Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Gefüge der Welt

II. Kontinuität und Diskontinuität

Zeit und Augenblick

Bevor ich diese erkenntnistheoretischen Betrachtungen abschließe und an die Folgerungen in bezug auf unser Hauptthema gehe, möchte ich denselben Dualismus, welchem wir bis hierher begegnet, noch in einem anderen Zusammenhange aufdecken, in der Erwartung, hierdurch zu Ergebnissen zu gelangen, welche bei unseren weiteren Studien von Nutzen sein können: derselbe Dualismus kommt nämlich auch in dem Verhältnis von Zeit und Augenblick zum Ausdruck.

Die Zeit läßt sich als eine Summe von Augenblicken betrachten, ebenso wie die Linie als eine Summe von Punkten; das ist die notwendige Betrachtungsart bei jeder analytischen Fragestellung, der psychologischen z. B. Der mathematische Punkt ist nun ein wesenloses Schema, die Grenze zwischen Räumen, kein Raum selbst, da er keine Ausdehnung besitzt, gleichsam ein Abstraktum aus dem Raume. Vom Augenblicke läßt sich einerseits dasselbe aussagen: er ist die Grenze zweier Zeiten, keine Zeit selbst, da er keine Dauer hat; er ist ein Abstraktum aus der Zeit1. Andrerseits ist aber der Augenblick der Ausgangspunkt aller zeitlichen Betrachtung, also ein Anfang — ebenso wie der Punkt für die Geometrie nicht ein Element, sondern den Anfang einer Linie bedeutet. Soweit erfahren wir nichts Neues; wir erkennen dasselbe, was uns die Gegenüberstellung von Geometrie und Arithmetik bereits gelehrt hatte. Nun aber kommt folgendes hinzu: Zeit und Augenblick sind nicht bloß Abstrakta aus der Erfahrung oder Bedingung derselben — je nach dem Gesichtspunkte — sie enthalten auch Erfahrung. Die Zeit ist nicht nur Erkenntnisform oder Begriff, sie ist zugleich Erlebnis; infolgedessen können wir uns in diesem Falle auf weitere Einblicke gefaßt machen, welche wir beim Studium der Abstrakta unmöglich gewinnen konnten. Sehen wir uns diesen Zusammenhang etwas näher an!

Die Vorstellungen folgen sich in der Zeit, von Augenblick zu Augenblick; diese Folge macht das Denken aus, dessen Wesen darin besteht, daß es die in der Zeit verlaufenden Vorstellungen zueinander in Beziehung setzt. Das Denken operiert somit in und mit der Zeit. Wie steht es aber mit dem Augenblicke? — Für das Denken bedeutet der Augenblick offenbar nichts anderes als der Punkt in der Linie bei analytischer Fragestellung — im einzelnen Augenblicke vermögen wir nicht zu denken, da Denken das Beziehen verschiedener Vorstellungen aufeinander bedeutet, und ein solches Beziehen nur sukzessive von Augenblick zu Augenblick, nicht simultan im einzelnen Momente stattfinden kann. Für das Denken kommt nur die Zeit in Betracht. Andrerseits ist aber der Augenblick und nicht die Zeit die Basis der Anschauung. Für diese kommt ausschließlich die Gegenwart in Frage; denn die Anschauung des Vergangenen ist nur im Spiegel der Gegenwart möglich, und eine Anschauung verschiedener Augenblicke im Verhältnis zueinander gibt es nicht; eine solche ist völlig unvorstellbar. Erinnern wir uns jetzt unserer Erkenntnis, daß nur die Anschauung das Sein, das Unendliche, das Kontinuum uns erschließen kann, während das Denken es bloß mit dem Werden, dem Endlichen, dem Diskreten zu tun hat, so können wir nun folgern: der Augenblick eröffnet uns die Unendlichkeit des Universums, den Zusammenhang der Erscheinungen, die synthetische Einheit des Mannigfaltigen, während uns die zeitliche Betrachtung nur auf Grenzen, Unterschiede, Wandlungen und analytische Einheiten führen kann; während also das Denken, in der Zeit verlaufend, immer nur verschiedene Augenblicke in Beziehung zu setzen vermag, wodurch der stetige Verlauf der Vorstellungen notwendig in diskrete Teile zerlegt wird, erschließt uns ein einziger Augenblick der Anschauung die Allheit, den Zusammenhang, die Unendlichkeit. Das ist — nebenbei bemerkt — der Grund, warum man von Weltanschauung redet, warum die religiösen Genies die Gottheit, die Ewigkeit stets geschaut und nie begriffen haben; darum heißt es auch in dem schönen Verse der Upanishad2:

Der Schauende schaut nicht den Tod,
Nicht Krankheit und nicht Ungemach,
Das All nur schaut der Schauende,
Das All durchdringt er allerwärts.

Die Anschauung, die Intuition — im eigentlichen wie im übertragenen Sinne — ist es in der Tat, die uns die Allheit, die Unendlichkeit, den Zusammenhang eröffnet, nie das diskursive Denken, das sich beim Einzelnen, Endlichen und Diskreten bescheiden muß. Aber das ist es nicht, worauf wir hinauswollen — wir wissen es ja bereits; unsere Entdeckung, daß Zeit und Augenblick sich ebenso zueinander verhalten wie Denken und Schauen und folglich auch wie Diskontinuität und Kontinuität — denn daß die Zeit nur die abstrahierte Basis des Denkens, der Augenblick bloß die Grundlage der Anschauung ist, was die Perspektive ein wenig verschiebt, ändert nichts an ihrem gegenseitigen Verhältnisse — diese Entdeckung, sage ich, weist uns den Weg zu einem weiteren Zusammenhang, zu einem solchen, den wir aus der Mathematik nicht erschließen konnten: der Augenblick, der letzte Quotient der Analyse der Zeit, aus analytischem Gesichtswinkel eine Grenze, ein Abstraktum — er enthält in sich zugleich die größte Synthese, deren der Mensch fähig ist, das unendliche, abgeschlossene Kontinuum, welches die zeitliche Betrachtung nie zu fassen vermag. Und da es, wenn wir die Zeit als Dauer, d. h. als Erlebnis betrachten, unmöglich ist, zwischen Form und Inhalt zu scheiden — dieses gelingt nur durch Abstraktion, eine solche ist aber beim Erlebnis nicht durchführbar, weil sein Wesen gerade in der Sukzession unterscheidbarer und folglich qualitativ verschiedener Augenblicke besteht, wie sollten wir diese aber unterscheiden, wenn wir den Inhalt von der Form loslösten? Damit würde die Zeit als Dauer überhaupt vernichtet; denn die Dauer drückt, wie ungewohnt dies auch klingen mag, ebensosehr eine Qualität als eine Quantität aus — so können wir unsere Erkenntnis getrost zu folgendem kühnen Satze verdichten: das letzte Produkt der Analyse ist die höchstmögliche Synthese. Die Grenze des analytischen Diskontinuums, der arithmetische Punkt, bedeutet die Stetigkeit selbst, so daß sich das Atom jenes als das Kontinuum herausstellt!

Der Mathematiker kennt diese Paradoxe wohl — ich wollte sie nicht früher anführen, weil sie den Nicht-Mathematikern unter meinen Lesern bis hierher zu unwahrscheinlich vorgekommen wären. Daß der Punkt die Projektion des Unendlichen bedeuten kann, das sahen wir schon; hören wir nun weiter, was dem Unendlichen für Eigenschaften zukommen: eine unendlich große Ebene wird von einer Geraden umhüllt, der Raum in seiner Gesamtheit gar von einer Ebene; ein unendlicher Kreis aber hat einen Punkt zur Peripherie3! Es klingt normalen Ohren unsinnig; die untadelhafteste Logik — und durch diese allein sind jene ungeheuerlichen Theoreme zustande gekommen — die erschöpfendste Beweisführung vermag daran nichts zu ändern. Und doch, sagen diese schreienden Paradoxe nicht genau das Gleiche, was so viele große Geister von jeher wiederholt — daß nämlich der Augenblick die Ewigkeit enthalte, jeder Pulsschlag des Lebens die Gottheit spiegele? Wenn der indische Weise4 erkennt: Ich allein bin dieses Weltall, wenn derselbe den Schüler eine Frucht vom Baume pflücken, sie ins Unendliche zerteilen heißt und ihn dann, wo er die Teile wegen ihrer Kleinheit nicht mehr erkennen kann, mit folgenden Worten5 in Staunen setzt:

Glaube, o Teurer, was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!;

wenn der Inder die Identität von Brahman und Atman lehrt, der Mystiker Gott in seinem kleinen Ich erschaut und das Liebespaar im Augenblick des höchsten Glückes die Ewigkeit zu erschöpfen wähnt, in einem Kuß die Bestimmung des Weltalls zu erfüllen glaubt — sagen alle diese Ausdrücke erhabenster Poesie und tiefsten Empfindens nicht das Gleiche, was die trockene Prosa der Mathematik in dem Satze kundgibt:

Ein Kreis von unendlichem Durchmesser ist in einem Punkte enthalten?

Die Zeit kann nie zur Ewigkeit werden, aber der Augenblick ist sie! Die Grenze der Analyse ist die größte Synthese, der Augenblick die Ewigkeit, der Punkt das Kontinuum! Freilich, diese Gleichungen sind hoffnungslos paradox, dem schärfsten Denken absolut unverständlich. Aber doch führen die verschiedensten und dabei die allertiefsinnigsten Betrachtungsarten — die mathematische, die mystische und diejenige, welche das Leben in der Idee, nicht durch Begriffe, zu fassen strebt, wo Form und Inhalt nicht getrennt werden — übereinstimmend und unweigerlich diesem Ziele zu. Es handelt sich offenbar um Zusammenhänge, deren Notwendigkeit gleichsam diesseits des Denkens fußt —

was durch das Denken undenkbar, wodurch das Denken wird gedacht —

vielleicht in der Korrelation, jenem Grundgesetze des Lebens, wonach jedes Plus durch ein äquivalentes Minus kompensiert wird: danach müssen sich die Extreme zuletzt berühren, und im letzten Grunde bedeuten ja die Gleichungen Augenblick = Ewigkeit usw. nichts anderes. Leugnen können wir sie jedenfalls nicht, wir müssen sie hinnehmen und die Wahrheit zu fühlen suchen, wo wir sie nicht verstehen können … Aber vielleicht können wir aus dem Unbegreiflichen dennoch verständliche Folgerungen ziehen — in bezug auf unser Hauptthema? Wie gestaltet sich die Antinomie Kontinuität-Diskontinuität jetzt, unter der Beleuchtung unserer jüngsten Erkenntnisse? — Folgender unbegreifliche Satz dürfte die logische Folgerung aus dem zuletzt Erfahrenen sein: das Kontinuum besteht aus diskreten Teilen, von denen jeder das ganze Kontinuum enthält. Dieses Theorem ist natürlich widersinnig und in so allgemeiner, abstrakter Fassung sogar sicher falsch; und dennoch verkleidet es nur die Wahrheit, fälscht sie nicht: es scheint zu behaupten, daß Kontinuum und Diskontinuum auf irgendeine, dem Denken transzendente Weise identisch sein müssen; in Wirklichkeit aber sagt es nur aus, daß wir von einem zum anderen einen ständigen Kreislauf vollführen, daß wir, an das Ende des einen gelangt, notwendig zum anderen gelangen müssen, wie schroff beide Extreme sich auch widersprechen mögen. In der Tat: in der Mathematik wird das eine, was das andere ist, in einer Richtung fallen also Diskontinuum und Kontinuum zusammen; die Betrachtung unseres Erlebens zeigt uns, daß das Atom der Analyse, ihre Grenze, zugleich das ganze Kontinuum enthält — so daß also auch die sozusagen rückläufige Bewegung uns demselben Resultate zuführt; der Kreis ist geschlossen. Und so entpuppen sich denn Kontinuität und Diskontinuität, samt allen übrigen Antinomien, deren Spiegelung diese bedeutet, als Pole der Erkenntnis, um welche sie sich unaufhaltsam dreht, ohne je von einem Pole anderswohin als zu dem entgegengesetzten gelangen zu können. An sich scheinen sie vertauschbar, vor Gott mögen sie zusammenfallen — der Mensch muß immer mit beiden zugleich rechnen.

So sind wir denn an das Ende unserer erkenntniskritischen Betrachtungen gelangt; das Ergebnis klingt zwar paradox; — aber es hält schwer, mit den Grenzen des Verstehens zu operieren und zugleich selbst zu verstehen. Ein klareres Resultat ist unter den gegebenen Verhältnissen nicht erreichbar, ich muß mich kurz fassen und viel Nachdenken dem Leser überlassen. Nur einmal will ich die gewonnenen Resultate noch rekapitulieren, ehe ich den großen Schritt von den Denkformen zu denjenigen des Universums wage.

Die Antinomie Kontinuität-Diskontinuität löst sich in rein formaler Beziehung insofern, als das Kontinuum zugleich ein Diskontinuum ist und beide sich nur durch den Standpunkt, welchen wir dem gleichen Objekte gegenüber einnehmen, unterscheiden. Die Anschauung allein, nicht das Denken kennt das erstere, und obwohl beider Gesetze identisch sind, eine formale Überführung gestatten, so schließen doch die Inhalte einander aus. Ein Erschautes kann nie Begriff werden, ein Gedachtes keine Anschauung. Dennoch ist der formale Zusammenhang der denkbar innigste; schon im ersten Kapitel meinten wir, daß die Denkformen nichts Isoliertes, sondern nur einen möglichen Ausdruck der Gesetze des Lebens bedeuteten; jetzt gewannen wir einen Beweis für diese Wahrheit, indem daß die Antinomie des Denkens sich in die Grundantinomie des Lebens — Sein und Werden — überführen ließ; diese aber erwies sich als das fundamentale Hindernis jeder weiteren Vereinheitlichung, da die Einheit von Sein und Werden nur erlebt, nicht begriffen werden kann. Innerhalb des Erlebens aber zeigt uns das Verhältnis von Zeit und Augenblick, daß jeder Versuch der Vereinheitlichung zu einem Kreislauf wird, welcher uns schwindelig macht, ohne uns nur im Geringsten zu fördern: Kontinuität und Diskontinuität sind gleichsam die Brennpunkte der Ellipse unserer Erkenntnis, von denen der eine den anderen spiegelt, die beide dem gleichen, einheitlichen gesetzlichen Zusammenhange angehören und doch niemals zur Deckung gebracht werden können.

1Kant berührt diesen Zusammenhang an mehreren Stellen, z. B. in der Kritik der reinen Vernunft p. 147 (Rosenkrantzsche Ausgabe). Eine höchst interessante Studie über denselben Gegenstand enthält eine posthume Schrift des Grafen Alexander Keyserling, meines Großvaters, betitelt Einige Worte über Raum und Zeit, Stuttgart, Cotta 1894, auf welche ich hier noch besonders hinweisen möchte.
2Maitrâyana-Upanishad 7, 11 (Deussens Übersetzung, Leipzig 1897, p. 369.)
3Cf. Couturat 297 ff., auch Bernard Bolzano Paradoxien des Unendlichen. — All diese Paradoxe beruhen zum Teil darauf, daß es sich um Größen ohne Form handelt, was an sich schon eine paradoxe Vorstellung bedeutet.
4Brihadâranyaka-Upanishad 4, 3, 20
5Chândogya-Upanishad 6, 12, 3.
Hermann Keyserling
Das Gefüge der Welt · 1906
Versuch einer kritischen Philosophie
© 1998- Schule des Rades
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