Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Das Begreifen im Zusammenhang des Weltgeschehens

Von der kosmischen Bedingtheit des Menschen

Ihn Heft 19 des Weg zur Vollendung schrieb ich über Edgar Dacqués Erdzeitalter das folgende:

Es ist eines der gediegensten populärwissenschaftlichen Werke, die ich je gelesen. Und es ist vor allem Dacqués weitaus bestes Buch. Am anregendsten ist ja gewiß sein bekanntestes Werk Urwelt, Sage und Menschheit. Vieles Unwahrscheinliche, das es enthält, wird sich gewiß als richtig erahnt erweisen. Aber eben weil es ein Buch der Ahnung ist, könnte es nur gut sein, sofern ein wesentlich Ahnender es geschrieben hätte, d. h. ein Mensch, dem das nicht ganz Bestimmte, schwer Bestimmbare natürlicher Wirkungskreis ist. Dies galt von den größten Sehern und Dichtern. Von Dacqué gilt es nicht. Dies beweisen seine späteren rein naturphilosophischen Schriften Natur und Seele und Leben als Symbol nur zu sehr; das sind, geologisch gesprochen, durchaus Produkte mißglückter Anpassung. Hier ist Dacqué nur ein deutscher Romantiker unter anderen, d. h. ein Mensch, der mit der Sehnsucht nach einer Sache diese schon zu haben wähnt; es fehlt die wahre innere Entsprechung zwischen Wollen und Gegenstand; so muß Konstruktion, Vorurteil und Vergangenheitskult das Wirklichkeitserlebnis ersetzen. Die ganze deutsche Seelen-Wiedererweckungs-Literatur aus dem Geist der Sehnsucht heraus, zu deren Vertretern Dacqué in den beiden letztgenannten Schriften mit gehört, wird an dem Tag endgültig im Papierkorb der Geschichte liegenbleiben, wo das gemeinte Problem aus unmittelbarem Wirklichkeitsbewußtsein heraus erfaßt wird.
Urwelt, Sage und Menschheit gehört zum Teil auch in diese Kategorie hinein. Doch sein Wesentlichstes ist die Deutung von wissenschaftlich Erschlossenem; dazu ist Dacqué berufen; deswegen besteht hier innere Entsprechung zwischen Autor und Gegenstand und die Anregung wird so oder anders positiv fortwirken. Aber der echte, der eigentliche Dacqué ist doch erst der der Erdzeitalter. Dieses Buch ist hervorragend von Anfang bis zum Schluß. Denn hier erst spricht Dacqué aus seinem realen Erlebenszentrum heraus. Deshalb gewinnen seine naturphilosophischen Theorien hier einen ganz anderen, weit positiveren Aspekt: sie erscheinen richtig eingestellt im Zusammenhang von Dacqués psychischem Organismus, so daß das wenige in diesem Buch darüber Gesagte bedeutender wirkt als alle Ausführung in anderen Werken. Wenn es doch gelänge, das Vorurteil zugunsten des Ausgeführten zu töten! Gut ist immer das, und das allein, was unmittelbar-reales Erleben ausdrückt. Aber solches kann immer nur engen Raum und kurze Zeit betreffen; nur ganz selten ist deshalb Abrundung nicht künstliche Konstruktion. Letztlich gibt es nur eine nicht künstliche Abrundung: das ist die des Gedichts. Aber dieses will auch nie mehr als Augenblickliches fassen, ohne Hintergedanken noch Vorurteil.

Seither ist Dacqué gleichzeitig in den zwei Richtungen, welche das obige Zitat andeutend bestimmt, sehr viel weiter gegangen, und zwar in seinem letzten Werk Das verlorene Paradies (München 1938, R. Oldenbourg Verlag). Das ist ein so erstaunliches und zugleich so symptomatisches Buch, daß es eine Betrachtung an erster Stelle der diesjährigen Bücherschau wohl verdient. Denn hier hat Dacqué seinen eigenen Ort mittels der zwei oben Richtungen gehießenen Koordinaten so genau bestimmt, daß durch dasselbe hindurch ganz große und jedermann angehende Zusammenhänge sichtbar werden. Denn heute vertritt Dacqué eine ganze Schicht.

Jeder Wissenschaftler ist insofern Scholastiker, als er gegebene Voraussetzungen und deren geglaubten Zusammenhang einfach hinnimmt und dann darüber systematisierend und Lücken logisch ausfüllend reflektiert. Daß die Voraussetzungen und Zusammenhänge im Falle der Naturwissenschaften äußere Gegebenheiten sind, im Falle des scholastischen Denkens hingegen Setzungen des Intellekts, bedingt keinen methodischen Unterschied, denn auch der Scholastik bedeuten die Voraussetzungen und Zusammenhänge in ihrem Da- und Sosein Gegebenheiten. Insofern ist gegen die ganze scholastische Methode sogar grundsätzlich nichts zu sagen: sind die jeweiligen Gegebenheiten, mit denen operiert wird, Wirklichkeiten oder Wirklichkeitsgemäß gedacht, dann halten auch die deren Begreifen dienenden logischen Zusammenhänge stich. Der reine Naturforscher als Scholastiker schneidet hier vor der Kritik am besten ab, so oft auch er liebgewordene Voraussetzungen preisgeben muß, am schlechtesten der reine Denker: denn seine Begriffe sind niemals transiente Wirklichkeiten, noch läßt sich aus ihnen Reales (im Sinne der ratio essendi, nicht ratio cognoscendi) folgern. Zwischen den beiden steht der rekonstruierende Historiker und andererseits wiederum steht er über beiden: zwischen, insofern historische Geschehnisse als unwiederholbar nie gleich sicher festzustellen sind wie Naturgesetze, und insofern es allemal viele Zusammenhänge gibt, als deren Teile sie begriffen werden können, welch letztere Erwägung jede einzig mögliche Deutung als illusorisch erweist; über, insofern er vom Geist als Dichter ausgehend wesentlich Wahres auch dort aussagen mag, wo er sich in der Tatsache und der Deutung irrt. Dacqué nun gehört in die besondere psychologische Rubrik des mittelalterlichen Theologen, welcher etwas von allen diesen Geistestypen in sich hat. Jedem mittelalterlichen Theologen waren die übernatürliche Heilsordnung, die Überlieferung in Schrift, Legende und Mythos und endlich die Entscheidungen der geistlichen Autoritäten so gewisse Gegebenheiten, wie dem Naturforscher die Ergebnisse seines Experimentierens; darüber hinaus aber konstruierten alle als reine Denker und fabulierten als Dichter, wenn auch nur in dem bescheidenen Grad, in dem ein mittelalterlicher Maler eine der sakralen Überlieferung treue Wiedergabe einer heiligen Szene seiner Seele gemäß variierte. Genau in diesem Sinn schaut Dacqué in seinem letzten Buche Geologie, Zoologie, Anthropologie, Psychologie, Mythenkunde und religiöse Überlieferung auf einer Ebene zusammen.

Dies ergibt denn ein erstaunliches Gesamtbild. Im großen ganzen geurteilt, nimmt Dacqué jede Überlieferung gleich ernst, und zwar im Sinne barer Münze: handele es sich um geologische Aufschlüsse, Ergebnisse zoologischen Experimentierens und exakt vergleichender Kultur- und Völkerkunde, um Hypothesen der modernen Tiefenpsychologie, Mythen, Sagen, Legenden und Märchen, endlich die in unserem Kulturkreis anerkannte Tradition religiöser Offenbarung. Hier erscheint denn eben die Einstellung, die beim Naturforscher Ehrfurcht vor den Tatsachen bedingt, als allgemeine Leichtgläubigkeit, die nur Verstandeskritik auf der Ebene der als solcher nicht bezweifelten Phänomene — gleichwie bei scholastischer Theologie auf der Ebene der von ihr anerkannten Gegebenheiten — zügelt und berichtigt. Nun hat die Tatsache, daß Dacqué viel Verschiedeneres auf einer Ebene zusammenschaut als je ein Theologe zu tun wagte, zur Folge, daß seine Arbeit scholastischer wirkt als alles, was ich jemals las. In der Tat: die verschiedenen Erscheinungskomplexe, die Dacqué behandelt, gehören grundverschiedenen Existenzebenen an. Ihre Existenz überhaupt oder ihr bestimmtes Sosein ist wahrscheinlich oder glaubwürdig in sehr verschiedenem Grad: konstruiert Dacqué aus solchen Bausteinen ein einheitlich zusammenhängendes Ganzes, so kann es nicht umhin, eben Konstruktion zu sein, ein Machwerk des Intellekts, viel mehr so, als jedes theologische System, welches Himmel, Erde und Hölle in ihren notwendigen Zusammenhängen lehrhaft schildert. Dieses viel mehr so gilt nun vollends im Sinn eines Schlechter-Seins, weil Dacqué die innere Vollmacht zur Offenbarung nichtnaturwissenschaftlicher Einsichten augenscheinlich fehlt. Dies tritt in Art, Gehalt und Stil seines letzten Buchs noch mehr zutage, wie in seinen früheren, über die ich 1931 schrieb. Hier ist zumal das, was Dacqué über die Bedeutung des Christus-Impulses sagt, geradezu blasphemisch-schauerlich. Offenbar hat er keinerlei persönliche Erfahrung von Metaphysisch-Wirklichem; so kann er das Wahre der christlichen Offenbarung im Zusammenhang mit anderer, wie sie in Indien, China, Japan und Tibet noch heute gleichsinnig vorkommt, überhaupt nicht fassen. Hier hält er sich einfach an die christlich-jüdische Überlieferung, als übermittele sie eben so sichere Erfahrung wie ein geologischer Aufschluß, und dekretiert von seinen konstruierten Voraussetzungen her, nach denen es aus geologischen Gründen jene Erfahrungen heute nicht mehr geben könne, daß der Christus-Impuls die Welt real verwandelt hätte usw. Und Dacqués Schluß-Vision, die sich mehr oder weniger an die Apokalypse hält, wirkt dermaßen unecht, daß mich bei dieser Lektüre Ekel packte.

Nichtsdestoweniger: Dacqués Buch enthält auch Gutes, und zwar so viel dessen, daß ich lange Seiten desselben mehrere Male gelesen habe. Dieses Gute findet sich in allen den Betrachtungen, die sich nicht allzuweit von möglicher Naturwissenschaft entfernen. Und hierzu gehört das ganze reiche Gebiet dessen, was Dacqué (hier eine ganz andere Nomenklatur benutzend, als ich es tue) magisch heißt. Zwar ist sein Glaube, daß alle Magie das wirklich ist und vorstellt, was sie vorstellen soll, arg unkritisch und seine eigenen Deutungen sind oft recht willkürhaft. Aber Dacqué ist ein so guter Naturforscher, daß er über die Innenseite der Natur, die sich völlig unzweideutig in der lebendigen Schöpfung äußert, auch wo er falsch oder vorschnell urteilen mag, sehr Beachtenswertes sagt.

So ordnet er das Urphänomen der organischen Korrelation einem weiteren Zusammenhang gleicher Ordnung ein, dessen Dasein mir wahrscheinlich scheint und dessen bloße Möglichkeit neue, sehr weite Ausblicke eröffnet. Dacqué führt nämlich die Korrelation als Sonderfall auf jene Entsprechung oder Korrespondenz zurück, deren Begriff die Renaissance erschuf und der auch mir immer produktiver erscheint. Hier möchte ich nicht zuviel sagen, der Interessierte lese unbedingt die ganze Betrachtungsreihe auf die ich hiermit hinweise ja mehr noch: er meditiere sie. Denn Dacqué zeigt hier tatsächlich sehr große Möglichkeiten auf. Von seinen Voraussetzungen her hätte z. B. die organische Korrelation einerseits mit der der Ordnung, welche die Astrologie voraussetzt und deren Bestehen sie in hohem Grade nachweist, andererseits mit der seither rein mechanisch gedeuteten der Gestirneordnung durch den Kitt der so problematischen Gravitation einen gleichen Grundsinn. Ja von hier aus erscheint noch ein Problem in neuem Licht, welches Dacqué in seinen Untersuchungen gar nicht einbezogen hat: das von Schicksal und Zufall, wie es Wilhelm von Scholz in seinem so anregenden Buche Das Schicksal und der Zufall aufgerollt hat. Nach Scholz äußert sich das Zusammenspiel von Notwendigkeit und Zufall im Menschenleben so, als werde der Mensch geträumt, als stelle ein transzendenter Träumer das innere Schicksal des Menschen und die ihm innerlich und äußerlich zugehörige Welt, einschließlich der reinen Zufälle die ihn betreffen, auf einmal heraus. Meine Auffassung dieses Zusammenhangs enthält die Vorrede Anticipation et Réalisation der neuen französischen Ausgabe von Menschen als Sinnbilder (Figures symboliques, Paris 1939, Librairie Stock) die unter anderem auch meine Autobiographie bis zum Jahre 1939 fortführt; unsere Bibliothek besitzt das Buch, so brauche ich hier nicht mehr darüber zu sagen. — Was nun das Positive von Dacqués Anschauungen auf geistig kulturellem Gebiet betrifft, so sei vor allem auf das Folgende hingewiesen. Ihm und dem hier angezeigten Buche verdanken wir die erste ernstzunehmende Phänomenologie des Heidentums als einer Seelenverfassung, die es nur mit der Naturseele und gar nicht dem metaphysischen Geist zu tun hat. Hier tut es nichts, wenn vieles, ja wenn das Meiste dessen, was Dacqué als tatsächlich existierend behauptet, nicht wirklich so existiert: grundsätzlich hat er recht.

Anschließend an unsere Betrachtungen über Dacqué seien noch einige weitere Anregungen hinsichtlich der kosmischen, nicht nur tellurischen Bedingtheit des Menschen gebracht. Zunächst drucke ich einen Aufsatz ab, den ich 1936 für eine norddeutsche Zeitung schrieb, welchen diese dann aber nicht aufnahm.

Vor den Siegeszügen der modernen analytischen Wissenschaft war allen tieferen Menschen aller Völker klar, was in der Westwelt erst jüngst wieder eingesehen zu werden beginnt: daß der Mensch als Naturwesen nicht allein durch die Kräfte der Erde und der Sonne, sondern vom Gesamtkosmos bedingt ist. Dieses ganz Allgemeine bedeutet und behauptet in erster Linie die uralte Wissenschaft der Astrologie, gleiches jede religiöse Lehre, die Naturvorgänge und Menschenschicksal von Gott her in Zusammenhang bringt, gleiches der Griechenglaube an die Moira und der urgermanische an ein unentrinnbares Verhängnis. Auch die Freiheit des Menschen stellten jene Zeiten grundsätzlich richtiger in den Gesamtzusammenhang des Geistlebens ein, als seitens der exakten Wissenschaft bisher geschehen ist: sei es, daß wollender und handelnder Mensch und Weltenschicksal von Augenblick zu Augenblick als unauflösliche kosmische Situation zusammengeschaut wurden, wie in China, oder daß das Karma-Gesetz innere Entschlüsse und äußere Begebenheiten als überkausale funktionale Einheit vorstellte, wie in Indien, oder endlich daß die Freiheit des Einzelnen als winziges Rädchen im Riesenmechanismus der Weltuhr in Rechnung gestellt wurde, wie seitens der Astrologie.
Aber jene frühen Zeiten waren nicht allein in ihrer Grundzeption der Wahrheit näher, als die bisherige exakte Wissenschaft: sogar ihre konkreten Vorstellungen sind in hohem Grade als wirklichkeitsgemäß erwiesen, so unbegreiflich dies dem Verstande von seinen heutigen Voraussetzungen aus bleibt. Am eindeutigsten gilt dies von denen, welche dem alt-chinesischen Orakel-Buch I Ging (Buch der Wandlungen, deutsch von Richard Wilhelm, bei Eugen Diederichs, Jena) als Richtlinien zugrunde liegen. Gemäß diesem Buch befindet sich jeder Einzelne in jedem Augenblick in einer einzigartigen kosmischen Situation. Ruft er nun sein Unbewußtes auf bestimmte Weise an, dann zeigt dieses ihm an der Hand des I Ging, zu welcher nächsten kosmischen Situation sich die augenblickliche zu verwandeln Neigung hat, wobei allemal eine Spanne für freie Wahl bleibt. Letzteres ist nun tatsächlich wahr: wo immer ein entsprechend medial Begabter selbst, oder ein solcher für ihn, den I Ging vorschriftsmäßig befragt, gibt dieser die richtige Antwort. Mir ist von keinem einzigen Fall bekannt, wo der I Ging gelogen hätte. Gleichsinnig haben die statistischen Untersuchungen Karl Ernst Kraffts erwiesen, daß viel mehr Horoskope stimmen, als laut den Gesetzen der Wahrscheinlichkeits­rechnung auf Zufall beruhen kann. In den Genfer Kirchenbüchern stehen seit Jahrhunderten Geburts- und Todesstunde gewissenhaft eingetragen. Krafft hat nun Zehn-, wenn nicht Hunderttausende von in Genf Beerdigten auf ihr Horoskop hin untersucht und siehe da: es ergab sich dabei völlig eindeutig, daß die traditionellen Lehren der Astrologie in hohem Maße Tatsachengemäß sind1.
Hier handelt es sich um erwiesene Tatsachen. Doch was bedeuten sie? Daß das irdische und geistige Schicksal von physischen Himmelskörpern abhänge, ist ausgeschlossen. Unhaltbar ist auch die altchinesische Theorie, gemäß welcher es zwischen Natur und Geist, zwischen Schicksal und Freiheit keinen Wesensunterschied und keinen Konflikt gäbe. In seiner Gedenkrede auf Richard Wilhelm (abgedruckt im chinesisch-deutschen Almanach für das Jahr 1931, herausgegeben vom China-Institut, Frankfurt a. M.) hat C. G. Jung die fraglichen Tatsachen durch die Geltung eines synchronistischen Prinzips vorläufig zu erklären versucht. Er schreibt:
Meine Beschäftigung mit der Psychologie unbewußter Vorgänge hat mich schon vor vielen Jahren genötigt, mich nach einem anderen Erklärungsprinzip umzusehen, weil das Kausalprinzip mir ungenügend erschien, gewisse merkwürdige Erscheinungen der unbewußten Psychologie zu erklären. Ich fand nämlich zuerst, daß es psychische Parallelerscheinungen gibt, die sich kausal schlechterdings nicht aufeinander beziehen lassen, sondern in einem anderen Geschehens­zusammenhang stehen müssen. Dieser Zusammenhang erschien mir wesentlich in der Tatsache der relativen Gleichzeitigkeit gegeben, daher der Ausdruck synchronistisch. Es scheint nämlich, als ob die Zeit nichts weniger als ein Abstraktum, sondern vielmehr ein konkretes Continuum sei, welches Qualitäten oder Grundbedingungen enthält, die sich in relativer Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten in kausal nicht zu erklärendem Parallelismus manifestieren können, wie z. B. in Fällen von gleichzeitigem Erscheinen von identischen Gedanken, Symbolen oder psychischen Zuständen. Ein anderes Beispiel wäre die von Wilhelm hervorgehobene Gleichzeitigkeit chinesischer und europäischer Stilperioden, die kausal nicht aufeinander bezogen werden können. Ein Beispiel für Synchronismus größten Formates wäre die Astrologie, wenn sie über durchgängig gesicherte Resultate verfügte. Aber es gibt doch wenigstens einige hinlänglich gesicherte und durch umfangreiche Statistiken erhärtete Tatsachen, welche die astrologische Fragestellung der philosophischen Betrachtung würdig erscheinen lassen. (Der psychologischen Würdigung ist sie ohne weiteres sicher, denn die Astrologie stellt die Summe aller psychologischen Erkenntnisse des Altertums dar.) Die tatsächlich vorhandene Möglichkeit, aus der Nativität den Charakter hinlänglich zu rekonstruieren, beweist die relative Gültigkeit der Astrologie. Die Nativität beruht aber keineswegs auf der wirklichen astronomischen Gestirnstellung, sondern auf einem arbiträren, rein begrifflichen Zeitsystem, indem durch die Präzession der Äquinoktien der Frühlingspunkt sich längst aus 0° Aries astronomisch heraus verschoben hat. Insofern es also tatsächlich richtige astrologische Diagnosen gibt, so beruhen sie nicht auf Gestirnswirkungen, sondern auf unseren hypothetischen Zeitqualitäten, d. h. mit anderen Worten, was in diesem Zeitmoment geboren oder geschaffen wird, hat die Qualität dieses Zeitmoments.
Diese Gedanken Jungs, gleichviel, welchen Annäherungswert an die Wahrheit sie verkörpern, sind jedenfalls beachtenswerter, als es alle überschrittenen Denkstadien entsprechende Deutungen sind, sowie alle Kritiken einer exakten Wissenschaft, die nicht weiß, um welche Ebene des Geschehens es sich hier handelt.
Heute können wir überhaupt bestenfalls Annäherungswerte an die Wahrheit geben. Als solcher sei denn auch die Deutung mitgeteilt, die ich vor 15 Jahren (der betreffende Vortrag ist 1927 in Wiedergeburt neuveröffentlicht worden) den fraglichen Tatbeständen gab. Zuerst stellte ich da fest, daß die Reduktion der Seele auf ihre ursprünglichen Anlagen und Komplexe, vermittels der psychoanalytischen Methode, so oft der Versuch auf Grund genügend exakter Daten gemacht wurde, zu einem allgemeinen Aufriß führt, der das Geburtshoroskop getreulich wiederspiegelt. Und fuhr dann fort: Es führt erfahrungsgemäß zum Gleichen, ob man zum Grundverständnis einer Seele zum Sternenhimmel auf-, oder in die Urgründe jener selbst hinabschaut. Da nun die Gültigkeit der Ergebnisse analytischer Zurückführung komplexer Seelenzustände auf bestimmte Triebkombinationen als deren Urgrund gar nicht in Frage steht, so muß notwendig auch das Sternenschema wirkliche Verhältnisse ausdrücken. Und von hier aus darf denn eine erste Deutung des fraglichen Zusammenhangs versucht werden, die freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die Unerklärlichkeit des Tatbestandes selbst gibt überhaupt kein besonderes Rätsel auf: alle Qualität ist ein Irrationales, und nur Rationales kann Verstand begreifen; die Eigenschaften der chemischen Elemente sind ein genau so Unzurückführbares und folglich Unerklärliches, wie die Tugenden der astrologischen Planeten. Problem kann einzig sein, wie sich der unerklärliche astrologische Tatbestand, sofern er vorliegt, zum ebenso Unerklärlichen des sonstigen Soseins der Natur verhält. Zu diesem nun bietet den Schlüssel der Erfahrungssatz, daß Horoskope zutreffen, sofern sie von entsprechend Begabten gestellt werden. Er besagt, daß die Regeln der Astrologie sich nur in der Hand dessen bewähren, welcher sie anzuwenden weiß. Gleiches nun gilt, mutatis mutandis, von jedem Lebensvorgang überhaupt. Überall verläuft Sinnesverwirklichung — und Leben ist, abstrakt beurteilt, wesentlich dies — von innen nach außen zu. Überall muß diese sich, wo sie zur Schöpfung führt, an die Grammatik und Syntax des Weltalphabetes halten. So verlaufen wohl alle organischen Prozesse gemäß bestimmten Gesetzen, aber zu diesen Prozessen kommt es überhaupt nur da, wo Leben sie hervorruft und lenkt. So verkörpert sich dichterisches Schaffen wohl jedesmal in typischer Rhythmik, doch aus der bloßen Kenntnis von deren Gesetzen ging noch nie eine Dichtung hervor. Gleichsinnig verhelfen die bewährten Regeln der Psychoanalyse einzig dem, der sie freiwählend anzuwenden weiß. Also gibt der besondere Tatbestand der Astrologie überhaupt kein neues Rätsel auf. Wohl aber erlaubt er, das allgemeine Problem des Zusammenhangs von Notwendigkeit und Freiheit, des Menschenlebens Grundproblem, tiefer zu verstehen, als von irgendeinem anderen Ansatzpunkt aus, den ich wüßte, möglich erscheint. Wenn aus den Sterndaten, wie wir sahen, nichts zu entnehmen ist, was nicht in der Seele selbst enthalten wäre, der Ansatzpunkt der Astrologie aber ein außermenschlicher, ein kosmischer ist, dann muß die folgende Begriffsfassung des ganzen Zusammenhangs dessen Sinn grundsätzlich gerecht werden: Weltall und Mensch stellen in jedem Augenblick eine einheitliche kosmische Situation dar. Der freiwollende Mensch ist als solcher zugleich Ausdruck kosmischen Werdens; er ist in jedem Augenblick Erfüller und Urheber zugleich. Was die Frühzeit nach der Abhängigkeit von den Sternen zu mißdeutete, und die jüngst verflossene Epoche zum besten der menschlichen Willkür, stellt also in Wahrheit eine unauflösliche Synthese dar.

Zum Abschluß noch eine kurze Zusammenfassung des hier Dargelegten auf seinen allgemeinsten Sinn hin. Daß der Mensch als physisches Wesen integrierender Bestandteil des Gesamtkosmos ist, bezweifelt kein Ernstzunehmender. Aber der Kosmos als solcher hat offenbar auch psychische und geistige Aspekte. Diese sind durch Wissenschaft grundsätzlich nicht zu erforschen, denn Wissenschaft im heute allgemein gültigen Verstand kann es ausschließlich von der objektiv feststellbaren Außenansicht der Phänomene geben. Doch es ist eben ein Irrtum, daß nur Wissenschaft echte Erkenntnis vermitteln kann. Es gibt Intuition, Ahnung, medial bedingtes Wissen. Nur entsprechend begabte Menschen vermögen die psychisch- und geistig-kosmische Bedingtheit des Menschen zu erfahren. Doch was sie erfahren, ist grundsätzlich ein wirklicher Aspekt der Wirklichkeit. Es wird eine der Hauptaufgaben des 20. Jahrhunderts sein, für den Wahrheitsgehalt solcher nicht- oder überwissenschaftlicher Einsichten eine allgemein-übertragbare Ausdrucksform zu finden.

Seitdem ich das Vorhergehende schrieb, bin ich dank dem Verkehr und Briefwechsel mit mehreren für Sterndeutung Hochbegabten in einiger Hinsicht zu größerer Annäherung an die Wahrheit gelangt, als ich bisher erreicht hatte. Der geistig bedeutendste unter meinen neuen Bekannten ist der Amerikaner Dane Rudhyar (ein geborener Franzose, der sich diesen nom de mage erwählt hat). Zwei Drittel seines Werks The Astrology of Personality (New York 1937, Lucis Publ. Co.), das eine Zusammenschau der astrologischen Tradition mit der modernen Tiefenpsychologie und insofern eine Erkenntnistheorie der Sterndeutung unternimmt, gehören zum Anregendsten, was ich je über dieses Grenzgebiet möglicher Erkenntnis las. Der konstruktive Schlußteil fällt dem Früheren gegenüber leider sehr ab: Hier erweist sich wieder einmal, wie gefährlich es ist zu lehren, bevor man sicher weiß. Gehören die Amerikaner zu den wenigst weltoffenen modernen Menschen, so liegt das vor allen Dingen an dem, was ich in America set free ihren Educationalism hieß. Schon lernen im Unterschied von Selbst-Forschen und Selbst-Finden wirkt, sobald es über das Allerelementarste hinausgeht, verdummend, weil andauernde und innerlich bejahte mechanisch-passive (im Gegensatz zur lebendig empfangenden und darum schöpferischen) Hingabe unter allen Umständen die geistige Initiative schwächt. Wer nun gar lehrt, von wessen Wahrheit er nicht persönlich überzeugt ist, dessen Sinn für Wahrhaftigkeit muß abstumpfen. Dane Rudhyar hat nun jahrelang, wohl zum Broterwerb, okkulte Theorien gelehrt, dessen Wirklichkeitsgemäßheit ihn kein eigenes Erleben versichert hatte: darum entspringt sein eigenes konstruktives (im Unterschied vom kritischen) Schaffen nur zum Teile eigenem Wissen und es fehlt ihm der innere Prüfstein, um zwischen dem eigenen Echten und dem eigenen Unechten zu unterscheiden. Welcher Nachteil in seinem späteren Buche New Mansions for New Men leider noch deutlicher zutage tritt. So habe ich persönlich an Rudhyar trotz dessen ungewöhnlicher Begabung wenig hinzugelernt. Desto mehr jedoch durch das Studium der Bücher Gabriel Trarieux d’Egmonts, ohne Zweifel des erstaunlichsten Propheten dieser Zeit. Krafft schickte mir sein 1938 geschriebenes Buch Que Sera 1939? (Paris, Flammarion): Was darin stand, war so unglaublich klug und wahrscheinlich zugleich, daß ich mir gleich sein seither nachkontrollierbares, weil 1937 geschriebenes Buch Que Sera 1938? kommen ließ. Und siehe da: alle Voraussagen haben sich auf den Monat genau bewahrheitet! So ist es auch mit dem zur Zeit, da ich dieses schreibe, schon überblickbaren Teil von 1939 der Fall. Diese Bücher behandeln nun ausschließlich politische d. h. kollektive Ereignisse und die Horoskope von Einzelnen nur, insofern sie zum Kollektiven in Beziehung stehen. Da bin ich denn zu folgender Einsicht gelangt: Kollektive Schicksale lassen sich mit sehr viel größerer Sicherheit als individuelle vorausbestimmen, weil es sich hier um Untermenschliches, um die Region dessen handelt, was Dacqué Naturseele heißt. Hier spielt Das Freie nämlich kaum eine Rolle. Je größer die Freiheit, desto weniger erscheint vorausbestimmt, desto häufiger irrt sich darum der noch so begabte Sterndeuter. Denn Freiheit vermag durch persönliche Sinngebung jedem Tatbestand einen anderen Aspekt zu geben, als er für sich hätte. Aus dem gleichen Grunde aber können andererseits wiederum vom Geiste nicht besessene Individuen in ihrem Geburtsbilde nicht wiederzuerkennen sein. Dies liegt hier daran, daß sie ganz ohne Eigenlinie sind, daß ihr Schicksal folglich gewissermaßen beliebig sein kann, weswegen die Konstellation nichts Wesentliches aussagt. Der interessanteste typische Fall ist nun ein dritter: woselbst ein souverän freier Mensch zugleich das Schicksal ganz und gar erfüllt. Das ist der Fall Jesu, der da kam, nicht aufzuheben, sondern zu erfüllen. Hier bildet sich der Geist frei-willig allen kosmischen Möglichkeiten ein, um dadurch zu maximaler Auswirkung auf allen Ebenen zu gelangen.

1Seit Niederschrift des Obigen hat K. F. Krafft seine gesamten neuen Einsichten in einem Bande von 350 Seiten Großoktav Traite d’Astro-Biologie zusammengefaßt, den ich noch nicht kenne, aber trotzdem aufs wärmste empfehlen möchte, da ich seit bald zwanzig Jahren an Kraffts Werdegang teilnehme. Der Depositär dieses Buchs für alle Länder, außer Belgien und Schweiz, ist die Librairie Amédée Logrand, 93 Boulevard St. Germain, Paris 6.
Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
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