Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:II. Der Weg

Was soll ich tun?

Gestern schloß ich mit dem Satz, daß die Aufgabe der Schule der Weisheit letztlich darin besteht, die Grundtöne anzuschlagen zur immerdar sich notwendig wandelnden Lebensmelodie. Ewige Wahrheit ist es, die aller zeitlichen Sinnesgestaltung die Seele einhaucht, gleichwie es das Ewige Leben ist, das alle zeitliche Lebensform belebt. Ich legte also allen Nachdruck auf das Ewige. Betrachten wir aber das gleiche Problem nun praktisch, in bezug auf den Weg zum Ziel, vom gleichen Standpunkt aus, dann erscheint uns vielmehr die Wandelbarkeit der Melodien, Gestaltungen, Lösungen und Ergebnisse als das Urphänomen, weil das zeitliche Dasein seinem eigentlichen Begriff nach in der Ablösung einzigartiger Situationen besteht. In der Tat entspricht dem metaphysisch Wirklichen, dem Ewigen und Universellen auf der Ebene der Erscheinung nicht etwa das abstrakt Allgemeine, sondern das Einzige. Dies wird Ihnen vielleicht am besten einleuchten, wenn ich an einer Erfahrung anknüpfe, die ich zu Anfang meiner praktischen Tätigkeit mit beinahe jedem Schüler machte. Beinahe jeder stellte zuerst die Frage: Was soll man heute tun? und machte von deren abstrakter Beantwortung seine persönliche Zielsetzung abhängig. Dem erwiderte ich regelmäßig: Die Frage, was man tun soll, stellt sich überhaupt nicht; ein jeder frage einzig: Was soll ich tun? Denn das man ist unter allen Umständen das sekundäre Ergebnis der Summierung von Einzelnen und Einzelentscheidungen, und ein günstiges man ergibt sich daraus allein, daß die Mehrheit der in Frage kommenden einzigen Persönlichkeiten den ihrer Eigenart jeweilig gemäßen besonderen Weg erwählt.

Ein primäres man gibt es nicht. Wer vom man aus urteilt und handelt, verschreibt sich einer herausgestellten Abstraktion und verliert eben dadurch den Kontakt mit seinem schöpferischen Selbst1. Mag eine Antwort auf die allgemeine Frage sachlich noch so richtig sein (denn freilich läßt sich konstruieren, was vom Standpunkt des Wohles aller für die Mehrzahl am wünschenwertesten wäre) — sie ist für jeden Einzelnen falsch, dessen Wesen und Anlagen sie nicht entspricht, denn ein solcher ist außerstande, das äußerlich Zweckmäßige von innen her zu beleben, und darauf kommt alles an. — Von diesem Beispiel her leuchtet die richtige Lösung des grundsätzlichen Problems ohne weiteres ein. In der Region des Sinnes liegt allerdings Einheit der Mannigfaltigkeit zugrunde. Aber deren Exponent in der Erscheinung ist nicht das Allgemeine, sondern das Einzige, weil ein gleicher Sinn, je nach den empirischen Umständen, anderen Ausdruck verlangt. Nur der vermag deshalb das Ewige praktisch zur Geltung zu bringen, welcher die einzigartigen Situationen, die sich ihm darbieten, in ihrer ganzen Eigenart erfaßt und jenes durch diese hindurch realisiert. Eben deshalb offenbart sich das Tiefste nur durch die Persönlichkeit oder das Kunstwerk hindurch, deren jede und jedes einmalig, ausschließlich und einzig ist. Die Region der Allgemeinbegriffe nun liegt mitteninne zwischen dem Ewigen und dem Einzigen. Deren Inhalt bildet sich durch Abstraktion aus vielen Einzigkeiten gemäß der Kategorie der Ähnlichkeit. Folglich hat er gar keinen metaphysischen Hintergrund, sondern nur den des erkennenden Subjekts, welches der Allgemeinbegriffe als Erkenntniswerkzeuge bedarf. Diese stellen deshalb kein Tieferes, sondern ein Oberflächlicheres dar als die konkreten Einzigkeiten. Deshalb wird keine allgemeine Formel je den Sinn ein für allemal erschöpfen, wogegen jede bestimmte es tun kann für den ihr genau entsprechenden bestimmten Fall. — So muß denn das Gleiche, gerade weil und insofern es wesentlich gleich ist, immer wieder verschieden erscheinen. Hieraus ergibt sich die Wandelbarkeit und Wandlungsnotwendigkeit jeder Wahrheit, sofern sie verstanden werden soll. Hieraus ergibt sich die Wandelbarkeit und Wandlungsnotwendigkeit des jeweilig besten Wegs zum Weiterkommen, zum Tieferwerden, zur Vollendung.

1Vgl. hierzu Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:II. Der Weg
© 1998- Schule des Rades
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