Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Vorbemerkung des Keyserling-Archivs

Natur und Geist

Die Kritik des Denkens ist der fertige Teil eines geplanten größeren Werkes, das als Kritik des Menschen außerdem noch eine Kritik der Geschichte und eine Kritik der Sehnsucht umfassen sollte. Auch insofern ist die Kritik des Denkens unvollständig, als das im ursprünglichen Plan vorgesehene vierte Kapitel Das Ideal der Künstlichkeit vom Verfasser in das Buch vom Ursprung1 übernommen wurde. Es fehlt deshalb die Brücke zwischen den ersten drei Kapiteln, die eine Neubearbeitung der Prolegomena zur Naturphilosophie2 sind und dem jetzigen vierten, das neu entworfen wurde und zusammen mit dem Epilog von den Voraussetzungen einer späteren Entwicklungsstufe des Philosophen her entstand. Um diese Kluft zu überbrücken ist der als Anmerkung zum dritten Kapitel vorgesehene Aufsatz Von der kosmischen Bedingtheit des Menschen, der z. T. 1936 geschrieben wurde und 1939 im Weg zur Vollendung3 erschien, zwischen dem dritten und vierten Kapitel abgedruckt, da er wegen seiner Länge auch den Zusammenhang des dritten Kapitels sprengen würde.

Der Plan des Verfassers, die Prolegomena zur Naturphilosophie umzuarbeiten, stammt bereits aus dem Jahre 1920. Damals wählte er den Titel Natur und Geist mit der beigefügten Erklärung: Der Prolegomena zur Naturphilosophie zweite, umgestaltete und erweiterte Auflage mit einem Anhang. Die vorliegende Fassung der Kritik des Denkens stammt aus den Jahren 1937/38 und enthält, wie gesagt, außer umgearbeiteten Teilen der Prolegomena zur Naturphilosophie wesentlich neue Gedanken. Die ursprünglich naturphilosophische Fragestellung ist nur mehr Ausgangspunkt für eine Bestimmung der möglichen Rolle des Denkens im menschlichen Leben, weshalb auch der Titel der ersten Neubearbeitung Natur und Geist verworfen wurde. Der damals genannte Anhang hat im Laufe der Jahre auch derartig an Umfang zugenommen, daß er nicht mehr in den Rahmen dieses Buches paßt und deshalb gesondert herausgegeben wird.

Die Vorrede des Verfassers für die gesamte Kritik des Menschen ist dagegen hier abgedruckt. So kann sich der Leser ein ungefähres Bild davon machen, was mit den beiden ungeschriebenen Teilen geplant war: eine Kritik der Weltanschauungsbildung durch Analyse des Sinns geschichtlicher Zusammenhänge und eine Kritik menschlicher Sehnsucht von der Voraussetzung der im Geiste vorgebildeten Möglichkeiten höchsten Menschentums her. Tatsächlich befaßt sich nun das gesamte übrige Werk Graf Hermann Keyserlings mit Problemen dieses Gesichtskreises, so daß die Kritik des Denkens in ihrer jetzigen Form die vielleicht klarste Einführung in die Grundfragestellungen der Keyserlingschen Sinnesphilosophie darstellt. Dieses kritische Werk wird deshalb vor der Neuauflage der bekannten Bücher des Philosophen herausgegeben, um dem Leser die Philosophie der Sinneserfassung, deren Zusammenhang in erster Linie durch intuitive Schau gewährleistet wird, auch von rein denkerischen Voraussetzungen her zugänglich zu machen.

Innsbruck-Mühlau, im Frühjahr 1948Die Herausgeber
1Hans Bühler jr. Verlag, Bader-Baden, 1947, als einmalige Sonderausgabe im Auftrage der Internationalen Keyserling-Gesellschaft mit Genehmigung des Eugen Diederichs Verlages, Jena. Roland-Verlag, Bühl/Baden, 1948.
2J. F. Lehmann’s Verlag, München 1910.
33 Jahrbuch der Gesellschaft für Freie Philosophie, Darmstadt.
Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
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