Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:II. Der Weg

Suggestion

Doch jetzt gelangen wir erst zum Wichtigsten: wie überträgt sich Einstellung? Gestern fanden wir, daß dies, abstrakt betrachtet, durch entsprechende Fragestellung gelingt. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Eine bessere Fragestellung braucht als solche noch nicht verstanden zu werden, und auf letzteres allein kommt alles an; sonst bedürfte es auch keiner Individualbehandlung, es genügten Vorträge und Bücher. Einstellung ist ein lebendiger Zusammenhang, deshalb durch keine Analyse zu zergliedern. Sie aufzulösen (wofern dies buchstäblich genommen möglich wäre), würde Gleiches bedeuten, wie einen physischen Organismus zu zerschneiden und damit zu töten. — In der Tat wird Einstellung nicht so übertragen, wie es gestern zunächst den Anschein haben mochte, als ich die richtige Fragestellung als Weg zu ihr behandelte: durch entsprechende Zergliederung und Neuzusammenfassung von Begriffen, denn sie stellt ein Apriori dar (S. 423). Sie wird tatsächlich unmittelbar übertragen; ebendeshalb bedarf es dazu eines persönlichen Kraftfelds. Der einzig mögliche Weg solcher unmittelbarer Übertragung ist nun kein anderer als der, dessen technischer Begriff Suggestion lautet.

Dieses Wort hat in den Ohren vieler einen üblen Klang, weil diese glauben, daß Suggerieren nur das eine bedeutet: einem anderen beibringen, was er eigentlich nicht denkt. Tatsächlich bedeutet es lebendiges Übertragen überhaupt, und die bisher einzig übliche Wortbedeutung betrifft nur einen spezialisierten Sonderfall davon. Phantasie schafft nämlich in erster Linie nicht Einbildung, sondern Wirklichkeit. Jede Vorstellung ist auf ihrer Ebene eine solche, gleichviel welchen äußeren Objekten sie entspricht; wer also eine reine Einbildung überträgt, überträgt damit dennoch ein Reales. Weiter aber setzt sich das Vorgestellte in Wirklichkeit um. Bei der Ausführung eines Plans, der Materialisierung einer als Bild existierenden Erfindung ist dies Verhältnis jedermann vertraut. Es gilt aber genau so in bezug auf die menschliche Natur. Indem man einen anderen Menschen durch das, was man sagt und tut, beeinflußt, setzt man ursprüngliche Vorstellung in Wirklichkeit um, und nur die Tiefe, nicht der Charakter des Einflusses unterscheidet die Erscheinungsveränderung des Hypnotisierten von schöpferischer Wandlung. Durch entsprechende Vorstellung vollzieht sich auch jede Selbstvervollkommnung. Solche geht immer zunächst auf einen Vorsatz, also ein Geistesbild zurück, dieses hält sie fortlaufend im Gange. Und soll sie beschleunigt werden, so müssen dazu solche Bilder und Vorstellungen, welche dem Ziel entsprechen oder zuführen, systematisch meditiert werden (im Gegensatz zum diskursiven Bedenken); d. h. sie müssen auf solche Weise festgehalten werden, daß sie schöpferisch auf das Unbewußte zurückwirken1. Das betreffende Verfahren ist technisch nichts anderes wie Autosuggestion und dennoch Wirklichkeitsschöpfung im allerhöchsten Sinn. Es ist eben letztendlich jede Schöpfung Suggestion.

Dies erweist am einleuchtendsten die Tatsache, daß die Vorstellung unmittelbar und von selbst zur Wirklichkeit wird. Solches gilt schon bei der Ausführung eines Plans, einer gedanklichen oder künstlerischen Konzeption: da mögen wir uns anstellen, wie wir wollen — mehr als uns auf Geistesbilder zu konzentrieren, vermögen wir nicht, die Einfälle entstehen, die logischen Ketten bilden sich von selbst, und die Hand führt nur rein äußerlich aus, was von innen heraus selbsttätig wurde. Wir wissen niemals, auf welchem Wege eine Vorstellung sich, bei uns selbst wie bei anderen, realisiert; sie geht zielsicher ganz von selbst ihren Weg. Wir wissen nicht einmal, wie wir eine Vorstellung als solche berufen — es ist ein genau so rätselhafter und wohl auch gleichsinniger Vorgang wie Geisterbeschwörung. So wußte wohl auch Gott nicht, wie die Welt es anfing, zu entstehen, als sein Wort ihr solches befahl. In allen betrachteten Fällen wird das Wirkliche von selbst, wenn nur die richtige Vorstellung gefaßt, das rechte Wort gesprochen wurde. Der Logos ist also unmittelbar schöpferisch. Nun aber zum Wesentlichen: was suggestiv übertragen wird, ist kein toter Lebensinhalt, sondern Lebendiges; lebendige Kraft allein beeinflußt suggestiv. Hieraus erklärt sich erstens, wieso ein scheinbar einfaches Wort mitunter Kompliziertestes auslöst: alles Lebendige ist eine Synthesis, gleichviel ob diese sich in Form des äußerlich einfachen Keims oder der vollausgebildeten Endgestalt darstellt; deshalb hat beim Organismus jede Einzelheit das Ganze zum Hintergrund, kann sie als Sinnbild dieses gelesen werden2. Also findet bei aller Suggestion die Übertragung einer Synthesis als solcher statt. Ist dieses nun grundsätzlich der Fall, dann ist es offenbar nur eine Frage der im Spiel befindlichen Kräfte und Personen, welcher Zusammenhang unmittelbar übertragen wird3.

Ist der Schule der Weisheit eine bestimmte Einstellung Ausgangspunkt sowohl als Ziel, insofern der Lehrer sie, in allem, was er ist, sagt und tut, lebendig vertritt und der Schüler eben sie empfangen will, indem er sich entsprechend einstellt und aufschließt, dann überträgt sich eben die Einstellung. So erhält denn die gestrige Behauptung, daß solche durch entsprechende Fragestellung übertragen wird, eine vertiefte Fassung. Die Fragestellung vermittelt sie so, wie der Logos überall das Prinzip der Übertragbarkeit bedeutet (S. 264), das Prinzip der Wirkung selbst ist aber das der Suggestion. In unserem Falle kommt es deswegen in erster Linie auf rechtes Denken an, weil die beabsichtigte Beeinflussung in der Region des Verstehens vor sich gehen soll. Durch diese hindurch jedoch überträgt sich die Einstellung unmittelbar. Denken wir hier an frühere Betrachtungen über das Verstehen zurück (S. 3 ff.). Dieses ist ein Apriori, geht unmittelbar von Geist zu Geist, wird durch die Ausdrucksmittel eben nur vermittelt, gleichwie das Licht vermittelst des Auges das geistige Bewußtsein trifft: auch Verstehen ist offenbar technisch Suggestion, denn es bedeutet die unmittelbare Übertragung einer Synthesis als solcher. Suggestion ist überhaupt der Weg, wie Leben auf Leben übergreift. Dieser Weg ist schlechthin unbegreiflich, weil nicht weiter zergliederbar, aber das ändert an der Tatsache nichts. Ebensowenig hebt das Vorurteil gegen eine bestimmte Art von Suggestion, die allein bisher den Namen trug, den Tatbestand auf, daß es sich bei dieser nur um den Sonderausdruck eines Allgemeinsten handelt. Es sagt in Wahrheit nicht das mindeste gegen einen Menschen aus, wenn er suggestiv wirkt, im Gegenteil: nur insofern ist lebendige Wirkung überhaupt möglich. Ebenso bedeutet Suggestibilität an sich einen Vorzug. Dem Unbeeinflußbaren ist keinesfalls zu helfen; nur wer sich hingeben kann, ist fortschrittsfähig. Deshalb kann das Ziel der Schule der Weisheit allein durch Suggestion erreicht werden. Und zwar nur durch persönliche. Auch Bücher wirken freilich suggestiv. Jedoch ihr Einfluß reicht so tief, wie hier erfordert wird, nur in dem seltenen Fall, daß das empfangende Bewußtsein die Entwicklungsstufe nahezu erreicht hat, die der jeweilige Schreiber vertritt. So hat auch das Wort Christi im Lauf der Jahrhunderte nur bei ganz wenigen Auserwählten unmittelbar gezündet: alle anderen ergreift es allein durch die Vermittlung lebendiger Persönlichkeit. Im Fall der Schule der Weisheit nun muß diese Regel im höchsten Grade gelten, da dieser nicht eine neue Lehre, sondern eine neue Art des Verstehens das Wesentliche ist.

1Die hierher gehörige Technik kann und will ich hier nicht näher behandeln; ich tue es jeweilig mündlich während meiner Einführungsvorträge zu den Exerzitien an der Schule der Weisheit. Literaturhinweise enthält die Bücherschau des 3. Hefts des Wegs zur Vollendung. Über diese hinaus empfehle ich Erwin Rousselles Mysterium der Wandlung, Darmstadt 1922, und das grundlegende Werk Beaudouins Suggestion et Autosuggestion, Neuchâtel 1921.
2Vgl. hierzu Ludwig Klages Ausdrucksbewegung und Gestaltungskraft, Leipzig 1921.
3Die Wirkung einer Kur, einer Behandlung, ja der Befruchtung, bedeutet auf der physischen Ebene offenbar Gleiches — auch hier entsteht Wirkliches von selbst, sofern die entsprechende Anregung erfolgte, und diese trägt durchaus den Charakter der Suggestion, insofern eine kraftbegabte Synthesis übertragen wird.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:II. Der Weg
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