Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:II. Der Weg

Förderung im Sinne der Weisheit

Wie die Vorstellung, die Handlung, so steckt auch das Niveau als solches an. Diesen Punkt brauche ich nicht näher auszuführen, denn da Niveau das auf den Tiefenwert hin qualifizierte Wort für Einstellung ist, so bezieht sich alles, was für diese gilt, auch auf jenes. Im übrigen hat wohl jeder persönlich erfahren, wie die bloße Gegenwart des einen Menschen unwillkürlich erhebt, die des anderen herabzieht. An diesem Punkte müssen wir vielmehr einer anderen Frage nähertreten: wenn persönlicher Einfluß allein das Niveau verändert und Einzelbehandlung dazu erforderlich ist — wie soll die Schule der Weisheit je im großen wirken? — Überlegen wir zunächst, wie Persönlichkeiten als solche jemals im großen gewirkt haben. (Die Wirkung lebendiger Menschen allein kommt als Vergleich für uns in Betracht, weil die Schule der Weisheit Leben vermitteln will und eine tiefere Einstellung zu ihm, kein besonderes Denken und Können.) Da finden wir denn, daß die Wirkung der Persönlichkeit im großen allemal in einem und diesem allein bestanden hat: daß sie zum Polarisationszentrum für andere wurde. Nicht irgendein Besonderes an ihr, sondern ihr Typus als solcher setzte sich durch. So hat die Person Alexanders des Großen durch ganze Jahrhunderte in Asien wie in Europa den Typus des souveränen Menschen bestimmt, kaum anders, wie sich das Urbild eines physischen Organisationstypus durch die Geschlechter fortpflanzt; so wirkt jeder Nationalheld typusbestimmend auf sein Volk.

Aus der Hingabe der Phantasie an das Bild bestimmter lebendiger Ritter entsproß zuletzt der Ritter als Zeittypus, die Bewunderung eines konkreten Fürsten, hieß dieser Richard Löwenherz, Ludwig XIV. oder Franz Joseph, erschuf recht eigentlich den vornehmen Mann der jeweiligen Zeit. Auch hier handelt es sich offenbar um einen rein suggestiven Vorgang. Nur steht in diesem Fall nicht persönliche, sondern Massensuggestion in Frage, und die wirkt um ein Vielfaches elementarer als jene, so elementar, in der Tat, daß wirklich nur die Analogie der physischen Zeugung, die ja auch Sinnvollstes ohne die leiseste Geistbestimmtheit zustande bringt, den Tatbestand dem Verständnis einigermaßen zuführt. Die Massen brauchen nicht den leisesten Begriff, nicht einmal das Bewußtsein von der Bedeutung dessen zu haben, dem sie sich nachbilden — die Nachbildung geschieht unbewußt und selbstverständlich, bloß weil der betreffende Typus als der höchste gilt; sie geschieht durch das, was man gemeinhin Prestige heißt. Und nur so kann Massenbeeinflussung überhaupt zustande kommen, denn der Massenseele gegenüber versagen alle geistigeren Einflüsse absolut1; hier hat nur reine Ansteckung Erfolg. Dies gilt nun von geistigen Persönlichkeiten genau so wie von Männern der Tat, ja wie von Modehelden. Nicht wegen der wahren und als solchen erkannten Bedeutung Christi, Buddhas, Mohammeds usw. wurden Weltteile christlich, buddhistisch, mohammedanisch, sondern weil jene das größte geistliche Prestige genossen oder aber das Prestige der weltlichen Macht sich auf sie übertrug. Ist dem nun also, dann kann unmittelbare Wirkung im großen eines geistigen Lebenszentrums Ziel unmöglich sein: die virtuellen Träger persönlicher Erkenntnis haben sich nie nach Millionen beziffert und werden es niemals tun, Geist wirkt als solcher aber nur durch sein Bewußtwerden in anderen hindurch.

Wie soll da gerade die Schule der Weisheit Wirkungen im großen erzielen? — Dennoch ist solche möglich, wie sie denn unbedingt erforderlich ist, wenn der Impuls der Menschheit zugute kommen soll. Sie muß sich dazu nur eben der Mittel bedienen, welche erfahrungsgemäß wirken. Wenn Geistigstes in die Breite wirken soll, dann stellt sich nur die eine Frage, wie das Beabsichtigte auf dem allein in Frage kommenden ungeistig-suggestiven Wege zu erreichen sei. Die Antwort besitzen wir schon: dem als höchsten erkannten Typus muß das größte Prestige gewonnen werden. Ein Typus, so abstrakt das Wort klinge, wirkt, wo man sich seinem Einfluß hingibt, unmittelbar lebenschaffend, weil er eine bestimmte Einstellung verkörpert und solche kein Formales, sondern vielmehr das Lebendigste am Leben ist. Es wirkt genau so, wie in der Meditation gewisse Symbole auf jeden steigernd wirken, ganz gleich, ob er deren Bedeutung nun einsieht oder nicht. Deswegen liegt nichts Herabwürdigendes oder gar Unmoralisches an der Technik, die Massen von ihrem persönlichen Verstehen unabhängig zu bilden. Nur so gelingt es überhaupt. Nur so wird ihnen bis ans Ende der Zeiten zu helfen sein. So aber gelingt genügend viel, um das allgemeine Niveau der jeweiligen Menschheit soweit zu heben, daß jeder Höherbegabte selbstverständlich von ihm ausgehen kann. Eben so ist sie als Ganzes durch Christus vorwärts gekommen.

Die wenigsten machen sich klar, auf wie vom idealistischen Standpunkt aus unwürdige Weise gerade Gottes Wort unter den Menschen verbreitet wird: was jeden Sonntag in jeder Kirche geschieht, ist nichts anderes als Reklame; unaufhörlich wiederholte Anpreisung der Person Jesu, wie bei einem Geschäft die eines neuen Artikels, ist der kanonische Weg, die Herzen dem Ewigen zu öffnen. Ebenso siegte das Bild Jesu über die seiner Rivalen in der Volksgunst, zumal das des Mithras, zunächst nicht anders als dadurch, daß er modern wurde. Modernwerden ist die erste notwendige Stufe der Massenwirkung überhaupt, es ist die Vorstufe zumal des Ruhms. Es gibt eben nur den einen Weg ungeistig-suggestiver Einwirkung, um der Masse Gewolltes beizubringen, was immer dieses sei. Nicht die Frage stellt sich deshalb, wie man werben soll, denn die fragliche Technik ist seit Jahrtausenden bewährt, sondern wofür man wirbt. Genau wie beim Meditieren und in der Psychotherapie auf das rechte Wort alles ankommt (S. 380), so kommt hier alles auf die genaue Eigenart des vorbildlichen Typus an. Da Christus von vornherein als Gott verehrt wurde, so hat er einen sich entsprechenden Menschentypus nicht erschaffen können; es ist der Nachteil allzu hoher Ideale, daß sie nicht wirken. Es muß also der richtige Mensch als ideales Vorbild hingestellt werden. Wie sehr das jeweilig geltende wirkt, illustriert gerade unsere Zeit besonders deutlich. Das alte Deutschland war militaristisch, insofern der Leutnant den Typus bestimmte, nicht insofern es besonders viel und gute Soldaten hatte2; das neue droht aus analogen Gründen schieberhaft zu werden; auch die Gefahr einer Verjudung Europas liegt, soweit sie vorliegt, in dieser Richtung, nicht in der eines Überhandnehmens der jüdischen Rasse. Von allen Völkern Europas verkörpert das englische das höchste Persönlichkeitsniveau, weil es den Gentleman als allgemeines Vorbild anerkennt. Dafür ist sein geistiges Niveau unverhältnismäßig viel zu niedrig.

Ein sehr viel höheres als alle heute als Vorbilder geltenden muß bestimmend werden, wenn es mit der Menschheit vorwärts gehen soll. Zu dem Ende müssen fortan die höchsten Typen noch so unverstandenermaßen zu Vorbildern werden. Durch diese allgemeinen Betrachtungen ist die besondere Frage, wie die Schule der Weisheit im großen wirken will, implizite beantwortet. Unmittelbare Massenbeeinflussung kommt für sie selbstverständlich nicht in Betracht. Sie kommt für sie weniger in Betracht, als für irgendein Zentrum der Vergangenheit und Gegenwart, weil sie von der Erkenntnis her das höchste Niveau schaffen will, das zurzeit erreichbar ist. Zu dem Ende muß sie sich sogar auf ihrem theoretisch möglichen Tätigkeitsfelde praktisch einschränken. Denken Sie an das zurück, was am Schluß von Was uns nottut über den Schnittpunkt des Winkels, welcher das Zeitproblem einschließt, zu lesen steht: das klare Erfassen des Urproblems als solchen allein führt zur Lösung seiner abgeleiteten; alle Entscheidungen fallen auf der Höhe und auf ihr allein. In der Schule der Weisheit darf folglich nur das geschehen, was die erforderliche Neue und Tiefereinstellung fördert, denn nur so wird das, worauf es letztlich ankommt, im Bewußtsein der Schüler klar herausmodelliert, nur so bleibt es durch Überschichtungen unverwischt, nur so kann es in seiner reinen Eigenart zuletzt in die Welt hinauswirken. Deshalb empfangen wir niemand, der anderes von uns will als eben Förderung im Sinne der Weisheit; deshalb lehnen wir jede abstrakte Auseinandersetzung sowohl als jede Stellungnahme zu Sonderproblemen ab. Zwar haben wir es andauernd mit solchen zu tun, insofern sie das jeweilige Mittel bedeuten, um das Tiefste des Menschen mit seiner Oberfläche zu verknüpfen, aber sie sind uns niemals Selbstzweck.

Nur das letzte Lebensproblem, noch einmal, geht die Schule der Weisheit an. Dieses stellt sich nun offenbar nur einer verhältnismäßig geringen Zahl; die allermeisten können, so tief sie eindringen, nur von unserem Standpunkt Vorläufiges verstehen. Also müssen diese unberücksichtigt bleiben. Dem Argument, welches uns wieder und wieder entgegengehalten wird, so viele könnten sonst etwas von uns haben, müssen wir uns verschließen: des Menschen Lebenskraft und -frist ist beschränkt, allen Anforderungen kann keiner genügen, jeder muß sich ganz dem widmen, worin seine Hauptaufgabe besteht, und in diesem Fall würde Vielseitigkeit der Betätigung die Eindeutigkeit des Impulses, den wir vertreten, gefährden. Wir müssen gegebenenfalls hart sein können. Nur denen dürfen wir uns insofern widmen, die das verstehen können, worauf es uns letztlich ankommt. Eben dadurch aber arbeiten wir für alle, denn wir schaffen die Führer, welche den Typus, der die Masse fortan suggestiv beeinflussen soll, dieser vorzuhalten und als lebendiges Beispiel zu zeigen fähig wären. Damit wäre denn die Frage, wie die Schule der Weisheit im Großen wirken soll, endgültig beantwortet. Indem sie die Führer heranbildet, tut sie alles, was sie überhaupt tun könnte. Hierin allein liegt auch ihr soziales Ziel, soweit von einem solchen die Rede sein kann. Mit allgemeiner Aufklärung und Massenbeglückung hat sie nichts zu schaffen. Ebensowenig ist das Individuum als solches ihre letzte Instanz: sie gibt diesem nur zu dem Ende, auf daß es weitergäbe. Sie berücksichtigt seine Sonderwünsche nicht etwa, um es persönlich glücklicher zu machen, sondern weil dies der eine Weg ist, sein Tiefstes zu erwecken. So wendet sie sich unmittelbar an ganz wenige. Diese wenigen aber sucht sie, anstatt sie ganz zu Werkzeugen zu modellieren, schlechthin selbständig zu machen.

Nur schlechthin Selbständige sind berufen, ihren Impuls zu vertreten. Hiermit wären wir denn zur Bestimmung des Typus gelangt, der zum Vorbilde dienen soll: es kann kein anderer als der des Weltüberlegenen sein, den ich im Frühjahr schilderte; des jedem Namen und jeder Form Überlegenen, des schlechthin Freien, durch nichts endgültig zu Bindenden. Der Typus, der fortan zum Vorbild dienen soll, ist kein statischer, sondern ein rein dynamischer, ewig bewegter, bei keinem erreichten Ziele sich bescheidender, denn nur Charakter als Ausdruck der Freiheit, nicht der Beschränktheit hat metaphysischen Wert, und es gibt keine andere gute Gewohnheit als die des Fort- und Aufwärtsschreitens. Unter diesen Umständen müssen die wahren Schüler der Schule der Weisheit in erster Linie selbständige Menschen sein. Insofern hat gerade der kein Recht, in ihrem Namen zu reden, der ihren Buchstaben auswendig kennt und nun auf diesen schwört. Insofern kommen zur Fruchtbarmachung ihres Impulses nur ganz wenige in Betracht, denn die meisten wollen alles, nur nicht selbständig sein (weshalb die vielen, die sich uns anschließen, um geführt zu werden, uns unzweifelhaft einmal enttäuscht verlassen werden). Aber eben damit, noch einmal, arbeitet sie für alle. Deswegen duldet sie grundsätzlich keine Jünger im üblichen Sinn, auch keine äußere Vereinigung derer, die sie besuchen3, weil dadurch allzuleicht eine Sekte entstehen könnte, deshalb gestattet sie auch äußerlich niemandem, in ihrem Namen zu reden, weil dies zu einer Schule im üblichen Wortsinn führen könnte. Um einer Festlegung, welche den Tod dessen, was ich meine, vorzubeugen, befolge ich bei meinen Schülern gegebenenfalls die folgende Technik.

In irgendeinem Augenblick beginnt beinahe jeder, welcher länger hier weilte, schöpferisch zu werden; von seinen neuen Plänen will er natürlich reden. Da mache ich an einem bestimmten Punkte Schluß. Alles weitere ist Ihre Sache, sage ich ihm; Sie müssen sich selbst letzte Instanz sein. Das, was Sie weiter denken und tun, müssen Sie ganz allein verantworten, Sie dürfen sich auch innerlich auf niemand weiter berufen. Deshalb müssen Sie auch mich nach Möglichkeit vergessen, dürfen Sie keinesfalls in meinem Namen weiterwirken. — Wird einer, indem er fortan schlechthin selbständig fortwirkt, dem Geist der Schule der Weisheit untreu? Im Gegenteil: gerade indem er, nachdem er hier die nötige Vertiefung erfuhr, rein von sich aus weiter arbeitet, gibt er ihren Antrieb weiter. Dies ist ja ihr Wesentliches, daß sie die höchste Selbständigkeit und Freiheit vertritt. — Nun, wenn auch nur wenige solche Führer aus ihr hervorgehen, dann ist die Fruchtbarmachung ihres Impulses für die Allgemeinheit gesichert. Denn jeder, sintemalen er anders ist als ich, spricht ebendeshalb zu einem anderen Kreis, der von Natur aus auf ihn eingestellt ist. Finden sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte nur einige hundert, die wahrhaftig das leben, was wir wollen, so wird die westliche Welt in wenigen Jahrhunderten verwandelt sein. Denn dann sind die Polarisationszentren eben da, welche den Mehrheiten ihren Typus aufprägen. Dann wird die Massen-Suggestion von selbst beginnen. Die Interferenz und Summierung der verschiedenen, aber gleichsinnigen und gleichgestimmten Einflüsse wird ein so mächtiges Kraftfeld schaffen, daß auf die Dauer sich niemand ihm entziehen kann. Für den Anfang aber genügen, zur Weiterleitung des Impulses, ganz wenige, sofern sie ihn nur wirklich verstanden haben; ja es dürfen ihrer nicht zu viele sein, denn die Zahl wirkt mit Unvermeidlichkeit veräußerlichend, wo das Wesen noch nicht ganz in sich gefestigt ist. Und diese wenigen brauchen durchaus nicht aus den sogenannten Besten ihrer Zeit zu bestehen. Von diesen beherrscht jeder in der Regel sein privates Gravitationsfeld, und es kann ihnen nicht zugemutet werden, ein fremdes zu stärken4.

Im übrigen sind aber nur wenige der wahrhaft Besten so veranlagt, daß sie als solche in die Erscheinung treten. Ein jeder ist zur Mit- und Fortwirkung berufen, der unseren Impuls verstanden hat, aber auch er allein. Und da habe auch ich schon die alte Erfahrung wieder gemacht, daß zu den Berufensten vielfach solche gehören, von denen man es am wenigsten erwarten sollte … Nein, vom Standpunkt der Wirkung im großen ist es durchaus nicht nötig, daß gar so viele durch Darmstadt gehen. So gern wir jedem gönnen, herzukommen, so sehr wir es von ihrem eigenen Standpunkt bedauern, wenn viele, welche die Schule der Weisheit fördern könnte, aus inneren oder äußeren Gründen fernbleiben — notwendig sind die vielen nicht. Und dies hat noch eine tiefere Ursache als die bisher betrachteten. Wie pflanzt ein lebendiger Impuls sich fort? Nur indem sein jeweiliger Träger zum Sinnbild für einen anderen wird. Als empirisches Wesen kann keiner anderen ein Vorbild sein, denn jeder muß doch sein eigenes Leben leben. Aber die vorbildliche Tiefeneinstellung, die er verkörpert, kann so auf ihn wirken, wie ein Symbol während der Exerzitien auf den Exerzitanten wirkt. Dies nun geschieht dann allein, wenn der Betreffende von sich aus versteht oder verstehen will. Deshalb kann man niemandem geben, was er nicht haben will. Mehr kann keiner tun, als das Sinnbild hinstellen, hochhalten, seine magische Kraft ausströmen lassen — das weitere hängt von den anderen selber ab. So hat auch das Christentum sich lebendig nur durch die ganz wenigen hindurch fortgepflanzt, die seinen Geist von sich aus verstanden: Paulus, Augustin, St. Bernhard, St. Franziskus, Luther, um die Größten zu nennen. Die Schule der Weisheit braucht insofern, um ihre Aufgabe zu erfüllen, überhaupt nicht mehr zu tun, als das Sinnbild dessen, was allen nottut — hier das dynamische Sinnbild einer bestimmten Art möglicher Steigerung —, vor alle hinzustellen, und ihre Aufgabe für die anderen hätte sie erfüllt, denn zu zwingen ist niemand zu seinem Heil. Ist einer verstehensfähig, so braucht das Sinnbild ihm nur gezeigt zu werden, damit er es aufnimmt; ist er es nicht, so hilft keine Überredungskunst. Deshalb darf man denen auch niemals nachlaufen, welchen man helfen könnte. Auf die Frage, warum er keinen leichter zugänglichen Aufenthaltsort erwählte als den abgelegenen Tempel zu Dakshinesvar, erwiderte Ramakrishna:

Seit wann fliegt die Lotusblume zur Biene? —

Er hatte recht. Nur der, welcher nicht allein freiwillig zur Quelle kommt, sondern ein übriges dazutut, um sie zu erreichen, ist so eingestellt, daß er von ihr belebt werden kann. Mir ist ein entzückendes Gegenbild dieser Auffassung auf meinen Reisen begegnet, und dieses will ich zum Abschluß dieser Betrachtung vor Sie hinstellen, weil es durch seine Kontrastwirkung den wahren Sachverhalt in besonders helles Licht rücken dürfte. Es war in Peshawar, nahe der Grenze Afghanistans. Mehrere Tage hindurch sah ich daselbst einen blonden amerikanischen Missionar von früh bis spät mit rasender Geschwindigkeit auf den Plätzen und Gassen in englischer Sprache aus dem Evangelium vorlesen. Und jedesmal hörten Hunderte ihm zu, obschon sie des Englischen nicht mächtig waren, denn Orientalen haben Zeit. Der Missionar schien tief befriedigt. Ich fragte schließlich: Was beabsichtigen Sie eigentlich? Die Leute verstehen kein Wort von dem, was Sie sagen. Er sah mich groß an:

Wissen Sie’s denn nicht? Christus hat verheißen, wiederzukommen, sobald das Evangelium allen Menschen gepredigt sein wird. Nun, das ist doch zu machen. In Amerika hat sich eine Gesellschaft gebildet, welche, Millionen zur Verfügung, das Ziel verfolgt, das Wort Gottes buchstäblich allen Menschen predigen zu lassen. Ist dieses Ziel nun erreicht — dann muß eben Christus wiederkommen.

O nein, er muß nicht wiederkommen. Christus selbst konnte den Schächer am Kreuz, der sich vor ihm abschloß, nicht erlösen. Wider seinen freien Willen ist niemandem in innerlichen Fragen zu helfen. Deshalb ist der Mensch, je mehr er sich vertieft, desto weniger darauf bedacht, sich auch nur in Form von Ratschlägen anderen aufzudrängen.

1Dieses Problem hat Gustave Le Bon am tiefsten durchdrungen. Vgl. zumal seine Psychologie der Massen. Desgleichen G. Tardes bereits angeführtes ungemein geistvolles Werk Les Lois de l’imitation.
2Vgl. über diesen besonderen Punkt Politik, Wirtschaft, Weisheit, S. 196.
3Vgl. hierzu meinen Aufsatz Von der Grenze der Gemeinschaft im 3. Heft des Wegs zur Vollendung.
4Vgl. hierzu mein Reisetagebuch I, 163 ff. (nach der 3.-6. Auflage zitiert).
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:II. Der Weg
© 1998- Schule des Rades
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