Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Begreifen und Innewerden

deus ex machina

Das Schlimme ist, daß alles Denken zum Denken
nichts hilft; man muß von Natur richtig sein, so daß
die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes
vor uns dastehen und uns zurufen: da sind wir!
Goethe

Um von den letzten Ergebnissen unserer Kritik aus weiter voranzuschreiten, müssen wir zunächst eine Berichtigung vornehmen, der durch sofortige Bedenken-freie Darstellung nicht vorgebeugt werden konnte, weil die gebotene Eindringlichkeit unserer Gedankengänge ohne Einseitigkeit der Linienführung nicht zu erreichen war. Es ist natürlich nicht richtig, daß alles Denken Inhalts-leer an sich wäre, daß logische Zulänglichkeit und Schlüssigkeit garnichts über das jenseits-Logische beweisen können, und alle ratiocinatio ein Mechanisches wäre. Das liegt aber nicht daran, daß unsere Bestimmungen der Eigenart des Denkprozesses falsch wären, sondern daß sich im Denken und durch das Denken hindurch einer anderen und höheren Schicht Angehörendes ausdrücken kann. Die verschiedenen psychischen Funktionen greifen noch weit mehr ineinander ein, als es die physischen tun, und so liegen immer nur Grenzfälle so rein, wie solches aller Analyse Ideal ist.

Um den Sachverhalt vollständig zu verstehen, greifen wir zunächst wieder auf das anschauliche Beispiel der sichtbaren Maschine zurück. Ist diese einmal in bestimmter Montierung aufgezogen, dann folgt ein Prozeß automatisch aus dem anderen. Aber die Voraussetzungen, aus denen der Ablauf folgt, folgen ihrerseits aus keinem Mechanismus, sondern es erschuf sie erfinderischer Geist. Und ebenso muß der freie Mensch alle Umschaltungen vornehmen und damit neue Voraussetzungen schaffen, sobald es neue aus den vorhergehenden nicht folgende Situationen zu meistern gilt. Nun lehrte uns das erste Kapitel, daß alle noch so verschiedenen Gesichtspunkte, die innerhalb eines gleichen Grundzusammenhanges belegen sind, perspektivisch zusammenhängen: darum allein ist Umschaltung der gleichen Maschine möglich, was für das reine Denken genau so gilt wie für das Automobil. Doch vom ablaufenden Mechanismus her gesehen, liegt zwischen je zwei Voraussetzungen ein mechanisch unüberbrückbares Unstetigkeitsmoment. Dieses zu überbrücken gelingt nur dem als deus ex machina eingreifenden lebendigen Menschen. Nun, genau im gleichen Sinne ist es nicht das Denken, das von einer Voraussetzung zu einer neuen gelangt; das reine Denken verläuft genau so mechanisch wie eine Maschine abläuft. Neue Voraussetzungen hingegen fallen einem ein oder aber nicht. Einfälle folgen nie mechanisch aus einander, auch dort nicht, wo sie einem logischen Zusammenlange angehören, sondern sie entstehen und gestalten sich wie Organismen; im Dunkeln des Unbewußten ausgetragen, werden sie geboren, und einmal geboren, wachsen sie, bis daß sie alle ihre Möglichkeiten entfaltet haben. Das Geborenwerden der Einfälle hat mit keinerlei Mechanischem Ähnlichkeit. Beim Wachstum spielt auch Mechanisches mit, genau wie heim Körperlichen; dies sind in diesem Fall die reinen Denkprozesse. Nie jedoch bedeutet das Mechanische das Eigentliche. So ist das Eigentliche bei der Vervollkommnung einer Erfindung, etwa des Flugzeugs, eben das Weitererfinden, welches nicht jedermanns Sache ist. Wäre es anders, so genügten Monteure und Chauffeure für alles Technische.

Nun können wir eine der erforderlichen Berichtigungen an dem Ergebnis des letzten Kapitels ohne weiteres vornehmen1. Der reine Denker wäre der Mann ohne jeden Einfall. Aber nur Robots und Rechenmaschinen ermangeln wirklich aller Einfälle; einen lebendigen Menschen ganz ohne solche gibt es nicht, und so auch nicht den aseptisch reinen Denker. Wohl aber gibt es sehr nahe Annäherungen an diesen Typus. Und gleiches gilt vom Denken als Denken, das auch selten so rein automatisch erfolgt, als seinem Eigenwesen entspricht. Warum mußte ich aber anfänglich übertreiben und verzeichnen? Weil allgemein noch dem Denken zugeschrieben wird, was — um es zunächst einmal so zu sagen — mehr-als-Denken ist, aus welch falscher Bezeichnung sich, seitdem es Denker gibt, Irrtum auf Irrtum, ja Irrsinn auf Irrsinn ergeben hat. Nie wäre ohne besagten Grundirrtum Spinoza darauf verfallen, Gott more geometrico zu konstruieren, noch Hegel darauf, den Weltprozeß a priori zu entwickeln, noch Husserl darauf, durch Meditation von Begriffen und deren logischen Zusammenhang zur Wesensschau zu gelangen. Hier liegt gerade des späten Husserl Fall besonders ernst. Wenn dieser (auf einigen Vorgängern, zumal Brentano fußend) von der Intentionalität des Gedankens her eine neue wissenschaftliche Logik aufzubauen sucht, so ist das Scholastik im selben üblen Sinne wie jene, die ihrerzeit die besondere Heilkraft von Arzneien durch deren vis medicatrix erklärte. Richtiges Verständnis der Bedeutung und Reichweite des Denkens ist ausgeschlossen, bevor klar erkannt wird, daß kein Denken zu Einfällen führt, sondern daß dieses nur gegebene Einfälle entwickeln kann, und daß Einfälle aus anderer Region stammen und anders zusammenhängen, als Gedankenketten.

Aber wie nun kommen beide zueinander? Wieder einmal erweist sich der Sprachgeist weiser als alle Philosophie: der Einfall fällt buchstäblich ein, nämlich in ein vorherbestehendes Gefüge. Der Denkmechanismus präexistiert, mehr oder weniger ausgebildet und vollkommen, in jedem Menschen. Ja er erscheint bei niederen Typen oft besonders vollkommen. So scheinen Neger für juristische Argumentation besonders begabt, erweisen sich Irre in der Ausführung und Begründung ihrer Wahnideen oft viel geschickter als Gesunde; so seht die Advokaten­begabung der (als so unlogisch verschrieenen!) Frau, auch, ja gerade bei geringem Verstehensvermögen in Staunen allemal, wo es emotionale Interessen zu verteidigen gilt. Aber die einen haben Eingebungen aus einem Jenseits besagten Mechanismus’, die dann als neue Voraussetzungen wirken, die dem Denk-Automatismus eine neue Richtung und ein neues Ziel geben, und den anderen werden solche nicht zuteil. Hier unterscheide man wohl zwischen dem Einfall neuer Voraussetzungen und dem Ergebnis vorhandener. Wie jede Maschine beweist, folgen alle Ergebnisse, die in gegebenen Voraussetzungen logisch enthalten sind, mechanisch aus diesen; es bedarf nur ganz geringer Anspannung der schöpferischen Lebenskräfte, um beim maschinellen Prozeß des Denkens die erforderliche Energie zu liefern, und elementare Umschaltungen vorzunehmen. Dann werden sämtliche möglichen Folgerungen aus einmal erfundenen Voraussetzungen allemal sehr schnell gezogen (Flugzeug, Tank), und die meisten nicht unterbegabten Menschen sind dieser Arbeit fähig. Nichts hingegen ist seltener als ein echter Bahnbrecher. Ein solcher muß sich eben durch höchste vitale Anstrengung über das normale Gefälle seines Denkprozesses erheben und dann Einfälle haben, die aus keinem Gegebenen folgen. Nun kann dem Menschen alles nur Mögliche einfallen, darunter das Irrsinnigste: die Geburt aus dem Schoße des Unbewußten mag auf die unwahrscheinlichsten Elemente als väterliche Erzeuger zurückgehen; so zeugt manchmal Magendruck im Traum phantastische Romane. Doch das für das Problem der Erkenntnis entscheidend Wichtige ist, daß das, was Denken fruchtbar macht, allemal aus einem jenseits möglichen Denkens stammt, sei dies nach innen oder nach außen zu.

Hier haben wir Wichtigstes berührt: auch äußere Gegebenheiten gehören nämlich, vom Denken her erkenntniskritisch beurteilt, zum Reich des Einfallenden. Nicht anders wie schöpferische Ideen dem an sich mechanischen Denkprozeß die Richtung weisen, tun es auch äußere Erfahrungen. Mit Recht hat Simmel schon um die Jahrhundertwende gesagt, daß die äußere und die innergeistige Gegebenheit vom erkennenden Ich den genau gleichen Abstand haben. Tatsächlich haben denn auch äußere Erfahrungen oder die Rückwirkung äußerlich bedingter Erlebnisse die allermeisten fruchtbaren Denkabläufe ins Rollen gebracht — nicht innere Eingebungen. Menschen, die wir schöpferisch heißen, waren zu allen Zeiten selten, häufig hingegen zu aller Zeit exakte Beobachter nicht allein dessen, was außer ihnen geschieht, sondern auch dessen, was äußere Erlebnisse und Schicksale in ihnen auslösen. Insofern bedeuten denn Eindrücke und Einfälle, immer vom Denken her beurteilt und auf dieses hin, Gleiches. Eindrücke und Einfälle sind nun andererseits allemal Concreta. Es sind bestimmte und qualifizierte Erscheinungen und als solche in ihrem Sosein unzurückführbare Wirklichkeiten. An dieses Konkrete kommt Denken seinem Wesen nach überhaupt nicht heran. Seiner Sonderart nach kann es nur mit Abstraktionen operieren, die als solche natürlich auch Erscheinungen und insofern wirklich sind, doch Wirklichkeiten, die nur vom denkenden Menschen her und inbezug auf ihn bestehen. Man erinnere sich des über die Naturgesetze Ausgeführten. Somit steht das Maschinelle gleichsam zwischen zwei nicht-maschinellen Welten, deren Wesen es zu fassen außerstande ist, die es jedoch beide den Vitalbedürfnissen des Menschentiers zugänglich machen kann. Die Erklärung dieser Möglichkeit, soweit von Erklärung die Rede sein kann, haben schon die Meditationen und Das Buch vom persönlichen Leben gegeben, so daß es hier keiner neuen Ausführung bedarf. Der Mensch ist wesentlich vielschichtig, lebt gleichzeitig auf vielen Schichten und aus vielen heraus; auf jede kann er den Hauptnachdruck legen, damit alle übrigen von ihr her vital ergreifend. Eine dieser Schichten ist die des Denkens, und ihre Betontheit ist das spezifische Differenzialkennzeichen des Menschen-Tiers. Doch die Möglichkeiten eines Lebens aus dieser einen Schicht heraus sind eng begrenzt. Wer als Denkender weder von Einfällen von innen her noch von solchen von außen her, d. h. äußeren Erfahrungen gespeist wird, wirkt als tote Maschine.

1Es handelt sich um das in das Buch vom Ursprung aufgenommene Kapitel Vom Ideal der Künstlichkeit. (Siehe Vorbemerkung.)
Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
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