Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:I. Was wir wollen

Seinsgrund des Faktischen

Daß es so ist, habe ich, wie gesagt, schon häufig nicht allein auseinander­gesetzt, sondern auch an Beispielen als richtig erwiesen. Aber was nicht zu widerlegen ist, wird deshalb nicht notwendig verstanden. Gerade unsere Grunderkenntnis leuchtet erfahrungsgemäß besonders schwierig ein, weil der Begriff eines positiv schöpferischen Geists von veräußerlichtem Denken nicht zu bilden ist. Aber sie muß endlich eingesehen werden. Deshalb will ich sie dieses Mal in ihrer Widerspiegelung auf einem solchen empirischen Gebiet erweisen, auf dem sich der moderne Verstand besonders zu Hause fühlt. Metaphysische Wahrheiten sind nämlich, falls sie überhaupt gelten, überall erweisbar, weil sie Sinneszusammenhänge betreffen und jede empirische Lebenserscheinung ihre Sinnes-Seite hat. Da müssen die Obertöne des Sinnes, wohl oder übel, den Grundtönen entsprechen; wer ein Oberflächliches am Leben tief versteht, gewinnt notwendig metaphysische Erkenntnis, denn jeder besondere Sinn steht mit dem letzten, der sich fassen läßt, in organischem Zusammenhang (vgl. S. 33). Deshalb muß sich die grundlegende Erkenntnis, daß die Bedeutung den Tatbestand schafft, auf entsprechendem Gebiet empirisch feststellen lassen, und zwar ganz unzweideutig, nicht bloß zur Befriedigung solcher, welche der Sinneserfassung von sich aus fähig sind (welche Einschränkung wohl für die Nachweise auf historischem Gebiet, die ich während des Frühjahrszyklus erbrachte, gemacht werden muß). Das entsprechende Gebiet ist das der modernen analytischen Psychologie1. Deren durch massenhafte praktische Erfolge als grundsätzlich gültig erwiesene Theorien brauchen nur tiefer verstanden zu werden, als gewöhnlich geschieht, und sie behaupten eben das, was ich als Metaphysiker vertrete.

Sigmund Freud als erster wandte gegenüber seinen Patienten die Arbeitshypothese an, daß jeder psychische Tatbestand — handele es sich um Gewohnheiten, Erkrankungen, Anomalien — aus seiner Bedeutung für das Individuum verstanden werden müsse; keine Gebärde, kein Traum, keine unbewußte Handlung sei ohne Sinn; der Sinn vielmehr sei der eigentliche Seinsgrund des Faktischen; die meisten Gleichgewichtsstörungen rührten aber daher, daß der Mensch sich über den wahren Zusammenhang in seinem Bewußtsein täuscht. Und siehe da: in einer stetig wachsenden Anzahl von Fällen, proportional der Ausbildung seiner praktischen Methode, gelang es Freud, durch Aufdeckung des Sinnes Heilung oder Wandlung zu erzielen. Seither haben Hunderte von Ärzten und Psychologen den von Freud zuerst gewiesenen Weg selbständig weiterverfolgt. Freuds besondere Theorie ist heute nur mehr eine unter vielen, die sich gegenseitig befeinden, und ich für meine Person muß sagen, daß mir keine bisher durchaus befriedigend scheint, weil ihrer aller Formulierung sich am Niedrigsten orientiert (was bei Ärzten kein Wunder ist, da Krankheit jedes Niveau herabdrückt, weshalb jene instinktiv das Unterste für das Eigentliche halten), wo geistige Probleme nur in ihrem Höchstausdruck ihr tiefstes Wesen offenbaren. Aber nicht allein die Grundtheorie, die übrigens noch niemand meines Wissens ausdrücklich formuliert hat, hat sich durchaus bewährt — ohne Zweifel sind auch in der Richtung der Besonderung und Präzisierung Schritte getan worden, welche als endgültige Fortschritte über Freud hinaus gelten dürfen. Während dieser das äußere Gebaren allzuoft als Symptom von bloß Triebhaftem beurteilte, wodurch er das Menschenwesen über Gebühr aufs Tierische zurückbezog, ist Alfred Adler dessen wesentlicher Geistigkeit schon besser gerecht geworden. Dieser findet in seiner ganzen Praxis die Theorie bewährt, daß das Primäre an jeder Individualität nicht ihr tatsächlich Greifbares, auch nicht ihr unbewußt-Triebhaftes, sondern die geistige Lebensrichtung oder -linie ist, deren immanente Zwecktätigkeit von innen her von den Charakterzügen bis zum Schicksal schaffe. Um eine Neurose oder Psychose zu verstehen — kaum ein Moderner ist von solcher völlig frei —, muß zuerst die Frage beantwortet werden welches ist das Lebensziel des Betreffenden, welches die Vorstellung, die er sich von sich selbst macht, das Ideal, welchem er nachstrebt2?

Alles Einzelne ergibt sich hieraus. So lassen sich Gedächtnisschwäche, die Verteilung der psychischen Inhalte auf das Bewußte und Unbewußte, die Wege, auf denen so mancher seine bewußtgehegten Wünsche selbst vereitelt, jeweilig als zweckmäßige Maßnahmen richtig verstehen und sogar voraussagen. Vom Verstehen her sind aber auch die meisten Störungen zu beseitigen, und so allein. — Doch den bisher weitestführenden Schritt in der Erfassung des geistigen Grunds des Menschenwesens hat unter Psychologen C. G. Jung getan. Dessen Werk Psychologische Typen (Zürich 1921, Rascher und Co.) ist zwar mehr Chaos als Kosmos; an Problemen und Ausblicken überreich, entbehrt es der abschließenden Klarheit. Dennoch halte ich es für epochemachend in der Geistesgeschichte. Jungs Werk bedeutet den ersten monumentalen Versuch, auf wissenschaftlichem Weg zu einer Lehre von der Seele zu gelangen, deren Gegenstand nicht die einzelnen Funktionen und Teile dieser wären, sondern deren lebendige Synthesis. Dabei ist Jung nun zur Feststellung gelangt, daß jeder empirische Charakter, d. h. jeder besondere Mensch in seiner Eigenart, den Sonderausdruck einer typischen Einstellung darstellt. Diese sei das unbedingt Primäre; sie schaffe letztlich den psychologischen Tatbestand.

Man sieht sofort, inwiefern Jungs Lehre die Einseitigkeiten derer von Freud und Adler grundsätzlich überwindet und das Problem zugleich tiefer faßt. Sie geht von der Synthesis von Trieben und geistigen Zielsetzungen zu welche faktisch die letzte Gegebenheit des psychischen Menschenwesens darstellt, und führt diese alsdann auf ihren letztdenkbaren geistigen Realgrund zurück. Dieser ist eben die Einstellung der gegebenen Synthesis — bei einem Zusammenhang ist das Wesentliche offenbar, wo sein Bezugszentrum liegt; umgekehrt betrachtet, wie er eingestellt ist. Dementsprechend ist bei Jung nicht, wie bei Freud, die Sexualität als solche das letzte, sondern die Einstellung zu ihr; nicht, wie bei Adler, der Wille zur Geltung oder zur Macht, sondern die geistige Einstellung, welche diese empirisch ausdrücken. Und Jungs Auffassung bewährt sich an der Erfahrung in allen grundsätzlichen Hinsichten durchaus, so sehr sie noch der Ausarbeitung, Präzisierung und Klärung bedarf, dieses seinerseits unabhängig davon, ob Jungs spezielle Typenlehre das letzte Wort in dieser Frage bedeute oder nicht3. Ohne jeden Zweifel ist die Einstellung das Primäre. Deshalb bedeuten die äußerlich gleichen psychischen Phänomene Verschiedenes, je nachdem, bei welchem Typus sie beobachtet werden, d. h. auf welche Einstellung sie zurückzubeziehen sind. Was in einem Falle Krankheit bedeutet, ist in anderem Gesundheit, was im einem tief ist, ist im anderen oberflächlich, was im einen richtig, im anderen falsch. Und so weiter.

Der konkrete Sonderfall ist allein aus seinem geistigen Sinn heraus zu verstehen. — Nun, sind wir hier nicht zu unserer metaphysischen Erkenntnis, daß im Bereich des Lebens die Bedeutung den Tatbestand schafft, von der Empirie her zurückgelangt? Die Fassungen, die ich hier vorgetragen habe, finden Sie freilich in keinem psychoanalytischen Werk genau so wieder. Aber dies liegt nur daran, daß die betreffenden Forscher keinen Anlaß hatten, tiefer zu greifen, als das wissenschaftliche Verständnis der Erfahrung unbedingt erheischte. Ich habe die Erkenntnisse jener einfach auf den ihnen genau entsprechenden Sinnesgrundton zurückbezogen, dieser aber ist eben der, welchen ich selber dauernd vertrete. So spiegelt sich metaphysische Wahrheit in der empirischen. Wenn jene grundsätzlich unbeweisbar ist, so läßt sich die gleiche auf dem Gebiete dieser unmittelbar erweisen.

Wenden wir uns nun konkretisierteren Verständnisses unserer ursprünglichen Fragestellung wieder zu. Warum kommt es, vom Standpunkt des menschlichen Fortschritts, auf inhaltliche Neuerung so wenig an? Weil Tatsachen ihre lebendige Bedeutung nur von dem geistigen Zusammenhang erhalten, auf den sie bezogen werden. Und worauf beruht es, daß sachlich unoriginelle Geister die Welt zu verändern vermocht haben? Es beruht auf dem Primat der Einstellung, die über die mögliche Bedeutung entscheidet. Ist diese keine tiefergegründete, dann bleiben die neuesten Tatsachen ohne erneuernde Bedeutung für das Leben. Bedeutet die Einstellung als solche eine Vertiefung, dann erhalten die ältesten Tatsachen einen neuen Sinn. So ausschließlich kommt es auf letzteres an, daß die ganz Großen unserer Geschichte eben deshalb originalitätsfeindlich waren. Theoretisch betrachtet hätten sie es nicht zu sein brauchen, allein sie waren es. Fortschritt gibt es eben ausschließlich nach innen zu. Darauf allein kommt es an, welcher Sinn sich durch die Buchstaben manifestiert. Alles dieses ist uns Weisheitssuchern längst bekannt. Aber wir haben heute einen Begriff hinzugewonnen, der sich für unsere besonderen Ziele überaus fruchtbar erweisen wird: den der Einstellung. Art und Grad der Sinneserfassung und -verwirklichung hängen von der Einstellung des Menschen ab. Sie vermittelt zwischen dem Geistesgrund und dem konkreten Leben.

1Um meine Kritiker vor falschen Konstruktionen zu bewahren, stelle ich hier ausdrücklich fest, daß ich mich mit analytischer Psychologie zum ersten Mal im Sommer 1921 befaßt habe, sonach lange nachdem die Erkenntnisse, die dieses Buch vertritt, in mir Gestalt gewonnen hatten. Vorher wußte ich von ihr nur von Hörensagen.
2Vgl. seine Werke: Theorie und Praxis der Individualpsychologie und Der nervöse Charakter, München und Wiesbaden, l. F. Bergmann. — Auch Adler formuliert im übrigen seine Theorie gemäß dem oben angeführten typischen Ärztefehler: er bezieht die Lebenslinie in ihrer Gesamtheit dynamisch auf Geltungsbedürfnis zurück. Dieses ist aber kein letztes, sondern der niederste, weil eitelkeitbedingteste Ausdruck des Willens zur Steigerung, welcher im Höchstfall zur Überwindung alles Empirischen führt.
3Sie bedarf jedenfalls der Ergänzung durch diejenige Eduard Sprangers. Leider habe ich von der Existenz seines schönen Werkes Lebensformen (Halle 1922, Niemeyer) erst während der Korrektur dieses Buches erfahren, und vor Drucklegung des meinen nur einen flüchtigen Blick hineinwerfen können.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:I. Was wir wollen
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