Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:I. Was wir wollen

Meinen und Wollen

Über den besonderen Weg und das konkrete Ziel der Schule der Weisheit werde ich morgen und übermorgen sprechen. Heute nur das Grundlegende. Was ergibt sich als letztes und wesentliches Meinen und Wollen einer Anstalt, deren Einstellung durch die Koordinaten der Sinneserfassung und Sinnesverwirklichung bestimmt wird, wenn dieses Meinen und Wollen nunmehr in den Wandel der historischen Gestaltungen eingereiht betrachtet wird? — Keine besondere Lehre, die sie vertritt, kann ihr letzte Instanz sein. Sie meint Tieferes. Sie meint unmittelbar das Ewige jenseits des Zeitbedingten, das sich zu diesem verhält, wie der Sinn zum Ausdruck. Nur meint sie dieses grundsätzlich im Körper des Zeitlichen, nicht außerhalb seiner. Deshalb verleugnet sie andrerseits gar nichts Zeitbedingtes. Auch die geistigen Gestaltungen des Lebens gehören der Naturordnung an, lassen sich, genau wie die physischen, nach Arten und Gattungen unterscheiden, und diese sind grundsätzlich unsterblich. Unsterblich sind jedenfalls ihre Grundtypen. Bei der katholischen und protestantischen Einstellung1, bei der des Idealisten und Positivisten, des Radikalen und des Konservativen handelt es sich um primäre Ausdrucksformen des Innenlebens, welche als solche bis zum Ende der Zeiten immer wieder vorkommen werden, von den noch tiefer wurzelnden, einander ausschließenden Einstellungen des Introvertierten und des Extravertierten2 zu schweigen. Die besonderen Zeittypen nun sind freilich sterblich, aber sie leben erstens so viel länger fort, als die meisten glauben, daß man noch heute, in bestimmten Kreisen, echten Vertretern des 18. Jahrhunderts, der Reformationszeit, des Mittelalters, ja des antiken Heidentums begegnet (im treueren Osten reicht das Rassengedächtnis noch viel weiter zurück) — es ist praktisch zwecklos, gegen sie Krieg zu führen, weil sie, so lange sie dauern, psychischen Festlegungen entsprechen, die das Sosein des Ausdrucks auch des neuesten Sinnes, den man ihnen einbilden mag, unter allen Umständen entscheidend bestimmen. Vor allem aber ist es, vom Standpunkt der Weisheit, sinnlos, die Zeittypen zu bekämpfen.

In jedem Falle handelt es sich, bei diesen Bestimmungen, nur um Sprachen, in deren jeder sich das Tiefste sagen läßt. Nur letzteres kann und will die Schule der Weisheit lehren. Da deren ideeller Ort im Reich des reinen Sinnes liegt, so kann sie eben deshalb keiner bestimmten Religion, keiner bestimmten Philosophie, keiner bestimmten politischen Willensrichtung, sofern diese auf ihrer Ebene haltbar sind, feindlich gegenüberstehen. Ihr Bestreben ist vielmehr, jeder ein Tieferes einzubilden und bewußt zu machen: ihren tiefsten Sinn, ihren λόγος σπεϱματιϰὸς. Sie will keinem etwas nehmen, der sie besucht, jedem vielmehr etwas hinzugeben, was er vorher nicht hatte. Sie zeigt, was die verschiedenen Gestaltungen bedeuten oder bedeuten können, und flößt ihnen damit ein tieferes Leben ein. Denn es ist ja ihr Sinn, nicht ihr Dogma, der jede Religion wie jede soziale und politische Gestaltung am Leben erhält — ist jener abhanden gekommen, dann ist diese trotz aller äußeren Veranstaltungen tot (vgl. S. 300). Wenn das nun, was letztlich ausgeführt wurde, das letzte Meinen und Wollen der Schule der Weisheit bedeutet, dann tut diese nichts anderes als, musikalisch gesprochen, die Grundtöne zu den so mannigfaltigen Melodien religiösen, philosophischen, sozialen Geblüts, welche entstanden sind und weiter entstehen, anzuschlagen. Dann hat sie es grundsätzlich mit diesen Grundtönen allein zu tun. Eben hierauf beruht ihre historische Aufgabe. Wir leben in der Zeit der tiefgreifendsten Wandlung, die sich seit zweitausend Jahren auf Erden ereignet hat.

Die meisten geistigen und seelischen Melodien erscheinen abgespielt, krampfhaft wird überall nach neuen gesucht, und doch befriedigt keine, welche erfunden wird. Dies liegt daran, daß es überhaupt nicht mehr auf Neuerung, sondern auf Erneuerung ankommt3. Wir sind objektiv bereits zu weit, um irgendeine Gestaltung als letzte Instanz noch ernst zu nehmen. Die Erneuerung kann nur mehr von innen her geschehen, durch Neubelebung des Alten sowohl als Neuen von tieferem Sinne her. Deshalb kommt vom Standpunkt des wahren Fortschritts die Frage an zweiter Stelle, welche alte Melodien man weiterspielen soll oder wiebeschaffene neue hinzuerfinden: zunächst gilt es, die Grundtöne anzuschlagen zu beliebiger Melodie. Hiermit wäre das Wollen der Schule der Weisheit durch eine weitere Korrespondenz und damit endgültig bestimmt. Sie will unmittelbar Niveau schaffen, indem sie durch richtige Fragestellung eine tiefere Einstellung ins Leben ruft. Die tiefere Sinneserfassung verleibt sich alsdann von selbst in entsprechender Gesinnung. Deren letzte Instanz aber bezeichnet keine Sondermelodie des Lebens, sondern dessen tiefster ewiger Grundton.

Die Grundtöne des Lebens bewußt als solche anzuschlagen, ist die historische Aufgabe, die sich der Menschheit heute stellt. Durch allen Melodienwandel hindurch waren jene zu aller Zeit die gleichen. Aber noch nie wurden sie allein vernommen; sie erschienen unloslöslich verquickt mit bestimmter Melodie. Die heutigen Menschen, die alle überkommene verworfen haben, hören jene überhaupt nicht mehr. Ihr Ohr ist durch das Wirrsal dissonierender Gassenhauer beirrt. So müssen sie zunächst die Grundtöne hören lernen. Dies ist die eine Voraussetzung jeder Neuharmonisierung, denn wenn sich das zeitlich-Wandelbare nicht auf das Ewige abstimmt, wird aus dem Chaos nie wieder ein Kosmos werden. Lernen die Menschen jene indessen unmittelbar vernehmen, vernehmen sie schließlich gar die, deren Abgrundtiefe sie bisher überhören ließ, dann steht ihnen eine Zukunft voller unerhörter Versprechen und Erfüllungen bevor. Die Stürme dieser wilden Zeiten zu beschwören, liegt in keines Einzelnen, auch in keiner Gemeinschaft Macht. Aber ein anderes kann geschehen, und das genügt: wir können inmitten des Sturms jahraus jahrein in mächtigen, reinen Glockenschlägen die Grundtöne erschallen lassen, unbeirrbar und unbeirrt durch alles Gekreische und Geheul. Indem dann der Sturm sich langsam legt, wird der Ruf aus der Tiefe immer lauter und durchdringender erklingen. Was zuerst nur die nächsten vernahmen, werden zuletzt die fernsten hören. Ein immer gewaltigeres Echo wird er in den Seelen finden, unaufhaltsam zuletzt zu deren persönlichem Grundton werden. Dann aber werden die neuen Melodien, die sich in reichster Fülle bilden werden, sich selbstverständlich auf das bewußt erfaßte Ewige abstimmen.

1Vgl. über Katholizismus und Protestantismus als von der Konfession unabhängige religiöse Typen mein Reisetagebuch. Über Protestantismus im weitesten Verstand enthält Leopold Zieglers Ewiger Buddho sehr Beherzigenswertes. Vor allem aber ist in diesem Zusammenhang das Buch meines Mitarbeiters Erwin Rousselle Mysterium der Wandlung (Darmstadt 1922) einzusehen.
2Vgl. C. G. Jungs Psychologische Typen.
3Genauer habe Ich diesen Gedanken im New-York-Abschnitt meines Reisetagebuches ausgeführt. Nur tat ich es dort in anderem Zusammenhang, weshalb ich andere Begriffe anwandte, die an der Oberfläche den hier benutzten zum Teil widersprechen.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:I. Was wir wollen
© 1998- Schule des Rades
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