Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Gefüge der Welt

IV. Das Problem des Geistes

Gesetz des Menschen

Wir haben jetzt einen Einblick in das objektive Verhältnis von Körper und Geist gewonnen: das Ich ist das Gesetz des Körpers, dieses verhält sich zu jenem, wie die Erscheinung zur Idee. Unser Subjekt ist das, was wir außer uns als das Objektive bezeichnen, was wir außer uns schaffen, nie unmittelbar empfangen können. Aber eines ist unaufgeklärt, ja überhaupt unerörtert geblieben: wenn das Ich das Gesetz des gesamten Organismus ist, dann können wir zwar die Möglichkeit rein geistiger Vorgänge gerade so gut oder so schlecht einsehen, wie diejenige anderer, unzweideutiger mit dem Leiblichen verknüpfter Prozesse; denn wir wissen ja, daß eine formale Einheit — und nur um eine solche handelt es sich hier — die absolute Heterogenität des Materialen keineswegs ausschließt; aber mit der Einheit des Ich ist das Geistige eben nur ermöglicht, nicht erschöpft. Wie stellen wir uns von unserem jetzigen Standpunkte aus zu den Geisteserscheinungen und -schöpfungen? Wie ist eine innere, geistige Welt neben dem Körper möglich? — denn im Verhältnis zum Ich, zum Gesetz, ist die Weltanschauung des Philosophen gerade so Erscheinung, wie sein sterblicher Leib. — Wir reflektieren — der geneigte Leser hat es gewiß schon häufig bemerkt — von der Gesamtheit des Lebens aus, räumen dem Menschen keine Sonderstellung ein; darum dürfen wir uns bei dem Tatbestande nicht unmittelbar bescheiden.

Über das Psychische läßt sich allgemein und zugleich gegenständlich nicht reden. Daß es außer mir selbst überhaupt empfindende und denkende Wesen gibt, kann mir niemals bewiesen werden; über das Bewußtsein und die Seele der Tiere gar lassen sich nur unverifizierbare und überdies wissenschaftlich unfruchtbare Vermutungen anstellen1. Gleichwohl werden wir nur durch einen Streifzug durch die Gesamtheit des Lebendigen Klarheit gewinnen können. Sichere Ergebnisse dürfen wir zwar nicht erwarten; über das Hypothetische, glücklichstenfalls das Wahrscheinliche gelangen wir nicht hinaus. Dennoch wird in diesem Falle auch das Ungewisse erkenntnisfördernd sein; und vielleicht erraten wir das, was wir nicht beweisen können!

Wenn das Ich, die transzendentale Bedingung der Geistestätigkeit, das Gesetz des ganzen Menschen bedeutet; wenn dieses bei jeder Persönlichkeit ein anderes, einzigartiges ist: dann müssen die Unterschiede zwischen Mensch und Tier und der verschiedenen Tierarten untereinander ganz gewaltig sein — so sehr, daß jeder Vergleich ausgeschlossen ist. Das Ich also das innere Gesetz — einer Krabbe hat mit dem eines Elefanten sicherlich nichts gemein — ganz abgesehen von der unbeantwortbaren Frage, ob beide überhaupt ein dem menschlichen analoges Bewußtsein besitzen. Und wenden wir uns gar den niederen Tieren zu, so fehlt jede Basis zur Vergleichung. Das Protozoon, das Infusor ist kein Individuum im menschlichen Sinne; denn es kann sich teilen. Dasselbe gilt — in anderer Form freilich — von den Zölenteraten, ja selbst von manchen unter den so hoch organisierten Würmern. Und wie steht es mit der Individualität der Organismen, die zu Kolonien verwachsen leben — den Polypen, Tunikaten, um von den Pflanzen zu schweigen? Da sie zumeist sowohl einzeln als auch zu Millionen kontinuierlich verbunden existieren können, so ist es schlechterdings unmöglich, die letzte, unteilbare Einheit festzustellen. Der Begriff des Individuums ist, sofern er nicht so allgemein gefaßt wird, daß er allen verständlichen Sinn verliert2, als allgemeines Kennzeichen des Lebewesens nicht zu halten3, und mit ihm steht und fällt die Seele, das dem menschlichen analoge Ich4. Dennoch gestattet es unser besonderer Standpunkt, einen tieferen Einblick in das wesentlich Unerforschliche zu gewinnen: ein Kennzeichen ist nämlich allen Organismen gemeinsam: das Leben, die Gestalt. Die Gestalt ist aber ohne einheitliches Gesetz undenkbar — bedeutet sie doch nichts anderes als die einheitliche Beziehung des Mannigfaltigen, an sich Diskreten, ja Heterogenen. Existiert nun ein solches einheitliches Gesetz, gleichviel in welcher Form, ist ferner jedem Organismus Sensibilität und Irritabilität — dasjenige also, was bei uns die psychischen Phänomene auslöst — eigentümlich5: dann muß es möglich sein, einen formalen, obschon nur gedachten, Zusammenhang zwischen allen Ausdrucksformen des Lebens herzustellen; die Bedingungen des Psychischen zu fassen, wo uns dieses selbst ein auf immer unlösbares Rätsel bleiben wird.

Eine formale Einheit kann sowohl durch Koordination als durch Subordination entstehen; eine Republik ist gerade so gut ein Staat wie die Autokratie, die Korrelation im Organismus kann sowohl durch das Zusammenwirken selbständiger Faktoren als durch ein funktionelles Zentrum bedingt sein — die Einheit als solche besteht in jedem Falle. Nur ist die Form eine verschiedene. So ist ein Echinoderm — ein Seeigel, ein Seestern —, welches physiologisch eine Republik darstellt, dessen Teile selbständig reagieren und dessen einheitliche Bewegungen nicht durch die Einheit des Gesamttiers, wie beim Menschen, bedingt sind, sondern aus der Interferenz voneinander unabhängiger Teilfunktionen, nach dem Parallelogramm der Kräfte gleichsam, resultieren, gerade so gut ein Organismus, eine Gestalt, wie das Pferd, wie der Mensch. Dagegen ist an ein dem Menschlichen vergleichbares Gesetz oder Ich nur dort zu denken, wo die Funktionen zentralisiert sind6. Malen wir uns z. B. das Bewußtsein eines Seeigels aus, so kann es allenfalls demjenigen des traumlos Schlafenden analog sein — im Schlafe sind auch wir mehr oder weniger Republiken —, ein solches Bewußtsein existiert aber für unsere Begriffe gar nicht. Ein Subjekt in unserem Sinne ist erst dort möglich, wo ein Funktionszentrum vorliegt — dieses ist aber, wie die Erfahrung lehrt, unmittelbar an das Nervensystem gebunden.

Freilich ist es mit ihm keineswegs notwendig gegeben: bei zahllosen Organismen — den Blutegeln z. B. — bildet das Nervensystem zwar ein funktionell zusammenhängendes Ganzes, aber andrerseits überwiegt das Gehirn so wenig über die Hauptganglien der Teile oder Segmente, daß eine wirkliche Synthese der Empfindungen kaum anzunehmen sein dürfte. Erst von der Organisationsstufe an, wo die (stets vorhandene) Korrelation funktionell so weit zentralisiert ist, daß das Gleichgewicht der einzelnen Organe unmittelbar vom Ganzen abhängt, daß die Bewegung oder sonstige Reaktion jedes Teils notwendig die Gesamtheit affiziert7 — erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, sind wir berechtigt, mit einiger Wahrscheinlichkeit an eine Synthese der Sensationen, etwa ein Gemeingefühl zu denken. An dieselben Bedingungen ungefähr dürfte das geknüpft sein, was wir schon früher als die unterste Stufe des Psychischen bezeichneten: die Fähigkeit, die Gesamtheit des Körpers zu orientieren, im Falle von Bewußtsein die Kenntnis der relativen Lage der Organe, der sens de l’attitude P. Bonniers. Das wäre die erste ébauche eines bewußten Ich oder Subjektes — und in der Tat ist dieses sein erster Ausdruck beim neugeborenen Kinde. Doch impliziert dieses primitive Subjekt keineswegs psychische Funktionen: es gibt nur Sinnesempfindungen, keine Vorstellungen; alles Bewußtsein ist ausschließlich Bewußtsein des Körpers in seinem unmittelbaren Bezuge der Außenwelt, die von jenem wahrscheinlich gar nicht unterschieden wird8. Vorstellungen, d. h. selbständige Beziehungen der Empfindungen untereinander, setzen eine weitere Differenzierung voraus: sie werden erst dadurch möglich, daß das Nervensystem, zumal das Gehirn, sich mehr und mehr vom unmittelbaren Dienste des Körpers emanzipiert und im Organismus gleichsam die Rolle eines Parasiten zu spielen beginnt9. Die höchstorganisierten Tiere sind geradezu der Tyrannei ihres Nervensystems unterworfen10; im Menschen aber wird es mit fortschreitender Differenzierung so selbständig, daß sich sein psychischer Ausdruck, der Geist, in Form der Kunst auf eigene Hand fortpflanzt. Der Künstler schafft, der Heilige leidet über sich hinaus, und der Philosoph bringt es bis zum Paradox der Verneinung des Willens zum Leben11.

Unsere flüchtige Skizze — die freilich nur Hypothesen, aber keine unwahrscheinlichen und unfruchtbaren enthält — enthüllte uns das Verhältnis von Ich oder Subjekt und psychischen Funktionen. Das Ich, als Gesetz des Organismus, ist virtuell immer vorhanden; als solches im menschlichen Sinne aktuell funktionieren kann es aber nur dort, wo die Funktionen zentralisiert sind. Reinpsychische Erscheinungen setzen ein Weiteres voraus: die Emanzipation, die Selbständigkeit des Gehirns. Das ist die Stufe des Menschen; dieser ist in gewisser Hinsicht wirklich, wie Bonald meinte und wie Franz Liszt es ständig hervorhob, une intelligence, servie par des organes.

Aber wir sehen noch ein Weiteres — und dieses ist von größter Wichtigkeit: die Fähigkeit reingeistigen Schaffens, welche den Menschen vor allen Tieren auszuzeichnen scheint und höchstwahrscheinlich wirklich auszeichnet, statuiert dennoch keinen spezifischen Unterschied zwischen ihm und anderen Lebewesen, wie unvergleichbar die Erscheinungen, die Resultate immer sein mögen. Sie ist nichts als ein besonders qualifizierter, vielleicht monströser Ausdruck der allgemeinen vitalen Reaktionen; das Geistige ist ein möglicher Ausdruck des Lebens, nicht ihm wesentlich. Andrerseits aber entbehrt der Begriff Geist abgesehen vom Leben jeglichen realen Sinnes12. Das Ich ist das Gesetz des gesamten Organismus, der subjektive Ausdruck seiner Einheit; als solcher dort, wo das Gehirn selbständig ist, das Gesetz des Geistes, nicht ihm allein eigentümlich. Die Einheit des Ich beim Menschen ist Voraussetzung nicht nur seines Erkennens, sondern alles Schaffens und Handelns — seines Seins schlechthin:

Jetzt sind wir imstande, den eigentlichen Geisteserscheinungen mit Verständnis näherzutreten; dazu brauchen wir bloß an frühere Erkenntnisse anzuknüpfen: das Kunstwerk — das Wort in seiner weitesten Bedeutung verstanden — ist die Synthese von Idee und Erscheinung in der Form; der Mensch ist die Einheit von Ich (Gesetz) und Körper in der Gestalt. Schöpfung und Schöpfer spiegeln sich gegenseitig. Nun ist aber das Kunstwerk die alleinige Schöpfung des Menschengeistes, seine Idee entsprang ihm allein; folglich muß die Scheidung von Idee und Erscheinung schon im Geiste begründet liegen — welcher Art mag sie sein? — Idee bedeutet nichts anderes als Gesetz; Erscheinung dessen konkreten Ausdruck. Somit muß es sich hier um die Gesetze des Produzierens handeln … aber befinden wir uns nicht plötzlich auf bekanntem Gebiet? Besitzen wir nicht schon die Resultate, nach denen wir streben? — Im zweiten Kapitel fanden wir, daß die Logik sich zur Mathematik verhält, wie die Farben zu den Wellenverhältnissen des Lichtäthers. Jene operiert mit Gedanken, diese mit den Gesetzen, nach welchen sie zustande kommen. Gedanken sind im Verhältnis zu den Denkgesetzen ganz in demselben Sinne Qualitäten, wie Farben oder Töne oder andere Sinnesempfindungen. Am Beispiele der vollkommensten Kunst, der Musik, entdeckten wir, daß mathematische Gesetze, kosmischen Rhythmen folgend, die höchsten geistigen Schöpfungen regieren; in der bildenden Kunst fanden wir sie wieder, desgleichen in allen Produkten der gestaltenden Phantasie. Und in das Gebiet der Ästhetik überschwenkend, schlossen wir indirekt, daß auch die menschlichen Begriffe und Ideen nach mathematischen Relationen zustande kommen müßten, da das Erkennen das Handeln spiegele. Wie richtig unsere damalige Folgerung war, das ermessen wir erst jetzt: wir wissen, daß Rezeptivität und Spontaneität sich wie rechts und links zueinander verhalten, wir wissen, daß alles geistige Schaffen Kunst ist, daß es hier keine prinzipiellen Unterschiede gibt. So steht denn die allgemeine Erkenntnis fest, daß die Geisteserscheinungen, welcher Art sie auch seien, objektiv mathematischen Relationen entsprechen, nach innen zu, gerade wie den Sinnesempfindungen nach außen zu mathematisch zu fassende Naturgesetze zugrunde liegen. Gerade so aber verhält sich auch der Leib zur Seele: das Ich ist das Gesetz, d. h. der Bauplan des Organismus; die Geisteserscheinungen — die Begriffe, Bilder, Erkenntnisse und Anschauungen — stehen aber zu diesem in genau dem gleichen transzendentalen Verhältnisse, wie der Körper — in dem Verhältnisse der Erscheinung zur Idee — ob auch Physisches und Psychisches für unser Verstehen gänzlich unvergleichbar sind. Hier eine innigere Synthese zu finden, ist unmöglich: menschliche Augen vermögen Physis und Psyche nicht mit einem Blicke von außen her zu überschauen.

Aber wenn wir nun die Gesamtheit des durchmessenen Weges zu überblicken trachten — gewahren wir nicht dennoch ein Weiteres? — Das Ich ist das Gesetz des Menschen, das bewußte Ich die Form, in welcher der Zusammenhang jeweilig erscheint. Dieses oberste Gesetz, diese Idee, ist erstens Beziehung, gemäß Platos Lehre, — von Rezeptivität und Spontaneität im geistigen Schaffen, der Funktionen und Organe aufeinander im leiblichen Sein; zweitens kommt sie in Relationen zum Ausdruck, wie die rhythmischen Verhältnisse des Leibes sowohl als der Kunstschöpfungen es dartun. Dieses Gesetz ist ferner ein formales; denn nur der Form nach läßt sich eine Synthese des Mannigfaltigen verstehen: so spiegelt das Problem der Form in der Kunst dasjenige des Menschengeistes an sich. Als letztes Resultat aber gewahren wir, daß dasjenige, was wir außer uns als das Objektive bezeichneten, das Formal-Mathematische, das wir zwecks der Erkenntnis schaffen, die Idee, die wir in die Erscheinung hineintragen, in uns selbst das Subjektive, das Subjekt ist — die Synthese, die wir leben, von der alle Erkenntnis und alles Handeln ausgehen muß! So schließt sich der Kreis; nicht u m den Menschen als Zentrum, sondern mit dem Menschen, als Ausgangs- und Endpunkt an der Peripherie.

1Vgl. hierüber J. v. Uexküll, Über die Stellung der vergleichenden Physiologie zur Hypothese von der Tierseele, Biol. Zentralblatt Bd. XX Nr. 15, und desselben Forschers Abhandlung Im Kampf um die Tierseele, Wiesbaden 1902.
2So sagt z. B. F. Le Dantec (L’Unite dans l’etre vivant l. c. 140):
L’individu est, dans chaque espéce, la plus haute unité morphologique que puisse reproduire fidélement l’hérédité.

Diese Definition impliziert freilich alles; aber gerade darum ist sie vom menschlichen Standpunkte aus leer: ein Individuum als teilbare Kolonie z. B. ist für unsere Begriffe kein Individuum. Über das Problem und die Bedeutung der Individualität innerhalb des Lebensganzen lese man meine Unsterblichkeit nach, zumal deren siebentes Kapitel. (Nachtrag zur 2. Auflage.)

3Nicht einmal innerhalb des Menschengeschlechtes kommt ihm so wesentliche Bedeutung zu, wie dies die arische Philosophie und besonders die christliche Weltanschauung uns glauben machen; es ist sehr fraglich, ob eine Philosophie vom Ich aus oder die christliche Theorie vom unendlichen Wert der Menschenseele von andersgearteten Rassen überhaupt eigentlich verstanden wird, denn bei sehr vielen Völkern ist das National- oder Stammesbewußtsein unvergleichlich lebendiger als das Ichgefühl — so bei den Arabern, den Chinesen, sicher auch bei den Japanern —, und es ist sehr wohl möglich, daß das Bewußtsein des Sozialen demjenigen des Individuellen bei allen Völkern kulturgeschichtlich vorangeht. Wir vermögen die leichte Art, auf welche sich der Mongole mit dem Tode auseinandersetzt, kaum zu verstehen; wahrscheinlich staunt dieser aber genau ebenso über den europäischen Individualismus. Vielleicht ist es bloß eine Frage der Rasse, was dem Menschen als nächstliegende Einheit oder Synthese erscheint. Vielleicht denken manche Völker ursprünglich — während bei uns es nur die freiesten Geister vermögen — vom Standpunkte der Natur aus, für welche die Art sicherlich eine konkretere Realität als das Individuum bedeutet?
4Vgl. hierzu Frederic Houssay, Nature et Sciences Naturelles, l. c. p. 238 ff.
5Vgl. Haberlandt, Die Sinnesorgane der Pflanzen, Leipzig 1904.
6Letzteres ist sogar bei den niederen Säugetieren nicht überall im menschlichen Sinne der Fall; Rückenmark und untergeordnete Hirnzentren sind dem Großhirn gegenüber relativ unabhängig.
7Mittelbar hängt natürlich jeder Teil auch des niedersten Organismus vom Ganzen ab — das liegt im Wesen des Lebens, der Gestalt. Nur muß wohl unterschieden werden, ob der Nachdruck auf der einheitlichen Beziehung oder auf den aufeinander bezogenen Faktoren liegt. Für den Außenstehenden ist das Resultat das gleiche, subjektiv bedingt es dagegen die größtmöglichen Differenzen: man denke nur an den Gegensatz von Schlaf- und Wachzustand.
8In der Tat setzt diese Unterscheidung eine Höhe der Abstraktionsfähigkeit voraus, die wir wohl nur bei den uns am nächsten stehenden Tieren annehmen dürfen. Bei den niederen Tieren — bis zu den Echinodermen herauf — bildet das Wasser, in dem sie schwimmen, das innere Milieu, das äußere Milieu spielt also dieselbe Rolle, wie bei uns die Lymphe oder das Blut; ich möchte wissen, wie da selbst der genialste Seestern zwischen sich und der Außenwelt unterscheiden wollte! Überdies gehört auch unser eigener Leib in bezug auf das Bewußtsein zur Außenwelt — die Grenzen sind gar nicht leicht zu bestimmen. Vielleicht ließe sich sogar die Ansicht verfechten, daß es überhaupt auf willkürliche Abstraktion hinausläuft, daß und wo wir die Grenze zwischen uns und der Außenwelt setzen; denn das Leben existiert nur in bezug auf diese, und genau genommen gehört die Luft, die wir einatmen, gerade so gut zu uns, wie Fleisch und Knochen.
9Dieses ist der wahre Kern der Schopenhauerschen Lehre, daß der Intellekt in bezug auf den Willen eine parasitäre Rolle spiele. Freilich hat jener letzte große Dogmatiker schwerlich an diese Auffassung gedacht.
10Dieser außerordentlich prägnante Ausdruck ist das Eigentum Rémy de Gourmonts.
11Nichts dürfte die Selbständigkeit des Gehirns drastischer illustrieren, als der Typus des Verstandesmenschen, zu dem sehr viele Gelehrte, aber nie die wirklich bedeutenden, gehören. Verstandesmenschen sind wirklich einerseits Körper, andrerseits Geist; ihr Denken hat mit ihrem Sein gar nichts gemein. Wogegen das bei diesen Getrennte beim höchsten Menschen, beim Genie, wieder verschmilzt: Genies sind nicht Körper plus Geist, sondern ihr gesamtes Wesen, alles inbegriffen, gewinnt geistigen Ausdruck. Ihr Schaffen ist ihr gesamtes Sein. Darum sind ihre Gedanken ebensowohl Taten, ebensowohl Gefühle; daher das berühmte Wort Vauvenargues: les grandes pensées viennent du cœur. In demselben Sinne könnte man auch sagen, das Genie sei natürlicher, als der bloß kluge oder talentierte Mensch, es tritt aus dem Zusammenhange des Lebens weniger heraus. So dürfte die Goethesche Antithese von Natur und Talent zu verstehen sein.
12Ich meine real im wissenschaftlichen Sinne. Gegen Religion, Mystik und transzendente Spekulationen richtet sich dieser Satz nicht, sondern gegen diejenige Auffassung, welche z. B. von Mendelejew, Reinke und vielen englischen Forschern vertreten wird; diese unterscheiden zwischen Stoff, Kraft und Geist, oder Energie und Intelligenz. Das Leben ist doch die letzte unzurückführbare Einheit, als dessen Ausdruck der Geist erscheint, nicht daß jenes aus diesem verstanden werden könnte! Da wir von den psychischen Vorgängen bei anderen Organismen schwerlich je das Geringste wissen werden, so berechtigt uns gar nichts dazu, von der Intelligenz als einer Grundkategorie des Universums zu reden.
Hermann Keyserling
Das Gefüge der Welt · 1906
Versuch einer kritischen Philosophie
© 1998- Schule des Rades
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