Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Gefüge der Welt

Epilog:Was ist Wahrheit?

Spiegel des Unendlichen

Wir sind bei unserer letzten Etappe angelangt. Immer mehr gerieten wir aus dem Allgemeinen ins Besondere, immer mehr begrenzte sich das Grenzenlose. Plato lehrt, daß nur durch Bestimmung des Unbestimmten Erkenntnis zustande komme; der ganze von uns zurückgelegte Weg zeugt für diese Lehre. Nun aber tritt sie aus dem Abstrakten heraus und gewinnt im konkretesten Leben Gestalt: die ganze Wahrheit, die Beziehung der Menschheit zum Weltall, die Wahrheit, die jedem gemäß wäre, weil sie alle Einzelwahrheiten umfaßte, kann in abstracto freilich nie bestimmt werden; denn sie ist unendlich, grenzenlos. Die größtmögliche Vielheit denkender Geister wird sie nie und nimmer abgrenzen können; denn aus der Vielheit läßt sich die Einheit, aus dem Werden das Sein nicht unmittelbar erschließen. Vom Standpunkte der Vielheit ist die Wahrheit ein Werden — ohne Endziel; aber sie wird lebendig und seiend und wirklich innerhalb der Grenzen der genialen Persönlichkeit.

Was ist es, was das Genie zum Weltweisen macht? — die größte Geisteskraft an sich bietet dafür keine Gewähr; denn sie kann das Weltall in so besonderer, für andere Augen verzerrter Perspektive erschauen, daß die Menschheit bei aller Ehrfurcht und Bewunderung durch die tiefsten Einsichten solcher Männer keine Erkenntnisförderung erfährt. So sind gerade exzessive Begabungen sehr oft vollkommen unverständlich, mehr verwirrend, denn aufklärend. Jedes Philosophen erlebte Weltanschauung ist für diesen notwendig und insofern wahr, ob aber für die Menschheit? Höchst selten, wie die Erfahrung lehrt. Welcher Art müßte der Mann sein, dessen persönliche Wahrheit für die Menschheit gelten könnte? — Der Mensch kann nur das erfahren, was er erfahren muß, wie jeder Organismus nur auf dasjenige reagiert, was ihn selbst, sein Leben, abgrenzt und bedingt. Je bedingter er ist, desto größer sind seine Fähigkeiten, desto schärfer seine Waffen, desto feiner sein Empfinden. So ist der Kulturmensch unendlich bedingter als der Wilde, der Ästhet in ungeheurem Maße abhängiger von der Art seiner Umgebung als der Philister. Und wenn wir uns nun dessen erinnern, daß kein Genius aus sich selbst heraus zu schaffen vermag, daß die Spontaneität nur auf empfangene Eindrücke reagiert, nur das gestaltet, was sie erlebt, daß die vollkommene Geistesschöpfung zu ihrer Möglichkeit gegenseitige Wahlverwandtschaft und Kompensation von Phantasie und Stoff voraussetzt — nach dem Worte Flauberts:

le secret des chefs-d’œuvre est là, dans la concordance du sujet et du tempérament de l’auteur;

wenn wir weiter wissen, daß der Mensch nur davon beeindruckt werden kann, was ihn bedingt, beschränkt, sein Leben ermöglicht: so muß bei einem Genius, der für die Menschheit denken kann, dessen Einsichten so umfassend sind, daß sie als objektive Wahrheit geglaubt werden dürfen, wohl folgende Voraussetzung erfüllt sein: sein Geist ist der gesamten Natur wahlverwandt, denn er ist von ihrer Gesamtheit bedingt.

Der Weltweise — der bedingteste Mensch! Das heißt, von der anderen Seite her betrachtet, der weiteste Geist. Goethe schreibt:

Wer in dem immer fortdauernden Streben begriffen ist, die Sachen in sich, und nicht, wie unsere lieben Landsleute, sich nur in den Sachen zu sehen, der muß immer vorwärtskommen, indem er seine Kenntnisfähigkeit vermehrt und mehrere und bessere Dinge in sich aufnehmen kann.

In der Tat, aus sich selbst kann keiner heraus, und darum ist jedes Streben nach farbloser Objektivität unfruchtbar und nur solchen förderlich, welche keine wahre, innere Förderung erfahren können. Darum sind alle Wahrheiten individuelle. Ihr Wert hängt aber von der Art dessen ab, der sie erkannte. Das Ich der Meisten ist so eng, daß es nur sich selbst umfaßt — solche Leute können natürlich nur sich in den Sachen sehen. Das Ich kann aber auch so weit sein, daß es das Universum umspannt und insofern die Natur in sich zu schauen vermag. Auf die Weite, mit anderen Worten das Maß und den Grad der Eindrucksfähigkeit des Geistes kommt es an. Diese aber ist dem Grade der Bedingtheit genau proportional.

Dieses Wechselverhältnis ist selten richtig erfaßt worden, weil der Mensch die traurige Gewohnheit hat, von sich auf andere zu schließen, das Genie nach allgemeinem Maßstabe zu messen. Infolgedessen mag unsere These, daß der Weltweise der bedingteste Mensch ist, vielen als äußerst paradox erscheinen. Der höhere Mensch ist unabhängiger, so meint man, als der mittelmäßige, er wird von Dingen und Erlebnissen kaum beeindruckt, die andere aufs intensivste mitnehmen. Das ist in gewisser Hinsicht richtig, aber die Art des Hinsehens ist falsch: das Genie ist nur darum unabhängiger im Kleinen, weil es im Großen so unendlich viel abhängiger ist! Hier gilt es, die Perspektive zu verändern; nur dann wird es uns gelingen, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.

Die größten Philanthropen — so Goethe, Leonardo — galten für kühl und herzlos. Die Leiden des Einzelnen rührten Goethe nicht sonderlich, diejenigen seines Volkes überhaupt nicht — und doch hat kein Deutscher tiefer als er in das Menschenherz geblickt und wärmere Töne dafür gefunden. Leonardo da Vinci, der persönlich keinem Tiere ein Haar krümmen mochte, war politisch von einer so einzig dastehenden Indifferenz, daß er gleichmütig, je nach den Umständen, den Herrn wechselte und dem Franzosenkönige, der den Sforza verdrängte, gerade so gern diente, wie seinem einstigen Wohltäter. Was Mailand dabei empfinden mochte, das rührte ihn nicht. Jeder große Geist beinahe ist ein vollendeter Egoist, ein schlechter Patriot, ja grausam gescholten worden. Und in der Tat, der sonnigste Heilige, Franz von Assisi, brach seinen Eltern das Herz, Buddha, der größte Apostel des Mitleidens, predigte eine Lehre, deren genaues Befolgen die meisten unglücklich machen mußte, und Christus hatte in seinem herben, männlichen Gemüte wenig Verständnis für kleinliche Glücksempfindungen: wie hart war er nicht gegen seine Jünger, als er sie ihr Liebstes verlassen hieß!

Und doch hat niemand die Menschheit mehr geliebt als er, ja er hat den Menschen, die Persönlichkeit allererst entdeckt! — Solchen Erscheinungen gegenüber versagt alle Sentimentalität, alle Bürgermoral, jedes allgemeine Werturteil; und in der Tat hat ihnen die Nachwelt eine Ausnahmestellung zuerkennen müssen. Sie glaubt an ihre Großen, wenngleich sie sie nicht versteht. Und doch ist das Verständnis nicht gar so schwer: für enge Naturen, für beschränkte Herzen bedeutet der sogenannte Altruismus freilich eine Erweiterung des Ich gegenüber dem Egoismus, das Nationalgefühl eine Tugend und eine gewisse abstrakte Sympathie für die Menschheit über die Volksgrenzen hinaus — wenn man bedenkt, daß barbarische Völker nur ein Wort für die Begriffe Fremder und Feind besitzen — eine geradezu unerhörte Herzensweite. Aber wie, wenn nun ein Mann ersteht, dessen Herz weit genug ist, ursprünglich und unmittelbar für die ganze Menschheit zu fühlen oder gar das gesamte Leben liebend zu umspannen? — Für einen solchen wäre die Weite des Bürgers, der Altruismus, offenbar eine Enge, das Nationalgefühl eine Beschränkung, das konkrete Mitleid eine Überschätzung des Teils dem Ganzen gegenüber — allgemein gesprochen, die Vorzüge des Engen wären seine Fehler! Für ihn können, seiner Natur nach, die letzten und höchsten Fragen des Beschränkten nur Spezialfragen bedeuten — und insofern könnte man sogar sagen, die höchste Philanthropie bestehe stets mit einer gewissen praktischen Menschenverachtung zusammen. So und nicht anders muß die Kühle Goethes, die Gleichgültigkeit Leonardos, die Härte Christi, die Grausamkeit Buddhas verstanden werden: sie empfanden zu persönlich und warm für das Große, um sich im Kleinen verlieren zu können. Wessen Herz für die Gesamtheit des Lebens, ja der Natur, liebend schlägt, dem wird auch das Menschengeschlecht kein Letztes sein: schon das wäre übertriebene Exklusivität.

Aus dieser Perspektive werden wir auch den Sinn der unendlichen Bedingtheit des Genies verstehen. Von dem, was die Meisten am Stärksten affiziert — persönliches Glück und Unglück, äußere Verhältnisse, Zufälligkeiten — hängt es freilich nicht sonderlich ab; aber nicht, weil es absolut wäre, sondern weil es von so Vielem, so unendlich Vielem affiziert wird, weil der Umkreis seiner Bedürfnisse ein so weiter ist, daß Veränderungen im Einzelnen die Gesamtproportionen kaum beeinflussen können. Die Meisten bedürfen nur des täglichen Brotes, der Brüder und allenfalls eines Berufes, um zu leben und glücklich zu sein. Alles andere berührt sie nicht; nimmt man ihnen aber dieses Wenige, so sind sie verloren. Und doch sind sie in Wahrheit weit weniger bedingt, als die scheinbar so unabhängigen Großen! Auf diese wirkt die ganze Natur; ein Jedes in ihr findet in ihnen ihr Echo, hinterläßt unverwischbare, oft schmerzhafte Spuren, ermöglicht und beschränkt ihr Leben. Und darum wissen sie von ihr zu reden.

Ein jeder vermag nur das innerlich zu erfahren, was ihn leidenschaftlich interessiert. So kann niemand gewissere Erkenntnis auf einem Spezialgebiete zutage fördern, als der überzeugte, allem anderen unzugängliche Spezialist — auch das größte Genie nicht. Dagegen sind die allgemeinen Anschauungen solcher Mikroskopiker, und seien sie noch so scharfsinnig, ganz gleichgültig, weil sie gar keine lebendige Beziehung zu ihrem Objekte ausdrücken, mithin zufällig sind. Beim Weltweisen, dem umfassendsten Geiste, liegen die Verhältnisse gerade umgekehrt. Im Einzelnen mag er sich häufig irren — er kann ihm nie sein ganzes Interesse zuwenden, dazu überschaut er es nicht genügend; im Größten und Letzten irrt er sich nicht. Denn das All der Natur ist es, das in erster Linie auf ihn einwirkt, das Einzelne erfaßt er mehr durch Abstraktion als durch unmittelbares Erleben. Seine Eindrucksfähigkeit ist so überschwänglich, daß er Zusammenhänge intuitiv erfaßt, welche zu rekonstruieren schlechterdings unmöglich wäre; denn alles Naturgeschehen ist zusammenhängend, und es gibt nichts Einzelnes, außer in Beziehung auf das Ganze. Dem Wechsel der Eindrücke hält er eine stets jungfräuliche Empfänglichkeit entgegen; sein Gehirn ist so plastisch, wie dasjenige des Kindes — es ist niemals erwachsen, niemals erstarrt, niemals endgültig geformt. Das Tier tritt vollentwickelt oder fast erwachsen in die Welt, der Mensch erwächst nach kurzer Frist, nur der höchste Mensch bleibt ewig Kind. Und darum ist er es allein, der die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht zu schauen vermag: der tierische Instinkt reagiert unfehlbar auf bestimmte Eindrücke, doch er versagt dem Ungewohnten gegenüber; auch der bornierteste Mensch ist gewissen Situationen besser als jeder andere gewachsen, aber ihre Zahl ist beschränkt. Seine Triebe sind auskristallisiert, sein Geist ist ein für alle Male auf ein Gerüst gespannt. Und darum können nur die Eindrücke unverfälscht aufgenommen werden, welche sich diesem von selbst einfügen; die anderen werden entweder total reflektiert, wie man in der Optik sagt, oder aber sie schlagen eine durch unbeugsame Prädisposition — Dogmen, Voraussetzungen, Vorurteile, Begriffe, Prinzipien — unveränderlich festgelegte Richtung ein und weichen folglich vom geraden Wege ab. Und auch die Zahl dieser Richtungen ist eine engbegrenzte; die Einwirkungen der Außenwelt sind aber unbegrenzt und in stetem Wechsel begriffen. Nur der Mensch, dessen Gehirn so plastisch wäre, wie die Zahl möglicher Natureinflüsse groß, dessen Geist so lebendig wäre, wie das Weltall weit, dessen Voraussetzungen niemals zu Tatsachen erstarrten, sondern stets Potenzen blieben, nur der vermöchte die Einheit des Alls im Spiegel zu erschauen. Die Einheit des Alls tritt in wechselreicher Vielheit in die Erscheinung; es gibt ein intelligibles Sein nur, sofern das Erscheinende wird. Der Mensch aber, der die gesamte, grenzenlose Mannigfaltigkeit zu erleben vermöchte, der sie als solche empfände und in Treue bewahrte, ohne durch ein System die Natur zu vergewaltigen — dem würde, wie von selbst, die gesetzliche Einheit, die allgemein menschliche Wahrheit aufleuchten. Denn dies ist ja nichts anderes als die zweckmäßigste, die letztmögliche Beziehung zwischen Weltall und Menschengeist, und der Geist, dessen Ich die Menschheit umspannte, der nach außen zu aber vom gesamten Weltall bedingt wäre, der vermöchte nicht zu leben, ohne die Wahrheit zu wissen.

Aber dieser Mensch war noch nie; er ist ein Ideal. Wie umfassend unsere Größten immer sein mochten — sie waren doch nicht unendlich, und unendlich müßte der sein, der sich dem Weltall wahlverwandt nennen dürfte. Und wenn ich trotzdem jenen Höchsten beschrieb, als den, der da kommen wird, den Inbegriff der Wahrheit, den Spiegel des Unendlichen — so war es, um an lebendigem Beispiel darzutun, was unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht, unser Ideal sein muß: kein toter Begriff wird je die Natur erschöpfen, kein abstraktes System die Welt für alle erklären, und keine abschließende Wahrheit die Menschheit zu Grabe geleiten. Kein Abstraktum, sondern das Allerlebendigste, Konkreteste soll uns zum Leitstern dienen: denn nur durch das Leben offenbart sich uns das Weltall, nur für das Leben gibt es eine Wahrheit, und auch die Gottheit kann nur im Menschen Gestalt gewinnen — das Unendliche in den Grenzen der Persönlichkeit. Wie die Schwerkraft die fernsten Welten verknüpft und das Endlose zusammenhält, so wird der Geist jenes höchsten Menschen in gewaltigem Bogen die Gesamtheit des Kosmos umspannen. Die Schwerkraft fesselt sein leibliches Dasein an einen finsteren Planeten, aber in Gedanken durchmißt er die Räume und die Zeiten und umschlingt in menschlichstem Entzücken die große, herrliche Natur. In ihm wird ein Gesetz erfüllt werden, das die gesamte Natur beherrscht und dem sich bloß das menschliche Verstehen nur allzulange zu entziehen wußte: die Gegenwirkung ist der Wirkung gleich. Das All der Welt wirkt auf den Menschen ein; aber dasselbe All strahlt nun sein Geist zurück, durch Verständnis seine Bedingtheit, seinen Zusammenhang mit dem Ganzen offenbarend. In jenem höchsten Menschen wird das prophetische Wort Leonardo da Vincis zum Leben erwachen:

Der Leib ist dem Himmel unterworfen,
und der Himmel ist dem Geiste unterworfen.
Hermann Keyserling
Das Gefüge der Welt · 1906
Versuch einer kritischen Philosophie
© 1998- Schule des Rades
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