. Heute ist es anders. Unerwartet viele haben indessen die Schule der Weisheit besucht. Fragen lösten entsprechende Antworten aus, Anforderungen Erfüllungen, Erfahrungen praktische Maßnahmen. So hat der allgemeine Sinn in vielen Hinsichten den Weg zu dem ihm gemäßen einzigen Ausdruck indessen gefunden, nicht zuletzt in der Gestaltung meiner selbst. Der Mensch wächst buchstäblich an seinem Werk, sofern dieses einen wahrhaftigen Wesensausdruck darstellt.

Die sogenannte Innen- und die sogenannte Außenwelt unterscheiden sich, erkenntnistheoretisch beurteilt, nur technisch voneinander, d. h. sie beherbergen wohl verschiedene Arten von Phänomenen, diese aber stehen im gleichen Distanzverhältnis zum metaphysischen Selbst. Deshalb gehört das Werk des schöpferischen Menschen genau so intim zu ihm, wie Geist und Körper. Erst indem solcher Äußeres leistet, realisiert er sich selbst; sein persönlicher Sinn wird erst im objektivierten Ausdruck wirklich. Bei ausgesprochenen Männern der Tat geht dies so weit, daß einem Cromwell, einem Napoleon, einem Bismarck, bevor diese ihr eigentliches Tätigkeitsfeld betraten, viele der Züge buchstäblich fehlten, welche sie später am meisten auszeichneten — denn man unterscheide wohl zwischen Anlagen und positiven Eigenschaften. Ich bin nun gewiß kein Tatmensch. Aber mein Fall ähnelt dem solcher insofern, als die Fähigkeiten, deren ich als praktisch Wirkender bedarf, sich erst, seitdem ich eben praktisch wirke, auszubilden beginnen; bei mir spielte Abneigung früher die gleiche Rolle, wie beim Staatsmann die mangelnde Gelegenheit.

Meiner empirischen Natur nach bin ich Einsiedler und Künstler. Mir fehlt jeder persönliche Drang zur äußeren Wirksamkeit, der Verkehr mit meinen Mitmenschen war mir nie Bedürfnis, von den Wahrheiten, die ich fortschreitend erkannte, andere persönlich zu überzeugen, spürte ich nie den Wunsch. Schon bei anderer Gelegenheit erzählte ich Ihnen, wie die Gründung der Schule der Weisheit seinerzeit als Pflichtleistung gleichsam zustande kam (S. 277). Mein Oberbewußtsein war auf die neue Aufgabe so wenig vorbereitet, daß keine Schrift mir je schwerer aus der Feder floß, als Was uns nottut. Während der ersten Darmstädter Semester habe ich meiner Natur andauernd Gewalt antun müssen. Aber es war eben nur mein Oberbewußtsein, welches widerstrebte: dies erwies unzweideutig das innere Wachstum, das sich immer stärker manifestierte, je mehr ich mich meiner neuen Tätigkeit hingab. So erlebe ich denn an mir selbst, wie die ursprüngliche Diskrepanz zwischen empirischem und metaphysischem Willen — alias Wille und Schicksal, im Höchstfall zwischen persönlichem und göttlichem Willen — sich fortschreitend der Kongruenz zu verwandelt. Die persönliche Neigung oder Abneigung spielt eine immer geringere Rolle, weil ihr Begriff immer inhaltsleerer wird. Damit aber schwindet immer mehr auch der Unterschied zwischen Äußerlichem und Innerlichem; sehr vieles von dem, was nach außen hin als persönliche Absicht wirkt, geschieht mir jetzt. Ich bin eben in mein Werk hineingewachsen. Deshalb kann ich heute gegenständlicher darüber reden als dazumal, als ich es nur als herausgestellte Möglichkeit vor mir sah. So werde ich denn Wollen, Weg und Ziel der Schule der Weisheit in diesem Zyklus nicht eigentlich noch einmal behandeln — ich tue es recht eigentlich zum erstenmal. Und es ist Zeit, daß ich es ausführlich tue: zu viele urteilen schon über eine Sache, zu deren Kenntnis jede authentische Unterlage fehlt.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:I. Was wir wollen
© 1998- Schule des Rades
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