Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Gefüge der Welt

IV. Das Problem des Geistes

Ich das Gesetz des Zusammenhangs

Betrachten wir ein anderes Erscheinungsgebiet, dasjenige des Hypnotismus (in des Wortes weitester Bedeutung). Die hierher gehörigen Phänomene sind einerseits den Träumen verwandt: der Eigenwille des Mediums ist ausgeschaltet, es reagiert beinahe automatisch auf die zugeführten Reize oder Vorstellungen, die Ideenassoziationen verlaufen hemmungslos in den vom Arzte vorgezeichneten Bahnen. Der Bewußtseinszustand kann auf diese Weise ein vom normalen gänzlich verschiedener sein. Weiter aber können Suggestionen so nachhaltig wirken, daß sie den ganzen Menschen verändern, die Form seines Bewußtseins beeinflussen. Letzteres (allerdings seltene) Extrem grenzt bereits an jene Erscheinungen, die man als eigentliche Krankheiten der Persönlichkeit bezeichnet.1 Hier läßt sich nicht mehr von Unterschieden innerhalb des Bewußtseins reden, hier scheiden verschiedene Zustände geradezu verschiedene Menschen voneinander, die miteinander gar nichts gemein haben, sich gegenseitig niemals verständigen könnten — man erinnere sich nur so mancher berühmter Somnambulen —, und zwar ohne daß die Kontinuität der organischen Lebensfunktionen unterbrochen würde, ja gewöhnlich sogar ohne daß von organischen Gehirnerkrankungen die Rede sein könnte. Hier hat sich offenbar das eigentliche Ich selbst gewandelt — und in der Tat haben die betreffenden Erscheinungen oft genug als Argumente gegen die Einheit des Ich überhaupt gedient2. Wirklich ist das Ich als Substanz oder als statische Einheit angesichts solcher Erfahrungen nicht zu halten; es ist wandelbar, daran ist kein Zweifel. Aber wie , wenn sich gerade darin seine Einheit kundtäte? — Betrachten wir noch eine, vielleicht die erstaunlichste Erscheinung — ich meine jene radikale innere Umwandlung, welche die christliche Kirche Wiedergeburt im Geist oder Bekehrung nennt, welche alle Mystiker von den indischen Weisen ab als Umkehr bezeichnet haben. Dank einem äußeren Eindruck oder einem inneren Willensschlusse ändert sich der Mensch vollständig: aus dem Verbrecher oder dem Lüstling wird ein Heiliger, ein Asket. Hier kann von pathologischen Zuständen nicht die Rede sein, hier scheint jede natürliche Erklärung unzulänglich: nur göttliche Gnade könne solche Wunder bewirken.

Meister Eckhart, der tiefsinnige deutsche Mystiker, hat gleichwohl eine Erklärung gegeben, insofern als er das Wesen jener Gnade selbst näher umschrieb: er sagt, die Gnade bedeute eine neue Form, in die derselbe Mensch gefaßt werde3; er bliebe in allen Eigenschaften prinzipiell der gleiche, diese aber schlügen fortan eine neue Richtung ein. Ahnen wir jetzt nicht den gemeinschaftlichen Sinn der verschiedenartigen Phänomene, die wir in fliegender Eile an unserem Geiste vorüberziehen ließen? — — — Aus der Raupe wird eine Puppe, wird zuletzt ein Schmetterling. Diese an sich schon erstaunliche Metamorphose erscheint geradezu zauberhaft, wenn man bedenkt, daß außer dem Nervensystem fast alle Organe zerfallen, von den Phagozyten verzehrt und de toute pièce neugebildet werden! Und trotzdem ist der Schmetterling stetig aus der Raupe hervorgegangen! Physiologisch läßt sich diese Erscheinung wohl beschreiben, aber schlechterdings nicht verstehen; Letzteres glückt nur aus einem rein formalen Gesichtspunkte4: die Gestalt ist das Gesetz des Organismus; sie bedeutet einen dynamischen Gleichgewichtszustand, der als Ganzes, in seinen Gesamtproportionen, beharrt, in seinen Teilen aber relative Verschiebungen erfährt, die so weit gehen können, daß die einzelnen Organe verschwinden oder wenigstens völlig unkenntlich werden. Das etwaige bewußte Ich des Schmetterlings hat mit demjenigen der Raupe sicherlich nichts gemein; trotzdem aber ist es ein und derselbe Organismus, der nach seinen immanenten Gesetzen so verschiedene Phasen und Formen durchleben muß.

Ganz das Gleiche bedeuten die psychischen Phänomene, die wir in Augenschein nahmen, ganz auf die gleiche Weise müssen und nur auf diese können sie überhaupt verstanden werden: der synthetische Zusammenhang, die Gesamtproportionen des Geistes bleiben die gleichen, durch was für bewußte und unbewußte Phasen der Mensch immer gehen mag; aber die Form, in welcher der Zusammenhang erscheint, ändert sich, je nachdem wie er zentriert ist, und das Gesetz des Zusammenhangs, welches das Bewußtsein spiegelt, kann sehr verschiedenen Ausdruck gewinnen, je nachdem welche Richtungen (bildlich gesprochen) im Vordergrunde liegen. So scheidet die Umkehr der Mystiker zwei grundverschiedene Bewußtseinsstadien voneinander: der Heilige will nicht nur nicht, nein er kann überhaupt nicht mehr dasselbe wollen, wie der einstige Verbrecher, er versteht seine frühere Gesinnung nicht mehr, kann sich in sie nicht zurückversetzen. Und doch scheidet keine organische Gehirnveränderung beide Perioden: bloß die Form desselben Zusammenhangs hat sich verschoben. Und die eigentlichen Krankheiten der Persönlichkeit — sofern sie nicht auf organischen Verletzungen, sondern nur auf funktionellen Störungen beruhen5 — bedeuten nur das Extrem, gleichsam die Karikatur desselben Verhältnisses, sind von ihm keineswegs spezifisch unterschieden. Es ist derselbe Mensch, derselbe Geist, dessen Ich sich in zwei oder mehr Erscheinungsformen ausprägen kann6. Nur sind die ihnen korrespondierenden Bewußtseinszustände derartig verschieden, daß oft das Band der Erinnerung zwischen den verschiedenen Zuständen reißt — eine höchst glückliche Reaktion der Selbsterhaltung; denn das Gefühl, mit sich selbst nicht identisch zu sein, kann so erschütternd wirken, daß es allein schon Wahnsinn oder gar Tod herbeiführt — und nur die gleichen Phasen miteinander verknüpft7. Auch hier ist es nur die Form des Zusammenhangs, die sich ändert, nicht das Ich an sich. Und wer hat dasselbe nicht im Kleinen unmittelbar erlebt? Jeder Stimmungsmensch hat erfahren müssen, daß er in verschiedenen Zuständen nicht dasselbe wollen kann; jeder Pädagog weiß, daß die Vergeistigung oder das seelische Wachstum eines Jünglings nicht darauf beruht, daß die materiellen oder rohen Triebe absterben, sondern daß sie sich feiner differenzieren, von anderen zurückgedrängt werden oder selbst eine andere Richtung einschlagen: wie sich die grobe Sinnlichkeit bei so manchem bis zum reinen Formensinn sublimiert hat. Es kommt darauf an, wo das Zentrum des geistigen Zusammenhangs liegt; dessen Verschiebung allein bedingt alle nur erdenkliche Diskontinuität in den Äußerungen einer Persönlichkeit, die in ihren Gesamtproportionen unwandelbar ist8.

Wem das noch nicht einleuchten sollte, der denke nur an unsere größten Dichter, die willkürlich das vollbrachten, was anderen nur in Ausnahmezuständen gelingt: von sich selbst verschieden zu sein. Man hört häufig die Behauptung, in sehr umfassenden Persönlichkeiten wie Shakespeare oder Goethe oder Balzac hätten alle die Seelen nebeneinander gewohnt, welche sie ins Leben zu dichten wußten. Erlebt waren jene Personen sicherlich, sonst wären sie nie lebendig geworden — bloß erfundene Gestalten bleiben stets künstlich, unwirklich, puppenhaft; dennoch ist die genannte Erklärung falsch. Die Wahrheit liegt in folgendem: die zahllosen Möglichkeiten jener Riesen konnten auf die mannigfachste Weise zentriert werden; je nachdem, wie er sich einstellte, war Shakespeare eine Desdemona oder ein Richard III.; je nach seiner Stimmung war Napoleon ein Gott oder ein Schurke, Goethe ein Dichter oder ein Antiquar9. Und wenn wir unsere Aufmerksamkeit, unseren Willen in bestimmte Bahnen lenken, wodurch das jeweilige Ziel unvergleichlich deutlich erscheint, das Bewußtsein anderer Umstände und Erscheinungen dagegen verblaßt; wenn das brennende Interesse für einen bestimmten Gegenstand uns gegen Dinge gleichgültig macht, die sonst unser gesamtes Bewußtsein in Anspruch nehmen; wenn sich der Mensch überhaupt auf ein spezielles Thema konzentriert, wodurch andere Objekte notwendig aus dem Gesichtskreise rücken müssen: so ist das im Kleinen ganz der gleiche Vorgang, der bei umfassenden Geistern verschiedene Menschen, im Extrem pathologischer Fälle gar verschiedene Persönlichkeiten voneinander scheidet. Der Gesamtzusammenhang des Geistes ist stets der gleiche — insofern besteht Schopenhauers Theorie von der Unwandelbarkeit des Charakters zu Recht —; aber er erscheint perspektivisch anders, je nachdem, wo der Mittelpunkt des Gesichtsfeldes liegt. Dieser aber ist es, den der jeweilige Bewußtseinszustand widerspiegelt.

Von hier aus verstehen wir nun ohne Weiteres, was es mit dem Traum für eine Bewandtnis haben muß: in diesem Zustande fehlt jede Zentrierung des Geistes nicht nur, der Schwerpunkt liegt überhaupt nicht in den eigentlichen Geistesfunktionen10: Wille und Aufmerksamkeit sind ausgeschaltet, die Bilder verlaufen regellos und wandeln sich unter jedem zufälligen Einflusse; der Mensch gleicht einer Republik; oder aber — wo das Traumbewußtsein dennoch ein individuelles Gepräge zeigt — die Geistesrichtungen verbinden sich zur Einheit, welche bei der Zentrierung des Wachzustandes ganz im Hintergrunde bleiben. Auch im Zustande der Träumerei, der rêvasserie, insgleichen in jenen Augenblicken der Abspannung, wo wir willenlose Sklaven unserer Stimmungen sind, kann von einer wirklichen Zentralisierung keine Rede sein: das bewußte Ich herrscht sehr bedingt nur; oft gibt es Obstruktion. Nur bei vollem Bewußtsein oder bei erschöpfender Konzentration ist der geistige Mensch ein autokratischer Staat, nur dann ist der Zusammenhang, der an sich durch alle Zustände hindurch der gleiche bleibt, in eine feste Form gefaßt. Stimmung, Aufmerksamkeit und Wille bezeichnen die Richtungen, die der Geistesprozeß einschlägt und einhält, und das Gesetz gilt, ob wir es merken oder nicht. Somit bedeutet das Ich die einheitliche Beziehung innerhalb des Geistes, welche mit diesem, als sein Gesetz, ein für alle Male gegeben ist. Die Beziehung ist konstant, das Verhältnis der Faktoren untereinander dagegen wechselt; und ebenso das Zentrum, auf welches sie bezogen werden. Je nach dessen Lage offenbart das Bewußtsein verschiedene Zustände, ja Menschen; aber die Gesamtbeziehung ist Eine — sie ist das Ich.

Mir scheint, hier handelt es sich nicht mehr um Ansichten, sondern um Erkenntnisse: das Ich ist das Gesetz des Menschengeistes, seine platonische Idee. Von der Originalität des Künstlers anhebend, sind wir Schritt für Schritt weitergedrungen, bis wir zuletzt dahin gelangten, den allgemeinen und objektiven Sinn dessen zu fassen, was als sein Subjekt Jedermann bewußt ist. Wie es freilich möglich ist, sein eigenes Gesetz zu sein, wie das Ich wirkt, wie es imstande ist, sein Zentrum zu verschieben; wie es angeht, durch Suggestion, Wille, Aufmerksamkeit, praktische Vernunft (Kant), souveränen Instinkt (Nietzsche) oder was sonst Richtungsanfänge zu statuieren oder Richtungsänderungen — physiologisch gesprochen, neue Innervationen — herbeizuführen —; was, um das Letzte zu berühren, das metaphysische Wesen des Ich sein mag: — das werden wir nie erfahren. Unsere eigene Möglichkeit können wir nicht dartun. Dafür geht folgender Tatbestand aus unseren Betrachtungen deutlich hervor: das Ich ist das formale Gesetz des Menschengeistes, das sich im Bewußtsein spiegelt, keineswegs mit ihm identisch ist. Es ist gleichsam die mathematische Gleichung, die alle Verhältnisse des Geistes a priori regelt und bestimmt.

Das Ich das Gesetz des Geistes, die Bedingung seines Zusammenhangs, seiner dynamischen Synthese; das bewußte Ich das Zentrum, auf das der Zusammenhang jeweilig bezogen wird: können wir jetzt nicht einen weiteren Schritt unternehmen? — Ein Gesetz drückt stets nur die formale Beziehung materialer Faktoren aus — sei es in statischem Sinne, so wie etwa die Formel π den formalen Zusammenhang jedes nur erdenklichen realen Kreises ein für alle Male festsetzt oder, allgemeiner, als Differentialgleichung, welche eine feste Relation zwischen verschiedenen Erscheinungen oder Erscheinungsreihen statuiert11. So begreifen wir den Verlauf der physikalischen Phänomene, auf dieselbe Weise müßte es im Prinzip möglich sein (obgleich wir schwerlich je dahin gelangen werden), etwa die Entwicklung des Eis zum Huhne zu verstehen. Sollte da das Ich nicht das Gesetz der Persönlichkeit, des ganzen Organismus sein, das zum Gehirn nicht nur, nein zum Körper schlechtweg in demselben Verhältnisse steht, wie die mathematische Formel oder Gleichung, die wir als Naturgesetz bezeichnen, zu den konkreten Vorgängen, die sie lenkt, wie etwa — ich wähle absichtlich ein sehr einfaches und darum völlig unzulängliches Beispiel — die konstante mathematische Relation, nach welcher das Funktionieren einer Dynamomaschine begriffen werden kann, zu der Maschine selbst12? Bei dieser — bei allen Vorgängen in der Außenwelt überhaupt — schaffen wir das Gesetz; es ist ein Ideales und in bezug auf sein materiales Substrat Transzendentes. Bei uns selbst sind wir das Gesetz, unser Subjekt ist das, was wir bei der Betrachtung der Naturvorgänge, etwa der optischen Erscheinungen, als das Objektive bezeichneten — ist diese Auffassungsart nicht vielversprechend? Im Menschen ist der Geist — die Seele, das Selbst, das bewußte Ich, auf das Wort kommt es nicht an — vom Standpunkte des Körpers transzendent und umgekehrt; es ist unmöglich, Körper und Geist auf einmal zu überschauen, sie sind durchaus inkommensurable — das ist seit je bekannt. Aber sollte diese Inkommensurabilität nicht den gleichen Sinn haben, wie diejenige zwischen Naturgesetz und Naturvorgängen, Wellenverhältnissen und Farben, Idee und Erscheinung? Ist der Geist das Gesetz des Körpers, das Subjekt die Beziehung, welche den gesamten Organismus regiert? Sollte der objektive Charakter des Ich wirklich derjenige eines Naturgesetzes sein? — Hier gilt es, noch eine besondere Untersuchung anzustellen.

Daß Geist und Körper, soweit es sich um exakte, nur Nachweisbares gelten lassende Wissenschaft handelt, nicht zu scheiden sind und nur in bezug aufeinander existieren13, wird heute wohl kein Mensch mehr bestreiten wollen. Das Denken ist durch die Art und den Zustand des Gehirns schlechterdings bedingt14; ebenso steht es mit dem Wollen — man erinnere sich nur Ernst Machs scharfsichtiger Beobachtung, daß ein am Bein Paralysierter nicht so sehr das Gefühl hat, dieses Glied nicht mehr bewegen zu können, als vielmehr außerstande zu sein, den betreffenden Willensentschluß zu fassen. Bei den Gefühlen ist der psychophysische Zusammenhang womöglich noch inniger: unser Gemeingefühl ist wesentlich durch den Verlauf der organischen Reaktionen bedingt, jede viszerale Veränderung beinahe hallt im Psychischen wider, und ebenso kann die psychische Stimmung das Physische nachhaltig beeinflussen. Aus nichts aber erhellt jener Zusammenhang deutlicher, als aus dem Umstande, daß das Körperliche das Geistige in allem symbolisiert15. Psychischer Schmerz wirkt nicht nur ebenso wie physischer, nein er äußert sich auch auf dieselbe Weise. Physischer und psychischer Ekel, Bitterkeit, Genuß usw. lösen die gleichen Ausdrucksbewegungen aus, wie dies schon allein aus der Terminologie der Sprache hervorgeht. Der Geist wirkt figürlich mittelst aller Körpermuskeln, und umgekehrt lösen physische Eindrücke leicht reinpsychische Korrelate aus; der Tatbestand steht fest, an ihm ist nicht zu rütteln. Anders steht es hingegen mit dessen Interpretation: auf die unbestreitbare Korrespondenz ist nämlich eine sonderbare Theorie, diejenige des Parallelismus zwischen Physischem und Psychischem gegründet worden. Den Wert dieser Theorie habe ich nun nie recht verstehen können: denn in bezug auf die Elemente — das Verhältnis von Reiz und Empfindung — ist sie einerseits selbstverständlich, insofern als Reiz und Empfindung sich überhaupt entsprechen, andrerseits hypothetisch-dogmatisch, da sie ein Verhältnis präzisiert, das jeder Präzisierung unfähig ist: denn erstens stehen Reiz und Empfindung nicht in allgemeingültigem, notwendigem Zusammenhang16, zweitens ist es wenig zweckmäßig, Inkommensurabilia durch Bilder, die nur bei homogenen Größen einen Sinn haben, zu veranschaulichen. Sobald die Theorie aber auf Empfindungskomplexe oder gar auf Gefühle, Vorstellungen und zuletzt das Bewußtsein angewandt wird, ist sie schlechterdings falsch, um nicht zu sagen unsinnig. Sie ist es deswegen, weil sie nur vom Standpunkte der atomistischen Psychologie aus überhaupt Berechtigung beanspruchen kann, diese aber zur Erklärung des konkreten Erlebens — und nur um dieses handelt es sich bei dem aktuellen Verhältnis von Körper und Geist — schon ihrem bloßen Begriffe nach unzulänglich ist. Da die Analyse, konsequent durchgeführt, auf Einzelempfindungen als letzte Bewußtseinstatsachen stößt, und die Theorie des Parallelismus gerade auf diesen fußt, so muß sie annehmen, daß sich die Elemente zu Gefühlen, Vorstellungen und Gedanken summieren; das Bewußtsein selbst aber kann sie nicht anders denn als das Resultat dieser Addition, als arithmetische Summe der psychischen Atome betrachten. Dieses widerstreitet nun jeglicher Erfahrung: wir sind uns niemals der Empfindungen an sich, sondern stets nur ihres Zusammenhangs bewußt, also eines geometrischen, keines arithmetischen Verhältnisses; ferner aber stellt schon jedes Gefühl, jede Vorstellung, ja jeder bewußte Eindruck immer eine Synthese dar, und Synthesen sind arithmetisch gar nicht zu verstehen; es handelt sich wiederum um die Grundantinomie von Kontinuität und Diskontinuität. In der Tat sahen wir ja schon im vorigen Kapitel, daß die analytische Psychologie — wir können sie ebensogut die atomistische, die statische nennen —, die für gewisse Zwecke durchaus berechtigt ist, ihrem Wesen nach zur Leugnung des Ich führen muß; folglich kann sie sich unmöglich unterfangen, dasselbe zu erklären. Sobald es sich nicht um abstrakte Untersuchungen, sondern um die Beschreibung des wirklichen Erlebens handelt, wo das Ich als Funktion empirisch gegeben ist, ist ausschließlich die synthetische oder dynamische Psychologie eines Cornelius und seiner Gesinnungsgenossen zulänglich. Diese aber wüßte mit dem hypostasierten Parallelismus von Leib und Seele rein gar nichts anzufangen, da sie nur einen psychophysischen Zusammenhang festzustellen vermag und weder vom Körper an sich, noch auch von einer körperlosen Seele auch nur das geringste weiß17. So sinkt die Theorie des Parallelismus unter ihrer eigenen Unzulänglichkeit zusammen sie widerstreitet der Erfahrung und eröffnet keine neuen Gesichtspunkte.

Resümieren wir: wir sind uns des Zusammenhangs unserer Empfindungen bewußt, insgleichen des Zusammenhangs der Vorstellungen, Gefühle, Eindrücke etc. Dieser ist vom Standpunkte des Erlebens das Primäre, dieser ist es, der das Psychische überhaupt ausmacht. Wollen wir nun von hier aus das Verhältnis von Körper und Geist definieren, so können wir allenfalls von dem Bewußtsein des psychophysischen Zusammenhangs, niemals aber von einem Parallelismus reden. Und was ist dann das bewußte Ich? — Keinesfalls Epiphänomen, wie heute noch allerorts gelehrt wird; denn es ist schlechterdings nicht einzusehen, wie ein Epi-, d. h. Nebenphänomen den gesetzmäßigen Zusammenhang der Hauptphänomene enthalten und gelegentlich sogar lenken soll. Diese Auffassung widerspricht der Erfahrung gerade so sehr, wie sie den Denkgesetzen ins Gesicht schlägt. Die Wahrheit liegt in folgendem: wohl sind die einzelnen Bewußtseinsinhalte, Empfindungen oder Vorstellungen, ganz in demselben Sinne Erscheinungen, wie die sie auslösenden Reize; deren Zusammenhang aber, der das Ich ausmacht und den das Bewußtsein spiegelt, ist gar nicht Erscheinung, sondern das Gesetz des psychophysischen Zusammenhangs selbst.

Hier liegt der entscheidende Punkt. Das Bewußtsein spiegelt die Synthese des Organismus an sich sowohl als in seinem Verhältnisse zur Außenwelt, und alle einzelnen Empfindungen sind uns nur als Glieder dieses Zusammenhanges gegeben. Dieser ist das Primäre, und infolgedessen kann es sehr wohl vorkommen, daß wir die Synthese unmittelbar empfinden, während deren Faktoren unbewußt und unlokalisiert bleiben. Dieser Art ist im einfachsten Falle das Bewußtsein des Schlafenden, hierher gehört das sogenannte Gemeingefühl. Wenn wir uns z. B. verstimmt fühlen, so wissen wir sehr häufig nicht, ob die Ursache in einem psychischen Erlebnis, in der Verdauung, in der Zirkulation oder in den Vorboten einer kommenden Krankheit begründet liegt, ja bei wirklichen organischen Erkrankungen sind wir oft gänzlich außerstande, ihren Ort anzugeben. Aber der Tatsache der Verstimmung sind wir uns durchaus bewußt, und diese bedeutet nichts anderes als die empfundene Synthese der Gesamtheit aller Faktoren. Dasselbe gilt in noch höherem Maße von den Willkürhandlungen — daß es im Reingeistigen zutrifft, sahen wir schon: nur der Fachmann kennt im allgemeinen die Disposition, die Topographie und die Funktionsart unserer Organe; nichtsdestoweniger ist Jeder imstande, mit ihrer Korrelation zu operieren. Die erste Bewegung, die ein neugeborenes Kind vollführt, das zwischen sich und der Außenwelt sicher nicht zu unterscheiden weiß, ist technisch ein so erstaunlich komplizierter Vorgang, daß der begabteste Student Tage benötigt, um den Mechanismus annähernd zu verstehen. Das Kind hat schwerlich ein Bewußtsein im Sinne des Erwachsenen, noch weniger kennt es seine eigenen Glieder — und doch ist es über ihr relatives Verhältnis a priori orientiert! Die analogen Erscheinungen im Tierreiche sind vielleicht noch lehrreicher: ein soeben ausgekrochenes Küchlein vermag ohne jede Erfahrung — die Zeit fehlt dazu — ziemlich alles das zu tun, dessen die Henne fähig ist, ist also von vornherein im funktionellen Besitze seiner sämtlichen Organe; ein kürzlich geborenes Fohlen richtet sich auf, geht umher; es ist sofort imstande, die Gesamtheit seiner Gestalt zu orientieren, wo es doch schwerlich weiß, daß es einen Schwanz und wieviel Beine es besitzt. Trotzdem vollführt es sogleich das allerkomplizierteste Equilibristenkunststück18! — Diese Tatsachen — ich wähle elementare Beispiele, aber sie sind typisch für das ganze Problem — lassen meines Erachtens nur eine einzige Erklärung zu: daß nämlich das Subjekt, das Ich, das Gesetz des gesamten psychophysischen Zusammenhangs ist und folglich das relative Verhältnis der Faktoren beherrscht, gleichviel ob es um ihre Existenz weiß oder nicht, und ob es überhaupt mit Bewußtsein (im menschlichen Sinne) verbunden ist. Denn auf keine andere Weise läßt sich die Tatsache, daß alle Organismen als Einheiten leben und wirken, das komplizierteste Gefüge von Organen, Sekreten, Stoffen und Kräften nicht nur nach Willkür lenken, sondern auch dort einheitlich beherrschen, wo von Bewußtsein vernünftigerweise nicht die Rede sein kann — auf keine andere Weise andrerseits der Umstand, daß wir Menschen das gleiche synthetische Verhältnis, dieselbe Einheit als unser Ich, unsere Seele, die den Körper beherrscht, empfinden, überhaupt kritisch — d. h. ohne spekulative Hypothesen — begreifen.

Das Ich das Gesetz des Körpers! Wie ließe sich sonst die Wirkung des Willens verstehen? — Es kommt hier nicht darauf an, wie man sich zur Freiheit des Willens stellt: das Faktum steht fest, daß der Geist dem Körper die Richtung geben kann, ob aus innerem Impulse oder als Reaktion auf äußere Eindrücke. Ja mehr noch, er vermag im Körper, im Organismus selbst Veränderungen hervorzurufen. Hack Tukes19 außerordentlich interessantes Buch über diese Frage beweist unwiderleglich, daß der Geist — ob in Form von Aufmerksamkeit, Wille, Gefühlen oder Vorstellungen — auf alle Funktionen, auch die eigentlich organischen, seinen Einfluß ausübt oder wenigstens ausüben kann. Tukes Gewissenhaftigkeit steht außer Zweifel, und jeder Arzt kennt den Wert psychischer Therapie, der allein er so manchen Erfolg zu verdanken hat. Überdies bleibt es sich im Prinzip gleich, ob die Suggestion von einem Dritten ausgeht, oder ob der eigene Wille allein beteiligt zu sein scheint: bei der Suggestion bestimmen allerdings nachweisbar äußere Eindrücke den Gang der Innervation, aber zuletzt ist es doch das Gehirn des Patienten, welches den heilsamen Einfluß vermittelt. Heute berechtigt nichts mehr dazu, die positive Wirkung der Psyche auf die Physis zu bezweifeln; denn, wie der genannte Autor schreibt20:

In eben dem Maße, wie das Bereich des Einflusses des Geistes auf den gesunden und kranken Körper umschrieben und beschränkt wird, gewinnt der Charlatanismus Verbreitung und Stärke.

Allerdings muß dieser Einfluß anders erklärt werden, als es gewöhnlich geschieht: daß ein Gedanke Bazillen töten oder den Herzschlag regeln, oder daß ein Gebet oder eine Zauberformel Verdauungsstörungen beseitigen sollte — das ist freilich ganz unmöglich. Gedanken und körperliche Krankheiten sind ganz unvergleichbar, das Physische und das Psychische sind zwei Welten, die sich nicht berühren, sie umfassen Erscheinungsreihen, deren Zusammenhang weder nach dem Kausalgesetze noch sonst auf eine materiale Weise begriffen werden kann. Hier ist jede direkte Wechselwirkung ausgeschlossen — ebenso etwa wie zwischen der Farbe der Lichtstrahlen an sich und den chemischen Veränderungen, die sie auf der photographischen Platte bedingen. Trotzdem ist es wohl möglich, den Einfluß des Geistes auf den Körper zu verstehen — dann nämlich, wenn man sie aus unserem Gesichtswinkel betrachtet: das Ich ist das Gesetz des ganzen Organismus, des geistigen sowohl als des leiblichen; es beherrscht die physischen und die psychischen Erscheinungen; es ist — gleichviel ob bewußt oder nicht — das gegenseitige Verhältnis, sozusagen die Gleichung der Korrelation sämtlicher Funktionen und Faktoren, welche die physischen Phänomene einerseits, die psychischen andrerseits bedingen. Wenn nun durch die Suggestion einer Vorstellung oder einer Überzeugung oder auch nur durch Aufmerksamkeit und Wille der psychophysische Zusammenhang umzentriert, in eine andere Form gegossen wird, ja dann können offenbar nicht bloß funktionelle, sondern geradezu organische Veränderungen hervorgerufen werden: alle Organe und alle Funktionen existieren ja nur korrelativ zueinander; wenn nun das Ich das Gesetz der Korrelation ist, und deren Form durch die genannten Einflüsse sich wandelt, so müssen ihre Faktoren gleichfalls relative Wandlungen erleiden21 können.

Der Zusammenhang scheint jetzt deutlich genug: nicht der Gedanke an sich kann Krankheiten heilen, wohl aber kann er den im Ich verknüpften psychophysischen Zusammenhang dergestalt umformen, daß die Umzentrierung auch im Physischen zum Ausdruck gelangt.

Jetzt scheint kein Zweifel mehr möglich; denn nur wenn das Ich das Gesetz des Zusammenhangs ist, nur dann lassen sich die betrachteten Phänomene überhaupt verstehen. Und andrerseits gibt es keine Erscheinung, die unter unserer Voraussetzung absolut unverständlich bliebe.

1Vgl. Th. Ribot, Les maladies de la personnalité, Paris 1889. Sehr interessante Betrachtungen über denselben Gegenstand — allerdings auf Grund älterer Beobachtungen — finden sich im II. Bande von H. Taines berühmtem Buche De l’Intelligence; siehe besonders die Note am Schlusse über Dr. Krishabers Beobachtungen und Experimente. Der schottische Romancier Robert Louis Stevenson behandelt in seiner phantastischen Erzählung Dr. Jekyll and Mr. Hyde (Tauchnitz 1886) dasselbe Phänomen. Die Geschichte ist so abenteuerlich und irreal wie nur möglich; und doch ist sie nicht nur genial, sondern auch überaus tief: sie beweist, daß die Phantasie die Realität nicht nur überfliegen, sondern auch steigern kann; daß oft erst die reine Fiktion imstande ist, uns über den innersten Gehalt des Faktischen die Augen zu öffnen. Freilich sind solche Fälle selten; außer Stevensons Roman kenne ich nur noch ein Buch, von dem sich dasselbe behaupten ließe — daß nämlich die Phantastik den Weg zu wahrer Erkenntnis weist —: Villiers de L’Isle-Adams Eve future.
2So in der Hand von Taine, Le Dantec u. a.
3Vgl. Meister Eckharts Schriften und Predigten, l. c. 196 ff. (Leipzig 1903).
4Und zwar zunächst nur aus philosophischem; aber es kommt gewiß die Zeit, wo auch die reine Biologie, nachdem sie sich den Fesseln der Physiologie entrungen, sich solchen Fragen mit Erfolg wird zuwenden können. Die Biologie — ganz wie die Erkenntniskritik — ist ihrem Wesen nach eine Formwissenschaft. Jakob Baron Uexküll, einer der wenigen modernen Gelehrten, der wahrhafte Einsicht in das Wesen des Organischen besitzt, schreibt in seinem jedem Naturforscher und Philosophen dringend zu empfehlenden Leitfaden in das Studium der experimentellen Biologie, Wiesbaden 1905 p. 8:
Die biologischen Fragen können für sich allein vollkommen gelöst werden, ohne auf die Frage nach der stofflichen Natur des Lebendigen einzugehen; denn sie beziehen sich nur auf die Form und nicht auf den Inhalt des Geschehens.

Das Leben ist eben für die Erkenntnis ein formales Prinzip; nur der Form nach kann sein Wesen begriffen werden. Bis heute sind Chamberlain und Uexküll wohl die Einzigen, die diese Wahrheit mit vollem Bewußtsein vertreten. Aber bald wird es gewiß anders; und dann kommt die Zeit, wo auch die Erkenntniskritik als Zweig der allgemeinen Biologie wird betrachtet und behandelt werden können. Denn die Erkenntniskritik verhält sich gerade so zur empirischen Psychologie, wie die reine Biologie zur Anatomie und Physiologie. Sie ist die Biologie — d. h. die Lehre vom Bauplane — des Menschengeistes; der Geist ist aber nur ein besonderer Ausdruck des Lebens, folgt dessen einheitlichen Gesetzen.

5Im ersteren Falle ist das gesamte Gleichgewicht des Organismus gestört, gleichviel, ob durch Verwundung oder durch Infektion (Einführung von Fremdkörpern, Parasiten, Bazillen). Dann fällt natürlich die eigentliche Voraussetzung unserer Erklärung fort — die Konstanz der Gesamtproportionen. Von einer Raupe, der die Füße abgeschnitten wurden, kann nicht verlangt werden, daß sie einen vollständigen Schmetterling ergäbe.
6Seit der Niederschrift dieser Zeilen erfahre ich, daß die bekannte Graphologin Freifrau Isabelle von Ungern-Sternberg an den Handschriften eines Mediums, das mehrere Persönlichkeiten verkörperte, den unzweideutigen Beweis für die Richtigkeit meiner Auffassungsart erbracht hat. Sie hat gezeigt, daß die scheinbar absoluten Änderungen im Wesen in Wahrheit auf bloße Verschiebungen innerhalb der Verhältnisse des Geistes hinauslaufen. Vgl. Ecritures normales et médiumniques d’Helene Smith, Paris, 1905.
7Dieselbe Diskontinuität der Erinnerung findet sich oft bei normalen Personen: im Traume erinnern wir uns leichter früherer Träume, als im Wachen, und zumal bei Kindern kommt es vor, daß sie unmittelbar vor dem Einschlafen (im Halbschlaf) ganz deutliche Eindrücke empfangen, deren sie sich im Wachsein schlechterdings nicht mehr entsinnen können, deren Erinnerung aber sofort wieder aufleuchtet, sobald das Kind in denselben Zustand zurück gerät.
8Ich brauche wohl kaum besonders zu bemerken, daß der Einwand gegen meine Auffassung, der darin bestehen soll, daß der Mensch sich doch entwickelt, gar kein Einwand ist: entwickeln kann sich nur das, was potentiell vorhanden ist; die Differentiation des Geistes vermag an seinen Gesamtproportionen ebensowenig zu ändern, wie die Substanz eines Kuchens dadurch vermehrt wird, daß man ihn in feine Stücke zerteilt.
9Vgl. hierzu folgendes Wort Richard Wagners aus dem Briefe an Liszt vom 16. August 1853:
Meine Fähigkeiten, jede einzeln genommen, sind gewiß nicht groß, ich bin und leiste nur dann etwas, wenn ich im Affekt alle meine Fähigkeiten zusammenfasse, und rücksichtslos sie und mich darin verzehre. Worauf mich dann mein Affekt hinweist, das werde ich — solange als nötig —, sei es Musiker, Dichter, Dirigent, Schriftsteller oder was sonst. So war ich auch einmal spekulativer Kunstphilosoph. Nebenbei — neben diesem Hauptstrome — kann ich aber nichts schaffen und treiben, außer mit höchstem Zwange, und dann würde ich nur etwas ganz Schlechtes machen und die Geringfügigkeit meiner Spezialfähigkeiten zum Erschrecken aufdecken.

In demselben Sinne war Shakespeare vermutlich ein recht mittelmäßiger Bürgermeister von Stratford — er, der sicherlich die grenzenloseste Begabung besaß, die je einem Künstler zuteil ward. Über Shakespeare nachzudenken ist, nebenbei bemerkt, beinahe Selbstmord: er übersteigt so sehr alle gewohnten Normen und Voraussetzungen, daß er zu nichts in Beziehung gesetzt werden kann, was jedwedes Verständnis ausschließt. Schon die absurde Gleichung Shakespeare = Francis Bacon beweist das: wenn man darauf verfallen ist, den leuchtendsten dichterischen Genius von unerreicht feinem und vielfältigem Empfindungsleben noch so bedeutenden Verstandesmenschen von Geschäftsmannsart zu identifizieren, so läßt sich dies nur dahin verstehen, daß die Vernunft toll und wild wird, sobald sie sich unterfängt, Shakespeare zu erklären.

10Sante De Sanctis sagt (1. c. 148), im Wachen überwiege das sensorielle Ich, im Traum aber das viszerale und das Ich der Gemeingefühle.
11Zur Erläuterung dessen, was wir unter Gesetz zu verstehen haben, diene folgender Ausspruch Poincarés (Revue des idées I p. 812):
Comment les anciens comprenaient-ils une loi? c’était pour eux une harmonie interne, statique pour ainsi dire et immuable; ou bien c’était comme un modèle que la nature s’efforçait d’imiter. Une loi, pour nous, n’est plus cela du tout; c’est une relation constante entre le phénomène d’aujourd’hui et celui de demain; en un mot, c’est une équation différentielle.
12Ich muß dringend darum bitten, aus diesem Vergleiche nicht mehr herauszulesen zu wollen, als er offenbaren kann. Nur in dem engen Sinne, wie ich ihn hier anführe, ist er überhaupt möglich; in jeder anderen Hinsicht wäre er natürlich absurd. Lebewesen sind mit Automaten schon deshalb unvergleichbar, weil jene sich selbst die nötigen Organe schaffen, um zweckmäßig zu funktionieren, diese hingegen nur dann arbeiten können, wenn sie fertig und aufgezogen sind. Man erinnere sich der treffenden Bemerkung der Königin Christine, als Descartes ihr beweisen wollte, daß die Tiere Automaten seien: es sei doch etwas Unerhörtes, daß Uhren sich fortpflanzten!
13Ein Toter ist eigentlich gar kein Organismus mehr, sondern — wie Félix Le Dantec sich geistvoll ausdrückt — die Pseudomorphose nach einem solchen. In der Tat, was kennzeichnet das Organische, wenn nicht das Leben?
14Vgl. Ziehen, Gehirn und Seelenleben.
15Vgl. Wundts Völkerpsychologie (auch seine physiologische Psychologie) und Daniel Hack Tuke, Geist und Körper, Jena 1883, Kap. VIII.
16Das Webersche Gesetz trifft nicht zu, und bisher ist es nicht geglückt, eine andere konstante Beziehung zwischen Reiz und Empfindung aufzudecken. Da der Grad der Empfindung nicht vom Reize allein, sondern wesentlich vom empfindenden Individuum abhängt, so dürfte man schwerlich überhaupt je dazu gelangen, diesem Übelstande abzuhelfen: das physiologische und das physikalisch-mathematische Kontinuum sind nicht identisch. Vgl. hierüber Poincaré, La science et l’hypothèse, ch. II., Ziehen, Gehirn und Seelenleben, l. c. o. 33 ff. und Henri Bergson, Les données immédiates de la conscience, 4. Aufl. Paris 1904.
17So schreibt auch Ernst Mach in seinem letzten, bereits zitierten Werke, in welchem sein Grenzstandpunkt ungleich klarer und plastischer hervortritt, als etwa in der Analyse der Empfindungen, wo der Verfasser häufig zwischen zwei Betrachtungsarten (der analytischen und synthetischen) schwankte und den methodischen Unterschied zwischen beiden nicht immer deutlich genug einzusehen schien:
Auf unserem Standpunkte haben wir keinen Grund, uns weiter mit dem Gegensatz des Physischen und Psychischen zu beschäftigen. Was uns allein interessieren kann, ist die Erkenntnis der Abhängigkeit der Elemente voneinander. (p. 28.)
18Vgl. P. Bonnier L’Orientation, Scientia Nr. 9, Paris 1900 (Carre et Naud). In mancher Hinsicht eine grundlegende Arbeit, obgleich der Autor den verhängnisvollen Fehler begeht, von einem sens de l’attitude zu reden: es gibt keinen spezifischen Sinn für die Orientierung, sondern das betreffende Bewußtsein bedeutet eine Synthese oberhalb der Empfindungen, welche nur aus erkenntniskritischem Gesichtswinkel begriffen werden kann.
19Geist und Körper. Deutsche Ausgabe, Jena 2888. Daselbst findet der Leser eine ausführliche Übersicht der gesamten Literatur des einschlägigen Gebietes. — Natürlich wirkt der Geist nur vermittelst der Nerven; wo die Leitung unterbrochen ist, ist jeder Einfluß ausgeschaltet. Dagegen läßt er sich aus den Nerven an sich nicht erklären; dazu bedarf es eines anderen, aus anderem Gesichtswinkel zu betrachtenden Faktors.
20L. c. 292. — Ich habe nie begreifen können, warum vorurteilsfreie Menschen heute noch bezweifeln, trotz zahlloser beglaubigter Erfahrungen, daß ein psychischer Einfluß auch in dem Falle stattfinden kann, wo die gewohnten vermittelnden Sinnesempfindungen zu fehlen scheinen: der Liebende liest aus dem Blicke der Geliebten mehr, als Worte je auszudrücken vermöchten. Intuitiv begabte Menschen können aus dem Gesichtsausdruck auf konkrete Erlebnisse mit großer Sicherheit schließen, und Jedermann errät aus den Gebärden eines Menschen mehr, als sie an sich vorzustellen scheinen; die sogenannten Gedankenleser ziehen ihre Schlüsse aus unwillkürlichen Bewegungen und Gebärden, deren sich der Betreffende gar nicht bewußt ist. In allen diesen Fällen handelt es sich um das Verständnis einer besonderen Sprache, die für die meisten gar nicht wahrnehmbar ist. Deswegen existiert sie aber doch! In demselben Sinne muß das Gehirn, dünkt mich, in besonderen Zuständen auf Eindrücke reagieren können, denen es sonst völlig unzugänglich ist. Das sogenannte Gesundbeten u. ä. erfolgt nie ohne eine körperliche Berührung irgendwelcher Art, ohne daß irgendein Sinn des Patienten aufnahmefähig bliebe. Wer wollte leugnen, daß auf diese Weise Einflüsse vermittelt werden könnten, die uns schlechterdings unbegreiflich erscheinen? Woher wissen wir, ob der Geist in abnormen Zuständen nicht auch abnorme Sprachen versteht? — Es ist immer sehr billig, das Unverständliche zu leugnen; nur ist es kein Zeichen großer Urteilskraft.
21Denn sogar die gesamte Zirkulation — ein Wunder an Zweckmäßigkeit — verläuft vermittelst korrelativer Verschiebungen — z. B. in betreff der Gefäßweite —, die durch Nervenleitungen vom Gehirn her bewerkstelligt werden. (Vgl. den Vortrag Prof. T. Clifford Allbutts Blood pressures in Man, abgedruckt in Nature vom 16./III. 05). Veränderungen im Blutkreislaufe allein genügen aber, um die weitgehendsten Modifikationen, Gesundungen und Erkrankungen, im Organismus hervorzurufen. Und daß die Phantasie, die Einbildung geradezu Krankheiten schaffen. nicht nur in der Kunst, sondern auch am eigenen Leibe als Schöpferin auftreten kann — das braucht in unserem nervösen Zeitalter nicht erst besonders gesagt zu werden.
Hermann Keyserling
Das Gefüge der Welt · 1906
Versuch einer kritischen Philosophie
© 1998- Schule des Rades
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