Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:II. Der Weg

Erfassung des Sinns

Damit verschiebt sich denn für uns, gleichwie gestern das Bild der Problemstellung, so heute das des Wegs. Kein bestimmter Weg als solcher kann mehr als für alle heilbringend gelten, denn seine Wirkung hängt von empirischen Voraussetzungen ab. Nur das, was dem Menschen liegt, insofern es seinen Verstehensorganen gemäß ist und sein persönliches Interesse bannt, ruft sein Tiefstes zu freiwilliger Mitwirkung hervor — und ohne solche geschieht nichts von innen her. Die Wirkung katholischer Disziplin setzt insofern katholischen Glauben voraus, diejenige buddhistischer buddhistischen usf. Gleichsinnig wirken zu Selbstvervollkommnungszwecken benutzte Symbole nur insoweit, als sie evident sind, d. h. den letztmöglichen Ausdruck darstellen für einen anders nicht evozierbaren Bedeutungskomplex. Sobald sie, dank inzwischen stattgehabter Differenzierung des Geisteslebens, keine letzten Instanzen mehr darstellen, sind sie wirkungsunfähig geworden. Deshalb hatten buchstabengebundene Zeiten sehr recht, zur Erlangung des Heils Bekehrung zu verlangen — nur auf den Bekehrten, also gläubig Gewordenen wirkt ein bestimmtes Vorstellungssystem sinn- und absichtgemäß.

Wir nun, von unserer Stufe aus, stellen die Frage anders und besser: wir verlangen keine Bekehrung zu bestimmter Form zwecks Realisierung des Sinns, sondern wir gehen unmittelbar auf diesen und schaffen ihm alsdann von innen heraus den jeweilig entsprechenden Ausdruck. Nun erweist auch unsere Erfahrung die Zweckmäßigkeit für alle bestimmter, sich immer gleichbleibender Wege und Disziplinierungen. Alle höheren Religionen, alle Systeme der Selbstvervollkommnung unterscheiden z. B. vier Stufen, welche die meisten, wes besonderen Glaubens sie immer seien, in der richtigen Reihenfolge durchsteigen müssen, wofern sie ihr höchstes Ziel erreichen wollen1. Desgleichen erweisen sich bestimmte, seit Urzeiten in identischem Zusammenhang immer wieder verwandte Symbole auch im Rahmen der Schule der Weisheit als für alle auf ihrem Wege förderlich. Wie ist dies von unserem Standpunkte aus zu verstehen? Nun, jeder Mensch gehört, unterhalb seiner Person, auch seiner Gattung an. Gewisse Praktiken frommen allen Menschen, gewisse Etappen der inneren Entwicklung durchlaufen notwendig alle, so wie in allen das Blut kreist und alle als Kinder ihr Leben anfangen. Aber ebenso, wie das allgemeine Menschsein in jedem Einzelfall ein besonderes Persönliches bedeutet, so bedeuten die gleichen Etappen und Praktiken auf dem Weg zur Vollendung in jedem Sonderfall Verschiedenes. Wir nun legen von vornherein den Akzent auf die Bedeutung, dadurch aber gewinnt das Althergebrachte einen neuen Sinn. Wir erfinden auch das Ewig-Gleiche jedesmal ad hoc, und dadurch wird es belebt. Es wird ursprünglich, gleichwie jede neugeborene Lebensgestalt ursprünglich ist, wem immer sie ähnlich sehe. Wieviel auf diesen Unterschied ankommt, illustriert am schlagendsten vielleicht der Unterschied zwischen deutscher und englischer Gleichförmigkeit: jene geht jedesmal auf Uniformierung von außen her zurück, deshalb bedeutet und bewirkt sie Mangel an Ursprünglichkeit; sie macht aus dem Organismus ein Fabrikat. Diese ist der Ausdruck tatsächlicher Gleichheit; alle tun Gleiches, weil ihre Ursprünglichkeit jedem Gleiches gebietet — und die Folge dessen ist eine ungeheure nationale Kraft, denn hinter dem man steht hier kein Begriff, sondern der persönliche Glaube aller Einzelnen2.

Unsere Schüler machen unter anderem dem Buchstaben nach sehr ähnliche Exerzitien durch, wie solche auch in Klöstern betrieben werden, aber da diese bei uns auf einen anderen Sinneszusammenhang zurückbezogen sind, so bewirken sie anderes. Wer die Sinnbilderfolgen, welche hier wie dort meditiert werden, als Ausdruck geoffenbarter Wahrheit auffaßt, der wird durch sie in seiner Konfession gefestigt. Uns gelten sie nur als technische Mittel, das tiefste eigene Innere zu evozieren, und deshalb typisieren sie den Einzelnen nicht vorausgesetzten Vorstellungen gemäß, wie dies Ignaz de Loyolas Exerzitien zumal bei allen jesuitisch Eingestellten wunderbar erreichen, sondern sie verhelfen ihm dazu, sich schneller selbst zu finden. Auch hier kommt auf die Einstellung alles an. Unsere Exerzitanten dürfen gar nicht fragen, was die Symbole an sich bedeuten mögen, wie sie sich zu deren möglichen Interpretationen stellen sollen — sie werden von vornherein auf die Grundtatsache aufmerksam gemacht, daß sie die Bedeutung in die Symbole unter allen Umständen selbst hineinlegen, und es darauf ankommt, sich selbst möglichst tief durch sie hindurch zu realisieren, sowie das Individuum vermittelst seiner allgemeinen Menschennatur bewußt und tatsächlich sein rein persönliches Ziel verfolgt. Unsere Exerzitanten gehen also, im Gegensatz zu jeder Kirche, von der Voraussetzung aus, daß die Symbole, Riten und Lehren an sich gar nichts sagen. Nun, dies verändert offenbar das ganze Bild. Was der Kirche gleichsam Arithmetik ist, ist uns nur Algebra. Wenn der Lehrer sich grundsätzlich so einstellt, daß er das Allgemeingültige dem Einzelnen als persönliche Verordnung mitteilt, so muß die ihm persönlich entsprechenden Zahlen an Stelle der Buchstaben jeder selbst in die Gleichung einsetzen. Das Gleichmäßige, allen Gemäße ist uns nie letzte Instanz, sondern nur die unterste Grundlage. Auf dieser baut sich alsdann der rein persönlich zu bestimmende Weg zur Vollendung auf. Jedoch nicht ohne Übergang.

Wie jedermann zunächst Mensch ist, so trägt er auch eine besondere Geschichte in sich, die ihm so sehr lebendige Voraussetzung ist, daß er nichts eigentlich persönlich fassen kann, was seinen historisch erwachsenen besonderen Verstehensorganen entrinnt. Man ist physiologisch Katholik oder Protestant, Buddhist oder Muselmann, wie man physiologisch Franzose oder Deutscher ist. Nur sehr wenige sind so ausschließlich Persönlichkeiten, oder in der Erfassung des Sinns an sich so weit gediehen, daß von diesen Voraussetzungen abgesehen werden darf; nur sehr wenige sind aus der Art geschlagen insofern, als andere historische Grundlagen ihnen gemäßer sind als die ererbten, weshalb sie recht tun, Nationalität oder Glaube zu wechseln. Deshalb frommt Christen indische Praxis selten, gleichviel wie die Betreffenden persönlich stehen, hat nur der Katholik von katholischen Übungen vollen Gewinn usf. Wer also den Menschen zur rein persönlichen Sinneserfassung erziehen will, muß ebendeshalb seine historischen Voraussetzungen, welche immer diese seien, gelten lassen. Überdies nun seine Person, so wie sie einmal ist. Hier darf kein Vorurteil eingreifen: sintemalen das Empirische das einzig vorhandene Mittel ist, um das überempirische schließlich zu realisieren, so bedarf es absoluter Generosität gegenüber aller persönlichen Eigenart und Unzulänglichkeit. Auch bei den Anlagen und Ansichten handelt es sich ja, vom Standpunkt des Sinnes, nur um ein Alphabet. So wird dem Schüler auch das nachweislich Falsche, was er glaubt und denkt, vorläufig gelassen, damit er innerlich weiterkommt. Nimmt man ihm seine Sprache, so weiß er sich gar nicht mehr auszudrücken, von den störenden Gegenbewegungen ganz abgesehen, die solche Vergewaltigung in jedes Inneren verursacht. Läßt man sie ihm hingegen und stellt ihn im übrigen anders ein, so daß er lernt, auch Glaubens- und Wissenssätze als Sinnbilder seines eigenen noch unerkannten tiefsten Strebens zu lesen, so wächst er gerade durch seine Vorurteile hindurch am schnellsten über sie hinaus.

Ich nannte zuerst die offenbaren Vorurteile, weil der wahre Sachverhalt in seiner extremen Fassung das Bewußtsein am stärksten frappiert. Allgemein gilt Gleiches von den besonderen Interessen jedes. Diese sind alle zu bejahen; um keinen Preis darf auf Grund irgendeines vorausgesetzten Wertsystems dieses oder jenes abgetötet werden, denn nur das, was einen Menschen persönlich interessiert, kann zum Medium wesentlichen Fortschritts werden; wo kein Interesse anklingt, treten die lebendigsten Seelenkräfte nicht ins Spiel. Asketische Übungen dürfen nie mehr bedeuten als auf die Kräfte der Person wohlabgestimmte Gymnastikstunden, welche den Seelenkörper stählen und das Niedere dem Höheren dienstbar machen, ohne es an sich zu schwächen. Deshalb lehren wir unsere Schüler nicht, sich für anderes als früher zu interessieren, sondern für das sie gerade Fesselnde auf andere Weise. Wie während der Übungen das Symbol oder die vorgegebene Wahrheitsfassung nicht an sich betrachtet wird, sondern als Mittel, das tiefste Selbst zu realisieren, so lehren wir die Ausnutzung jedes Interesses und bekämpfen nichts weniger dabei als das Abwechslungsbedürfnis, denn gerade die aus diesem sich ergebende immer erneute Umstellung des psychischen Organismus gestattet, dank der Vielheit der gegebenen Koordinaten, den Mittelpunkt genau zu bestimmen. Sobald das Wesen nun beschworen wird, meldet es sich. Und ist es einmal da, so amortisiert sich jeder Ausdruck seiner, welcher ihm nicht entspricht, allmählich von selbst. Auf diese Weise bleiben die sachlichen Irrtümer, welche eine Anschauung enthält, und die zunächst gar nicht berücksichtigt werden, für die Dauer nicht bestehen. Nicht Widerlegung durch andere, sondern durch Verinnerlichung erzielte eigene Einsicht hebt sie auf. So findet die Tiefe, wer immer seine Tiefe auf seinem Wege sucht.

Der Weg, der einen Menschen seinem Ziele zuführt, ist also grundsätzlich wandelbar bis zum Extrem. Je nach seinen historischen und persönlichen Voraussetzungen tut ihm Verschiedenes gut. So mag ein in seiner Art so kindisch-unvollkommenes System, wie das der Christian Science, einem intellektuell entsprechend Tiefstehenden das Heil bedeuten. Ein solcher dringt allenfalls durch jenes hindurch zu größerer Tiefe vor, gleichwie so manche wissenschaftlich Verbildete nur durch die Anthroposophie hindurch den Weg zum Geist zurückfinden. So muß der Weg für den Krieger ein anderer als für den Geschäftsmann sein, ein jeweilig anderer für den Religiösen und den Philosophen, denn jede Einstellung setzt implizite ein besonderes Ethos. Das Töten des Soldaten bedeutet nicht Gleiches wie das des Zivilisten, beim Geschäftsmann, in dessen Beruf das allgemeine Lebensgesetz, daß ein Wesen auf Kosten anderer lebt, eine solche Fassung erhält, daß zwischen berechtigtem und unberechtigtem Profit eine sichere Grenze nicht zu ziehen ist, wirken Praktiken nicht demoralisierend, welche die Seele eines Mönches unmittelbar verderben würden. Diese Erkenntnis setzt nun durchaus keinen Relativismus im üblichen Verstand: sie statuiert nur verschiedene Wege zum gleichen Ziel unter Voraussetzung genau entsprechender persönlicher Sonderart; sie geht von der dem Relativisten unfaßlichen Einsicht aus, daß die Wege nur Sprachen sind, vom Sinn fein säuberlich zu unterscheiden. Insofern vertritt gerade die Schule der Weisheit, dem ersten Anschein entgegen, die absolute Wahrheit; sie vertritt diese sogar so unbedingt und rein, wie nie vorher geschah. Die absolute Wahrheit ist auf der Ebene der Erscheinung keinesfalls zu finden; wer aus dem Glauben heraus, jene durch eine bestimmte Formel ein für allemal gefaßt zu haben, das Leben zu bessern unternimmt, der erzielt nur Uniformierung und damit Verflachung und Verdürftigung3. Wenn hingegen Menschen, welche berechtigter- und notwendigerweise die verschiedensten geistigen Sprachen reden, ohne umlernen zu müssen, zu einem gleichen Ziel geführt werden, dann offenbart sich das Absolute zum erstenmal auch praktisch: nämlich in der erkannten Gleichsinnigkeit verschiedenen Strebens, wodurch der Sinn als solcher dem Bewußtsein faßbar wird. Dann offenbart sich auch Nichtmystikern die einzige reale Einheit, welche es gibt, jene wesentliche metaphysische Sinneseinheit, die alle Mystiker und Weisen übereinstimmend gemeint haben, die aber mit abstrakten Allgemeinbegriffen zu fassen nimmer gelingen wird, weil sie ihren empirischen Exponenten an der Einzigkeit hat.

1Vgl. alles Nähere betr. Erwin Rousselles Mysterium der Wandlung. Darmstadt 1922.
2Von hier aus leuchtet am besten ein, inwiefern der Einwand, den ich so oft vernehme, meine subjektivistische Lehre, jeder solle nur das Seine tun, untergrabe jedes Gemeinschaftsleben, nicht stichhält. Die meisten Menschen gehören irgend einem allgemeinen und verbreiteten Typus an und sehen sich deshalb von Natur aus ähnlich; deshalb können sie gar nicht äußerlich verschiedenartiger werden, indem sie sich verinnerlichen — im Gegenteil, die meiste Exzentrizität und Eigenbrötelei beruht auf Oberflächlichkeit. Der Einwand entspringt sonach reiner Begriffskonstruktion; praktisch ist er gegenstandslos.
3Vgl. das Kapitel Udaipur meines Reisetagebuchs, in dem ich die besonders wichtige Erkenntnis, daß auch die Werte, auf der Ebene der Erscheinungen, einer auf Kosten der anderen leben, näher ausgeführt habe.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:II. Der Weg
© 1998- Schule des Rades
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